Ist die Trennung von Hoch- und Trivialkultur im Zeitalter des Web 2.0 noch haltbar?

Liebe Leser,

heute möchte ich mich mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur im Zeitalter des Web 2.0 überhaupt noch haltbar ist. Ich möchte dies auf zwei Wegen tun. Zum Einen möchte ich ein paar Thesen zur Diskussion stellen, und zum Anderen möchte ich Euch einladen an einer kleinen Umfrage zum Thema teilzunehmen.

Beginnen wir zuerst mit den Thesen:

1. Es gab nie eine (natürliche) Trennung von Hoch- und Trivialkultur
Die Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur ist willkürlich und wird letztlich von einem sehr kleinen Kreis definiert bzw. postuliert. Es entsteht eine virtuelle Wertigkeit. Gerade neue Kulturformen wie z.B. die Welt der Computerspiele scheinen Ihre Wertigkeit in einem langen Prozess beweisen zu müssen. In der Wahrnehmung der Rezipienten bzw. der Kunden fand diese Trennung m.E. selten statt. Meine gelebte kulturelle Identität kennt keine unterschiedliche Wertigkeit zwischen z.B. Computerspielen und Opernaufführungen. Wenn aber diese Trennung in den Köpfen der meisten Menschen nicht vorhanden ist, welchen Sinn hat sie dann? Müssen Menschen also lernen, was „bessere“ Kultur ist? Ist dies in einem System wie dem Web 2.0, dass auf Kooperation, Dialog und Teilen basiert überhaupt noch umsetzbar?

2. Im Web 2.0 werden solche und andere Abgrenzungen aufgehoben
Wenn die Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur in den Köpfen der meisten Menschen nicht existiert bzw. nicht Teil der persönlichen kulturellen Identität ist, war dies sicherlich schon vor dem Existieren des Web 2.0 der Fall. Das Web 2.0 scheint diese Situation aber sichtbar zu machen und zu verstärken. Für alle sichtbar werden kulturelle Inhalte neu definiert bzw. in neue Zusammenhänge gesetzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Trennung von Hoch- und Trivialkultur ohne das Vorhandensein einer Deutungshoheit funktionieren kann. Aber gerade diese Deutungshoheit verschwindet zunehmend.

3. Der Begriff Hochkultur wirkt bremsend bei der aktiven Gestaltung des
Web 2.0 durch die Kulturinstitutionen

Der Begriff Hochkultur beschränkt sich m.E. nicht nur auf die kulturellen Inhalte. Vielmehr entwickelte sich eine eigene Kultur der Kulturinstitutionen. Diese Kultur basiert auf einer bestimmten in meinen Augen sehr oft elitären Grundhaltung. Dies ist nicht nur aus Sicht der Kulturvermittlung sondern auch und vor allem aus der Sicht des Kulturmarketing und des Kulturmanagement problematisch. Das Web 2.0 ist auch aber nicht nur ein PR-Tool. Sehr oft kann man auf Onlineplattformen von Kulturinstitutionen (übrigens auch von Unternehmen) sehen, dass sie nur als ein weiterer Kommunikationskanal gesehen werden. Dies erkannt man z.B. daran, dass Pressetexte, die schon in Zeitungen oder der eigenen Website veröffentlicht wurden 1 zu 1 auf dem Blog gepostet werden. Dabei sollte es doch darum gehen, für die Kunden interessante Angebote zu schaffen, die über die klassischen Angebote hinausgehen. Die Frage die ich mir dabei stelle ist die, ob ein Grund für diese „Fehler“ darin zu suchen ist, dass wir die Trennung von Hoch- und Trivialkultur haben. Wenn eine Institution mit einem Medium konfrontiert wird, welches die Struktur, die Arbeitsweisen und damit verbunden die Kultur der Institution in Frage stellt, wird sie wahrscheinlich versuchen den Einfluss des neuen Mediums zu minimieren. Wie kann es also zu einer nachhaltigen Öffnung der Institutionskultur kommen? Und wie kann dies mit dem Ziel der Authentizität verbunden werden?

