Digital-Analoge Widersprüche Teil 2 – Suchen und Finden vs. nicht gefunden werden wollen

Liebe Leser,

ja, es ist schon faszinierend, was die digitale Welt aus „uns“ macht. Noch immer wird im Zusammenhang mit der digitalen Welt von „Neuen Medien“ gesprochen. Und noch immer finde ich das ziemlich belustigend. Wahrscheinlich werden wir auch noch in 100 Jahren bei Internet und Gaming von neuen Medien sprechen. Die Technologien, die dann auf den Markt kommen heißen dann vielleicht „Neue Medien 2.0“ oder „Noch neuere Medien“ etc. Dabei ist nur die Technologie neu. Das was die Menschen damit machen, ist letztlich gesehen alt: Sie kommunizieren, spielen, basteln, streiten etc. oder anders ausgedrückt: sie verhalten sich menschlich und daraus resultiert: das Internet ist menschlich.

Und wie es bei allen Menschen so ist, haben auch sehr viele Menschen sehr viel Angst vor allem möglichen, was da in der digitalen Welt passieren könnte. Das führt mitunter zu faszinierenden Ergebnissen. Im diesen Beitrag geht es um die Frage, ob man im Netz gefunden werden möchte oder nicht. Das Ergebnis ist bekannt: Manche Menschen möchten unbedingt verhindern, dass Sie im Netz gefunden werden. Hierfür nehmen diese Menschen einiges auf sich. So müssen sie kontinuierlich aufpassen, dass sie auf keinem Bild erscheinen, welches im Netz veröffentlicht wird. Und sie müssen intensiv darauf achten, dass Ihr Name nicht im Netz auftaucht. Es gibt natürlich Experten und Berater sowie öffentlich beauftragte Personen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man auf keinen Fall im Netz gefunden wird bzw. wie man einen Eintrag wieder los wird. Und dann gibt es die andere Gruppe von Menschen, die nun ihrerseits alles tun, damit sie unbedingt im Netz gefunden werden. Ihnen ist es extrem wichtig, im Netz nicht übersehen zu werden. Deshalb gibt es auch eine Menge Berater und Experten sowie öffentlich beauftragte Personen, die dafür sorgen sollen, dass man auf jeden Fall gefunden wird.

Interessant ist dabei: Es gibt zwar ein Recht zu vergessen, also ein Recht, dass man im Netz nicht zu finden ist. Aber warum gibt es kein Recht darauf, im Netz gefunden zu werden? Wäre das nicht ausgleichende Gerechtigkeit?

So oder fürchten beide Seiten etwas, was mit der digitalen Welt gar nichts zu tun hat. Die einen fürchten negative Folgen durch Menschen, wenn sie gefunden werden und die anderen fürchten ebenso negative Folgen durch Menschen, wenn sie nicht gefunden werden. In beiden Fällen geht es um das Verhalten von Menschen und nicht um das Verhalten von Plattformen im Netz. Und deshalb ist es letztlich nicht sinnvoll, über Ethik und Moral im Netz zu diskutieren, wenn man dabei die analoge Welt vergisst. Das Netz tut nichts, es ist einfach da. Die Menschen sind diejenigen, die aktiv sind und so geht es letztlich um die uralte Frage: Wie wollen wir miteinander leben?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Der digitale Bildungs-GAU und was wir dagegen tun sollten…

Liebe Leser,

im Bereich der digitalen Welt ist in den letzten Wochen wieder Einiges passiert. Neben der Geheimdienst-Datenschutzaffäre ist vor allem die Diskussion um das Facebook- bzw. Social-Media-Verbot für Lehrer in einigen Bundesländern ein spannendes Thema. Ich habe bereits über das Thema geschrieben. In diesem Beitrag möchte ich jedoch auf ein paar Punkte eingehen, die meiner Meinung nach in der Diskussion zu wenig diskutiert wurden.

