Digital-Analoge Widersprüche Teil 2 – Suchen und Finden vs. nicht gefunden werden wollen

Liebe Leser,

ja, es ist schon faszinierend, was die digitale Welt aus „uns“ macht. Noch immer wird im Zusammenhang mit der digitalen Welt von „Neuen Medien“ gesprochen. Und noch immer finde ich das ziemlich belustigend. Wahrscheinlich werden wir auch noch in 100 Jahren bei Internet und Gaming von neuen Medien sprechen. Die Technologien, die dann auf den Markt kommen heißen dann vielleicht „Neue Medien 2.0“ oder „Noch neuere Medien“ etc. Dabei ist nur die Technologie neu. Das was die Menschen damit machen, ist letztlich gesehen alt: Sie kommunizieren, spielen, basteln, streiten etc. oder anders ausgedrückt: sie verhalten sich menschlich und daraus resultiert: das Internet ist menschlich.

Und wie es bei allen Menschen so ist, haben auch sehr viele Menschen sehr viel Angst vor allem möglichen, was da in der digitalen Welt passieren könnte. Das führt mitunter zu faszinierenden Ergebnissen. Im diesen Beitrag geht es um die Frage, ob man im Netz gefunden werden möchte oder nicht. Das Ergebnis ist bekannt: Manche Menschen möchten unbedingt verhindern, dass Sie im Netz gefunden werden. Hierfür nehmen diese Menschen einiges auf sich. So müssen sie kontinuierlich aufpassen, dass sie auf keinem Bild erscheinen, welches im Netz veröffentlicht wird. Und sie müssen intensiv darauf achten, dass Ihr Name nicht im Netz auftaucht. Es gibt natürlich Experten und Berater sowie öffentlich beauftragte Personen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man auf keinen Fall im Netz gefunden wird bzw. wie man einen Eintrag wieder los wird. Und dann gibt es die andere Gruppe von Menschen, die nun ihrerseits alles tun, damit sie unbedingt im Netz gefunden werden. Ihnen ist es extrem wichtig, im Netz nicht übersehen zu werden. Deshalb gibt es auch eine Menge Berater und Experten sowie öffentlich beauftragte Personen, die dafür sorgen sollen, dass man auf jeden Fall gefunden wird.

Interessant ist dabei: Es gibt zwar ein Recht zu vergessen, also ein Recht, dass man im Netz nicht zu finden ist. Aber warum gibt es kein Recht darauf, im Netz gefunden zu werden? Wäre das nicht ausgleichende Gerechtigkeit?

So oder fürchten beide Seiten etwas, was mit der digitalen Welt gar nichts zu tun hat. Die einen fürchten negative Folgen durch Menschen, wenn sie gefunden werden und die anderen fürchten ebenso negative Folgen durch Menschen, wenn sie nicht gefunden werden. In beiden Fällen geht es um das Verhalten von Menschen und nicht um das Verhalten von Plattformen im Netz. Und deshalb ist es letztlich nicht sinnvoll, über Ethik und Moral im Netz zu diskutieren, wenn man dabei die analoge Welt vergisst. Das Netz tut nichts, es ist einfach da. Die Menschen sind diejenigen, die aktiv sind und so geht es letztlich um die uralte Frage: Wie wollen wir miteinander leben?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Nehmt den Bibliotheken die Bücher weg!!!

Liebe Leser,

bevor jetzt Bibliotheksmitarbeiter oder Bibliothekskunden Schnappatmung bekommen möchte ich Euch beruhigen: Ich möchte auf keinen Fall den Bibliotheken die Bücher oder andere Medien wegnehmen. Und wenn jemand diese Forderung ernst meinen würde, wäre die Ablehnung zur recht riesengroß. Aber je mehr ich mir über die Zukunft und Gegenwart von Bibliotheken Gedanken mache, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir im Moment etwas vergleichbares tun.

In den letzten 15 Jahren hat sich die Welt der Bibliotheken rasant verändert. Vor allem die öffentlichen Bibliotheken sind von diesem Wandel betroffen. Dabei geht nicht nur aber auch um die Herausforderungen, welche sich aus der digitalen Welt ergeben. Ich habe in vielen Beiträgen auf diese Situation hingewiesen. Immer mehr Medien und Informationen lassen sich nicht mehr in Bibliotheken verorten. Dies liegt zum Einen daran, dass sie nur noch digital zur Verfügung stehen. Zum Anderen sind die damit verbundenen Vertriebsmodelle mit der klassischen Bibliothekswelt wenig kompatibel. Entweder sie sind online frei zugänglich oder aber sie werden in kommerziell-geschlossenen Systemen zur Verfügung gestellt. Oder anders ausgedrückt: Sowohl Blogs und Youtube-Videos als auch Musik bei iTunes und eBooks bei Amazon lassen sich von Bibliotheken nicht mehr in der klassischen Form bearbeiten. Dabei haben Sie heute die gleiche Relevanz wie gedruckte Bücher.

Immer mehr Bibliotheken machen sich auf den Weg und versuchen neue Aufgaben zu finden. Und da passiert so einiges. Bibliotheken sind längst mehr als bloße Verleihstationen. Der klassische Bestand einer öffentlichen Bibliothek verliert an Bedeutung – nun geht es darum, dass die Bedeutung von Bibliotheken trotzdem zunimmt. Für mich bedeutet dies u.a. dass Bibliotheken einen Weg finden müssen, mit den Medien zu arbeiten, die nicht mehr exklusiv über die Bibliothek zugänglich gemacht werden können. In einem anderen Beitrag hatte ich vor einigen Monaten bereits darauf verwiesen. Und sie sollten zu Orten werden, bei denen die digitale mit der analogen Welt vernetzt werden. Öffentliche Bibliotheken sind dann quasi das analoge „Facebook“ einer Stadt oder einer Gemeinde. Und was immer die Menschen auch interessiert, was immer sie auch ausprobieren und lernen möchten, die Bibliothek hilft ihnen dabei. Bibliotheken sind also nicht mehr die Informations- und Medienexperten. Sie sind vielmehr analog-digitale Plattformen und ihr Bestand ist ein Teil davon. Die Alleinstellungsmerkmale öffentlicher Bibliotheken wären dann u.a. 1. Der Ort; 2. Die Menschen die in der Bibliothek arbeiten und 3. die Neutralität, d.h. die Bibliothek ist ein un-kommerzieller Raum.

