Gedanken zu Digital-Analogen Kultur- und Bildungsinstitutionen

Liebe Leser,

wann habt Ihr Euch das letzte mal bewusst einen Kultur- oder Bildungsort angesehen? In unseren Städten können wir diesbezüglich überall regelrechte Tempel entdecken. Ein schönes Beispiel sind die verschiedenen Bibliotheksneubauten. Große Hallen – ein „zuhause für die Welt der Medien“. Modernes Design. Und manchmal sind es große ehrwürdige alte Bibliotheken, die uns einladen, in die Welt der Bücher einzutauchen. Ich liebe solche Orte! Auch wenn vor allem Bibliotheksneubauten nur selten heutigen Nutzungsansprüchen genügen, weil sie z.B. als große Hallen Orte der Ruhe sein müssen, was sie in vielen Aufgabenbereichen beschneidet, sind es immer noch beeindruckende Bauten. Und auch die Museen sind in vielen Fällen beeindruckend. Man weiß manchmal nicht, ob man das Museum wegen der ausgestellten Werke oder dem Gebäude an sich besuchen soll.

Vielleicht brauchen wir einmal im Jahr einen „Tag des Kultur- und Bildungsortes“. Und an diesem Tag besuchen wir die Museen, Opernhäuser, Theater und Bibliotheken nur um der Gebäude wegen. Ein solcher Ort ist immer ein Statement. Es sagt:“Seht her, das haben wir gebaut, um uns Bildung und Kultur zu widmen.“ Die Mitarbeiter solcher Institutionen sind immer besonders stolz auf „Ihren“ Ort. Und auf Fach-Konferenzen ist die Besichtigung der Bibliothek, des Museums etc. vor Ort immer Standardprogramm. Diese Gebäude sind ein Zeichen der Wertschätzung und unserer kulturellen Identität. Niemand würde auf die Idee kommen, Kunst und Kultur und Bildung in irgendwelche heruntergekommenen Barracken zu verfrachten. Wir wollen diese besondere Bedeutung der Orte und wir brauchen sie für unsere Identität. Selbst der kulturbabylonische Bau der Elbphilharmonie in Hamburg ist für uns nicht mehr als ein kleiner und letztlich nicht weiter problematischer Zustand.

Und so großartig wir die Bedeutung von Kunst, Kultur und Bildung in der analogen Welt auch hervorheben, so beeindruckend all diese Orte auch sind – in der digitalen Welt bewegen sich meiner Meinung nach Kunst, Kultur und Bildung auf dem Niveau eines Gartenhauses. Die digitalen Kulturorte, die Webseiten, Facebookseiten, Games, Smartplace, Apps etc. sind nur in Ausnahmefällen vergleichbar mit der Größe und Schönheit der analogen Kultur- und Bildungsorte. Gewiss, es tut sich was. Ja, wir freuen uns über jede Institution, die sich auf den Weg macht, die digitale Welt zu gestalten. Aber es bleibt sehr oft auf der Ebene des Freuens, dass da überhaupt etwas passiert.

In der analogen Welt gibt es Proteste, wenn Kultur- und Bildungsorte verfallen, zu klein und zu unmodern sind. Wir protestieren, wenn historische Bestände falsch gelagert werden, und sie damit Gefahr laufen, verloren zu gehen. Aber in der digitalen Welt geben wir uns mit Zweckbauten und Provisorien ab. Da heißt es dann schnell, man wäre ja nun zumindest mit dabei. Und man wisse ja nicht, ob das nicht alles nur ein Hype ist. Und man müsse ja nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten werde. Da wird mal eben „was mit Gaming“ gemacht, weil man die jungen Leute erreichen will. Super, Thema Gaming haben wir jetzt auch – jetzt sind wir wieder modern und aktuell.

Während man sich bei Neu- und Umbauten in der analogen Welt große Mühe macht, etwas besonderes zu schaffen, gibt es im digitalen Raum nur äußerst selten strategische und umfassende Ansätze. Die Arbeit im digitalen Raum ist etwas für Praktikanten und Nerds – Hauptsache sie sind jung und haben einen Facebookaccount und/oder sie zocken gerne, das reicht als Qualifikation. Gewiss, man findet dann das eine oder andere Talent. Aber diese Talente können dann nur selten frei agieren, von einer professionellen Weiterbildung ganz zu schweigen.

In vielen Städten und Gemeinden sollen Museen und Bibliotheken und Theater für Vielfalt sorgen. Niemand möchte die Innenstädte den immer gleichen Einzelhandelsketten überlassen. Das bedeutet nichts anderes, als die Idee, dass solche einzigartigen Orte unsere Städte und Gemeinden und damit unsere Gesellschaft aktiv gestalten. Sie tun dies als herausragender Ort, mit einzigartigen Inhalten und damit verbundenen weiteren Angeboten. Im digitalen Raum ist dies nicht der Fall. Dort lassen wir zu, dass Unternehmen den Raum gestalten, den sie uns zur Verfügung stellen. Von ein paar tollen Ausnahmen abgesehen, wird zwar gerne über die digitale Welt diskutiert. Und besonders gerne beschäftigt man sich dabei mit dem durchaus vorhandenen Gefahrenpotential. Aber letztlich handelt sich dabei um ein Verhalten, das weniger dem eines verantwortungsvollen Kulturpolitikers und mehr dem eines Fußballfans ähnlich zu sein scheint. Wir alle sind doch Fußballtrainer und wir wissen natürlich besser als der Bundestrainer, wie man Weltmeister wird. Und auch wenn wir uns kontinuierlich irren – beim nächsten Spiel sind wir wieder Trainer.

