Ist Social-Media und Gaming langweilig geworden?

Liebe Leser,

in den letzten Wochen habe ich wieder auf vielen Tagungen und Konferenzen zu Social-Media und Gaming und ihre Bedeutung für Kulturinstitutionen, Unternehmen, die Aus- und Weiterbildung und das Innovationsmanagement sprechen dürfen. Diese Vorträge machen mir immer sehr großen Spass. Ich kann meine Ideen zur Diskussion stellen, lerne spannende Menschen und Orte kennen und kann zudem neue Barbecue-Rezepte bekommen.

In meinen Vorträgen versuche ich immer die Balance zwischen Aktivieren und Anschieben zu finden. Für viele Menschen bedeutet die digitale Welt einen tiefen Einschnitt in ihr Leben. Ganze Berufsbilder verschwinden oder werden nachhaltig verändert. Und so kommt es immer wieder zu Situationen, bei denen ich vorsichtig ausgedrückt massiv kritisiert werde. Solche Situationen sind nie angenehm, denn sie bedeuten einen Konflikt, für den ich mit meinen Inhalten stehe, den ich aber nicht lösen kann. Und eigentlich müsste ich mich freuen, wenn alles entspannt verläuft. Und doch bin ich im Moment etwas ratlos.

Eigentlich müsste ich glücklich sein. Als ich auf dem Bibliothekartag in Hamburg darüber sprach, dass Bibliotheken vor allem von Gaming-Communitys etwas lernen können und sollten gab es keine Kritik. Und als ich eine Woche später auf dem Bibliothekskongress Villach (Österreich) darüber sprach, dass der Bestand einer Bibliothek immer unbedeutender wird und dass es um einen Wandel von der Bestands- zur Serviceorientierung geht, gab es keine Proteste. Wie gesagt, eigentlich müsste ich sehr froh sein – Viel Spass noch:-)

Aber wenn ich mir das Bild genauer ansehe, stimmt irgendetwas nicht. Auf der einen Seite scheinen sich alle an die Themen Social-Media und Gaming gewöhnt zu haben. Die stARTconference und das erstmalig angedachte Operncamp fallen erstmal aus. Also gibt es keinen Bedarf mehr an dem Thema? Ist Social-Media angekommen? Ist Gaming langweilig? Auf der anderen Seite sind immer noch die meisten Kultur- und Bildungsinstitutionen nicht im Social Web aktiv. Und auch bei den Unternehmen sieht es nicht besser aus. Zwar haben viele eine Facebookseite oder einen Blog aber sehr oft handelt es sich dabei um klassische Werbung und/oder PR oder – noch schlimmer – das ganze wird als Kampagne von einer der vielen Werbeagenturen umgesetzt. Die Kultur, die Denk- und Arbeitsweisen von Social-Media und Gaming sind noch nicht in der Breite verstanden und adaptiert worden. Das ist schade, denn hier liegen unglaubliche Möglichkeiten.

Also woran liegt es? Ich glaube Social-Media, Gaming etc. werden langweilig. Das Mobile Internet ist jetzt cool. Dabei wird sehr oft vergessen, dass das Mobile Internet nicht wirklich funktionieren kann, wenn man Social-Media und Gaming nicht verstanden hat. Auch in der digitalen Welt gibt es keine Abkürzungen. Wir, die wir Unternehmen und Institutionen beraten sollten dies nicht vergessen und wenn möglich offen ansprechen.