Was hat dies alles mit der Überschrift dieses Beitrages zu tun? Sehr viele Bibliotheken – vor allem öffentliche – haben sich auf den Weg in die Zukunft gemacht. Und man kann mit Sicherheit einiges an den Bibliotheken verbessern und kritisieren. Was mich im Moment aber am meisten „nervt“ ist das Umfeld der Bibliotheken. Wie bereits in meinem letzten Beitrag angedeutet, gibt es noch immer sehr viele Bibliotheken die keinen freien Zugang zum Internet haben. Von der Möglichkeit den Bibliothekskunden WLAN anzubieten ganz zu schweigen. Andere Bibliotheken müssen bei jeder Plattform, sei es Facebook, Twitter, Youtube oder ähnliches um einen Zugang betteln und sich dafür rechtfertigen, warum sie den nun auf diese Plattformen zugreifen möchten. Und selbst wenn das möglich ist, dürfen noch immer viele Bibliotheken nicht frei im Web agieren. Im Gegenteil, sie werden von ihren Trägern kontrolliert und müssen auch hier immer wieder Rechenschaft ablegen.

Und auch die Unternehmen, die Online-Services für Bibliotheken entwickeln sind nicht immer starke Partner. Gerade erst mussten viele öffentliche Bibliotheken, welche die Onleihe anbieten erleben, dass die dazugehörigen Apps fehlerhaft sind. Die Onleihe ist eine Plattform, auf der man als Bibliothekskunde eBooks ausleihen kann. Die Idee an sich ist wirklich toll aber die technische Umsetzung lässt zu Wünschen übrig. Die dazugehörigen Apps, damit man die Onleihe auch auf dem iPad oder einem Android-Tablet nutzen kann, verfügen weder über eine hinreichend funktionierende Suchfunktion noch sind sie übersichtlich gestaltet. In den Apps befand sich bis vor kurzem ein Button für Musik, der aber keine Funktion innehatte. Dieser wurde dann plötzlich durch einen Button mit der Aufschrift „SAP“ ersetzt, hinter dem sich zwar eine Ordnerstruktur aber keine Inhalte befanden. Warum dies so ist kann ich nur erahnen. Ich denke, die App wird wohl nicht nur den Bibliotheken angeboten worden sein. Für Bibliotheken bedeutet diese Situation aber einen erheblichen Mehraufwand. Sie müssen nicht nur dafür sorgen, dass alle Mitarbeiter die verschiedenen Funktionalitäten und Abläufe der Apps kennen und vermitteln können. Sie müssen zudem die jeweiligen Apps kontinuierlich beobachten. Gerade in kleinen Bibliotheken mit einer geringen Personaldecke sollte der Arbeitsaufwand für Angebote, die Bibliotheken unbedingt brauchen und für die sie sehr viel Geld bezahlen, so gering wie möglich sein. Und auch wenn seit heute zumindest die iOS-App ein Update bekommen hat: Im Bereich eBooks setzen im Moment kommerzielle Unternehmen die Standards.

Wenn wir die Ergebnisse der PIAAC-Studie ernst nehmen, und wenn wir zudem von den öffentlichen Bibliotheken erwarten, dass sie hier noch aktiver werden als sie es schon sind, dann muss auch das Umfeld stimmen. Dann müssen alle Bibliotheken endlich und in kurzer Zeit komplett auf das gesamte Internet zugreifen können. Dann müssen sie zudem im Web überall eigenständig aktiv sein dürfen und dann müssen die Unternehmen, die für die Bibliotheken Software entwickeln darauf achten, dass sowas wie die Situation bei der Onleihe nicht wieder passiert. Wenn wir dies nicht ändern, ist die Situation letztlich vergleichbar mit einem Verbot, mit Büchern zu arbeiten. Denn wenn die Arbeit mit Büchern die gleiche Restriktionen und Probleme mit sich gebracht hätte, wie wir sie beim Web und Plattformen wie der Onleihe finden, hätte sich die Bibliothek als Ganzes nie durchgesetzt.

Und natürlich lässt sich diese Situation auf den gesamten Bildungs- und Kulturbereich sowie auf Unternehmen übertragen. Die hier angesprochenen Punkte erlebe ich in ähnlicher Form in Theatern, Museen, Verwaltungen und Unternehmen. Und dadurch bleiben so viele Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der Vernetzung der digitalen mit der analogen Welt ergeben ungenutzt. Oder aber sie werden von kommerziellen Unternehmen erschlossen, entwickelt und umgesetzt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Deutschland ein digitaler Bildungs-Unfall?