Aber wir tun dies von außen – bei Bier und Chips. Ich denke, wir brauchen keine Institutionen, keine Kulturpolitiker, die über die digitale Welt philosophieren. Wir brauchen einen Kultur- und Bildungssektor, der genauso professionell die digitale Welt gestaltet, wie es auch in der analogen Welt passiert. Denn eines ist mir klar geworden: wenn die digitalen Horrorszenarien eintreffen sollten, vor denen immer so gewarnt wird, wenn radikale Ökonomisierung, der Wegfall der Privatsphäre und des Datenschutzes Realität werden sollten, dann geschieht dies nicht aufgrund mangelnder Gesetze, sondern deshalb, weil niemand von denen, die es könnten, versucht hat, den digitalen Raum aktiv zu gestalten. Die digitale Welt sollte als Querschnittsfunktion von Kultur und Bildung verstanden werden. Erst dann kann Ihr Gestaltungsprozess beginnen. Und wenn wir feststellen, dass wir in der analogen Welt besser aufgestellt sind als in der digitalen, dann ist es Zeit, das Ruder rumzureißen, und Segel zu setzen – auch wenn man dann dann in unbekannte Gewässer segeln muss, in denen es die eine oder andere Untiefe gibt. Aus diesem Grund sollten wir vielleicht überlegen, ob wir z.B. Kulturförderung in der Zukunft davon abhängig machen sollten, ob eine analog-digitale Gesamtstrategie vorhanden ist. Ich freue mich auf die Diskussion….

Beste Grüße

Christoph Deeg

Gaming/Gamification in Kultureller Bildung und Kulturvermittlung – Konferenzgedanken

Liebe Leser,

die letzte Woche war etwas ganz besonderes für mich. Die Bundesakademie für kulturelle Bildung veranstaltete eine Konferenz zu Gaming und Gamification in Kulturvermittlung und kultureller Bildung. Ich durfte bei der Entwicklung und der Umsetzung dieser Konferenz mitwirken und es war für alle Teilnehmer eine ganz besondere Veranstaltung. Als ich vor nunmehr zwei Jahren mit der Bundesakademie über Kulturvermittlung und Kulturelle Bildung durch und mit digitalen Angeboten diskutierte, entwickelten wir sehr früh erste Ideen für mögliche Aktivitäten. Schnell wurde klar, dass Gaming/Gamification sowie Digitale Strategien zu Kernthemen werden würden. Dass wir viele gute Ideen haben würden, hatte ich erwartet – dass wir das alles auch umsetzen würden konnte ich mir aber nicht vorstellen. Ich war skeptisch. Aber nicht, weil ich es dem einzigartigen Team der Bundesakademie und mir nicht zugetraut hätte, so einen Event zu veranstalten, sondern weil ich mich fragte, ob es wirklich Interesse an dieser Veranstaltung gibt? Und dies betraf sowohl die die Akademie als auch mögliche Sponsoren, Speaker und natürlich die Teilnehmer.

Wenn man sich mit dem Thema Gaming befasst, ist man entgegen der landläufigen Meinung nicht Teil eines Zukunftsthemas. Unternehmen und Institutionen, die sich intensiver mit Gaming befassen (möchten), werden durch Gaming und Gamification nicht zukunftsfähig sondern realitätsfähig. Und natürlich gibt es schon einige Veranstaltungen, die sich u.a. mit dem Verhältnis von Kultur und Spielen bzw. Kultur und Gaming befassen bzw. befasst haben. Gleichzeitig ist aber bis jetzt noch immer wenig passiert. In den meisten Fällen geht es um die Frage, wie man spezielle Spiele entwickelt und als neues Vermittlungs-Medium einsetzen kann. Was aber wäre, wenn Computerspiele bzw. Gaming/Gamification zu einer Querschnittsfunktion der Kulturellen Bildung und der Kulturvermittlung werden würden? Und was ist das wirklich besondere am Thema Gaming? Ist der spielerische Umgang mit Kunst und Kultur nicht schon seit vielen Jahrzehnten ja sogar Jahrhunderten vorhanden? Und was bedeutet Gaming und Gamification als Querschnittsfunktion für Institutionen und Organisationen?

Wir wollten diese Tagung zu etwas besonderem machen – und das haben wir geschafft. Die Teilnehmer und die Speaker aus Asien, Europa und den USA lebten miteinander, d.h. Sie übernachteten im selben Gebäude, sie sprachen miteinander und sie spielten miteinander. Es war mehr ein Labor, ein Marktplatz für Ideen und Visionen. Ein weiterer wesentlicher Punkt war, dass sich die Bundesakademie für kulturelle Bildung, also eine der „ehrwürdigen“ Institutionen auf das Thema einließ. Es war also nicht eine Institution, die quasi aus der „digitalen Ecke“ kommt – auch wenn die Bundesakademie eine sehr innovative digitale Vergangenheit hat. Ein weiteres Erfolgskriterium war die Tatsache, dass es während der ganzen Tagung nicht um Prävention und pädagogische Fachdiskussionen, sondern um die konkrete Umsetzung ging.

