Kulturinfarkt – wer schützt uns eigentlich vor dem Kulturrat?

Liebe Leser,

ich sitze gerade auf dem Balkon meiner Wohnung und denke an die letzten Woche zurück. Eine Woche Bibliothekartag in Hamburg mit tollen Gästen, Themen, Besuchern, der Zukunftswerkstatt, vielen Gesprächen, Vertragsunterzeichnungen etc. Es war eine tolle Woche und ich hoffe ich kann alle in Hamburg entstandenen Ideen und Projekte umsetzen. In diesem Beitrag möchte ich aber nicht auf die Zeit in Hamburg eingehen, sondern mich mit einem ganz anderen Thema befassen: dem Deutschen Kulturrat.

Wie die meisten von euch sicherlich wissen sorgt das Buch „Der Kulturinfarkt“ gerade für lebhafte Diskussionen. Die vier Autoren Armin Klein, Pius Knüsel, Dieter Haselbach und Stephan Opitz beschäftigen sich darin mit der aktuellen Situation der deutschen Kulturlandschaft. Vor allem die abschließende Forderung, die Hälfte der Kulturinstitutionen zu schließen, um die dadurch frei werdenden Mittel neuen innovativen Kulturformen und -institutionen zur Verfügung stellen hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Landauf landab wird der Untergang des Abendlandes prophezeit, sollten die Forderungen umgesetzt werden. Auch der Deutsche Kulturrat – eine Institution, die eigentlich wichtig für die Kultur in Deutschland ist, und die sich u.a. für die Anerkennung der Computergames eingesetzt hat – reagiert mit wütenden Angriffen auf das Buch.

Ich möchte jetzt nicht nochmal meine Meinung zu dem Buch niederschreiben. In meinem Blogbeitrag zum Buch habe ich meine Meinung bereits gesagt und zudem ein Gegenkonzept angedacht. In diesem Beitrag soll es um folgendes gehen: der Deutsche Kulturrat hat das Wort „Kulturinfarkt“ zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Ich weiß nicht, warum dieser Vorschlag nicht ebenfalls für einen Sturm der Entrüstung in der Kulturlandschaft sorgt.

Man kann das Buch „Der Kulturinfarkt“ ablehnen. Man kann wütend sein – ich war es an einigen Stellen auch. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, einen solchen Vorschlag zu machen. Was soll damit erreicht werden? Soll gezeigt werden, dass das Imperium zurückschlagen kann? Soll ein Exempel statuiert werden? Ich habe mir sehr viele Beiträge und Kommentare zum Buch durchgelesen. In den meisten Fällen ging es entweder um pauschale Rechtfertigungen für den Status Quo oder aber um Anfeindungen gegen das Buch und seine Autoren. Nur selten gab es eine inhaltlich wertvolle Diskussion. Nur selten wurden Ideen und Konzepte entwickelt. Zumeist wurde so getan, als wäre doch alles in Ordnung – aber wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es dann öffentlich geförderte Projekte, um Kulturinstitutionen weiter zu entwickeln? Warum gibt es Konferenzen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man die Kulturinstitution 2.0 entwickeln kann? Warum gibt es immer wieder Kulturmanager, die entnervt das Handtuch werfen weil sie mit den Strukturen sowie Denk- und Arbeitsweisen ihrer Institution nicht mehr klar kommen? Ich könnte noch viele weitere Fragen in die gleiche Richtung stellen und wie gesagt: ich bin nicht der Meinung der Autoren. Aber der Kulturinfarkt darf kein Unwort sein.

In vielen Kommentaren zur Kultur wird darauf verwiesen, dass Kultur unsere Gesellschaft hinterfrage und diskutiere – aber darf denn nicht auch Gesellschaft die Kultur hinterfragen und diskutieren? Bedeutet Gesellschaft 2.0 nicht auch, dass wir uns Gedanken machen müssen, ob wir mit unseren Institutionen und Förderprogrammen wirklich auf dem richtigen Weg sind? Haben wir nicht die gesellschaftliche Verpflichtung, den Kulturbereich stetig weiter zu entwickeln? Hat Kultur nicht immer etwas mit Experiment und Innovation zu tun?

Wenn das Wort Kulturinfarkt zu einem Unwort wird, ist dies ein deutliches Zeichen gegen Innovation und gegen Entwicklung. Ja man kann wütend sein auf die Autoren aber sie sind keine externen Beobachter, sie sind Teil des Systems und sie haben etwas zu sagen. Man mag nun anmerken, dass die Art und Weise, wie hier Gedanken geäußert wurden problematisch ist. In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass man doch bitte alles gesittet und in einem gewissen sprachlichen Rahmen besprechen soll. Nur wann war Kunst und Kultur jemals gesittet oder im Rahmen? Wenn wir eine Kultur wollen, die angepasst in einem festen und akzeptierten Rahmen existiert, wird ihr jede Kraft und jeder Einfluss genommen. Dann ist es nur noch ein kleiner Event und dann sollten Computerspiele, das Web und viele Musiker, Maler und Schauspieler nicht mehr als Kultur gelten. Kultur als Idee wäre in so einem Fall keine Plattform sondern ein Gefängnis.

Noch immer gibt es Kulturinstitutionen, die letztlich Lehranstalten sind. Sie möchten nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch vorschreiben, wie man die jeweiligen Werke zu sehen hat. Kulturvermittlung, Kulturelle Bildung, Kulturmarketing etc. dies alles wird nur in Form eines Dialogs auf Augenhöhe funktionieren. Wenn sich der Kulturrat mit seiner Forderung durchsetzt, entsteht ein weitaus größerer Schaden als es ein Buch wie der Kulturinfarkt jemals schaffen könnte – wenn es überhaupt einen Schaden anrichten kann. Was wäre der nächste Schritt? Werden in Zukunft Bücher zur Kulturlandschaft dem Kulturrat vorab vorgelegt, damit der Kulturrat entscheiden darf ob sie veröffentlicht werden oder nicht? Entsteht also eine Kultur-Bewahrungs-Lobby-Behörde die am besten auch gleich die Lehrinhalte an Hochschulen etc. vorschreibt? Und für wen spricht dieser Kulturrat dann?

Was wir im Kulturbereich brauchen sind Menschen, die neue Ideen entwickeln und sich trauen diese zu präsentieren. Sie werden Fehler machen, sie werden vielleicht nicht die passenden Worte finden. Immer dann brauchen wir Organisationen und Institutionen, die den Wandel unterstützen und vorantreiben. Nein, nicht alles muss verändert werden, ja, es gibt viele tolle Institutionen, nein, das Buch ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ja, ich kann verstehen wenn sich Menschen durch das Buch angegriffen fühlen – aber wir müssen trotzdem ein Zeichen setzen, dass der Kulturrat nicht im Namen aller Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturrezipienten spricht, wenn der diese Forderung aufrecht erhält.

So wichtig der Kulturrat auch ist – wir müssen vielleicht in diesem Fall die Kultur vor ihm schützen…

Beste Grüße

Christoph Deeg

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