Wie gesagt, habe ich hier nur ein paar Thesen/Gedanken niedergeschrieben. Ich erlebe in meiner täglichen Arbeit immer wieder, dass es bei weitem nicht ausreicht, den Mitarbeitern von Institutionen und Unternehmen technisches Know How beizubringen. Es ist in der Regel mindestens genauso wichtig, die Kultur der Institution dahingegen zu hinterfragen, ob sie mit dem Web 2.0 und später der Welt der Computerspiele überhaupt kompatibel ist. Mir geht es auf keinen Fall darum, alles „weg zu werfen“ was wir bisher hatten. Aber das Problem wird m.E. langfristig weniger ein Know-How-Transfer sein. Es wird viel wichtiger sein, dass die Institutionen und Unternehmen selber in der Lage sind mit den vorhandenen und zukünftigen Werkzeugen so zu arbeiten, dass für ihre Kunden echte Mehrwerte entstehen.

Die gesamte Fragestellung betrifft zumindest indirekt auch Unternehmen. Zwar haben wir es hier weniger mit einer Trennung von Hoch- und Trivialkultur zu tun, aber auch Unternehmen haben in der Regel im Laufe der Zeit eine eigene Kultur entwickelt. Diese Kultur ist bedeutend und hält das gesamte System am Leben. Gleichzeitig muss man auch hier überlegen, ob diese Kultur mit dem Web 2.0 kompatibel ist.

Ich bin sehr auf Eure Meinungen gespannt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

8 Kommentare zu “Ist die Trennung von Hoch- und Trivialkultur im Zeitalter des Web 2.0 noch haltbar?

  1. Die Trennung von unterhaltender und ernster Kunst kennt eigentlich nur der deutschsprachige Raum und die Frage ist, was uns diese Trennung eigentlich bringt? Vielleicht wird auf diese Weise einfach nur ein sehr elitäres (Kunst)-Denken gefördert, das es erlaubt, dass einige wenige sich von der Masse abgrenzen können.

    Ob die Bruchlinie zwischen „Hoch- und Trivialkultur“ aber auch Auswirkungen auf das Verhalten im Web2.0 hat, wage ich zu bezweifeln. Vereinfacht gesagt hindern hierarchische Unternehmensstrukturen und die damit einhergehende Unternehmenskultur die Betriebe daran, das Potenzial des Social Web auszuschöpfen. Allerdings gibt es solch hierarchisch geführte Kulturbetriebe auch im Bereich der Trivialkultur, oder?

  2. Lieber Christian,

    ich stimme Dir in Deinem ersten Punkt absolut zu. Es geht um Ab- bzw. Ausgrenzung. Ich würde sogar behaupten, dass diese Trennung die größte Schwäche der Kulturlandschaft in Deutschland ist. Zum Einen grenzt Sie bestimmte Kundengruppen aus. Natürlich verbietet kein Theater oder Museum einem Menschen den Besuch. Jedoch ist mein persönlicher Eindruck, dass auf der anderen Seite auch nicht versucht wird, so viele unterschiedliche Menschen zu begeistern wie nur irgend möglich. Die Definition einer Hochkultur schließt einen bestimmten Kundenstamm mit ein (ich weiß, dass es durchaus vereinzelt Beispiele gibt, die hier anders arbeiten).

    Zum anderen grenzt diese Einteilung auch bestimmte Kultursparten aus. Wir haben m.E. zumindest in Deutschland eine Situation, in der es nicht eine „Kulturidee“ gibt, die die verschiedenen Facetten der Kultur zusammenführt. Es gibt vielmehr ein Neben- und oftmals sogar ein Gegeneinander. Dort die Opern – da die Computerspiele; dort die klassische Musik – da die Popmusik etc. Dabei geht es mir nicht darum, den einzelnen Kulturformen Ihre Identität zu nehmen aber sie könnten soviel voneinander lernen. Sie könnten kooperieren.