In den nächsten Tagen und Wochen werde ich immer wieder über die Ergebnisse der Konferenz schreiben. Alle Vorträge wurden auf Video aufgenommen. Wir schneiden gerade das Videomaterial und werden es ebenfalls online präsentieren. Die einzelnen Speaker hatten tolle Präsentationen und Videos mitgebracht und wir möchten diese in die jeweiligen Mitschnitte einbauen. Es wird noch ein bisschen dauern, bis wir alles fertig haben, aber das gesamte Material wird online verfügbar sein. Zudem sind wir bereits intensiv an den Planungen für die weiteren Schritte. Und wenn wir wieder alles umsetzen, was so angedacht worden ist, wird das eine sehr spannende Zeit werden.

Unabhängig davon möchte ich aber gerne meine ersten Erkenntnisse aus der Tagung niederschreiben. Es geht zum Einen um meine Eindrücke und zum Anderen um das Feedback der Teilnehmer.

1. Es geht nicht um Games

Es geht nicht alleine um Computerspiele, die für die Vermittlung von Inhalten genutzt werden, sondern vielmehr um den Umgang mit Spiel, Spielen, Partizipation und modernen Kommunikations- und Medientechnologien. Kulturinstitutionen müssen zuerst verstehen, was Gaming überhaupt bedeutet. Dies betrifft nicht nur die verschiedenen Games sondern auch die dahinter stehenden Muster und Mechaniken. Noch wichtiger ist aber die Frage, ob die Kulturinstitutionen mit dieser neuen Kulturform kompatibel sind. Oder anders ausgedrückt: was macht das Museum, das Theater, die Oper etc. , wenn die Gamer wirklich kommen?

2. Games und Gaming machen die Kulturinstitution nicht cooler sondern besser

Gaming/Gamification/Games sollten keine Marketingfunktionen sein. Es geht nicht darum, das vorhandene Angebot aufzuhübschen, sondern es geht darum, die Art der Kulturvermittlung zu verbessern bzw. weiter zu entwickeln. Gaming ist also kein Addon und auch kein PR-Tool, sondern es sollte als Querschnittsfunktion aller Aktivitäten einer Institution (und ebenso eines Unternehmens) verstanden werden. Das bedeutet nicht, dass man alle anderen Konzepte und Herangehensweisen über den Haufen wirft, sondern nur, dass man Gaming nicht als Projektthema versteht, welches keinen Einfluss auf die anderen Arbeitsbereiche hat.

3. Gaming funktioniert nicht immer – aber immer öfter

Gaming ist keine Wunderdroge. Es gibt Menschen, Inhalte und Situationen, bei denen Gaming nicht funktioniert. Und trotzdem ist es eine Optionswelt für kulturelle Bildung und Kulturvermittlung. Es geht nicht darum, eine Playstation in der Kulturinstitution aufzustellen. Klar ist aber auch, dass immer mehr Menschen durch Gaming sozialisiert wurden.

4. Gaming ist kein alleiniges Jugend- oder Kinderthema

Auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gibt mehr weibliche erwachsene Gamer als männliche Gamer im Teenageralter. Viele 40-jährige wie ich haben eine Gaming-Vergangenheit und in meinem Fall waren Games der erste Grund, sich mit Technologien wie dem Computer zu befassen. Und Spielen ist wahrscheinlich die erste menschliche Kulturtechnik.

5. Games sind das Leitmedium des 21. Jahrhunderts

Dies ist der Moment in dem ich immer wieder darauf hinweisen muss, dass ich Bücher mag und viele Bücher lese:-) Aber Scherz beiseite, Games haben die Option, das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zu sein. Sie können die Bücher in diesem Punkt ablösen und wenn sie dies schaffen, dann werden sie völlig neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung ermöglichen. Natürlich ist bis dahin ein weiter Weg zu gehen. Die bis jetzt in vielen Bereichen vorhandene Fokussierung auf Technik/Grafik im Gegensatz zu Inhalten ist ein gutes Beispiel. Jedoch erleben wir auch hier einen tiefgreifenden Wandel. Denn nicht Technik sondern Content wird King. Und sollten Kulturinstitutionen hier nicht mitmachen wollen, werden es die Unternehmen tun. Anders ausgedrückt: es geht nicht um Institutionen sondern um Inhalte.

6. Games sind keine Alternative zu Social Media und Co.

In der Frage nach Aktivitäten und einer Positionierung kommen manche Institutionen auf die Idee, Gaming als Alternative zu Social Media zu sehen. Gaming klingt so cool und modern und Social Media ist ja fast schon „Old School“. Sorry Folks, aber das funktioniert nicht. Oder wie es einer meiner drei Mentoren immer sagt:“Es gibt im Leben keine Abkürzungen“. Gaming ist kein „Modernitäts-Turbo“. Die Funktionen, die Aufgabenstellungen und Herausforderungen, die sich aus dem Thema Gaming ergeben, sind die gleichen, die wir auch beim Thema Social Media und anderen Aufgaben beobachten können. Gaming macht die Welt nicht leichter – es macht sie besser. Es geht also nie um „entweder Gaming oder Social Media“ sondern um Gaming als Querschnittsfunktion des Managements und zugleich als Kernelement einer digitalen Strategie.

