Der digitale Bildungs-GAU und was wir dagegen tun sollten…

Liebe Leser,

im Bereich der digitalen Welt ist in den letzten Wochen wieder Einiges passiert. Neben der Geheimdienst-Datenschutzaffäre ist vor allem die Diskussion um das Facebook- bzw. Social-Media-Verbot für Lehrer in einigen Bundesländern ein spannendes Thema. Ich habe bereits über das Thema geschrieben. In diesem Beitrag möchte ich jedoch auf ein paar Punkte eingehen, die meiner Meinung nach in der Diskussion zu wenig diskutiert wurden.

Beginnen wir mit ein paar grundsätzlichen Gedanken:

  1. Die digitale Welt ist eine Welt voller Chancen und Möglichkeiten – sie ist nicht nur eine Welt voller Gefahren und Risiken
  2. Der kompetente Umgang mit sozialen Medien bedeutet nicht nur die Vermeidung von Gefahren sondern vor allem das Verstehen und konsequente Nutzen der verschiedenen Werkzeuge – ganz egal ob es sich dabei um Wikis, Facebook, Twitter, Google+, Evernote, Pinterest oder WordPress handelt. Alle Seminare, Workshops und Vorträge, die sich primär oder ausschließlich mit der Frage nach Gefahren und Risiken beschäftigen, sind sinnlos, denn Sie behandeln nur einen Teil des ganzen Themas
  3. Die digitale Welt ist kein fremder Planet. Sie ist Teil unserer Lebensrealität. Es ist dabei völlig egal, ob alle Menschen in diesem Land online sind oder nur 50%. Es ist auch völlig egal, wie man selber zu Facebook oder Twitter steht. Aber alle diese Plattformen sind Teil unserer Gesellschaft und es ist unsere Aufgabe, sie aktiv mit zu gestalten.
  4. Auch wenn Facebook, Twitter, Smartphones etc. in allen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen verboten werden würden. Ihr massenhafte Nutzung wird sich dadurch nicht verhindern lassen. Das bedeutet, wenn Lehrer mit Ihren Schülern nicht in Facebook-Gruppen arbeiten dürfen, wird dies nicht verhindern, dass sich die Schüler in solchen Gruppen z.B. über Lehrinhalte austauschen werden.

Natürlich darf kein Schüler gezwungen werden, einen Account bei Facebook oder Twitter anzulegen. Und natürlich sollen Lehrer auf Facebook mit Ihren Schülern nicht „befreundet“ sein. Ebenso sollen Lehrer keine Schulnoten oder andere Inhalte über Facebook verbreiten. Die Richtlinien und Verbote einiger Bundesländer gehen aber weit darüber hinaus und sie zeigen zudem, wie wenig diese „Bildungspolitiker“ von der digitalen Welt verstehen. Wie ließe sich sonst erklären, dass in einigen dieser Richtlinien sogar das gegenseitige Folgen (zwischen Lehrer und Schülern) auf Twitter verboten wird:-)

Kommen wir aber zurück zum Thema „Bildung und Lernen“. Auch wenn man es nicht glauben mag: Facebook, Twitter, Youtube und Co. sind nicht nicht nur Komunikationsplattformen. Sie sind ebenso die größten Bildungsplattformen auf diesem Planeten. Nicht nur in den Klassenräumen sondern ebenso im Internet wird global Wissen erschlossen, vermittelt, kommuniziert und weiter entwickelt. Die digitale Welt ist kein lustiges Freizeitvergnügen – sie ist Kommunikationsraum und Lernort zugleich. Und sie ist nicht(!) virtuell, sondern sie ist real. Wenn wir Lehrern verbieten, Teil dieser Welt zu werden, schließen wir sie nicht nur aus diesen Lernorten aus. Wir stigmatisieren damit auch die Lern- und Kommunikationswelt der Schüler. Verbote und Einschränkungen sagen nichts anderes aus als:“Wir wollen Eure Kommunikationswelt nicht“.

