Habt keine Angst vor Facebook!

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug nach Solingen. Morgen werde ich einen Vortrag für Kultureinrichtungen und Kulturschaffende zum Thema „Social-Media und Kulturmarketing“ halten. Damit beginnt eine weitere kleine Tour. Innerhalb der nächsten zehn Tage bin ich wieder „on the road“ um Institutionen und Unternehmen auf ihrem Weg in die digitale Zukunft zu begleiten. Das Jahr 2012 begann letztlich so, wie das Jahr 2011 aufgehört hatte: ich bin unterwegs:-)

In meinen Social-Media-Coaching-Workshops und den damit verbundenen Social-Media-Gaming-Barbecues geht es immer wieder um das Thema Facebook. Die Fragestellungen und Ausgangslagen sind unterschiedlich. Allen gemein ist jedoch eine gewisse Besorgnis gegenüber den vermeintlich damit verbundenen Gefahren. Besondere Aufmerksamkeit genießt dabei das Thema Datenschutz.

Nun bin ich kein Jurist und werde mich deshalb hüten eine Rechtsberatung zu geben. Ich möchte aber ein paar Gedanken zu diesem Thema niederschreiben:

Beginnen möchte ich mit einer Frage: Was wäre wenn die Firma BMW auf die Idee kommen würde, in den nächsten 5 Jahren nur schlechte und vor allem billig hergestellte Autos auf den Markt zu werfen, die trotzdem sehr viel kosten? Würden sich die Menschen nicht nach kurzer Zeit von dem Autobauer abwenden? Und was wäre, wenn mein Lieblings-Italiener – die Villa Medici in Berlin – auf die Idee kommen würde, nur noch ekliges Essen zu servieren – würde ich mir dann nicht ein neues Restaurant suchen? Zu meinem Glück baut BMW immer noch tolle Autos und die Villa Medici ist immer noch ein unglaublich tolles Restaurant, aber wir alle wissen, wenn das Produkt nicht mehr stimmt, werden wir auf kurz oder lang den Anbieter wechseln.

Nun werdet Ihr Euch fragen, was dies alles mit Facebook zu tun hat? Ein Denkfehler von vielen Facebook-Nutzern ist die Idee, wir wären die Kunden von Facebook. Aber dies stimmt nicht. Wir sind vielmehr das Produkt. Die Kunden sind die verschiedenen Unternehmen der Werbeindustrie. In vielen Diskussionen geht es um die Idee, dass Facebook die gesammelten Daten nicht nur für Werbung sondern auch für andere Ziele verkaufen könnte. So könnten z.B. Versicherungen personenbezogene Daten über mögliche Krankheiten etc. bekommen. Durch die Vielzahl der Daten könnten sehr komplexe Persönlichkeits-Profile erstellt werden.

Die hier beschriebene Gefahr ist sicherlich real. All dies ist möglich, aber warum sollte Facebook das tun? Würde eine Weitergabe aller möglichen Daten geschehen, würde die Öffentlichkeit dies früher oder später erfahren. Und ich glaube, dass in diesem Fall sehr viele Menschen ihren Account bei Facebook löschen oder aber die Datenmenge massiv minimieren würden. Oder anders ausgedrückt: das Produkt, welches Facebook der Werbeindustrie verkauft verliert massiv an Wert. Nun mag man einwenden, dass diese Daten ja in einer großen Aktion verkauft werden könnten. Aber dies wäre nicht nachhaltig. Im Gegenteil, es gäbe einen einzigen Erlös und daran anschließend den großen Zusammenbruch. Zudem wären dies dann Daten, die nicht mehr weiter entwickelt werden würden. Es wäre also nur eine Momentaufnahme.

