Brief an die digitalen Analphabeten

Liebe digitale Analphabeten,

hier schreibt kein Jugendlicher, kein jugendlicher Erwachsener, kein Kind. Ich bin aufgewachsen mit Telefonen, die eine Wählscheibe hatten. Mein erstes Handy kaufte ich glaube ich mit 20 Jahren. Meine Kindheit war analog – wenn wir mal diese heißen kleinen Gaming-Konsolen etc. herausrechnen. Ich bin kein Digital Native. Ich gehöre nicht zu der Generation, die Ihr gerne als solche bezeichnet, die aber von Euch in Eurer naiv-konservativ-analogen Welt gefangen gehalten wird, in der gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen.

Ihr digitalen Analphabeten versteckt Euch hinter pseudo-moralischen Ideen. Ihr behauptet, Ihr wollt die Gesellschaft schützen. Ihr verdammt den Fortschritt als unmenschlich. Ihr wollt diskutieren und in Euren Holzmedien über „den Menschen“ reden. Ihr redet von der Freiheit der Menschen und davon, dass Ihr diese Freiheit verteidigen wollt. Ihr schreibt Bücher wie „Payback“ und seid doch alles andere als Zurückzahlende oder Freiheitskämpfer. Voller Inkompetenz baut Ihr darauf, dass niemand das Gefängnis erkennt, in welches Ihr ganze Generationen einsperren wollt.

Ja, es hat sich etwas verändert. Ihr wolltet das nicht. Im Gegenteil, es war doch alles gut so wie es ist. Ihr hattet Eure Möglichkeiten und Euren Einfluss. Ihr hattet das goldene Kalb der Deutungshoheit. Es war alles so gut und so einfach. Und nun soll dies alles nicht mehr relevant sein? Ihr erlebt eine Welt, in der so etwas wie „Deutungshoheit“ eine Pointe in einem Witz geworden ist. Nein, Ihr habt die Deutungshoheit nicht an die digitale Welt verloren. Die digitale Welt zeigt Euch nur, dass es nie eine Deutungshoheit gab. Das mag wehtun – gewöhnt Euch daran.

Ich kann Euch verstehen. Ihr müsst alles verdammen, was nach Fortschritt aussieht. Ihr müsst alles tun, damit Eure Vision der digitalen Apokalypse nicht real wird, auch wenn es Euch nach meinem Gefühl weniger um „die Menschen“ oder „die Gesellschaft“ sondern vielmehr um Euch und Eure Macht geht.

Ihr habt lange gewartet. Zu lange gewartet. Längst sind Konzerne entstanden, die öffentliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich Ihr hättet übernehmen müssen. Aber Ihr wolltet lieber noch ein bisschen diskutieren. Das passt zu Euch: Viel reden – aber nichts entscheiden.

Und nun werden Euch Entscheidungen abgenommen. Nun beginnen die Menschen zu handeln. Eure Gesetze und Kolumnen waren eh nur für eine kleine Mini-Elite bestimmt, nun erreichen sie fast niemanden mehr. Ihr habt Euch verloren im Beobachten und Reden. Ihr, und nicht die Konsumenten habt die digitale Welt den kommerziellen Unternehmen überlassen. Und nun wollt Ihr eben diese Unternehmen für etwas bestrafen, was Ihr selber zu verantworten habt. Wo sind Eure Konzepte? Wo sind Eure Ideen? Wo sind Eure Visionen? Ist ein bisschen konservativ daher quasseln in Euren kleinen Holzmedien alles was Ihr könnt? Hattet Ihr nicht Zeit und Geld genug, um eigene Ideen und Modelle zu entwickeln?

Wo ist der Unternehmergeist in Deutschland geblieben? Macht es Euch nicht nervös, dass selbst die Kanzlerin mahnt, Ihr solltet euch mehr Mühe geben? Glaubt Ihr eine kleine Gruppe von Pseudo-Kultur-Propheten mit Ihren schwachen Feuilletons könnten Euch retten? Nein! Werdet endlich erwachsen. Wir brauchen keine digitale Präventionsgesellschaft. Wir brauchen keine Möchtegern-Kultur-Menschen, die im Digitalen nichts anderes als Gefahren sehen. Was Ihr nicht verstanden habt ist: diese digitale Welt wird von Menschen gestaltet. Und diese Menschen entwickeln eine neue Kultur, in der Ihr zu einem Auslaufmodell werdet. Nicht Google, Amazon und Facebook sind die Feinde sondern diejenigen, die die Menschen entmündigen, indem sie ihnen sagen, dass man diese digital-analoge Welt nicht gestalten könne.

Wir brauchen keine Verwalter – wir brauen Gestalter. Die digitale Welt ist vor allem eine unglaubliche Chance. Gewiss, sie ist auch voller Risiken. Aber das größte Risiko sind diejenigen, die aus ihrer pseudokulturellen Oase beobachten und richten. Hört auf zu diskutieren und beginnt zu gestalten. Wir brauchen keine Talk-Shows und Interviews. Wir brauchen Menschen, die diese Gesellschaft gestalten wollen.