7. Gaming erfordert vor allem einen Blick über den Tellerrand

Wer sich das Programm der Tagung angesehen hat, wird sich mit Sicherheit gefragt haben, warum kaum eine der in Deutschland bekannten Personen als Experte eingeladen wurde. Die Antwort ist einfach: wir wollten nicht immer die gleichen Speaker zu Wort kommen lassen. Und wir wollten einen breiten Blick auf das Thema ermöglichen. Es gibt in Deutschland eine Vielzahl an spannenden Projekten, Institutionen, Tagungen und Personen zum Thema Gaming. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht immer im eigenen Saft schwimmen. Auch wenn es diese vielen Speaker und Projekte etc. gibt, bis jetzt ist im Kultur- und Bildungsbereich im Bereich Gaming bzw. in der Meta-Aufgabe „Digitale Welt“ erschreckend wenig passiert. Es gibt sehr viele Gründe für sie Situation. Meiner Meinung nach ist ein Grund der, dass es zu wenig interdisziplinäre Vernetzung gibt. Wenn wir aber neue Themen entwickeln wollen, müssen wir versuchen, aus sehr vielen verschiedenen Blickwinkeln die aktuelle Situation zu betrachten. Wir brauchen keine Veranstaltungen zu „Museen und Gaming“, „Bibliotheken und Gaming“ etc. Wir brauchen einen interdisziplinären und offenen Austausch, der vor allem konkrete Fragen und Probleme löst. Deshalb heißt das von mir gegründete Netzwerk auch „games4culture“ – schaut mal bei Facebook in die gleichnamige Gruppe. Der Blog ist in ein paar Tagen ebenfalls online:-)

8. Redet nicht – Probiert aus!

Ich weiß, dass wir gerade in Deutschland sehr gerne diskutieren und nachdenken. Und manchmal kommt dabei das handeln zu kurz. Ich kann dies alles sehr gut nachvollziehen. Wenn man nochmal über alles nachgedacht hat, kann man Chancen und Risiken besser verstehen und damit besser arbeiten. Aber jede Fachdiskussion ist sinnlos, wenn nicht parallel dazu ausprobiert wird. Worüber will man diskutieren, wenn man nicht eigene Erfahrungen sammelt? Auf der Konferenz – und dies findet auf nahezu allen mir bekannten Gaming-Tagungen statt – haben wir die bis in die Nacht gezockt und damit gelernt. Und mit Sicherheit wird das eine oder andere Gaming-Projekt scheitern, und das ist gut so. Wir brauchen sowohl in den Institutionen als auch und vor allem in Unternehmen eine Kultur des Scheiterns. Erst wenn wir Scheitern können wir aus Fehlern lernen.

9. Segelt mit denen, die segeln wollen

In den letzten Jahren haben wir alle sehr viel Energie in Überzeugungsarbeit in Sachen Digitale Welt inkl. Social Media, Gaming etc. geleistet. Die meisten Ressourcen werden für die Menschen aufgewendet, die das alles eigentlich nicht wollen. Hören wir auf damit! Arbeiten wir mit den Menschen, Institutionen, Projekten und Unternehmen die sich auf den Weg machen wollen. Sie brauchen unsere Hilfe. Wer immer noch glaubt, Gaming sei der Dämon der auf die Erde gekommen ist, um die menschliche Zivilisation zu versklaven, dem können wir nicht helfen. Nein, das ist keine Trotzreaktion – im Gegenteil. Auf dieser Konferenz gab es keine einzige Grundsatzdiskussion. Alle Teilnehmer hatten großes Interesse an dem Thema und sie wollten wissen, was man mit Gaming/Gamification machen kann. Es sind genügend Menschen vorhanden, die Interesse an diesem Thema haben. Und diese Menschen sind dabei nicht unkritisch, aber ihre Bereitschaft, zu starten, neue Wege zu gehen etc. ist vorhanden. Und wenn nur 5% der deutschen Kulturinstitutionen bereit sind, sich weiter zu entwickeln, dann sollten wir uns um diese 5% kümmern und ihnen helfen.

10. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel:-)

Das ist der letzte und für mich wichtigste Punkt. Es geht weiter! Und es freut mich vor allem, dass die Bundesakademie Vorreiter werden möchte. Es hat einen unglaublichen Spass gemacht, mit dem Team der Akademie zu arbeiten. Und schon jetzt sitzen wir an Workshops und neuen Ideen. Aber: das ist noch längst nicht alles. Es gibt bereits viele tolle Veranstaltungen und Projekte. Im Dezember findet die „Next Level Conference“ statt. Und wenn alles gut geht startet 2015 das „games4culture-Barcamp“. Es wird bald die Fortsetzung meines Buches „Gaming und Bibliotheken“ geben. Der Verlag DeGruyter und ich haben schon eine Idee. Ich will nicht zu viel verraten aber es geht dann um die Schwester der Bibliotheken:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

Kulturinfarkt – wer schützt uns eigentlich vor dem Kulturrat?

Liebe Leser,

ich sitze gerade auf dem Balkon meiner Wohnung und denke an die letzten Woche zurück. Eine Woche Bibliothekartag in Hamburg mit tollen Gästen, Themen, Besuchern, der Zukunftswerkstatt, vielen Gesprächen, Vertragsunterzeichnungen etc. Es war eine tolle Woche und ich hoffe ich kann alle in Hamburg entstandenen Ideen und Projekte umsetzen. In diesem Beitrag möchte ich aber nicht auf die Zeit in Hamburg eingehen, sondern mich mit einem ganz anderen Thema befassen: dem Deutschen Kulturrat.