Zudem glaube ich, dass die stARTconference und das Operncamp vor allem deshalb in 2012 nicht funktionierten, weil wir es im Kultur- und Bildungssektor nicht geschafft haben die Entscheider zu aktivieren. Eine Bewegung von unten nach oben kann in einem streng hierarchischen System nur in Grenzen funktionieren. Weder die Politik noch die Direktoren von Bibliotheken, Museen, Opernhäusern, Theatern etc. haben in der Breite verstanden um was geht. Wir diskutieren zu oft über noch eine neue Idee – gestern noch transmedia storytelling heute schon social TV – und wir sorgen uns um Plattformen wie Facebook. Und natürlich darf man den Datenschutz und das Urheberrecht nicht vergessen. All das sind natürlich auch wichtige Themen, aber das reicht nicht aus. Solange die Kulturen des Web und des Gamings nicht in den Institutionen angekommen sind, werden wir nicht erfolgreich sein. Solange wir nicht die Politik und die Leitungsebenen der Institutionen und Organisationen überzeugen, können wir nichts erreichen.

Ich freue mich darüber, dass immer mehr Menschen verstehen, dass da gerade etwas großes passiert. Ich freue mich auch darüber, dass meine Vorträge entspannter verlaufen. Aber ich sorge mich um die Umsetzung um Kultur- und Bildungssektor. Wenn wir hier nicht beginnen, in der Breite einen Wandel zuzulassen, werden wir die Chancen des Web und der Welt des Gamings nicht nutzen – dann werden es andere tun…

Beste Grüße

Christoph Deeg

11 Kommentare zu “Ist Social-Media und Gaming langweilig geworden?

  1. Pingback: Social Media: langweilig oder das Salz in der Suppe? – stARTconference

  2. Ich denke nicht, dass das Thema Social Media langweilig geworden ist. Sicherlich steht es im Hype-Zyklus nicht mehr ganz oben, der „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ ist überschritten. Heute glaubt keine Kulturinstitution mehr, dass mit ein bisschen Social Media, das Haus dauerhaft mit jungen Leuten gefüllt werden kann. Aber das ist ja auch gut so! Denn Social Media kann das tatsächlich nicht leisten, ist nicht der Retter. Auch hat es sich rumgesprochen, dass Social Media viel Arbeit macht. Und auch das ist gut so! Denn was nichts kostet, ist auch nichts wert (einer der Lieblingssätze von Armin Klein). Patrick Breitenbach hat das schon vor längerem schön pointiert auf den Punkt gebracht: http://youtu.be/9eZEom2eXG8

    Wenn ich dich richtig verstehe willst du Social Media ja aus der Marketingecke herausholen und Richtung „Enterprise 2.0“ entwickeln. Das ist löblich, aber eine Mammutaufgabe. Weißt du vermutlich selbst. Menschen von einem neuen Denken zu überzeugen, davon, dass ihre Institution grundlegend umgebaut werden muss, das ist unglaublich schwierig. Da gibt es nur ganz wenig, die das geschafft haben. Jochen Mai hat vor kurzem einen ganz netten Artikel über dieses Dilemma geschrieben: „Das Rat-Los – Warum kaum einer den (guten) Rat beherzigt, den er bekommt“ (http://goo.gl/PjLEX).

    Aus der Ferne würde ich sagen, dass Nina Simon es geschafft hat, ihr Museum of Art & History in Santa Cruz zu einem, „Participatory Museum“ umzubauen. In Deutschland fehlt imho den Kulturinstitutionen entweder der Wille oder die Kraft oder beides. Den Einrichtungen, die sich sowas finanziell und personell leisten könnten, fahren mit dem alten Modell noch zu gut. Jene Einrichtungen, die sich ändern müssen, um zu überleben, bekommen zu wenig Unterstützung, um sich grundlegend wandeln zu können und sind außerdem in ihren starren Strukturen gefangen. Überspitzt formuliert: wie willst du neue Leute mit ganz anderen Fähigkeiten (z.B. Programmierer) einstellen, wenn du die Beamten auf Lebenszeit in deiner Institution nicht rauswerfen kannst?