Schon lange bevor es Social Media etc. gab, genauer in den 70ern und 80ern wurde in pädagogischen Fachkreisen darüber diskutiert, ob es in einer modernen Informationswelt überhaupt noch um das Lernen von Fakten gehen kann. Muss Schule gerade in heutiger Zeit nicht vor allem dafür sorgen, dass die Schüler lernen, mit dieser digitalen Informationswelt umzugehen? Versteht mich nicht falsch. Natürlich sollen Schüler Lesen, Schreiben, Rechnen lernen. Aber das reicht nicht mehr.

Die digitale Welt ist keine Parallelwelt. Die digitale Welt ist menschlich. Die Inhalte, die Kommunikation, alles das ist von Menschen gemacht. Innerhalb von ein paar Jahren ist Google zu einem Verb geworden und mit der Wikipedia wurde die weltgrößte Enzyklopädie von Menschen in deren Freizeit erstellt. Unser technisches Wissen verdoppelt sich aktuell alle zwei Jahre und in einer Stunde werden beinahe 3.000 Stunden Videomaterial zu Youtube hochgeladen. Was macht Schule damit? Weder Lehrer noch Bibliothekare noch irgendjemand anderes ist in der Lage diese Datenmengen zu überblicken. Aber heute und noch mehr in der Zukunft wird der Umgang mit diesen Plattformen ein elementarer Bestandteil der Arbeitswelt sein.

Aber es geht nicht nur um Daten auf Servern. Das Social Web steht weniger für Technologien als vielmehr für eine neuen Kultur bzw. neue Denk- und Arbeitsweisen. Es geht um neue Formen gemeinsam zu Arbeiten und zu Lernen. Es geht um neue Berufe. Es geht um neue Sozialsysteme. Es geht um neue Hierachiemodelle und neue Formen der Zusammenarbeit. Das alles ist keine Science Fiction. Es passiert hier und jetzt und es ist längst kein Nischenthema mehr. Schule kann und muss die Schüler auf diese Zukunft vorbereiten. Tut sie das nicht, ist sie letztlich wertlos.

Nun mag man einwenden, dass man diese Denkmuster auch ohne Facebook und Twitter erlernen kann. Schließlich kann auch mit einem Wiki lernen, wie man Inhalte teilt, diskutiert und wie man offen, interaktiv und transparent handelt. Aber dies ist ein Denkfehler. Auf Facebook, Twitter und Co. Findet sowohl die private als auch die berufliche bzw. schulische Kommunikation zwischen den Schülern statt. Und die Nutzung dieser Plattformen verändert sich stetig. Ob Facebook in fünf Jahren noch die gleiche Relevanz hat und auf welche Art und Weise die Plattform dann genutzt wird, kann heute niemand sagen. Aber die Vernetzung der Kommunikation mit dem Lernen ist ein Bestandteil des Lernens – ob und das gefällt oder nicht.

Was bedeutet das?

Die Nutzung der digitalen Welt muss ein Bestandteil des Lernens an Schulen werden. Am besten wäre es, wenn es keine(!) Seminare zu Facebook und Co. geben würde, sondern stattdessen die sozialen Medien in ihrer Breite zu einer Querschnittsfunktion des Unterrichts werden würden.

Lernen ist kein individueller Prozess. Er findet in individuellen Lernnetzwerken statt. Zu diesen Netzwerken gehören sowohl die Institutionen als auch Freunde bzw. das persönliche Netzwerk. Die Verbindung zwischen diesen Elementen der Lernnetzwerke ist in zunehmendem Maße die digitale Welt. Schließen wir die digitale Welt aus den Schulen bzw. dem Unterricht aus. Es geht also nicht um die Frage, ob ein Lehrer auf Facebook mit Schülern befreundet ist – er sollte es auf keinen Fall! Es geht vielmehr um die Frage, ob Schule auch in Zukunft eine Verbindung mit der Lebensrealtität der Menschen haben soll oder nicht. Es geht dabei aber nicht um die Institutionen sondern um das Lernen an sich.