Beginnen wir mit ein paar grundsätzlichen Gedanken:

  1. Die digitale Welt ist eine Welt voller Chancen und Möglichkeiten – sie ist nicht nur eine Welt voller Gefahren und Risiken
  2. Der kompetente Umgang mit sozialen Medien bedeutet nicht nur die Vermeidung von Gefahren sondern vor allem das Verstehen und konsequente Nutzen der verschiedenen Werkzeuge – ganz egal ob es sich dabei um Wikis, Facebook, Twitter, Google+, Evernote, Pinterest oder WordPress handelt. Alle Seminare, Workshops und Vorträge, die sich primär oder ausschließlich mit der Frage nach Gefahren und Risiken beschäftigen, sind sinnlos, denn Sie behandeln nur einen Teil des ganzen Themas
  3. Die digitale Welt ist kein fremder Planet. Sie ist Teil unserer Lebensrealität. Es ist dabei völlig egal, ob alle Menschen in diesem Land online sind oder nur 50%. Es ist auch völlig egal, wie man selber zu Facebook oder Twitter steht. Aber alle diese Plattformen sind Teil unserer Gesellschaft und es ist unsere Aufgabe, sie aktiv mit zu gestalten.
  4. Auch wenn Facebook, Twitter, Smartphones etc. in allen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen verboten werden würden. Ihr massenhafte Nutzung wird sich dadurch nicht verhindern lassen. Das bedeutet, wenn Lehrer mit Ihren Schülern nicht in Facebook-Gruppen arbeiten dürfen, wird dies nicht verhindern, dass sich die Schüler in solchen Gruppen z.B. über Lehrinhalte austauschen werden.

Natürlich darf kein Schüler gezwungen werden, einen Account bei Facebook oder Twitter anzulegen. Und natürlich sollen Lehrer auf Facebook mit Ihren Schülern nicht „befreundet“ sein. Ebenso sollen Lehrer keine Schulnoten oder andere Inhalte über Facebook verbreiten. Die Richtlinien und Verbote einiger Bundesländer gehen aber weit darüber hinaus und sie zeigen zudem, wie wenig diese „Bildungspolitiker“ von der digitalen Welt verstehen. Wie ließe sich sonst erklären, dass in einigen dieser Richtlinien sogar das gegenseitige Folgen (zwischen Lehrer und Schülern) auf Twitter verboten wird:-)

Kommen wir aber zurück zum Thema „Bildung und Lernen“. Auch wenn man es nicht glauben mag: Facebook, Twitter, Youtube und Co. sind nicht nicht nur Komunikationsplattformen. Sie sind ebenso die größten Bildungsplattformen auf diesem Planeten. Nicht nur in den Klassenräumen sondern ebenso im Internet wird global Wissen erschlossen, vermittelt, kommuniziert und weiter entwickelt. Die digitale Welt ist kein lustiges Freizeitvergnügen – sie ist Kommunikationsraum und Lernort zugleich. Und sie ist nicht(!) virtuell, sondern sie ist real. Wenn wir Lehrern verbieten, Teil dieser Welt zu werden, schließen wir sie nicht nur aus diesen Lernorten aus. Wir stigmatisieren damit auch die Lern- und Kommunikationswelt der Schüler. Verbote und Einschränkungen sagen nichts anderes aus als:“Wir wollen Eure Kommunikationswelt nicht“.

Schon lange bevor es Social Media etc. gab, genauer in den 70ern und 80ern wurde in pädagogischen Fachkreisen darüber diskutiert, ob es in einer modernen Informationswelt überhaupt noch um das Lernen von Fakten gehen kann. Muss Schule gerade in heutiger Zeit nicht vor allem dafür sorgen, dass die Schüler lernen, mit dieser digitalen Informationswelt umzugehen? Versteht mich nicht falsch. Natürlich sollen Schüler Lesen, Schreiben, Rechnen lernen. Aber das reicht nicht mehr.

Die digitale Welt ist keine Parallelwelt. Die digitale Welt ist menschlich. Die Inhalte, die Kommunikation, alles das ist von Menschen gemacht. Innerhalb von ein paar Jahren ist Google zu einem Verb geworden und mit der Wikipedia wurde die weltgrößte Enzyklopädie von Menschen in deren Freizeit erstellt. Unser technisches Wissen verdoppelt sich aktuell alle zwei Jahre und in einer Stunde werden beinahe 3.000 Stunden Videomaterial zu Youtube hochgeladen. Was macht Schule damit? Weder Lehrer noch Bibliothekare noch irgendjemand anderes ist in der Lage diese Datenmengen zu überblicken. Aber heute und noch mehr in der Zukunft wird der Umgang mit diesen Plattformen ein elementarer Bestandteil der Arbeitswelt sein.

Aber es geht nicht nur um Daten auf Servern. Das Social Web steht weniger für Technologien als vielmehr für eine neuen Kultur bzw. neue Denk- und Arbeitsweisen. Es geht um neue Formen gemeinsam zu Arbeiten und zu Lernen. Es geht um neue Berufe. Es geht um neue Sozialsysteme. Es geht um neue Hierachiemodelle und neue Formen der Zusammenarbeit. Das alles ist keine Science Fiction. Es passiert hier und jetzt und es ist längst kein Nischenthema mehr. Schule kann und muss die Schüler auf diese Zukunft vorbereiten. Tut sie das nicht, ist sie letztlich wertlos.