Liebe Leser,

man mag es kaum glauben. Man mag wütend sein. Man mag sich schämen. Es ändert aber nichts: Deutschland hat ein tiefgreifendes Bildungsproblem. Und dieses mal sind es nicht die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Probleme bereiten. Es sind vor allem die Erwachsenen, die offensichtlich ein großes Problem mit modernen Kommunikation- und Medientechnologien und dem Lesen und Verstehen von Texten haben. Im Rahmen der PIAAC-Studie der OECD wurden 166.000 Menschen im Alter zwischen 16 und 65 in 24 Ländern befragt bzw. getestet. Das Ergebnis ist niederschmetternd: 17,5% der Deutschen verfügen nur über die Lesekompetenz eines 10-Jährigen. Das allein reicht m.E. schon aus um sich zu fragen, ob sich eine der reichsten Industrienationen der Welt darüber bewusst ist, dass unser Reichtum kein Automatismus bzw. kein Naturgesetz ist.

Noch erschreckender ist für mich aber das Ergebnis im Bereich der digitalen Problemlösungskompetenz, also der Fähigkeit, den Computer zu nutzen: Gerade mal 7% der Deutschen verfügen über eine hohe Kompetenz in diesem Bereich. 45% verfügen nur über geringe Kenntnisse. 11,6% haben in diesem Bereich gar keine Erfahrung. Man könnte es auch anders ausdrücken: Deutschland hat eine sehr große Zahl an digitalen Analphabeten. Nur zum Verständnis: In einer Zeit, in der Social-Media und Co. unsere Gesellschaft nachhaltig verändern, leistet sich eine der größten Industrienationen der Welt den Luxus, ihre Bewohner in der Kreidezeit zu belassen.

Fast schon faszinierend ist die Reaktion der wichtigen und zumindest in Teilen verantwortlichen Institutionen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sieht offensichtlich überhaupt keinen Bedarf für Veränderungen. Es handelt ganz klar nach der Devise „Weiter so!“. Weder die mangelnde Lesekompetenz der Älteren noch deren extreme Schwächen im Bereich der Nutzung digitaler Medien scheint hier eine Bedeutung zu haben. Dabei sind es die Älteren, die die jüngere Generation auf dem Weg in die digitale Welt begleiten müssten. In vielen Bildungsinstitutionen, seien es Schulen, Bibliotheken oder Universitäten ist der Altersdurchschnitt sehr hoch… Wo ist der Aufschrei des Deutschen Bibliotheksverband? Wo melden sich die Lehrer? Wäre nicht jetzt der ideale Zeitpunkt um öffentlich diese Herausforderung anzunehmen?

Die digitale Infrastruktur in Deutschland ist noch immer in einem desaströsen Zustand – das ist bekannt. Und ich habe schon vor einigen Monaten nach meiner Asienreise darauf hingewiesen, dass uns Länder wie Süd-Korea zeigen, wie man digitale Infrastruktur denkt, entwickelt und realisiert:

Das Beispiel Süd-Korea zeigt aber auch, dass es nicht nur um den Aufbau einer technischen Infrastruktur gehen kann. Man muss den Menschen die Möglichkeit geben, die digitale Welt kennen zu lernen und auch hier ist Süd-Korea ein gutes Beispiel: Im Rahmen des 1995 beschlossenen „Framework act of information“ wurde nicht nur der Aufbau der digitalen Infrastruktur beschlossen. Es wurde ebenso ein Schulungsprogramm für bis zu 10.000.000 Koreaner gestartet, welches den Menschen, die durch ihren Beruf, Ihr Alter oder aus anderen Gründen, keinen intensiven Zugang zu digitalen Welt haben, einen Weg in ihre digitale Zukunft zu ermöglichen.

In Deutschland haben wir leider nichts vergleichbares. Im Gegenteil: unser Bildungssektor lebt in der Breite noch immer in der Kreidezeit. Und dieser Zustand hat leider viele erschütternde Facetten. Da gibt es die offenen und innovativen Lehrer wie Andre Spang, die versuchen, neue Wege in der Bildung zu gehen. Und immer mehr LehrerInnen möchten endlich etwas neues ausprobieren und die digitale Welt zu einer Querschnittsfunktion des Unterrichts werden lassen. Aber es gibt – zumindest nach meinen Erfahrungen – eine viel größere Zahl an Lehrern, die sich massiv dagegen wehren. Und nicht wenige Lehrer verfügen nicht ansatzweise über das dafür notwendige Know-How. Und noch immer ist der Zustand der digitalen Infrastruktur in vielen Schulen problematisch. Zudem erleben wir, wie in einigen Bundesländern die Nutzung von sozialen Netzwerken und anderen Angeboten verboten wird. So wird Schule zum Anti-Lernort. Dabei müssten wir die Lehrer unterstützen, die sich der digitalen Welt öffnen möchten und sie nicht ausbremsen. Denn in diesem Moment bremsen wir nicht die Lehrer sondern die Schüler aus. Sie verlieren damit die Chance, die digitalen Medien in all ihrer Breite zu nutzen. Schule ohne die digitale Welt als Querschnittsfunktion des Unterrichts ist möglich, aber in der heutigen Zeit sinnlos.