Was also muss passieren?

Wir müssen die vorhandenen Lernnetzwerke, zu denen nicht nur Schulen sondern auch die Eltern und Institutionen wie Bibliotheken gehören, zu einem Teil der digitalen Welt machen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Ressourcen mit denen Lehrer und Schüler arbeiten online verfügbar und zudem im Social-Web nutzbar sind. Datenbanken, deren Inhalte ich nicht teilen kann, machen in heutigen Lernwelten keinen Sinn mehr. Wenn Schulen in manchen Bundesländern auch weiterhin nicht Teil des Social Web werden dürfen, müssen wir Netzwerke aufbauen, in denen die Schüler bei der Nutzung von sozialen Medientechnologien unterstützt werden. Hierzu gehören Eltern, Jugendclubs und vor allem die Bibliotheken. Unterstützung heißt in diesem Fall Aktivierung, Support, gemeinsames Ausprobieren, Risikovermeidung etc. Der Fokus liegt dabei auf dem Aktivieren und dem gemeinsamen Ausprobieren. Sollten Bibliotheken und weitere Institutionen diesen Weg nicht gehen dürfen, werden Eltern und letztlich Unternehmen in diesem Bereich aktiv werden müssen. Ich weiß, dass dieser Gedanke für viele Leser problematisch ist. Die Angst vor der radikalen Kommerzialisierung unserer Gesellschaft ist groß und nachvollziehbar. Aber in wenigen Jahren werden die Anforderungen für Mitarbeiter in Unternehmen direkt mit der digitalen Welt zusammenhängen. Dies betrifft sowohl das Verstehen der Technologien als auch der damit verbundenen Denk- und Arbeitsweisen. Das Wissen und Verstehen der digitalen Welt und der damit verbundenen Kultur wird bei der Suche nach einem Arbeitsplatz bei einem Großteil der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Wenn unser Bildungssystem, wenn wir nicht in der Lage sind, Lernen an die Realität anzupassen werden die Folgen für alle tiefgreifend sein. Unternehmen suchen kompetente Mitarbeiter. Wenn Schulen und Universitäten wesentliche Kompetenzen nicht vermitteln dürfen oder wollen, werden Unternehmen in ihrem eigenen Interesse diese Lücke füllen müssen.

Besonders wichtig ist, dass wir alle die Lehrer, Bibliothekare etc., die bereits heute die digitale Welt in ihrer Breite aktiv nutzen, intensiv und aktiv unterstützen

Aus diesem Grund ist das Verhalten der Kultusministerien in den genannten Bundesländern nicht nur ärgerlich – es stellt ein Problem dar. Also wie sieht die Lösung aus, bzw. was werden wir nun tun?

Beste Grüße

Christoph Deeg

10 thoughts on “Der digitale Bildungs-GAU und was wir dagegen tun sollten…

  1. Dafür braucht es aber einen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Fokus auf Open Source Software und offene Standards bei den kommerziellen proprietären Angeboten.

    Es kann nicht angehen, dass eine kommerzielle Plattform wie youtube freie von Staat und Gesellschaft getragene Serverlandschaften ersetzt, auf denen Lerninhalte benutzt werden können.
    Es kann nicht angehen, dass Amazon durch seine Verleihfunktion die öffentlichen Bibliotheken ablöst. DAS wäre ein mindestens genauso großes Desaster für unsere freie Gesellschaft wie der PRISM-Skandal. Aus Zugang zu Kultur darf niemals ein digital-monopolistisches Geschäft werden.
    DAS sind die Regelungen, die wir bildungs- und kulturpolitisch bei der digitalen Herausforderung dringend vornehmen müssen.