    • Lieber Axel,

      nach nun zwei Wochen Urlaub komme ich erst heute dazu Dir zu antworten. Ja, es ist gut, dass man verstanden hat, dass Social-Media arbeit macht und ja, Social-Media löst nicht alle Probleme im Kulturbereich. Und doch sind wir immer noch am Anfang. Sicher ist m.E: nämlich auch: Social-Media kann helfen Kosten zu sparen und Social-Media könnte einen Haufen Probleme im Kulturbereich lösen, wenn es denn als Kultur bzw. Denk- und Arbeitsweise verstanden werden würde. (Nebenbei der Satz von Armin Klein sollte Armin Klein veranlassen 5.- € in Kultur-Phrasen-Schwein zu spenden).

      Ja, ich will die Organisation als Ganzes ändern und ich weiß, dass das sehr schwer ist. Aber ich weiß auch: Es ist möglich. Ich habe es selber getan. Alleine im Projekt „Lernort Bibliothek“ habe ich 28 Bibliotheken weiterentwickelt. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass Social-Media nur dann funktioniert, wenn die Institutionen oder das Unternehmen mit der Kultur des Web kompatibel ist. Ich will also nicht die Institutionen verändern um des Veränderns willen, sondern weil sie erst dann erfolgreich sein werden – sowohl digital als auch analog.

      Und was deinen letzten Satz angeht: Ich weiß es nicht. Nein ich weiß es schon aber ich weiß aber auch, dass es kompliziert ist. Wir müssen oder wir sollten alle diese wichtigen Themen und Fragestellungen wie z.B. die Frage des öffentlichen Dienstes und der Kulturinstitutionen aufwerfen und diskutieren. Die Probleme, die Institutionen und Unternehmen mit Social-Media haben, zeigen letztlich, wo insgesamt also in nahezu allen Bereichen problematische Strukturen vorhanden sind. Social-Media wirkt also wie ein Analysetool für Probleme in Unternehmen und Institutionen.

      Beste Grüße

      Christoph

      PS: Freu Dich schonmal auf den kommenden #ff:-)

  3. Danke, Christoph, für diesen guten Beitrag. Und ich pflichte dir bei: Es ist bisher nicht gelungen, die Entscheiderebene in die Diskussion um digitale Kommunikation einzubeziehen. Daran müssen wir arbeiten, wie ich auch auf der Hauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins erkannt habe. Ansätze sind da, aber daraus muss mehr gemacht werden, mit den richtigen Menschen.

    • Lieber Christian,

      sorry für meine verspätete Antwort – ich war im schönen Kroatien. Ich denke wir müssen hier strategisch vorgehen. Es ist sehr wichtig, wirklich Entscheider zu aktivieren. Und dies sollten wir niederschwellig tun. Und wir müssen eine Idee entwickeln, wie Kultur- und Bildungsinstitutionen gemeinsam im Netzwerk kooperieren. Dazu müssen wir auch aufhören, übertrieben Versprechen zu machen und vielmehr eine Vision entwickeln, was wir erreichen wollen. Ich bin gerne dabei und rede mit der Politik:-)

      Beste Grüße

      Christoph

  4. Pingback: Sturmgeläut – Bloggen in Deutschland | iliou melathron

  5. Hallo Christoph, ich sehe ein Problem darin, dass viele Kultureinrichtungen, bzw. die Leute, die dort arbeiten, keinen Anschluss an die Diskussionen finden, die Social Media Afficionados führen. Du schreibst auch davon, dass heute Transmedia Storytelling das große Thema ist, morgen SocialTV und übermorgen noch etwas anderes. Das ist auch so und viele Kultureinrichtungen könnten das wunderbar für sich nutzen, wenngleich sie aufgrund ihrer Strukturen dafür nicht prädestiniert sind, wie du ja schreibst. Das andere ist aber in meinen Augen, dass die „Social Media Evangelists“ zu wenig verstehen, was die Leute in Kultureinrichtungen umtreibt. Für sie, die Evangelists“, sind die Vorzüge von Social Media offensichtlich, aber in den Kultureinrichtungen schlägt man sich meist mit ganz anderen Problemen herum, die man lieber auf Nummer Sicher mit den altbewährten Methoden angeht. In meinen Augen ist es deswegen in einem ersten Schritt vor allem wichtig, bei den Themen anzudocken, die die Kultureinrichtungen gerade umtreiben. Das sind aktuell etwa die Urheberrechtsdebatte, die Kulturinfarktdebatte, Themen wie Audience Development, Education-Angebote oder Besucherbindung. Ich glaube, hier müssen die Social Media-Verfechter ansetzen, wenn sie das Thema in den Kultureinrichtungen verankern wollen. Auch und gerade für die stARTconference wird das in meinen Augen eine zentrale Herausforderung in der Kommunikation.