Oder nehmen wir als anderes Beispiel die öffentlichen Bibliotheken. Sie sind die wahrscheinlich wichtigsten Bildungs- und Kulturinstitutionen unserer Gesellschaft. Aber sie sind längst nicht mehr die Informations- und Medienexperten, für die man sie hält. Ihre digitale Infrastruktur ist in der Breite katastrophal. Und selbst wenn ein Zugang zum Internet vorhanden ist, bedeutet dies nicht, dass man dann wirklich Zugriff auf das Internet hat. Sehr viele Bibliotheken können eben nicht auf Plattformen wie Youtube, Facebook, Twitter etc. zugreifen. Bibliotheken den komplett freien Zugriff auf das Internet zu verwehren ist so als würde man ihnen die Arbeit mit Büchern verbieten. Und ja, auch im Bibliothekswesen mangelt es in der Breite an dem notwendigen Know-How. Im Bereich der öffentlichen Bildungs- und Kulturinstitutionen ist den Mitarbeitern in den letzten 20 Jahren in der Breite das so wichtige IT-Basiswissen vorenthalten worden. Aber wie wollen Bibliotheken Informations- und Medienexperten sein, wenn noch immer ein großer Teil Ihrer Mitarbeiter weder über den Zugang zur digitalen Welt noch über das damit verbundene notwendige Know-How verfügen? Ja es stimmt, die Berufsbilder von Bibliotheksmitarbeitern haben sich tiefgreifend verändert. Bibliotheksmitarbeiter ist ein IT-Job und viele Mitarbeiter haben diesen Beruf gewählt, um eben nichts mit diesen ganzen Technologien zu tun zu haben. Und ja, die Aus- und Weiterbildung von Bibliotheksmitarbeitern ist noch immer nicht auf einem Stand, der es den zukünftigen Bibliotheksmitarbeitern ermöglichen wird, die Bibliotheken zu Gestaltern von Bildung und Kultur umzubauen. Wir können aber an so vielen Stellen erleben, welches Potential diese Institutionen haben, wenn…

Der aktuelle Zustand sollte aber auch Warnschuss für Unternehmen sein. Noch immer ist die Weiterbildung von Mitarbeitern in Unternehmen schlecht aufgestellt. Auch hier fehlt es sehr oft an IT-Basiswissen. Sehr oft geht es nur darum, eine neue Software zu lernen. Schulungen und Workshops orientieren sich zu oft einzig und allein an einem konkreten Problem bzw. einer konkreten Aufgabenstellung. Dabei ist ein möglichst breites Wissen im Bereich der digitalen Welt bei allen Mitarbeitern sehr wichtig. Das mag manchem Vorgesetzten nicht gefallen, verliert er doch u.U. seine Deutungshoheit über manche Themen und Inhalte. Aber wenn unsere Unternehmen nicht irgendwann aufwachen und die digitale Welt als Querschnittsfunktion des Managements verstehen, kommen wir nicht weiter. Wie wollen Unternehmen Fachkräfte finden, wenn ihre Struktur und ihre Ressourcen unprofessionell sind?

Die Ergebnisse der OECD-Studie zeigen vor allem eines: es gibt noch sehr viel zu tun. Und wir stehen erst am Anfang einer langen Reise. Es ist kein Erfolg, durchschnittlich zu sein. Und die junge Generation wird es nicht richten können, wenn die ältere Generation weiterhin so dermaßen auf die Bremse drückt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Wie wir unsere digitale Zukunft verbrennen….

Liebe Leser,

es mag vielleicht komisch klingen, aber ich glaube wir riskieren gerade unsere digitale Zukunft. Dabei ist es nicht die Datenschutz-Geheimdienst-Politik-weiß-von-nichts-Affäre direkt, sondern die Unfähigkeit von denen, die aus Angst vor Allem und der Nicht-Wiederwahl unsere digitale Zukunft zerstören.

Ich kann verstehen, dass man sich Sorgen macht. Datenschutz ist ein wichtiges Thema. Aber das was gerade in Baden Württemberg passiert, ist mehr als ärgerlich. Neue Social-Media-Richtlinien für Lehrer sorgen dafür, dass es Lehrern faktisch unmöglich gemacht wird, Facebook und Co. in den Unterricht zu integrieren.

Was bedeutet das? Wir leben in einer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft verändert. Die digitale Welt gehört zur Lebensrealität von immer mehr Menschen. Sie ist Teil unserer Gesellschaft. Obwohl wir das wissen ist der Kultur- und Bildungssektor noch weit davon entfernt, den digitalen Teil unserer Gesellschaft aktiv zu gestalten. Schulen und Universitäten tun viel zu wenig und scheinen sich nicht zuständig zu fühlen.

Viele Lehrer haben sich aber auf den Weg gemacht. Sie versuchen, Teil des digitalen Teils unserer Gesellschaft zu werden. Gerade weil wir im schulischen Bereich nicht genug zukunftsorientierte Lehrer haben, ist es umso wichtiger, die Lehrer zu unterstützen, die unsere digitale Zukunft retten.

Wer von Euch kennt gute Beispiele von Lehrern, die aktiv die digitale Welt in den Unterricht implementieren und damit unsere Zukunft retten? Und brauchen wir nicht einen Zukunftspreis für diese Lehrer?

Beste Grüße Christoph Deeg

Die sieben Social-Media-Todsünden – Nr. 2: Nichtbereitschaft zur menschlichen Kommunikation

Liebe Leser,

in meiner kleinen Reihe zu den sieben Social-Media-Todsünden geht es heute um die Frage der menschlichen Kommunikation. Ich weiß, dass klingt jetzt komisch aber in vielen Unternehmen ist die Bereitschaft zu einem Dialog auf Augenhöhe mit Mitarbeitern, Kunden, Partnern etc. scheinbar eher gering – zumindest wenn man sich ihre Social-Media-Aktivitäten ansieht. Es scheint, als habe man eine der wichtigsten Informationen bezüglich des Internets nicht mitbekommen: Das Internet ist menschlich. Ok, wenn man den ganzen Tag vor dem Rechner, Smartphone, iPad etc. sitzt, mag man manchmal das Gefühl haben, man würde mit Maschinen reden. Aber das Internet ist keine Maschine.

Die Inhalte die wir im Netz finden sind von Menschen gemacht worden. Weder Google, noch Facebook noch irgendeine andere Plattformen haben jemals eigene Inhalte erstellt. Das Internet ist nicht voll von Maschinen oder Accounts sondern es ist voll von Menschen. Und wenn man als Unternehmen im Social-Web erfolgreich sein will, muss man bereit sein, als Mensch mit Menschen zu reden.