Nun mag man einwenden, dass man diese Denkmuster auch ohne Facebook und Twitter erlernen kann. Schließlich kann auch mit einem Wiki lernen, wie man Inhalte teilt, diskutiert und wie man offen, interaktiv und transparent handelt. Aber dies ist ein Denkfehler. Auf Facebook, Twitter und Co. Findet sowohl die private als auch die berufliche bzw. schulische Kommunikation zwischen den Schülern statt. Und die Nutzung dieser Plattformen verändert sich stetig. Ob Facebook in fünf Jahren noch die gleiche Relevanz hat und auf welche Art und Weise die Plattform dann genutzt wird, kann heute niemand sagen. Aber die Vernetzung der Kommunikation mit dem Lernen ist ein Bestandteil des Lernens – ob und das gefällt oder nicht.

Was bedeutet das?

Die Nutzung der digitalen Welt muss ein Bestandteil des Lernens an Schulen werden. Am besten wäre es, wenn es keine(!) Seminare zu Facebook und Co. geben würde, sondern stattdessen die sozialen Medien in ihrer Breite zu einer Querschnittsfunktion des Unterrichts werden würden.

Lernen ist kein individueller Prozess. Er findet in individuellen Lernnetzwerken statt. Zu diesen Netzwerken gehören sowohl die Institutionen als auch Freunde bzw. das persönliche Netzwerk. Die Verbindung zwischen diesen Elementen der Lernnetzwerke ist in zunehmendem Maße die digitale Welt. Schließen wir die digitale Welt aus den Schulen bzw. dem Unterricht aus. Es geht also nicht um die Frage, ob ein Lehrer auf Facebook mit Schülern befreundet ist – er sollte es auf keinen Fall! Es geht vielmehr um die Frage, ob Schule auch in Zukunft eine Verbindung mit der Lebensrealtität der Menschen haben soll oder nicht. Es geht dabei aber nicht um die Institutionen sondern um das Lernen an sich.

Was also muss passieren?

Wir müssen die vorhandenen Lernnetzwerke, zu denen nicht nur Schulen sondern auch die Eltern und Institutionen wie Bibliotheken gehören, zu einem Teil der digitalen Welt machen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Ressourcen mit denen Lehrer und Schüler arbeiten online verfügbar und zudem im Social-Web nutzbar sind. Datenbanken, deren Inhalte ich nicht teilen kann, machen in heutigen Lernwelten keinen Sinn mehr. Wenn Schulen in manchen Bundesländern auch weiterhin nicht Teil des Social Web werden dürfen, müssen wir Netzwerke aufbauen, in denen die Schüler bei der Nutzung von sozialen Medientechnologien unterstützt werden. Hierzu gehören Eltern, Jugendclubs und vor allem die Bibliotheken. Unterstützung heißt in diesem Fall Aktivierung, Support, gemeinsames Ausprobieren, Risikovermeidung etc. Der Fokus liegt dabei auf dem Aktivieren und dem gemeinsamen Ausprobieren. Sollten Bibliotheken und weitere Institutionen diesen Weg nicht gehen dürfen, werden Eltern und letztlich Unternehmen in diesem Bereich aktiv werden müssen. Ich weiß, dass dieser Gedanke für viele Leser problematisch ist. Die Angst vor der radikalen Kommerzialisierung unserer Gesellschaft ist groß und nachvollziehbar. Aber in wenigen Jahren werden die Anforderungen für Mitarbeiter in Unternehmen direkt mit der digitalen Welt zusammenhängen. Dies betrifft sowohl das Verstehen der Technologien als auch der damit verbundenen Denk- und Arbeitsweisen. Das Wissen und Verstehen der digitalen Welt und der damit verbundenen Kultur wird bei der Suche nach einem Arbeitsplatz bei einem Großteil der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Wenn unser Bildungssystem, wenn wir nicht in der Lage sind, Lernen an die Realität anzupassen werden die Folgen für alle tiefgreifend sein. Unternehmen suchen kompetente Mitarbeiter. Wenn Schulen und Universitäten wesentliche Kompetenzen nicht vermitteln dürfen oder wollen, werden Unternehmen in ihrem eigenen Interesse diese Lücke füllen müssen.

