Social-Media oder wir haben doch keine Zeit…

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug zum Flughafen Düsseldorf. In der letzten Woche war ich wieder im im Rahmen des Projektes „Lernort Bibliothek“ der Landesregierung NRW und der Bezirksregierung Düsseldorf unterwegs um Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen auf ihrem Weg in die Social-Media-Welt zu begleiten.

Heute Abend geht es noch nach Wien, damit ich morgen in Linz einen Vortrag zum Thema „Mobiles Internet“ halten kann. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, wie eBooks, iPads, Smartphones und Co. die Arbeit von Kulturinstitutionen wie z.B. Biliotheken verändern werden.

Mit dieser Konferenz gehen drei Wochen Reisen vorbei. Ok, ich war dabei fünf Tage in Kroatien, aber es war vor allem sehr viel Arbeit. Ich merke immer wieviel Arbeit es gerade ist, wenn ich meinen Blog ansehe. Mittlerweile vergehen manchmal bis zu zehn Tage bis ich einen neuen Beitrag veröffentlichen kann. Ich lebe nicht von diesem Blog, sondern von meinen Beratungstätigkeiten vor Ort. Ich arbeite mit Menschen in der analogen um Ihnen die digitale Welt näher zu bringen. Auf Twitter und Facebook bin ich in solchen Zeiten immer aktiver. Diese Plattformen lassen sich schneller nutzen. Und gerade Twitter habe ich sehr gut organisiert. Müsste ich mich zwischen Twitter und Facebook entscheiden, ich würde mich ohne Bedenken für Twitter entscheiden, denn hier bekomme ich weitaus größere Mehrwerte. Dies ist aber eine individuelle Entscheidung. Für Unternehmen und Institutionen kann es da schon ganz anders aussehen.

Aber egal wie man es auch dreht und wendet, Social-Media kostet Zeit. Und sehr viele meiner Kunden haben genau das nicht. Zeit ist ein wertvolles, ein kostbares Gut. Ein wesentliches Erfolgskriterim meiner Arbeit ist das Konzept, möglichst alle Menschen eines Teams in die Social-Media-Aktivitäten zu integrieren. Es macht wenig Sinn, Social-Media-Aktivitäten nur von einer Person umsetzen zu lassen. Vor allem wenn man wie ich der Meinung ist, dass Social-Media nur in Teilen ein PR-Thema ist. Es geht m.E. vor allem darum einen Dialog mit Kunden, Nutzern, Freunden etc. zu beginnen um möglichst alle Bereiche des Unternehmens bzw. der Institution durch Social-Media-Aktivitäten zu erweitern bzw. zu verbessern.

Gerade in Institutionen ist Zeit eigentlich gar nicht vorhanden. Die meisten Teams arbeiten breits mit 110% Arbeitsleistung und sind sehr oft überlastet. Und nun kommt auch noch das Thema Social-Media dazu, welches nicht nur aber auch zeitliche Ressourcen erfordert. Die Arbeit im Bereich Social-Media führt sehr oft dazu, dass alle strukturellen Probleme einer Institution sichtbar werden. Wenn wir es mit starren und unflexiblen Hierachien zu tun haben, kann Social-Media nicht funktionieren. Die klassischen Pyramidenmodelle sind spätestens jetzt nicht mehr sinnvoll. Ich kann nicht offen, kreativ, interaktiv und flexibel reagieren, wenn ich es nicht bin.

Aber es sind nicht nur veraltete Hierachiemodelle, die wertvolle Zeit kosten. Ich erlebe immer wieder, dass sich die Mitarbeiter einer Institution oder eines Unternehmens nicht trauen zuzugeben, dass sie noch immer technische Schwierigkeiten im Umgang mit den verschiedenen Plattformen haben. Es fehlt hierfür schlichtweg der Raum um sich auszuprobieren. Dabei ist es ganz einfach. Ich kann geschlossene Blogs, Wikis und Facebookseiten einrichten. Diese für die Öffentlichkeit unsichtbaren Spielwiesen ermöglichen ein ausprobieren und Lernen. Und bei Twitter kann ich „Spass-Accounts“ anlegen, also Accounts zu bestimmten Themen, die mit meiner eigentlichen Arbeit nichts zu tun haben. Aber auch dann muss den Mitarbeitern die Zeit gegeben werden, die Palltformen zu nutzen. Diese Investition lohnt sich aber, denn je mehr Mitarbeiter in die Social-Media-Aktivitäten eingebunden werden, desto mehr kann ich erreichen.