Wie die meisten von euch sicherlich wissen sorgt das Buch „Der Kulturinfarkt“ gerade für lebhafte Diskussionen. Die vier Autoren Armin Klein, Pius Knüsel, Dieter Haselbach und Stephan Opitz beschäftigen sich darin mit der aktuellen Situation der deutschen Kulturlandschaft. Vor allem die abschließende Forderung, die Hälfte der Kulturinstitutionen zu schließen, um die dadurch frei werdenden Mittel neuen innovativen Kulturformen und -institutionen zur Verfügung stellen hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Landauf landab wird der Untergang des Abendlandes prophezeit, sollten die Forderungen umgesetzt werden. Auch der Deutsche Kulturrat – eine Institution, die eigentlich wichtig für die Kultur in Deutschland ist, und die sich u.a. für die Anerkennung der Computergames eingesetzt hat – reagiert mit wütenden Angriffen auf das Buch.

Ich möchte jetzt nicht nochmal meine Meinung zu dem Buch niederschreiben. In meinem Blogbeitrag zum Buch habe ich meine Meinung bereits gesagt und zudem ein Gegenkonzept angedacht. In diesem Beitrag soll es um folgendes gehen: der Deutsche Kulturrat hat das Wort „Kulturinfarkt“ zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Ich weiß nicht, warum dieser Vorschlag nicht ebenfalls für einen Sturm der Entrüstung in der Kulturlandschaft sorgt.

Man kann das Buch „Der Kulturinfarkt“ ablehnen. Man kann wütend sein – ich war es an einigen Stellen auch. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, einen solchen Vorschlag zu machen. Was soll damit erreicht werden? Soll gezeigt werden, dass das Imperium zurückschlagen kann? Soll ein Exempel statuiert werden? Ich habe mir sehr viele Beiträge und Kommentare zum Buch durchgelesen. In den meisten Fällen ging es entweder um pauschale Rechtfertigungen für den Status Quo oder aber um Anfeindungen gegen das Buch und seine Autoren. Nur selten gab es eine inhaltlich wertvolle Diskussion. Nur selten wurden Ideen und Konzepte entwickelt. Zumeist wurde so getan, als wäre doch alles in Ordnung – aber wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es dann öffentlich geförderte Projekte, um Kulturinstitutionen weiter zu entwickeln? Warum gibt es Konferenzen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man die Kulturinstitution 2.0 entwickeln kann? Warum gibt es immer wieder Kulturmanager, die entnervt das Handtuch werfen weil sie mit den Strukturen sowie Denk- und Arbeitsweisen ihrer Institution nicht mehr klar kommen? Ich könnte noch viele weitere Fragen in die gleiche Richtung stellen und wie gesagt: ich bin nicht der Meinung der Autoren. Aber der Kulturinfarkt darf kein Unwort sein.

In vielen Kommentaren zur Kultur wird darauf verwiesen, dass Kultur unsere Gesellschaft hinterfrage und diskutiere – aber darf denn nicht auch Gesellschaft die Kultur hinterfragen und diskutieren? Bedeutet Gesellschaft 2.0 nicht auch, dass wir uns Gedanken machen müssen, ob wir mit unseren Institutionen und Förderprogrammen wirklich auf dem richtigen Weg sind? Haben wir nicht die gesellschaftliche Verpflichtung, den Kulturbereich stetig weiter zu entwickeln? Hat Kultur nicht immer etwas mit Experiment und Innovation zu tun?

Wenn das Wort Kulturinfarkt zu einem Unwort wird, ist dies ein deutliches Zeichen gegen Innovation und gegen Entwicklung. Ja man kann wütend sein auf die Autoren aber sie sind keine externen Beobachter, sie sind Teil des Systems und sie haben etwas zu sagen. Man mag nun anmerken, dass die Art und Weise, wie hier Gedanken geäußert wurden problematisch ist. In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass man doch bitte alles gesittet und in einem gewissen sprachlichen Rahmen besprechen soll. Nur wann war Kunst und Kultur jemals gesittet oder im Rahmen? Wenn wir eine Kultur wollen, die angepasst in einem festen und akzeptierten Rahmen existiert, wird ihr jede Kraft und jeder Einfluss genommen. Dann ist es nur noch ein kleiner Event und dann sollten Computerspiele, das Web und viele Musiker, Maler und Schauspieler nicht mehr als Kultur gelten. Kultur als Idee wäre in so einem Fall keine Plattform sondern ein Gefängnis.

Noch immer gibt es Kulturinstitutionen, die letztlich Lehranstalten sind. Sie möchten nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch vorschreiben, wie man die jeweiligen Werke zu sehen hat. Kulturvermittlung, Kulturelle Bildung, Kulturmarketing etc. dies alles wird nur in Form eines Dialogs auf Augenhöhe funktionieren. Wenn sich der Kulturrat mit seiner Forderung durchsetzt, entsteht ein weitaus größerer Schaden als es ein Buch wie der Kulturinfarkt jemals schaffen könnte – wenn es überhaupt einen Schaden anrichten kann. Was wäre der nächste Schritt? Werden in Zukunft Bücher zur Kulturlandschaft dem Kulturrat vorab vorgelegt, damit der Kulturrat entscheiden darf ob sie veröffentlicht werden oder nicht? Entsteht also eine Kultur-Bewahrungs-Lobby-Behörde die am besten auch gleich die Lehrinhalte an Hochschulen etc. vorschreibt? Und für wen spricht dieser Kulturrat dann?