    • Lieber Jens, du hast absolut recht. Aber: dann müssen die Angebote und Plattformen der Bibliotheken die gleiche Qualität haben wie die der kommerziellen Anbieter. Dann müssen Lehrer, Bibliothekare etc. die ersten sein, die neue Technologien ausprobieren und vermitteln. Dann kann nicht in Schulen und Bibliotheken – das habe ich oft erlebt – Wikipedia als Plattform zweiter Klasse angesehen und kommuniziert wird. Nur rechtliche Rahmenbedingungen gesetzlich festlegen wird nichts ändern…

      Ganz liebe Grüße Christoph

  2. Du hast natürlich recht. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, keine rein juristische Herausforderung. Dies gilt es in der Breite zu verstehen und zu vermitteln.

    Wefing schrieb in Zeit, dass der Staat (und damit die verfassungs- und gesellschafts-achtende Umsetzung) den Erfindern und der Technik immer schon hinterherlief. Dies wird auf verfassungsbedrohende Weise gerade erkannt.

    Aber mit dieser, meist in einem bitteren Ton vorgetragenen Erkenntnis hört nichts auf, sondern fängt es erst an. Um also deine obige Antwort aufzunehmen: Damit Angebote und Plattformen von Bibliotheken (und Museen, Schulen etc.) state-of-the-art sind braucht es einen Symbiose der Innovationskraft, die aktuell von Geld getrieben wird und der Kraft, die uns auch in anderen Jahrhunderten schon zu mehr Aufklärung und Gerechtigkeit getrieben hat. Dies ist die Meta-Aufgabe, um die es sich aktuell dreht.

    • Hallo Jens, ich wusste ja, dass wir einer Meinung sind. Und genau um den Prozess den Du beschreibst geht es mir. Er ist der zentrale Bestandteil meiner Arbeit. Der Kultur- und Bildungssektor muss m.E. zum Innovationsträger einer Gesellschaft werden. Nur dann haben wir eine Chance. Der Fehler ist aber sehr oft, dass man Amazon und Google verflucht und dabei gleichzeitig die digitale Welt. Meiner Meinung nach müssen und können wir von diesen Anbietern sehr viel lernen. Oder stell Dir vor alle Lehrer, Bibliothekare, Archivare etc. würden die Wikipedia nutzen und sie zudem kontinuierlich verbessern..

      Beste Grüße Christoph Deeg

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  4. Aus meiner Sicht: Die Vorteile, die aus dem Internet in Bezug auf z.B. Schule und Lernen entstehen, sind auch ohne soziale Medien vorhanden. In einigen Bereichen kann man eventuell kleinere Zusatzvorteile sehen, aber das meiste hat man schon ausserhalb den sozialen Medien. Vielleicht ist sogar der einzige Vorteil, dass soziale Medien es einfacher machen, eine eigene Website (bzw. halbgares Gegenstück einer Website) aufzusetzen. Dies, allerdings, ist nur eine Nebenwirkung der sozialen Medien—und diese Nebenwirkung wäre wahrscheinlich eh auf anderen Wegen gekommen.

    Besonders zu beachten: Das WWW, in sich, war ursprunglich gerade als Tool der Wissensvermittlung und -vernetzung gedacht.

    • Lieber Michael,

      das sehe ich anders. Die digitale Welt verändert einiges und sie ist zudem ein Spiegelbild einer Gesellschaftsveränderung. Es gibt neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung, neue Formen zu Lernen und zu Arbeiten. Und die Menschen, die Facebook, Twitter und Co nutzen zeigen uns nebenbei, wie sie gerne Arbeiten, Lernen und Kommunizieren wollen. So ist die digitale Welt Innovationsträger und Spiegel zugleich.

      Beste Grüße

      Christoph Deeg

  5. Pingback: Landeskunde und neue Medien | DaF-Blog

  6. Pingback: Die sieben Social-Media-Todsünden – Nr. 3. Die Sache mit dem Personal | Christoph Deeg

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