Ist Facebook gut? Nun, ich glaube es geht gar nicht um die Frage ob Facebook gut ist oder nicht. Es geht vielmehr um die Frage, ob wir die Kompetenz haben mit den Spielregeln umzugehen. Facebook ist weitaus mehr als das Netzwerk welches zumeist kritisch in den Medien präsentiert wird. Man kann Facebook für eine Vielzahl an spannenden Aktivitäten nutzen. Vor allem außerhalb Deutschlands hat man dies schon seit langem erkannt. Bei einem meiner letzten Workshops erzählte mir eine Teilnehmerin, dass neulich in der Schule der Kinder ein Informationsabend zu Facebook durchgeführt wurde. Und wer war der Referent? Die Polizei! Klasse! An diesem Abend ging es die ganze Zeit um Gefahrenabwehr. Aber mit keinem Wort wurde angesprochen, dass man Facebook für den Unterricht, die Hausaufgaben, Projekte und Exkursionen nutzen kann. Damit Ihr mich nicht falsch versteht, ich bin dafür, dass wir die Menschen über Chancen und Risiken die bei der Nutzung von Onlineplattformen entstehen können, aufklären. Aber warum geht es dann nur um die Risiken und warum schicken wir die Polizei und nicht einen online-erfahrenen Lehrer? Und nebenbei – gibt es überhaupt in der Breite online-erfahrende Lehrer? Und wenn ja, wo sind sie? Bitte meldet Euch! Traut Euch! Wir brauchen Euch!

Das Ergebnis des Wir-machen-Angst-vor-Facebook-Abends war klar: Die Eltern hatten nun richtig Angst, die Jugendlichen fühlten sich kriminalisiert und somit wurde das Thema Facebook letztlich in die reine Privatwelt der Jugendlichen gedrängt. Dies ist sicherlich nicht der einzige aber auf jeden Fall einer der Gründe, warum die meisten Studenten mit denen ich arbeite außer Facebook so gut wie keine Social-Media-Erfahrung haben. Es bringt ihnen schlichtweg niemand bei. Im Gegenteil – es kommt die Polizei…

Und die Werbung bei Facebook? Meine Erfahrung ist: Sie ist schwach. Die weitaus meisten Werbeeinblendungen haben mit mir rein gar nichts zu tun. Ich weiß nicht auf welcher Basis diese Werbung entwickelt wird, aber die von mir vorhandenen Daten scheinen offensichtlich nicht auszureichen – und mehr gibt’s aber nicht. Aber kann man das nicht alles ausschalten? Jep man kann! Nutzer von Google-Chrome oder Firefox können sich das Add-On „Ad-Block-Plus“ runterladen. Damit verschwindet die lästige Werbung im Internet und man kann sich auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren:-)

Egal wie wir es auch drehen und wenden. Facebook ist Teil unserer Lebensrealität. Entweder sind wir Nutzer oder Gegner. Ich bin gespannt, wohin sich die Reise entwickelt.

Christoph Deeg

7 Kommentare zu “Habt keine Angst vor Facebook!

  1. Interessante Argumente für eine facebook-Nutzung, die mich wirklich überzeugen. Jede/r muss halt auf seine Einstellungen achten…
    Gestern Abend kam im Ersten ne Doku zu facebook. Fast ne Stunde lang, aber ich war danach eher verwirrt…auf jeden Fall nicht wirklich schlauer!
    Im Beitrag war eine 16jährige begeisterte Nutzerin, die quasi den ganzen Tag online ist und mehr chattet als sich im Realen mit ihren Freunden zu treffen, ein jüngerer Campingplatzbesitzer, bei dem faecbook schon zum Frühstück gehört … und jede Menge ernstblickende Datenschützer!!! Und dann kam auch Mark Zuckerberg zu Wort und seine neue Kommunikationschefin.
    Ich bin auch gespannt, wo der Weg von facebook noch hinführt…
    Mein 23 jähriger Sohn ist übrigens facebook-Gegner, weil er in der Uni beobachtet, dass 90 % der Anwesenden einer Vorlesung bei facebook sind. Und seine Freundin verweigert sich facebook auch, weil sie bei Freundinnen deren Abhängigkeit beobachtet…
    Ich bin auch gespannt