Was wir im Kulturbereich brauchen sind Menschen, die neue Ideen entwickeln und sich trauen diese zu präsentieren. Sie werden Fehler machen, sie werden vielleicht nicht die passenden Worte finden. Immer dann brauchen wir Organisationen und Institutionen, die den Wandel unterstützen und vorantreiben. Nein, nicht alles muss verändert werden, ja, es gibt viele tolle Institutionen, nein, das Buch ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ja, ich kann verstehen wenn sich Menschen durch das Buch angegriffen fühlen – aber wir müssen trotzdem ein Zeichen setzen, dass der Kulturrat nicht im Namen aller Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturrezipienten spricht, wenn der diese Forderung aufrecht erhält.

So wichtig der Kulturrat auch ist – wir müssen vielleicht in diesem Fall die Kultur vor ihm schützen…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Von Kulturinfarkten, Reflexen und dem Untergang der keiner ist… erster Teil

Liebe Leser,

es ist gerade eine spannende Zeit angebrochen. Da gibt es ein Buch. Es nennt sich „Der Kulturinfarkt“ und ist im Knaus-Verlag erschienen. Die vier Autoren Pius Knüsel, Armin Klein, Dieter Haselbach und Stephan Opitz haben eine Idee: Kann es sein, dass unsere Kulturfinanzierung bzw. Kulturförderung in die falsche Richtung geht? Bedeutet immer mehr Geld auch ein immer mehr an Kultur? Das dieses Buch kommen würde war schon länger bekannt. Wer in den letzten Monaten öfter auf kulturpolitischen Tagungen unterwegs war wurde immer wieder darauf hingewiesen. Pius Knüsel sprach einige Punkte schon auf dem Kulturpolitischen Kolloquium in Loccum 2011 an.

Und mit Dieter Haselbach habe ich schon öfter über das Thema gesprochen. Ich hätte mir zugegeben gewünscht, dass diese Diskussion weniger über ein käuflich zu erwerbendes Buch als vielmehr auf einem Blog stattgefunden hätte – d.h. nun findet sie ja auch auf Blogs statt:-) Vielleicht wäre auch ein Open-Access-Modell interessant gewesen. Mit Simon A. Frank habe ich diesbezüglich schon auf Facebook diskutiert und ich glaube er hat recht wenn er sagt, dass die Klientel die damit erreicht werden soll und muss noch lange nicht in der Welt der Blogs etc. angekommen ist. Immerhin gibt es das Buch als eBook für den Kindle und ich reise morgen zu einem Vortrag zur Zukunft der Bibliotheken und anderer Kultur- und Bildungsinstitutionen nach Österreich – ich habe also Zeit zu lesen:-)

Aber kommen wir zurück zu dem Buch. Ich habe es noch nicht gelesen. Aus diesem Grund möchte ich diesen Beitrag aufteilen. Dieser Teil entsteht, bevor ich das Buch gelesen habe. Der zweite Teil entsteht, wenn ich es gelesen habe. Insofern geht es in diesem Teil weniger um das Buch an sich als vielmehr um ein paar persönliche Beobachtungen drumherum. Kaum wurde in verschiedenen Medien auf das Buch hingewiesen kam es zu den üblichen Reflexhandlungen. Alle möglichen Lobbyorganisationen inkl. der Kulturrat gingen auf die Barrikaden. Das war vielleicht nicht anders zu erwarten. Immerhin existieren sie ja in wesentlichen Teilen, um die Ressourcen ihrer Mitglieder zu sichern. Und zugegeben die Idee, die finanziellen Mittel um 50% zu kürzen ist eine Provokation. Aber ist es das wirklich? Ist diese Idee, die mit Sicherheit nicht umgesetzt werden wird, wirklich eine Provokation? Aus Sicht derjenigen, die sich primär um die finanziellen Mittel kümmern mit Sicherheit – für die anderen Menschen eher nicht. Die weitaus größere „Provokation“ sollte m.E. sein, dass an immer mehr Orten Kultur ohne Kulturinstitutionen stattfindet. Es geht den Menschen um Inhalte aber nicht um Institutionen. Es interessiert die Menschen auch nicht, ob eine kleine elitäre Gruppe an der Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur festhält. Kulturbereiche wie die Welt des Gamings könnten sich im Umfeld klassischer Kulturinstitutionen gar nicht entwickeln. Solche Kulturbereiche sind zu schnell, zu offen, zu innovativ und zu kopperativ. Ein Kulturbereich wie die Welt des Gamings hat sich bewusst für eine kommerzielle Basis entschieden – mit allen Vor- und Nachteilen.

Und das Web? Dort finden wir die Menschen und die kulturellen Inhalte – die Institutionen werden dort nicht gebraucht. Gäbe es nur noch Kultur im Netz – ein Zustand denn ich mir nicht wünsche – wären Kulturinstitutionen unnötig. Wir könnten das ganze Geld den Künstlern geben. Innovationsmanagement in Kulturinstitutionen? Wie wäre es damit? Wenn sich Kulturinstitutionen gegen die digitale Welt stellen, dann agieren sie nicht gegen die Technologie und für ein konservatives Menschenbild – sie agieren gegen die Lebensrealität der Menschen. Und natürlich ist die digitale Welt nicht alles – aber der Umgang damit ist ein Indiz für die Fähigkeit von Institutionen kreative, offene und kooperative Plattformen zu entwickeln und anzubieten. Die vielzitierte Deutungshoheit ist durch das Web nicht verschwunden – das Web zeigt vielmehr, dass diese Deutungshoheit nie existierte. Vielleicht sind ja Electronic Arts und Google die Kulturinstitutionen der Zukunft. Vielleicht sind Crowdfunding-Projekte die neuen Kulturförderprogramme.