Besonders wichtig ist, dass wir alle die Lehrer, Bibliothekare etc., die bereits heute die digitale Welt in ihrer Breite aktiv nutzen, intensiv und aktiv unterstützen

Aus diesem Grund ist das Verhalten der Kultusministerien in den genannten Bundesländern nicht nur ärgerlich – es stellt ein Problem dar. Also wie sieht die Lösung aus, bzw. was werden wir nun tun?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Digitale Welten, Katzenvideos und das Recht einfach mal abzuhängen

Liebe Leser,

wir leben in verrückten Zeiten.  Die digitale Welt entwickelt sich und wenn wir uns selber und unser Umfeld beobachten,  erleben wir wie wenig digital unsere Gesellschaft bis heute geworden ist. Damit meine ich nicht nur die erschreckend schlechte Digitale Infrastruktur oder die Unfähigkeit eine Gesamtstrategie für die Digitalisierung unserer Gesellschaft zu entwickeln und zu realisieren. Mir geht es in diesem Beitrag um neue Denk- und Arbeitsweisen bzw. um eine neue Kultur. Zwei Dinge fallen mir immer wieder auf.

Da ist zum Einen die Arroganz und Ignoranz vieler Experten und Netzaktivisten. Immer wieder hat man das Gefühl es gäbe hier eine kleine Elite, die losgelöst vom Rest der Welt die digitale Deutungshoheit für sich beansprucht. Als vor ein paar Tagen unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet bzw. die digitale Welt als „Neuland“ bezeichnete war die Aufregung groß. Es brach ein regelrechter Shitstorm aus. Man tat so, als wäre diese Aussage ein Beleg für die Inkompetenz von Politikern im allgemeinen und von Frau Merkel im Speziellen. Nun bin ich weder ein Fan unserer Bundeskanzlerin noch bestreite ich, das die bundesdeutsche Politik große Schwierigkeiten hat, das Thema „Digitale Gesellschaft“ zu verstehen oder gar zu gestalten.  Ich kann aber nicht umhin festzustellen, das die Definition „Neuland“ für einen Großteil der Bevölkerung immer noch gilt. Ok, wenn wir definieren, dass jeder der bei Facebook ist auch alles über die digitale Welt weiß, dann ist es in der Tat kein Neuland mehr. Wenn ich aber sehe wie wenig viele Menschen in meinen Workshops über digitale Medien wissen,  wenn ich sehe wie gering das Verständnis vieler Unternehmen und Institutionen bezüglich der digitalen Welt ist, wenn ich erlebe, dass wir bis heute keine Vision für eine digital-analoge Gesellschaft haben, wenn ich sehe, wie viele tolle kreative Menschen für ihre Institution oder ihr Unternehmen etwas in der digitalen Welt bewegen möchten und doch an den Strukturen und Denkweisen in der analogen Welt scheitern, dann würde ich sagen es ist wirklich und noch immer Neuland.

Da ist zum Anderen eine etwas problematische Sichtweise gegenüber Lebensrealitäten. Ein oft gehörtes Argument gegen die digitale Welt ist die Zeitverschwendung. Die Idee dahinter ist die, dass viele Menschen anscheinend im Netz nur sinnlose Inhalte austauschen.  Katzenvideos, Chats,  Communitys etc. dies alles ist so herrlich ineffizient. Hinter dieser Kritik steckt eine extreme Fokussierung auf bzw. der Wunsch nach effizienten Arbeitsabläufen. Gleichzeitig wünscht man sich sehr oft, mehr Zeit zu haben. Viele Menschen haben das Gefühl, sie wären dauergestresst. Sie wünschen sich mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Raum um Mensch zu sein. Manchmal steht dann die digitale Welt für den Stress und den Druck. Ich kann das alles gut verstehen aber ich sehe hier ein Paradoxon. Die Generation der Eltern deren Kinder heute zur Schule oder zur Uni gehen, ist die, die zugelassen hat, dass die Lern- und Arbeitswelt Ihrer Kinder einem Effizienz-Wahn unterliegt.  Die Kids sollen immer schneller lernen.  Schule und Studium gleichen einem Marathon. Man soll lernen und nicht reifen. Man soll effizient sein und keine Fehler machen. Effizienz ist alles. Was aber ist so schlimm daran wenn mal ein bisschen abhängt?  Was ist so schlimm daran,  wenn man mit seinen Freunden via Chat kommuniziert? Was ist so schlimm daran,  das man sich Katzenvideos ansieht?  Sind denn Volksmusik, Quiz-Shows etc. besser als Katzenvideos?  Reicht es nicht, dass man das Lernen und Arbeiten von Kindern,  Jugendlichen und jungen Erwachsenen kontrolliert und in ein starres Korsett presst? Muss jetzt auch noch das Freizeitverhalten der jungen Generation verändert und reglementiert werden?  Und ist diese Elterngeneration wirklich so erfolgreich? Ist es nicht die Burn-Out-Generation, die Generation in der beinahe jede zweite Ehe scheitert, die Generation, der Geld und Konsum wichtiger ist als der Schutz unserer Umwelt? Und diese Generation möchte ihren Kindern vorschreiben, wie sie moderne Kommunikation- und Medientechnologien nutzen sollen – obwohl diese Elterngeneration in der Breite diese Technologien noch nicht einmal versteht?