Ruht Euch nicht auf Eurem vermeintlichen Alter aus. Sätze wie „ich bin bald in Rente und will mich damit nicht mehr beschäftigen“ sind die Aussagen asozialer Konservativer. Es ist egal wie alt man ist – man muss einfach nur bereit sein, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Nein, Ihr müsst keine digitalen Nerds werden. Niemand zwingt Euch einen Account bei Facebook und Co. zu eröffnen. Aber gebt denen den Raum und die Möglichkeiten, die sich auf den Weg in die digital-analoge Welt machen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir haben vor Euch ja auch keine Angst.

Also: wacht auf! Nutzt die Potentiale der Veränderung! Lasst uns die digitalen Angebote nutzen und gestalten. Und wenn Ihr das nicht wollt, dann schweigt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

9 thoughts on “Brief an die digitalen Analphabeten

  1. ich gehe mal davon aus, dass dieser Text eine Provokation sein soll – gut, kann man machen. zielführend ist das nicht. hört sich eher ein bisschen nach einem ich hau jetzt mal auf alles drauf, was mir nicht passt an, darin doch den Argumenten der, wenn man sie so bezeichnen soll, digitalanalphabetischen Gegenseite sehr ähnlich. und dann lese ich am Ende den Satz ‚Und wenn Ihr das nicht wollt, dann schweigt…‘ da fehlen einem in der Tat die Worte.
    Schade, Ziel verfehlt, Aggressionen aufgebaut – dabei ist es ein wichtiges Thema, das eine Diskussion und nicht eine Aneinanderreihung von gegenseitigen Invektiven wert sein sollte.
    enttäuschte Grüße, Kai

  2. Lieber Kai,

    also Aggressionen abgebaut habe ich keine;-) Und ich finde es schade, dass Du Dich über die Sprache oder die Form beschwerst. Denn an den Inhalten ändert das nichts. Und ja den Aufruf zu schweigen meine ich ernst, denn wir haben schon sehr sehr lange diskutiert und es ist sehr sehr wenig geschehen…

    Beste Grüße

    Christoph

    • naja, in meinen Augen geschieht am laufenden Band etwas, aber natürlich, das bewegt sich im Mikrobereich. Das liegt daran, dass wir alle Menschen sind. Und es hängt auch vom Gesellschaftssegment und tatsächlich auch vom Alter ab und vom Beharrungsvermögen der Menschen. Auch so ein banaler Spruch wie ‚Wat der Buer nit kennt, dat frisst er nit‘ spielt eine Rolle, da kann man machen, was man will. Andererseits arbeiten die Landwirte inzwischen auch hochtechnologisch. Bin da alles in allem nicht so pessimistisch, es braucht bloß Zeit – und dafür braucht man eben auch Geduld. Und keinesfalls irgendwelche Verbalinjurien, die andere, die aus welchen Gründen auch immer nicht mitkommen können oder wollen als Auslaufmodelle bezeichnet. Das empfinde ich als menschenverachtend. So, und ab jetzt Schweigen
      Schönen Gruß, Kai

  3. Pingback: Industrie 4.0 oder: Dem Ingeniör ist einiges zu schwör #HannoverMesse | www.ne-na.de

  4. Lieber Christoph,

    verdient jemand, der sich dem digitalen Fortschritt verweigert, tatsächlich das Etikett „asozial“? Und sind etwa umgekehrt die sogenannten sozialen Medien jetzt schon Garanten für soziales Verhalten? Dein „Brief an die digitalen Analphabeten“ scheint mir jedenfalls eher sozialdarwinistisch als sozial geprägt zu sein, so wie er sich fast schon triumphierend über die vermeintlichen Verlierertypen erhebt, die leider die Anpassung an unsere schöne neue durchdigitalisierte Lebenswelt versäumt haben. Überhaupt weckt der ganze antiintellektualistische Gestus Deines Textes bei mir ziemlich ungute Assoziationen zur Propaganda-Rhetorik gewisser Ideologien aus dem letzten Jahrhundert, es tut mir ja leid, das in dieser Deutlichkeit feststellen zu müssen.

    Der Autor des von Dir erwähnten Buches „Payback“ ist übrigens kein „digitaler Analphabet“. Vielmehr erweist er sich als ziemlich vertraut mit dem einschlägigen digitalen Instrumentarium und das nicht nur in der Theorie, sondern auch in der täglichen Praxis („Weder bin ich der Amish des Internet-Zeitalters noch ein technologischer Einsiedler“, stellt Frank Schirrmacher schon zu Beginn klar). Wo die Ideologie des Digitalismus dominiert, wird man natürlich gerne die Augen davor verschließen, dass sogar namhafte Computer- und Internetexperten sich nachdenklich, kritisch und besorgt zu den gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Technologien geäußert haben – eine Tradition, die vom Computerpionier Joseph Weizenbaum über Clifford Stoll bis zu Jaron Lanier reicht.