Nun gut – es wird Zeit das Buch zu lesen. Und dann werde ich den zweiten Teil des Blogbeitrages veröffentlichen. Wenn es alles klappt kann ich sogar während des Lesens direkt aus dem Kindle meine Ideen und Kommentare mit Euch teilen. Die ganz große Frage ist aber eine andere: Wird es wie so oft wieder nur bei einer Diskussion einer sehr kleinen und elitären Gruppe bleiben oder wird es wirklich zu Veränderungen kommen? Ist das Werk nur eine weitere „Kulturpolitische-Rotwein-Diskussions-Anekdote“ oder wird es am Ende Ideen und Projekte für die Kulturinstitution der Zukunft geben? Schlimmstenfalls konzentriert sich die Diskussion darauf, bloß keine Kürzungen in den Etats zu bekommen – dabei geht es gar nicht um Geld sondern um die Frage was Kulturinstitutionen heute und in der Zukunft sein sollen. Mein Vorschlag: Ich lade die Autoren und alle Interessierten ein, in der realen Welt darüber zu diskutieren – diesen August auf der Gamescom:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

Social-Media und die Krise des Kulturmanagements

Liebe Leser,

gestern Abend hat eine kleine Gruppe auf Facebook zum Thema Kulturmanagement diskutiert. Ausgehend von einem Hinweis auf ein neues kostenpflichtiges Portal für den Bereich Kulturmanagement des Raabe-Verlages entstand eine Diskussion über das Kulturmanagement an sich. Alle Beteiligten empfanden die Diskussion als sehr spannend und es kam der Wunsch auf, diese Diskussion weiter zu führen. Nun ist es so, dass Facebook eine geschlossene Plattform ist. Dies bedeutet, dass sehr viele vermeindlich Interessierte nur dann mitdiskutieren können, wenn Sie ebenfalls bei Facebook sind. Dies stellt eine digitale Barriere dar. Aus diesem Grund habe ich vorgeschlagen, die Diskussion zu verlagern bzw. auf weitere Plattformen zu erweitern. Ich möchte im Folgenden meine Grundgedanken zur Diskussion stellen. Hierfür habe ich meinen gestrigen Beitrag um ein paar Punkte erweitert.

Vorab noch eine mir wichtige Bemerkung: Ich bin ein großer Fan von Kulturinstitutionen und es gibt einige tolle Kulturmanager da draußen. Und mir ist ebenso bewusst, dass Kulturinstitutionen verschiedene Probleme und Aufgabenbereiche haben. Die folgenden Gedanken sind das Ergebnis vieler Gespräche und den Erfahrungen meiner täglichen Arbeit. Sie stellen meine persönliche Sicht der Dinge dar:

Das Kulturmanagement befindet sich in einer Krise. Sicherlich nehmen die meisten Kulturmanager diese Krise nicht wahr, denn man erkennt sie nicht, wenn man innerhalb des Systems der Kulturinstitutionen lebt und arbeitet. Wir müssen erkennen, dass wir bezüglich Social-Media (und vieler weiterer Technologien bzw. Kulturformen) und Kulturinstitutionen noch immer am Anfang stehen. Bis auf ein paar spannende Leuchtturmprojekte sind die Kulturinstitutionen in der Breite noch immer kein elementarer Bestandteil des Web 2.0. Wer eine Facebookseite oder einen Twitteraccount sein Eigen nennt ist noch lange nicht im Web 2.0 angekommen. Jetzt geht es erst los. Diese aktuelle Situation ist m.E. auch und vor allem ein Versagen des Kulturmanagements. Es sollten Kulturmanager sein, die die daraus resultierenden Möglichkeiten verstehen und damit arbeiten. Es sollten Kulturmanager sein, die über den Tellerrand der Kulturinstitutionen hinaussehen und den gesellschaftlichen Impact bzw. die Chancen und natürlich auch Risiken verstehen und das Web aktiv gestalten. Der gesellschaftliche Impact von Kulturinstitutionen ist schon gering. Von nahezu allen Kulturpolitikern und Kulturexperten wird zugegeben, dass nur eine verschwindend kleine Gruppe der Gesellschaft erreicht wird. Und wenn wir aus den Besucherstatistiken alle diejenigen herausrechnen würden, die „unfreiwillig“ Besucher wurden – z.B. Schulklassen – wie sähe es dann aus? Der ohnehin schon geringe gesellschaftliche Einfluss wird noch verstärkt, wenn sich Kulturinstitutionen weiterhin so langsam auf das Web 2.0 zu bewegen. Versteht mich nicht falsch ich freue mich über jede Institution, die mit Aktivitäten im Social Web startet. Und einige dieser Institutionen darf ich begleiten. Aber der Status Quo reicht nicht. Google+ zeigt wie wenig Kulturmanagement anscheinend leisten kann. Innerhalb von ein paar Wochen sind weltweit über 20.000.000 Menschen bei Google+. Dies sind die Geschwindigkeiten um die es geht. Und der Erfolg von Google+ ist nur eines: die Lust und der Spass von Millionen von Usern etwas Neues auszuprobieren.