Niemand möchte mit einer Institution oder einer Presseabteilung reden – wir wollen mit Menschen reden. Aber mit Menschen zu reden bedeutet, offen zu sein und einen Dialog auf Augenhöhe anzustreben. Dies ist der Grund, warum Presseerklärungen im Social-Web nichts zu suchen haben. Wenn wir etwas „offizielles“ veröffentlichen möchten, dann sollten wir dies so tun, dass es die Menschen die wir erreichen wollen auch gerne lesen. In einer Welt, in der die meisten Menschen das Gefühl haben, in Bergen von Informationen zu ertrinken, erreicht eine Pressemitteilung nur geringe Aufmerksamkeit.

Es ist ebenso völliger Unsinn, eine Facebook-Seite zu betreiben und die Kommentarfunktion abzuschalten. Facebook und die meisten anderen Plattformen im Social-Web sind Dialogplattformen. Wenn ein Unternehmen keine Kommentare haben will, sollte es gar nicht erst mit Facebook etc. beginnen, sondern lieber die Tageszeitung anrufen. Das Social-Web ist auch kein Ort für immer noch langweiligere Werbung – auch wenn manch eine Agentur etwas anderes behauptet.

Wie gesagt, es geht im Social-Web um menschliche Kommunikation. Und dazu gehört nicht nur, Fakten weiter zu geben. Stellt Euch vor, man ist auf einer Party. Und da gibt es einen Gast, der, sobald man ihn anspricht, sofort mit Fakten loslegt. Einfach so. Ohne Luft zu holen, Ohne Fragen zu stellen. Ohne auf sein Gegenüber zu reagieren. Und er führt diese Handlung fort, auch wenn man sich bereits umgedreht hat und gegangen ist. Würdet man mit so einem Menschen gerne wieder einen Dialog beginnen wollen?

Oder stellt Euch vor, man hat einen Inhouse-Workshop bei mir gebucht. Der Workshop verlief gut und der Leiter möchte sich nochmal bei mir bedanken. Also schüttelt er mir zum Abschied die Hand, bedankt sich und wünscht mir eine gute Heimreise. Vielleicht deutet er auch an, dass dies nicht der letzte Workshop mit mir gewesen sein wird. Wie würden er wohl reagieren, wenn ich mich dann ohne ein Wort zu sagen umdrehen und gehen würde? Würden das nicht ein bisschen „strange“ wirken?

Wenn wir aber in beiden Fällen eine andere Kommunikationsform erwarten, warum handeln so viele Unternehmen im Social-Web wie in den beiden beschriebenen Beispielen – adaptiert ins Social-Web?

Da gibt es Facebook-Seiten, auf denen man zwar Kommentare hinterlassen kann, das Unternehmen reagiert aber nicht. Und wenn es reagiert kommen Fakten aber keine menschliche Kommunikation. Bei vielen Unternehmen möchte man anrufen und fragen, ob sie sich in der analogen Welt genauso verhalten wie in der digitalen? Der Klassiker: Kunde hat ein Problem und fragt nach einer Lösung auf der Facebook-Seite von Unternehmen X. Unternehmen X antwortet in Fakten „Wenn Sie dieses Problem haben müssen Sie Schalter A nach rechts drehen“. Die Information ist richtig – der Kunde bedankt sich auf der Facebook-Seite und das Unternehmen? Es schweigt! Das ist der Klassiker – neben der Facebook-Seite auf der man überhaupt nicht kommuniziert bzw. keine Kommentare zulässt.

Derartige Beispiele kann man überall finden. Und es passiert nicht nur auf Facebook-Seiten sondern ebenso auf Blogs, Twitter, Google+ etc.

Wie bereits des öfteren gesagt: Im Social-Web bedeutet Dabei sein nicht alles. Wer im Social-Web aktiv sein möchte muss verstehen, dass es um eine neue Kommunikationsform bzw. eine neue Kultur geht. Möchte man nicht kommunizieren sondern nur laut brüllen, dann sollte man seine Social-Media-Aktivitäten nochmal überdenken…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Die Legende von König Drossel-Bart – oder wie die Telekom das Nicht-Internet einführt

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug nach Hildesheim. Heute startet mein neues Seminar an der Universität Hildesheim zum Thema Social-Media, Kulturvermittlung und Kulturmarketing. Ich bin gespannt, was mich dieses mal erwartet. Normalerweise backe ich immer einen Kuchen für meine Studenten aber in diesem Semester wird das nur schwer möglich sein. Immerhin haben sich 86 Studenten für das Seminar anmeldet, was nebenbei bedeutet, dass ich meine Konzept für das Seminar mal eben neu durchdenken musste.

Nun gut, wer etwas ausprobiert muss auch flexibel sein – das gilt auch für die Arbeit in der digitalen Welt. Die digitale Welt ist kein Ort für standardisierte Verwaltungsabläufe. Es geht um Kommunikation zwischen Menschen und nicht um Netzwerke zwischen Maschinen. Genauer gesagt ist die digitale Welt menschlich – in vielen Punkten sogar menschlicher als unsere sog. „Realität“.