So gesehen können wir meiner Meinung nach nur hoffen, dass unsere Kinder weiterhin Katzenvideos teilen und Spiele spielen, dass sie sich das Recht rausnehmen Zeit online zu verschwenden.  Dass sie chatten und posten was das Zeug hält. Und unserer Generation bleibt zu wünschen, von unseren Kindern zu lernen.  Nicht nur wie man Facebook bedient, sondern auch wie man Spass damit hat.

Beste Grüße Christoph Deeg

Update: ich habe diesen Beitrag auf meinem Smartphone geschrieben. Daraus resultieren ein paar kleine Fehler. Ich habe die Fehler nachträglich behoben….

Die Legende von König Drossel-Bart – oder wie die Telekom das Nicht-Internet einführt

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug nach Hildesheim. Heute startet mein neues Seminar an der Universität Hildesheim zum Thema Social-Media, Kulturvermittlung und Kulturmarketing. Ich bin gespannt, was mich dieses mal erwartet. Normalerweise backe ich immer einen Kuchen für meine Studenten aber in diesem Semester wird das nur schwer möglich sein. Immerhin haben sich 86 Studenten für das Seminar anmeldet, was nebenbei bedeutet, dass ich meine Konzept für das Seminar mal eben neu durchdenken musste.

Nun gut, wer etwas ausprobiert muss auch flexibel sein – das gilt auch für die Arbeit in der digitalen Welt. Die digitale Welt ist kein Ort für standardisierte Verwaltungsabläufe. Es geht um Kommunikation zwischen Menschen und nicht um Netzwerke zwischen Maschinen. Genauer gesagt ist die digitale Welt menschlich – in vielen Punkten sogar menschlicher als unsere sog. „Realität“.

Flexibilität hat aber auch ihre Grenzen. Spätestens dann, wenn einem die Ressourcen entzogen werden. Wenn man im ICE von Berlin nach Hildesheim fährt kann man dies am eigenen Leib spüren. Kurz hinter Berlin-Spandau ist eine Internetverbindung via UMTS kaum noch möglich. Ok, ab und zu schafft es eine kleine Mail durch die GPRS-Verbindung aber das war’s dann auch schon. Man kann es ertragen, denn man weiß ja: irgendwann kommt jeder Zug – ich meine wirklich jeder – der Bahn an seinem Ziel an. Wann und in welchem Zustand ist sicher eine andere Geschichte, aber da gerade kein Schnee liegt und es zudem zu kalt für einen Klimaanlagenausfall ist, werden es sicherlich nur wenige Minuten sein:-)

Kommen wir aber zurück zum Internetzugang. Wie gesagt, man weiß, irgendwann kommt man an seinem Reiseziel an und da wird es irgendwo einen Starbucks oder ähnliches geben, wo man kostenlos WLAN nutzen kann. Würde man dieses Nicht-Internet auch zu hause haben, hätte man ein großes Problem. Aber das wird ja nicht passieren – dachten wir alle bis die Telekom entschied eine Datendrosselung in ihre Neu-Verträge aufzunehmen. Nun ist die Telekom m.E. nicht gerade das modernste und innovativste und schon gar nicht das kundenfreundlichste Unternehmen, aber mit so einer Entscheidung hatte ich nun nicht gerechnet. Natürlich gab es in den letzten Monaten und Jahren erste Anzeichen. Die Netzneutralität, also die Tatsache, dass im Internet alle Daten gleich behandelt werden bzw. gleich schnell transportiert werden, wurde immer wieder in Frage gestellt. Und natürlich bedeutet das nicht, dass nun alle Anbieter von Internetanschlüssen den selben Weg gehen. Aber es ist ein deutliches Zeichen, dessen negative Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Es ist wirklich faszinierend. Der ehemalige Staatskonzern Telekom stellt sich gegen die Bevölkerung des Landes in dem er gegründet wurde. In vielen Sicherheitsbehörden werden die Abteilungen für Cyber-Kriminalität aufgestockt. Die Angst vor einem Cyber-Krieg macht die Runde. Die digitale Infrastruktur einer Nation wird bestmöglich geschützt. Die Telekom kann sich hier ganz legal in eine Richtung bewegen, die einen viel größeren Schaden anrichten könnte als alle möglichen Cyber-Attacken zusammen.