    • Ich glaube, es ist auch eine Frage der Wahrnehmung. In Deutschland werden Plattformen wie Facebook zumeist als Gefahrenpool dargestellt. In den allermeisten Dokumentationen wird gar nicht versucht, die möglichen Vorteile von Facebook, Wikis, Blogs etc. zu benennen. Und in den Schulen gibt es dann Internet-Informations-Abende bei denen die Polizei kommt….. Ich arbeite gerade an einem neuen Blogbeitrag zu diesem Thema…

  2. Der springende Punkt ist der, dass Facebook – sollte es verschwinden, sofort durch eine ähnliche Website oder Plattform ersetzt werden wird und somit die Überlegung „ob“ auf lange Sicht immer durch ein „wie“ ersetzt werden muss. Und ja, ich bin der Überzeugung Facebook sei *gut* – Warum? Weil es unser Leben bereichern kann und es auch jeden Tag tut, vorrausgesetzt es wird richtig eingesetzt. Genauso, wie ich mit meinem Auto von A nach B kommen, es aber auch gegen die Wand setzen kann – hat Facebook das Potential unser tägliches Leben zu verändern und zu bereichern. Ich sehe jeden Tag, wie Netzwerke aktiviert, Events geplant und Meinungen geteilt werden. Der einzige Preis, den Facebook dafür verlangt, sind Daten.

    Mal ehrlich, wen interessiert es wirklich, ob ich Twilight gerne lese und SAW III mein Lieblingsfilm ist, ich gerne Festivals besuche, Pizza esse und koche? Wäre Facebook ein reiner Datingservice vielleicht .. und die Werbung, die Facebook mich sehen lassen möchte ist ohnehin per AdBlock ausgeblendet und auf meinen mobilen Endgeräten gibt es (noch) keine Werbung.

    Das größere Problem der Facebook-User ist nicht Facebook selbst, sonder die anderen User. Hier sehe ich die echten Probleme und Gefahren.

    • Lieber Sebastian,

      ich bin absolut Deiner Meinung. Es geht nicht darum was eine Plattform ist sondern was wir damit machen. Bzw. Es geht nicht um die Plattform sondern um die Menschen, die damit arbeiten. Aber genau hier sehe ich das Problem, denn wer zeigt den den Menschen, was man mit Facebook alles machen kann bzw. Wie man es nutzen könnte und sollte? In den Kultur- und Bildungsinstitutionen passiert in der Breite wenig bis gar nichts. Internetabende sind Gefahrabwehrtreffen, Handys werden verboten, Wikipedia als unseriöse Quelle definiert etc.

      Ich wünschte mir einen wirklich offenen und zugleich kritischen Umgang mit Facebook und anderen Plattformen mit dem Ziel, diese Plattformen aktiv zu nutzen und zu gestalten…

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag! Mich ärgert es auch, dass Facebook meistens auf Datenschutz, persönliche Einstellungen und „gefährlich“ reduziert wird. Natürlich sind die ersten beiden wichtige Themen, aber eben nicht nur.

    Außerdem teile ich Deine Auffassung, dass es sich die Firma Facebook gut überlegen wird, ob sie Daten verkauft. Denn danach haben sie garantiert einen großen Vertrauensverlust und Mitgliederschwund. Das kann nicht in ihrem Interesse und ihrer Werbekunden liegen.

    Insgesamt finde ich Facebook ein sehr nützliches Werkzeug, tatsächlich auch, um zu erfahren,
    was es in fachlichen Bereichen, die mich interessieren, für Neuigkeiten gibt. Die Gruppen sind toll, weil sich dort Leute mit gleichen Interessen oder Problemen finden. Der Informationsaustausch ist vielseitig und super schnell. Daher gehört Facebook neben RSS, Alert, Aggregatorblogs zu meinen bevorzugten Informationsmitteln. Außerdem macht es Spaß und man kann unkompliziert Kontakte zu Leuten halten, die nicht in der Nähe wohnen.

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