Flexibilität hat aber auch ihre Grenzen. Spätestens dann, wenn einem die Ressourcen entzogen werden. Wenn man im ICE von Berlin nach Hildesheim fährt kann man dies am eigenen Leib spüren. Kurz hinter Berlin-Spandau ist eine Internetverbindung via UMTS kaum noch möglich. Ok, ab und zu schafft es eine kleine Mail durch die GPRS-Verbindung aber das war’s dann auch schon. Man kann es ertragen, denn man weiß ja: irgendwann kommt jeder Zug – ich meine wirklich jeder – der Bahn an seinem Ziel an. Wann und in welchem Zustand ist sicher eine andere Geschichte, aber da gerade kein Schnee liegt und es zudem zu kalt für einen Klimaanlagenausfall ist, werden es sicherlich nur wenige Minuten sein:-)

Kommen wir aber zurück zum Internetzugang. Wie gesagt, man weiß, irgendwann kommt man an seinem Reiseziel an und da wird es irgendwo einen Starbucks oder ähnliches geben, wo man kostenlos WLAN nutzen kann. Würde man dieses Nicht-Internet auch zu hause haben, hätte man ein großes Problem. Aber das wird ja nicht passieren – dachten wir alle bis die Telekom entschied eine Datendrosselung in ihre Neu-Verträge aufzunehmen. Nun ist die Telekom m.E. nicht gerade das modernste und innovativste und schon gar nicht das kundenfreundlichste Unternehmen, aber mit so einer Entscheidung hatte ich nun nicht gerechnet. Natürlich gab es in den letzten Monaten und Jahren erste Anzeichen. Die Netzneutralität, also die Tatsache, dass im Internet alle Daten gleich behandelt werden bzw. gleich schnell transportiert werden, wurde immer wieder in Frage gestellt. Und natürlich bedeutet das nicht, dass nun alle Anbieter von Internetanschlüssen den selben Weg gehen. Aber es ist ein deutliches Zeichen, dessen negative Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Es ist wirklich faszinierend. Der ehemalige Staatskonzern Telekom stellt sich gegen die Bevölkerung des Landes in dem er gegründet wurde. In vielen Sicherheitsbehörden werden die Abteilungen für Cyber-Kriminalität aufgestockt. Die Angst vor einem Cyber-Krieg macht die Runde. Die digitale Infrastruktur einer Nation wird bestmöglich geschützt. Die Telekom kann sich hier ganz legal in eine Richtung bewegen, die einen viel größeren Schaden anrichten könnte als alle möglichen Cyber-Attacken zusammen.

Die Argumentation der Telekom klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da das Datenvolumen im Netz ständig steige, müsse man ein anderes Geschäftsmodell entwickeln. Ansonsten würden die Kosten für die Telekom zu sehr steigen bzw. das Internet verstopfen. Dieses Argumentation ist nicht neu – und sie ist ein großer Blödsinn. Das Problem ist nicht die stetig wachsende Menge an Daten, sondern die offensichtliche Inkompetenz derer, die sich mit der digitalen Infrastruktur beschäftigen. Nun behauptet die Telekom, die meisten Nutzer würden von der Drosselung gar nichts merken, da sie das Grenzvolumen nicht erreichen würden. Das ist schon putzig. Die Steigerungen im Datenvolumen des Internets sind das Ergebnis neuer Services. Immer mehr Menschen nutzen z.B. Streaming-Angebote für Videos und Musik oder Cloudcomputing. Technologien wie das „Internet of things“ werden weiteres Datenvolumen erzeugen. Und was ist mit dem Thema Gaming? Das Datenvolumen jedes einzelnen Bürgers wird früher oder später massiv steigen – es sein denn wir wandern ab ins Nicht-Internet und beschränken uns auf Textnachrichten. Ein konkretes Beispiel gefällig?

Angenommen Ihr nutzt Dropbox um Eure Dateien online zu speichern und zu sichern. Vielleicht spielt Ihr auch Computerspiele am PC und habt Eure Gaming-Bibliothek bei Steam. Zudem nutzt Ihr die Amazon-Cloud um Eure Musik-Sammlung zu speichern und natürlich habt Ihr eine XBOX360 oder eine PS3 mit der Ihr nicht nur spielt sondern auch Videos streamt – z.B. mit Lovefilm oder Maxdome. Dann macht Ihr ab und zu Videos, die Ihr auf Youtube hochladet und Ihr nutzt Shoutcast und Icecast zum kostenlosen aber legalen hören von Internetradio. Natürlich nutzt Ihr auch Skype und Google-Hangout, weil Ihr mit Euren Freunden in anderen Ländern kommuniziert. Natürlich mag dies alles nicht von allen Menschen auf diesem Weg genutzt werden – aber es beschreibt z.B. meine Nutzung des Internets. Selbst wenn das Streaming und die Nutzung der Videokonferenz-Tools nicht die von der Telekom genannte Datenmenge erreichen sollte, ab der die Geschwindigkeit gedrosselt werden soll. Spätestens wenn ich einen neuen PC kaufen sollte, der dann die Daten von Dropbox, Steam etc. runterladen müsste, hätte ich ein Problem.