Ich glaube, dass sich die Krise aber nicht alleine auf die Aktivitäten im Web auswirkt. Vielmehr ist die aktuelle Situation m.E. nur ein Symptom für ein Kulturmanagement, welches nicht gestaltet und einen zu geringen Einfluss hat. Kulturmanager sollten in der Lage sein, Visionen zu entwickeln und zu realisieren. Sie sollten weniger Verwalter von Kultureinrichtungen bzw. um BWL-Grundkenntnisse erweiterte Kulturfreunde sein.

Unternehmen wie Google und EA werden immer mehr zu den neuen Kulturinstitutionen. Das Digitalisierungsprogramm von Google ist vor allem ein Ergebnis eines guten Managements und einer neuen Denk- und Arbeitsweise. Bis heute konnten die europäischen Kultur- und Bildungsinstitutionen nicht ansatzweise etwas gleichwertiges anbieten. Bis heute ist es so, dass die Kulturinstitutionen die Letzten sind, die sich mit neuen Technologien und den damit verbundenen Kulturformen beschäftigen bzw. diese aktiv nutzen und damit gestalten. Solange Kulturinstitutionen im Web 2.0 primär und teilweise auch ausschließlich einen PR-Kanal sehen, werden wir nicht viel erreichen. Social-Media ist eine neue Denk- und Arbeitsweise und es geht darum, diese Denk- und Arbeitsweise zu einem Teil der gesamten Institution zu machen.

Wir leisten uns mit dem Begriff Kulturmanagement einen einzigartigen Luxus. Natürlich ist es wichtig, dass man in Kulturinstitutionen auf Management- und Marketing-Know-How zurückgreifen kann. Was aber macht diese Disziplin in der Praxis so besonders? Welche Fähigkeiten brauchen Kulturmanager, um aktiv in die überall geforderte und zugleich anscheinend zu selten stattfindende Weiterentwicklung der Kulturinstitutionen eingreifen zu können? Welche Vision haben Kulturmanager? Ich glaube, die Tatsache, dass immer mehr Kulturmanager ausgebildet werden, kann nicht der einzige Grund sein. Wenn diese Krise nicht verstanden und genutzt wird, um einen Kulturmanager 2.0 zu entwickeln, wenn zudem Kulturmanager innerhalb der Institutionen keinen Einfluss bekommen, um tiefgreifende Veränderungen vorzunehmen, wenn es nicht zu einer wirklichen interdisziplinären Vernetzung kommt, wenn die Beschäftigung mit dem Neuen und die kontinuierliche Weiterbildung nicht Standard wird – wenn also alles beim Alten bleibt – dann existieren Kulturmanager nur zum Selbstzweck – und dann brauchen wir sie nicht.

Mein Vorschlag: lasst uns gemeinsam überlegen, was Kulturmanagement bedeuten kann und soll. Und lasst uns zudem überlegen, welche Veränderungen in den Institutionen notwendig sind, um diesen Wandel zuzulassen. Darüber hinaus werden wir überlegen müssen, wer und auf welche Art und Weise diese Kulturmanager der Zukunft ausbildet.

Ich freue mich auf eine spannende Diskussion….

Christoph Deeg

Finanzkrise vs. Kulturkrise

Es ist schon faszinierend. Gebannt wie das Kanninchen auf die Schlange, so schauen wir auf die globalen Wirtschaftsdaten und sorgen uns um die Zukunft bzw. das was wir dafür halten. Dabei vergessen wir gerne, dass von oben betrachtet der Bereich Wirtschaft und Finanzen nur einen kleinen Teil unserer Gesellschaft ausmachen sollten.

Vielleicht ist es noch viel schlimmer als es aussieht und wir haben eine handfeste Kulturkrise? In den letzten Wochen ist mir aufgefallen wie seltsam still die Kultur geworden ist. Wo sind die wütenden Proteste gegen das, was wir nun vorfinden? Wo ist der laute Ruf nach mehr Kultur in der Politik?

Es scheint, als habe die Kultur die Stimme verloren. Ist die Kultur vielleicht überfordert? Kann sie sich nicht auf neue Lebensbereiche, neuen Herausforderungen und Gegebenheiten einstellen? Ist Kultur letztlich out?

Ich glaube wir brauchen ein neues Kulturverständnis. Kultur darf nicht mehr als nettes Anhängsel für nette Rotweinabende dienen. Kultur ist mehr als ein mehr oder weniger intellektuell-emotionales Freizeitvergnügen. Kultur ist mehr als Hochkultur, Kulturwirtschaft oder Creative Industries. Kultur muss die Basis unsererr Gesellschaft werden. Nicht im konservativ-rückwärtsgerichteten Sinn. Nicht in einem christlich-abendländischen Pseudoselbstverständnis. Nicht in als Identitätsdroge um vorhandene Mißstände zu übermalen. Sondern als Brücke zwischen den einzelnen Lebensbereichen – also zwischen Technologie, Religion, Ethik, Philosophie, Wirtschaft und jedem Einzelnen von uns.

Oder wie es Arnold Schönberg formulierte:

Ich bin ein Konservativer – ich bewahre den Fortschritt

Christoph Deeg