Die Argumentation der Telekom klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da das Datenvolumen im Netz ständig steige, müsse man ein anderes Geschäftsmodell entwickeln. Ansonsten würden die Kosten für die Telekom zu sehr steigen bzw. das Internet verstopfen. Dieses Argumentation ist nicht neu – und sie ist ein großer Blödsinn. Das Problem ist nicht die stetig wachsende Menge an Daten, sondern die offensichtliche Inkompetenz derer, die sich mit der digitalen Infrastruktur beschäftigen. Nun behauptet die Telekom, die meisten Nutzer würden von der Drosselung gar nichts merken, da sie das Grenzvolumen nicht erreichen würden. Das ist schon putzig. Die Steigerungen im Datenvolumen des Internets sind das Ergebnis neuer Services. Immer mehr Menschen nutzen z.B. Streaming-Angebote für Videos und Musik oder Cloudcomputing. Technologien wie das „Internet of things“ werden weiteres Datenvolumen erzeugen. Und was ist mit dem Thema Gaming? Das Datenvolumen jedes einzelnen Bürgers wird früher oder später massiv steigen – es sein denn wir wandern ab ins Nicht-Internet und beschränken uns auf Textnachrichten. Ein konkretes Beispiel gefällig?

Angenommen Ihr nutzt Dropbox um Eure Dateien online zu speichern und zu sichern. Vielleicht spielt Ihr auch Computerspiele am PC und habt Eure Gaming-Bibliothek bei Steam. Zudem nutzt Ihr die Amazon-Cloud um Eure Musik-Sammlung zu speichern und natürlich habt Ihr eine XBOX360 oder eine PS3 mit der Ihr nicht nur spielt sondern auch Videos streamt – z.B. mit Lovefilm oder Maxdome. Dann macht Ihr ab und zu Videos, die Ihr auf Youtube hochladet und Ihr nutzt Shoutcast und Icecast zum kostenlosen aber legalen hören von Internetradio. Natürlich nutzt Ihr auch Skype und Google-Hangout, weil Ihr mit Euren Freunden in anderen Ländern kommuniziert. Natürlich mag dies alles nicht von allen Menschen auf diesem Weg genutzt werden – aber es beschreibt z.B. meine Nutzung des Internets. Selbst wenn das Streaming und die Nutzung der Videokonferenz-Tools nicht die von der Telekom genannte Datenmenge erreichen sollte, ab der die Geschwindigkeit gedrosselt werden soll. Spätestens wenn ich einen neuen PC kaufen sollte, der dann die Daten von Dropbox, Steam etc. runterladen müsste, hätte ich ein Problem.