Ein weiterer Aspekt ist das Problem, dass viele Mitarbeiter meinen, sie würden keine spannenden Themen finden können. Man möchte ganz besondere, am besten perfekte Beiträge erstellen und verkrampft dabei zusehends. Hier können z.B. gemeinsame Treffen helfen, bei denen die Teilnehmer spielerisch mit verschiedenen Inhalten umgehen.

Letzlich sind auf seiten der Leiutungsebene zwei Dinge zu beachten. Zum Einen muss den Mitarbeitern der nötige inhaltliche und strukturelle Freiraum gegeben werden. Zum Anderen muss klar sein, dass Social-Media Ressourcen kostet und das man mittelfristig entweder weitere Ressourcen benötigt, oder aber sich von anderen Aufgaben trennt.

Beste Grüße

Christoph Deeg

3 Kommentare zu “Social-Media oder wir haben doch keine Zeit…

  1. Hallo zusammen,
    ein klares „Jein“ ;). Ein, zwei Worte zum Text habe ich dann doch. Wir haben ein Team von 40 Leuten in unserer Bibliothek und wir haben für uns folgendes Modell enwickelt. Lange Zeit sind wir, was Social Media und dessen Weiterentwicklung angeht, eine „Quasi-One-Person“-Strategie gefahren. Das zerrte natürlich auch an den Kräften des einen (mir 😉 ). Allerdings war es damals schon so, dass von vielen Kollegen Tipps und Ideen für den Auftritt kamen. Heute ist es so, dass wir ein festes Team von 6 Leuten haben, die um mich herum und mit mir den Auftritt betreuen. Heißt, sie beliefern mich primär mit Ideen, sind meine Vertretung und lassen sich bereitwillig vor die Kamera schleifen ;). Weiterentwicklungen, Ideen und Tests mache ich nach wie vor allein, bin aber immer offen für alle Tipps. Ganz wichtig war es mir und ist es mir, dass Social Media als Kerngeschäft bei allen meinen Kollegen angekommen ist. Das ist mittlerweile so, jeder sieht die Notwendigkeit und bringt sich ein. Deshalb muss aber nicht jeder „Facebook“ können. Es kann auch nicht jeder katalogisieren oder Fernleihbestellungen aufgeben. Für die Mediothek ist der derzeitige Zustand der beste gangbare Weg. Einer ist für Facebook verantwortlich, sechs sind das Team drumherum und alle haben begriffen, wofür das Ganze gut ist ;).
    Es mag Bibliotehken geben, wo man alle aktiv, also als Poster einsetzten muss, damit der Nutzen ankommt, oder Methoden wie zwei getrennte Gruppen, eine postet, eine andere entwickelt die Themen, braucht, aber wir als Mediothek fahren mit der derzeitigen Methode sehr gut ;).

    Was in Bibliotheken ankommen muss, da gebe ich Dir völlig Recht, ist die Tatsache, dass das Ganze a) Zeit kostet, b) Arbeit ist und c) verdammt wichtig ist 😉

    So, nachdem ich jetzt noch einen Post für die Mediothek abgesetzt habe, haue ich mich mal hin 😉 Gute Nacht zusammen…
    Gruß Martin

    • Hi Martin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir sind nicht soweit auseinander und doch würde ich auch Jein zu Deinem Kommentar sagen. Und dies aus folgenden Gründen:

      1. Es stimmt, dass Eurer Facebook-Auftritt wahrscheinlich der beste Facebook-Auftritt einer deutschen Bibliothek ist. Aber er ist immer noch sehr stark von einer Person abhängig. Oder: verzeih bitte die Offenheit: es ist der Auftritt von mediomartin. Versteh mich nicht falsch: ich bin euer größter Fan. Ich sehe in vielen Einrichtungen, dass es eine oder zwei Personen sind, die hier verantwortlich sind. Nur was ist, wenn die mal krank werden? Was ist, wenn sie in die freie Wirtschaft wechseln, weil Unternehmen immer mehr nach Social-Media-Managern suchen und weil dort zumeist viel mehr bezahlt wird?