Aber warum kann so etwas überhaupt passieren? Es gibt viele verschiedene Gründe und ich möchte die benennen, die m.E. am wichtigsten sind. Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach darin, dass wir bis heute keinen nationalen Plan für den Auf- und Ausbau der digitalen Infrastruktur haben. Im Gegenteil die Politik verschläft in der Breite bis heute die digitale Revolution. Noch immer gibt es in Deutschland Gebiete, die nicht in ausreichender Geschwindigkeit an das Internet angeschlossen sind. Dabei muss das nicht sein. Wie Ihr wisst war ich vor kurzem auf einer Forschungsreise in Ost-Asien. Dabei habe ich auch und vor allem Süd-Korea besucht. Dort hat man schon Ende der 90er Jahre einen anderen Weg eingeschlagen. Das Land steckte 1997 in der Asienkrise und die Regierung suchte nach einem Ausweg aus der Krise. Moderne Kommunikations- und Medientechnologien wurden als große Chance angesehen. Aus diesem Grund wurde beschlossen, in kurzer Zeit die dafür notwendigen Rahmenbedienungen zu schaffen. Es wurde sehr viel Geld in die Hand genommen. Es ging um Zugang zum Internet an möglichst jedem Ort und für jeden Bürger. Kernelement dieser Strategie war der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Nach wenigen Jahren verfügten fast alle Süd-Koreaner über einen Breitband-Internet-Anschluss. Breitband-Internet ist nicht zu vergleichen mit dem Pseudo-DSL in Deutschland… Parallel dazu wurden 30.000 Internet-Cafes eröffnet. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Digitalisierung einer ganzen Gesellschaft. Während es also in Deutschland nette Konferenzen und Berichte gibt, werden in anderen Ländern Fakten geschaffen. Aber damit nicht genug. Die Internet-Cafes entwickelten sich zunehmend in neue soziale Zentren. 1998 wurde dann das Computerspiel „Starcraft“ veröffentlicht. Dieses Spiel hatte in sehr kurzer eine riesige Fangemeinde Im wesentlichen ging es dabei um den sog. Multiplayer-Modus, bei dem man nicht gegen den Computer sondern gegen einen echten Menschen spielt. Die Aufgabe des Spielers ist es, das Lager des jeweils anderes Spielers zu erobern. Hierfür müssen zuerst die passenden Einheiten produziert und dann mit der Eroberung des gegnerischen Lagers begonnen werden. Es ist ein Echtzeit-Strategie-Spiel – und es macht sehr großen Spass. Die Regierung Süd-Koreas erkannte den Erfolg des Spiels und das damit verbundene Potential. Es gab nicht den klassisch deutschen Kultur- und Technologie-Phobie-Reflex. Im Gegenteil, die koreanische Regierung entschied, das Spielen des Spiels und vieler weiterer Spiele aktiv zu fördern. Der Grund war einfach und genial: wenn Gaming eine Möglichkeit war, die Digitalisierung der koreanischen Bevölkerung voranzutreiben, dann muss man es aktiv fördern. Es gibt eine Vielzahl an positiven Konsequenzen aus diesem Ansatz. Die Nutzung moderner Kommunikations- und Medientechnologien ist in der koreanischen Gesellschaft in allen Altersklassen weit verbreitet. Süd-Koreas ist zudem zum größten Kultur-Exporteur aufgestiegen. Unternehmen wie Samsung oder LG stehen für einzigartige Erfolgsgeschichten. Natürlich gibt es in Korea auch negative Konsequenzen. Aber das Beispiel zeigt dass es möglich ist, mit einem Masterplan für eine funktionierende digitale Infrastruktur zu sorgen. Und es zeigt, dass sich daraus eine Vielzahl an positiven Konsequenzen ergeben können. Ein derartiger Masterplan ist in Deutschland nicht vorhanden. Dies betrifft sowohl die privaten Haushalte als auch den öffentlichen Sektor wie z.B. die Kultur- und Bildungsinstitutionen.

Zu einem Masterplan gehört aber nicht nur der Ansatz, jedem Mitbürger seinen eigenen Breitband-Internetanschluss zu ermöglichen. Es ist ebenso wichtig, die Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie die öffentliche Verwaltung endlich in der Breite in der digitalen Welt zu verankern. Hier haben gerade die Bibliotheken wirklich Pionierarbeit geleistet. Vor allem die öffentlichen Bibliotheken trauen sich mehr und mehr aus dem klassischen digital-analogen Bestandsgeschäft heraus und beginnen mit neuen Services und Angeboten in Bereichen wie z.B das mobile Internet oder natürlich Social-Media. Vor allem im Vergleich zu öffentlichen Bibliotheken in Ländern wie Japan oder Süd-Korea kann man erkennen, wie weit manche deutsche Bibliotheken schon gekommen sind. Wenn alles gut geht, werde ich zur Gamescom ein paar meiner neuen Gesprächspartner aus Asien in Deutschland begrüßen können die ausdrücklich darum gebeten haben, dass ich mit Ihnen Bibliotheken und kleine und mittelständische Unternehmen besuche. Auch in den Museen und vielen weiteren Kulturinstitutionen sind erste Schritte zu erkennen und es bleibt zu hoffen, dass dies zarten Innovation-Pflänzlein wachsen und gedeihen. Trotzdem befindet sich der Kultur- und Bildungssektor immer noch am Anfang der Reise. Noch immer sind wir das Land in dem gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen. Noch immer gibt es an Schulen Smartphone-Verbote. Gleiches gilt für die Unternehmen. Zwar kann man auch hier viele interessante Ansätze entdecken. Von einer breiten Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten kann aber auch hier nur selten sprechen. Dabei wird die digitale Welt in den nächsten Jahren einen weitaus größeren Einfluss auf unsere Unternehmen haben, als es Unternehmer erahnen. Dies betrifft aber nicht nur den Bereiche Marketing/Kommunikation. Themen wie Organisationsentwicklung, Projektmanagement, Wissensmanagement, Innovationsmanagement etc. werden zunehmend durch die digitale Welt verändert und weiter entwickelt werden.

Am wichtigsten jedoch ist aber – und dies haben viele meiner Kollegen und ich schon so oft gesagt – das Verstehen, dass es sich bei der digitalen Welt nicht um Technologien sondern um eine völlig neue Kultur handelt. Es geht also weniger um Plattformen und Software sondern vielmehr um eine neue Art zu Denken und zu Arbeiten. Wenn die Telekom beginnt, die Internetgeschwindigkeit zu drosseln, dann erdrosselt sie letztlich das Weiterkommen unserer Kultur. Sie spaltet unsere Gesellschaft in zwei Gruppen: diejenigen, die es sich leisten können, die digitale Welt zu nutzen, mit ihr zu arbeiten, sich weiter zu bilden, sich zu vernetzen etc. und diejenigen, die ausgesperrt sind. Ein Grund mehr, warum ich gerade vom Deutschen Kulturrat, der Kulturpolitischen Gesellschaft und dem Kulturstaatsminister einen lauten Aufschrei erwartet hätte – oder ist diesen drei so wichtigen Institutionen die digitale Welt ein Dorn im Auge? Das ungeliebte Un-Kultur-Kind?