Aber warum kann so etwas überhaupt passieren? Es gibt viele verschiedene Gründe und ich möchte die benennen, die m.E. am wichtigsten sind. Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach darin, dass wir bis heute keinen nationalen Plan für den Auf- und Ausbau der digitalen Infrastruktur haben. Im Gegenteil die Politik verschläft in der Breite bis heute die digitale Revolution. Noch immer gibt es in Deutschland Gebiete, die nicht in ausreichender Geschwindigkeit an das Internet angeschlossen sind. Dabei muss das nicht sein. Wie Ihr wisst war ich vor kurzem auf einer Forschungsreise in Ost-Asien. Dabei habe ich auch und vor allem Süd-Korea besucht. Dort hat man schon Ende der 90er Jahre einen anderen Weg eingeschlagen. Das Land steckte 1997 in der Asienkrise und die Regierung suchte nach einem Ausweg aus der Krise. Moderne Kommunikations- und Medientechnologien wurden als große Chance angesehen. Aus diesem Grund wurde beschlossen, in kurzer Zeit die dafür notwendigen Rahmenbedienungen zu schaffen. Es wurde sehr viel Geld in die Hand genommen. Es ging um Zugang zum Internet an möglichst jedem Ort und für jeden Bürger. Kernelement dieser Strategie war der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Nach wenigen Jahren verfügten fast alle Süd-Koreaner über einen Breitband-Internet-Anschluss. Breitband-Internet ist nicht zu vergleichen mit dem Pseudo-DSL in Deutschland… Parallel dazu wurden 30.000 Internet-Cafes eröffnet. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Digitalisierung einer ganzen Gesellschaft. Während es also in Deutschland nette Konferenzen und Berichte gibt, werden in anderen Ländern Fakten geschaffen. Aber damit nicht genug. Die Internet-Cafes entwickelten sich zunehmend in neue soziale Zentren. 1998 wurde dann das Computerspiel „Starcraft“ veröffentlicht. Dieses Spiel hatte in sehr kurzer eine riesige Fangemeinde Im wesentlichen ging es dabei um den sog. Multiplayer-Modus, bei dem man nicht gegen den Computer sondern gegen einen echten Menschen spielt. Die Aufgabe des Spielers ist es, das Lager des jeweils anderes Spielers zu erobern. Hierfür müssen zuerst die passenden Einheiten produziert und dann mit der Eroberung des gegnerischen Lagers begonnen werden. Es ist ein Echtzeit-Strategie-Spiel – und es macht sehr großen Spass. Die Regierung Süd-Koreas erkannte den Erfolg des Spiels und das damit verbundene Potential. Es gab nicht den klassisch deutschen Kultur- und Technologie-Phobie-Reflex. Im Gegenteil, die koreanische Regierung entschied, das Spielen des Spiels und vieler weiterer Spiele aktiv zu fördern. Der Grund war einfach und genial: wenn Gaming eine Möglichkeit war, die Digitalisierung der koreanischen Bevölkerung voranzutreiben, dann muss man es aktiv fördern. Es gibt eine Vielzahl an positiven Konsequenzen aus diesem Ansatz. Die Nutzung moderner Kommunikations- und Medientechnologien ist in der koreanischen Gesellschaft in allen Altersklassen weit verbreitet. Süd-Koreas ist zudem zum größten Kultur-Exporteur aufgestiegen. Unternehmen wie Samsung oder LG stehen für einzigartige Erfolgsgeschichten. Natürlich gibt es in Korea auch negative Konsequenzen. Aber das Beispiel zeigt dass es möglich ist, mit einem Masterplan für eine funktionierende digitale Infrastruktur zu sorgen. Und es zeigt, dass sich daraus eine Vielzahl an positiven Konsequenzen ergeben können. Ein derartiger Masterplan ist in Deutschland nicht vorhanden. Dies betrifft sowohl die privaten Haushalte als auch den öffentlichen Sektor wie z.B. die Kultur- und Bildungsinstitutionen.

Zu einem Masterplan gehört aber nicht nur der Ansatz, jedem Mitbürger seinen eigenen Breitband-Internetanschluss zu ermöglichen. Es ist ebenso wichtig, die Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie die öffentliche Verwaltung endlich in der Breite in der digitalen Welt zu verankern. Hier haben gerade die Bibliotheken wirklich Pionierarbeit geleistet. Vor allem die öffentlichen Bibliotheken trauen sich mehr und mehr aus dem klassischen digital-analogen Bestandsgeschäft heraus und beginnen mit neuen Services und Angeboten in Bereichen wie z.B das mobile Internet oder natürlich Social-Media. Vor allem im Vergleich zu öffentlichen Bibliotheken in Ländern wie Japan oder Süd-Korea kann man erkennen, wie weit manche deutsche Bibliotheken schon gekommen sind. Wenn alles gut geht, werde ich zur Gamescom ein paar meiner neuen Gesprächspartner aus Asien in Deutschland begrüßen können die ausdrücklich darum gebeten haben, dass ich mit Ihnen Bibliotheken und kleine und mittelständische Unternehmen besuche. Auch in den Museen und vielen weiteren Kulturinstitutionen sind erste Schritte zu erkennen und es bleibt zu hoffen, dass dies zarten Innovation-Pflänzlein wachsen und gedeihen. Trotzdem befindet sich der Kultur- und Bildungssektor immer noch am Anfang der Reise. Noch immer sind wir das Land in dem gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen. Noch immer gibt es an Schulen Smartphone-Verbote. Gleiches gilt für die Unternehmen. Zwar kann man auch hier viele interessante Ansätze entdecken. Von einer breiten Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten kann aber auch hier nur selten sprechen. Dabei wird die digitale Welt in den nächsten Jahren einen weitaus größeren Einfluss auf unsere Unternehmen haben, als es Unternehmer erahnen. Dies betrifft aber nicht nur den Bereiche Marketing/Kommunikation. Themen wie Organisationsentwicklung, Projektmanagement, Wissensmanagement, Innovationsmanagement etc. werden zunehmend durch die digitale Welt verändert und weiter entwickelt werden.