    Leicht erschütterte Grüße
    Martin

    • Lieber Martin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich glaube aber, Du hast mich mißverstanden – oder ich habe mich falsch ausgedrückt. Es geht überhaupt nicht darum, ob man sich persönlich dem digitalen oder einem anderen Fortschritt verweigert. Es ist aber m.E. nicht zu akzeptieren, wenn man gleichzeitig diejenigen, die in diesem Bereich aktiv werden wollen ausbremst, blockiert und deren Arbeit als irrelevant einstuft. Ich habe ja geschrieben, dass ich von niemandem erwarte, dass er sich bei Facebook oder Twitter oder sonstwo anmeldet und muss auch niemand ein Smartphone haben – und nein, man ist nicht cooler wenn man in der digitalen Welt aktiv ist. Aber was ich immer wieder erlebe ist, dass wir uns sehr intensiv um diejenigen kümmern, die nicht wollen, aber diejenigen, die in diesem Bereich aktiv werden möchten, die Ideen entwickeln etc., sich für diese Arbeit rechtfertigen müssen.

      Der Begriff der sozialen Medien ist in der Tat irreführend, da wir sehr oft mit dem Begriff „sozial“ ein bestimmtes Verhaltensmuster verbinden. Antiintellektuell ist mein Text überhaupt nicht und ich finde es beschämend, dass von Dir Vergleiche kommen, die nicht nur unpassend, sondern schlichtweg falsch sind. Das ist enttäuschend von jemandem zu lesen, der in seinem Kommentar doch so sozial sein möchte.

      Frank Schirrmacher mag die diversen Plattformen nutzen, das stimmt. Aber der Begriff des digitalen Analphabeten bezieht sich nicht auf die Fähigkeit, mit verschiedenen Plattformen umzugehen, sondern diese digitalen Medien aktiv zu gestalten.

      In den letzten Tagen haben sich einige Menschen bei mir gemeldet, die mir vor allem in dem Punkt zugestimmt haben, dass es dauernd nur um das Reden aber nicht um das Handeln geht. Handeln tun im Moment vor allem die Unternehmen, die die verschiedenen Plattformen anbieten. Die – durchaus berechtigte – Kritik an bestimmten Situationen und die Hinweise auf eventuelle Auswirkungen auf unsere Gesellschaft ist wichtig. Was aber diesen ganzen Diskussionen fehlt, ist im Ergebnis Ideen, wie wir den digital-analogen Raum aktiv gestalten können. Dazu kommt von all den Kritikern sehr wenig. Und dies ist mit digitalem Analphabetentum gemeint. Sie diskutieren zu oft aus einem Elfenbeinturm heraus.
      Ich freue mich auf Deine weiteren Kommentare – aber ich hoffe, dass Du solche beschämenden Vergleiche wie in Deinem Kommentar in Zukunft unterlässt.

      Beste Grüße

      Christoph Deeg

      • Lieber Christoph,

        mit meinem Vergleich bin ich, wie ich jetzt erkenne, übers Ziel hinausgeschossen, und ich möchte mich dafür bei Dir entschuldigen. Gleichwohl bleibe ich dabei, dass ich es für falsch halte, den zupackenden Gestalter über den kritischen Theoretiker zu erheben (oder auch nur beide Akteure gegeneinander auszuspielen). Schon aus dem Begriff „kleine Holzmedien“ spricht in meinen Augen eine gewisse Herablassung gegenüber der Liebe zum Buch und zum Geist, an der ich mich als Bibliothekar stoße.

        Wir dürfen, so meine Meinung, nicht bei der Frage „Was machen wir mit den Medien?“ stehen bleiben und immer nur ungeduldig auf weitere fassbare Ergebnisse pochen – dringlicher denn je stellt sich vielmehr die Frage: „Was machen die Medien mit uns?“. Um etwas konkreter zu werden, möchte ich nur ganz kurz Dein Beispiel „Schule“ aufgreifen: Eine flächendeckende Integration der IT-Technik in den Unterricht, ja selbst die Hinführung der Schüler zum kompetenten, kreativen und selbstbestimmten Umgang mit der digitalen Technik reichen nicht aus. Weit schmerzlicher vermisse ich ein Pflichtfach Medienkunde, in dem grundlegende ethische, psychologische, gesellschaftliche und politische Implikationen der digitalen Medien reflektiert werden können. Das hätte nichts mit Laberei oder Pseudo-Moral zu tun, sondern böte die Basis für eine verantwortungsvolle Zukunftsgestaltung, die nicht bloß den Vorgaben der Unternehmen hinterherhechelt.

        Dank der Ökologie-Bewegung herrscht heute ja weitgehend Konsens darüber, dass nicht alles, was als Produkt der Industriegesellschaft technisch machbar ist, auch umgesetzt gehört. Ein vergleichbar verbreitetes medienökologisches Bewusstsein steht dagegen noch aus.

        Herzlich grüßt
        Martin O’Connor

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