      2. Social-Media ist letztlich nicht eine PR-Funktion und auch nicht nur eine weitere Aufgabe für Bibliotheken und andere Institutionen bzw. Unternehmen. Es ist vielmehr eine Querschnittsfunktion, die alle Arbeitsbereiche, also auch die, die nicht digital sind, verändern wird. Du bist in Deiner Institution der Motor. Und Ihr macht da wirklich Rock’n Roll aber es ist erst der Anfang. Die digitale Revolution hat eben erst begonnen. In den meisten Institutionen wird das Thema als mehr oder weniger freiwilliges Add on gesehen. In der Zukunft werden aber bis zu 30% der Ressourcen einer Bibliothek in die Arbeit in der digitalen Welt gehen.

      3. Natürlich hast Du recht, wir werden nicht alle Teammitglieder aktivieren können. Einige Kollegen werden in diesem Bereich mehr machen und andere weniger. Aber wir werden so viele Team-Mitglieder wie möglich aktivieren müssen. Wenn wir zulassen, dass es nur ein oder zwei Personen sind, dann werden sich die anderen – und das habe ich sehr oft erlebt – zurücklehnen. Frei nach dem Motto „Der Kelch ist an mir vorübergegangen“. Aber dann werden wir es nie schaffen, die Kultur der Institutionen mit der der digitalen Welt kompatibel zu machen.

      4. Es wird vor allem wichtig sein, dass die Ausbildung z.B. von Bibliotheksmitarbeitern darauf ausgerichtet wird. Wir können es uns nicht mehr leisten, in Institutionen wir Bibliotheken Menschen anzustellen, die nicht über fundierte Kenntnisse in Bereichen wie Social-Media oder Gaming verfügen, und wir sollten dafür sorgen, dass alle zukünftigen Stellenausschreibungen und -beschreibungen daraus ausgerichtet werden.

      Ganz liebe Grüße aus aktuell Linz

      Christoph Deeg

      PS: wir müssen mal wieder essen gehen…:-)

  2. Hi nochmal,

    viel Wahres drin ;). Besonders auf Punkt 4 würde ich gerne nochmal kurz eingehen. Wir hatten gestern unseren „Check In“ Tag, dabei ging es darum, jungen Leuten die Ausbildungsberufe der Stadtverwaltung näherzubringen. (Wir haben übrigens mit Gaming an unseren Stand gelockt 😉 ) . Dabei kam auch im Gespräch mit unseren Azubis das Thema Berufsschule auf…man muss sich doch mal laut fragen, warum dort anderthalb Jahre intensiv das Regelwerk zu Katalogisierung unterrichtet wird, aber Social Media, Gaming und ähnliches faktisch nicht stattfinden. Überhaupt liegt da natürlich einiges im Argen, wenn es um die Stellenauschreibungen, die Stellenbeschreibungen und die Aufgaben von FAMIs angeht. Geplant als Bindeglied zwischen Bibliothekar und Assistent hängen die meisten FAMIs immer noch 8 Stunden an der Theke oder dürfen mal ein Buch waschen. Auch in Stellenausschreibungen lese ich immer noch „Assistent oder FAMI“….es ist noch gar nicht angekommen, dass die Ausbildung ein Jahr länger dauert und die Mädels und Jungs deutlich mehr können….wenn ich mir das ansehe und dann hoffe, dass man in den Städten begreift, dass man „das Netz“ im Kerngeschäft auch braucht, wird mir Angst und Bange 😉

    Über das Lob mit dem besten FB Auftritt habe ich mich natürlich gefreut 😉 Ich glaube auch, dass man viele Leute der Einrichtung mitnehmen muss, aber „ein Gesicht“ ist sicher auch nicht verkehrt. Und wenn mich ein Meteroit erschlagen sollte, sind dann doch einige fähige Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die mich kompensieren können….so vermessen, zu glauben, ich wäre nicht adequat zu ersetzen bin ich dann doch nicht 😉

    Mit dem essen gehen haste Du Recht 😉

    Liebe Grüße
    Martin

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