    • Lieber Christian,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und verzeih bitte auch Du meine verspätete Antwort aufgrund meines Urlaubs. Auch Dir kann ich nur zustimmen. Wir vergessen sehr oft, dass die Institutionen in Teilen ganz andere Probleme und Fragestellungen haben. Ich würde sogar noch weiter gehen. In vielen Institutionen sind nicht ansatzweise ausreichende Strukturen und Ressourcen vorhanden. Zudem ist das Umfeld vieler Institutionen nicht offen für die digitale Welt. Nun sehe ich Social-Media aber weniger als Internet-Phänomen und vielmehr als Querschnitts-Management-Funktion. Es geht also – wie Du ja selber schreibst – um die Frage, wie Fragestellungen wie der Kulturinfarkt, Education, Kulturmarketing aber auch Ausbildung von zukünftigen Kulturmanagern etc. durch Social-Media als Idee gelöst bzw. gedacht werden können.

      Beste Grüße

      Christoph

  6. Ich glaube, das Scheitern von Operncamp und stARTconference ist hausgemacht und hat nichts mit mangelndem Interesse zu tun.

    Im ersten Fall war man zu sehr bemüht, die eigene Institution (Heidenheimer Opernfestspiele) in den Mittelpunkt zu rücken – das wird im zweiten Anlauf hoffentlich anders. Im Falle der stARTconference hat man mit Crowdfunding offenbar aufs falsche Pferd gesetzt und zudem den Kardinalfehler begangen, einfach abzuwarten, anstatt die riesige Community kreativ zu mobilisieren.

    „Langweilig“ ist Social Media vielleicht für diejenigen, die einen Trend nach dem anderen beklatschen und dabei vergessen, die Basis mitzunehmen. Ich kann verstehen, dass man als Berater keine Lust hat, jahrelang zu erklären, wie Facebook und Twitter funktionieren, aber diese Basisarbeit ist immer noch notwendig – gerade im Kulturbereich. Es geht halt in manchen Branchen etwas langsamer voran, und das ist auch ok so.

    • Lieber Hagen,

      verzeih bitte meine verspätete Antwort (Urlaub). Du sprichst mir quasi aus der Seele:-) Ich denke auch, dass wir „Berater“ verstehen müssen, dass wir nachwievor vor allem Basisarbeit leisten müssen. In den meisten Fällen sind Unternehmen und Institutionen noch nicht soweit. In den letzte Jahren wurde eine neue Idee nach der anderen gehypt und so waren es immer weniger Unternehmen und Institutionen, die damit etwas anfangen konnten. Ich glaube – und das meine ich nicht negativ – wir stehen immer noch am Anfang, was bedeutet, dass wir uns zuerst darum kümmern müssten, eine breite Basis an Know How und den damit verbundenen Strukturen aufzubauen. Deshalb ist m.E. vor allem die interne Nutzung von Social-Media-Tools so wichtig. Die Mitarbeiter müssen selber zu Usern werden…

      Beste Grüße

      Christoph

  7. Pingback: Return of Investment: Lässt sich damit der Erfolg Ihrer Social Media Aktivitäten bewerten? « Das Kulturmanagement Blog

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