Aber die Kritik kann sich nicht alleine auf die „klassische“ Politik beziehen. Die aktuelle Situation zeigt auch den Netzaktivisten und Netzpolitikern ihre Grenzen auf. Zwar ist Netzpolitik mehr und mehr akzeptiert und die Enquete-Kommision des Bundestages zum Thema sowie weitere Konferenzen und Projekte sind durchaus als Erfolge zu werten. Jedoch wurde es bis heute nicht geschafft, die „breite Masse“ der Bevölkerung zu sensibilisieren. Die Piraten-Partei ist zu einem pseudo-politischen Kindergarten verkommen. Die anderen Protagonisten wirken auf viele Menschen vielleicht nerdig oder exotisch aber der Aufschrei beim Wechsel von Mario Götze vom BVB zum FCB war weitaus größer als die Reaktion auf die Entscheidung der Telekom. Wir haben es nicht geschafft, der breiten Bevölkerung aufzuzeigen, wie wichtig das Netz ist und welche Möglichkeiten sich daraus resultierend ergeben. Man winkt mit Schuhen vor dem Schloss Bellevue um einen Bundespräsidenten zu vertreiben – aber wie viele Menschen demonstrieren vor der Telekom-Zentrale? Wer Facebook oder Google gefährlich findet, müsste doch jetzt erst recht Angst vor bzw. Wut auf die Telekom haben. Die Telekom möchte eine Abhängigkeit zu ihren Services schaffen. Ihre Streaming-Angebote sind natürlich von der Drosselung ausgeschlossen. Da man es also nicht geschafft hat, gute und erfolgreiche Produkte zu entwickeln, die von den Menschen in ausreichender Form nachgefragt werden, versucht man es jetzt mit der Peitsche.

Noch können wir hoffen. Noch kann es sein, dass die anderen Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, um der Telekom Marktanteile abzunehmen. Wir können hoffen, dass das Nicht-Internet keine Realität wird. Dafür müssen die Konkurrenten der Telekom aber darauf verzichten, dass Geschäftsmodell der Telekom zu übernehmen. Und natürlich haben wir Verbraucher vielfältige Möglichkeiten um unseren Unmut zu zeigen. Zum Einen sollten möglichst viele Menschen überlegen, ob es nicht doch eine Alternative zu einem Anschluss der Telekom gibt. Des weiteren müssen wir dafür sorgen, dass öffentliche Räume wie Bibliotheken, Verwaltungen, Museen, Schulen, Universitäten etc. freies WLAN anbieten. Wir müssen aber auch und vor allem verstehen und einsehen, dass die fetten Jahre vorbei sind. Nun wird es darum gehen, unsere analog-digitale Zukunft zu gestalten. Wenn Unternehmen wie die Telekom so weiter machen wird das Netz nutzlos werden. Das mag die Technikskeptiker und Digitale-Kultur-Feinde vielleicht insgeheim freuen. Für den Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland wäre es eine Katastrophe.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Lernen in Zeiten von Social-Media und iPads – Vortragsreihe mit Michael Stephens (USA)

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch eine ganz besondere Veranstaltung empfehlen. In zwei Wochen kommt der US-amerikanische Speaker Michael Stephens nach Deutschland. Michael Stephens beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie neue Kommunikations- und Medientechnologien das Lernen und Arbeiten in der Zukunft verändern werden.

Seit 2009 bin ich ehrenamtlich im Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. aktiv. Im Rahmen dieser Arbeit haben wir zusammen mit unserem Kooperationspartner der US-Botschaft Berlin schon 2010 Michael Stephens nach Deutschland holen können. Damals ging es um einen Vortrag auf dem Bibliothekskongress in Leipzig:

Ich freue mich sehr, dass wir zusammen mit der US-Botschaft erneut die Möglichkeit haben, Michael Stephens nach Deutschland zu holen. Dieses mal werden wir eine kleine Deutschlandtournee veranstalten.

Die Termine und Orte sind:

22.10.2012 Ort: Berlin Zentral- und Landesbibliothek/Berlin-Mitte/Berlin-Saal Breite Str. 36, 10178 Beginn 20:00h

23.10.2012: Ort: Frankfurt/Main Nationalbibliothek Sitzungssal der Generaldirektion Deutsche Nationalbibliothek Adickesallee 1 D-60322 Frankfurt am Main Beginn 19:00h

25.10.2012: Ort: Köln Fachhochschule Köln Hörsaalgebäude in der Claudiusstraße 1, 50678 Köln Beginn: 19:30h  Achtung: die Veranstaltung in Köln beginnt schon um 19:00h Das Anmeldeformular findet Ihr hier: http://www.fbi.fh-koeln.de/vortraege/anmeldungen.php

26.10.2012: Ort: Hamburg TU Hamburg-Harburg Beginn 17:00h Weitere Informationen zur Veranstaltung an der TU Hamburg-Harburg findet Ihr hier.

Ich möchte Euch alle einladen, eine der Veranstaltungen zu besuchen. Die Teilnahme ist kostenlos!! Die Veranstaltung eignet sich für alle Menschen aus dem Kultur- und Bildungsektor. Bitte tragt diese Informationen in Eure Netzwerke….

Beste Grüße

Christoph Deeg