Am wichtigsten jedoch ist aber – und dies haben viele meiner Kollegen und ich schon so oft gesagt – das Verstehen, dass es sich bei der digitalen Welt nicht um Technologien sondern um eine völlig neue Kultur handelt. Es geht also weniger um Plattformen und Software sondern vielmehr um eine neue Art zu Denken und zu Arbeiten. Wenn die Telekom beginnt, die Internetgeschwindigkeit zu drosseln, dann erdrosselt sie letztlich das Weiterkommen unserer Kultur. Sie spaltet unsere Gesellschaft in zwei Gruppen: diejenigen, die es sich leisten können, die digitale Welt zu nutzen, mit ihr zu arbeiten, sich weiter zu bilden, sich zu vernetzen etc. und diejenigen, die ausgesperrt sind. Ein Grund mehr, warum ich gerade vom Deutschen Kulturrat, der Kulturpolitischen Gesellschaft und dem Kulturstaatsminister einen lauten Aufschrei erwartet hätte – oder ist diesen drei so wichtigen Institutionen die digitale Welt ein Dorn im Auge? Das ungeliebte Un-Kultur-Kind?

Aber die Kritik kann sich nicht alleine auf die „klassische“ Politik beziehen. Die aktuelle Situation zeigt auch den Netzaktivisten und Netzpolitikern ihre Grenzen auf. Zwar ist Netzpolitik mehr und mehr akzeptiert und die Enquete-Kommision des Bundestages zum Thema sowie weitere Konferenzen und Projekte sind durchaus als Erfolge zu werten. Jedoch wurde es bis heute nicht geschafft, die „breite Masse“ der Bevölkerung zu sensibilisieren. Die Piraten-Partei ist zu einem pseudo-politischen Kindergarten verkommen. Die anderen Protagonisten wirken auf viele Menschen vielleicht nerdig oder exotisch aber der Aufschrei beim Wechsel von Mario Götze vom BVB zum FCB war weitaus größer als die Reaktion auf die Entscheidung der Telekom. Wir haben es nicht geschafft, der breiten Bevölkerung aufzuzeigen, wie wichtig das Netz ist und welche Möglichkeiten sich daraus resultierend ergeben. Man winkt mit Schuhen vor dem Schloss Bellevue um einen Bundespräsidenten zu vertreiben – aber wie viele Menschen demonstrieren vor der Telekom-Zentrale? Wer Facebook oder Google gefährlich findet, müsste doch jetzt erst recht Angst vor bzw. Wut auf die Telekom haben. Die Telekom möchte eine Abhängigkeit zu ihren Services schaffen. Ihre Streaming-Angebote sind natürlich von der Drosselung ausgeschlossen. Da man es also nicht geschafft hat, gute und erfolgreiche Produkte zu entwickeln, die von den Menschen in ausreichender Form nachgefragt werden, versucht man es jetzt mit der Peitsche.

Noch können wir hoffen. Noch kann es sein, dass die anderen Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, um der Telekom Marktanteile abzunehmen. Wir können hoffen, dass das Nicht-Internet keine Realität wird. Dafür müssen die Konkurrenten der Telekom aber darauf verzichten, dass Geschäftsmodell der Telekom zu übernehmen. Und natürlich haben wir Verbraucher vielfältige Möglichkeiten um unseren Unmut zu zeigen. Zum Einen sollten möglichst viele Menschen überlegen, ob es nicht doch eine Alternative zu einem Anschluss der Telekom gibt. Des weiteren müssen wir dafür sorgen, dass öffentliche Räume wie Bibliotheken, Verwaltungen, Museen, Schulen, Universitäten etc. freies WLAN anbieten. Wir müssen aber auch und vor allem verstehen und einsehen, dass die fetten Jahre vorbei sind. Nun wird es darum gehen, unsere analog-digitale Zukunft zu gestalten. Wenn Unternehmen wie die Telekom so weiter machen wird das Netz nutzlos werden. Das mag die Technikskeptiker und Digitale-Kultur-Feinde vielleicht insgeheim freuen. Für den Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland wäre es eine Katastrophe.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Mein Vortrag zur Zukunft der Kulturvermittlung…

Liebe Leser,

vor ein paar Wochen durfte ich auf dem Symposium zur Kulturvermittlung der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent in Basel sprechen. Über diese tolle Konferenz habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Heute möchte ich Euch nun das Video zum Vortrag präsentieren. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis und ich freue mich über Eure Kritik..

Beste Grüße

Christoph Deeg