    Was das Web 2.0 angeht so geht mein Ansatz in eine andere Richtung. Solange die falsche Trennung von Hoch- und Trivialkultur existiert – sei es als Definition oder aber als Handlungsweise – sollten wir m.E. daran arbeiten dies zu ändern. Neben allen schon genannten Argumenten – auch denen, die wir bei Facebook besprochen haben (danke für das posten) ist das Web 2.0 ein gutes Argument, zu zeigen, dass diese Einstellung nicht mehr haltbar ist. Das Web 2.0 zeigt meiner Meinung nach, dass diese Trennung keinen Bezug zur Realität hat. Zudem werden Institutionen, die versuchen dieses System im Web 2.0 anzuwenden scheitern. Sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus Marketingsicht ist hier eine Änderung notwendig.

    Ganz liebe Grüße

    Christoph

  3. Ob im Web2.0 die „Guten“ oder die „Bösen“ gewinnen werden, wissen wir noch nicht. Fakt ist: beide Seiten sind in der Lage, Social Media für ihre eigenen Zwecke zu verwenden. Der Einsatz von Social Media führt nicht automatisch zu „guten“ Ergebnissen.

    Insofern stimme ich mit Dir überein in der Forderung, die Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur aufzuheben. Die Argumente dafür sehe ich aber nicht im „Wesen“ des Web2.0 begründet. Ganz im Gegenteil: mir gelingt es nicht, gemeinsame Anknüpfungspunkte zu finden. Wo siehst Du die denn genau?

  4. Hallo Christian,

    mein Gedanke ist folgender. Die Trennung von Hoch- und Trivialkultur war und ist möglich, weil wir über klassische Medien in mehr oder weniger abgeschlossenen Räumen kommuniziert haben. Es gibt z.B. Zeitungen die für eine Zielgruppe bestimmt sind, die sich eher als Vertreter einer Hochkultur sehen. Es gab hier keine Möglichkeit der Teilhabe in dem Sinne, dass sowohl Institution als auch Kunde zugleich Sender und Empfänger von Informationen waren. Es entstand ein „Hochkulturraum“ bestehend aus Kulturinstitutionen, speziellen Medien und einer bestimmten in sich geschlossenen Kundengruppe.

    Was ändert sich nun durch das Web 2.0.? Zum einen erleben wir meiner Meinung nach eine inhaltliche Demokratisierung. D.h. jeder kann seine Meinung oder seine Gedanken zu einem bestimmten kulturellen Inhalt verbreiten. Kultur wird auf neue Art und Weisen erschlossen, erfahren und kommuniziert. Dies ging natürlich auch schon vorher – nur jetzt geschieht dies mit einer viel breiteren Öffentlichkeit. Dadurch, dass nun jeder Inhalte definieren und in einen neuen, individuellen Kontext stellen kann verliert die Trennung von Hoch- und Trivialkultur Ihren Sinn – denn ich sowieso nicht gesehen habe. Ich meine also, dass eine solche Trennung nur dann funktionieren kann, wenn ich abgeschlossene Kulturräume bzw. Kultur-Communitys habe. Das Web 2.0 konfrontiert die Kulturinstitutionen erneut und in verstärktem Maße damit, dass die Kunden die Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur in der Breite nicht angenommen haben, sie also keinen Sinn macht.

    Meiner Meinung wird es nicht möglich sein (und das finde ich sehr gut), im Web 2.0 abgeschlossene Räume der vermeindlichen „Hochkultur“ zu schaffen. Dies wäre nicht kompatibel zum Web 2.0. Es geht also darum, die Kultur der Institutionen (und ich zähle in diesem Fall die besagte willkürliche Trennung dazu) auch in diesem Bereich zu ändern.

    Ich hoffe ich habe meinen Ansatz verständlich beschrieben und Du bzw. alle anderen Leser können ihn nachvollziehen. Ansonsten stellt mir bitte Rückfragen:-)

    Beste Grüße

    Christoph

  5. Danke Christoph, jetzt verstehe ich, was Du meinst. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Social Web diese nicht gerade kleine Aufgabe übernehmen kann? Angenommen, auf diese Weise gelingt es, die Hochkulturräume“ aufzubrechen, dann müsste das ja in Theater, Oper und Theater in der Besucherstatistik erkennbar sein, z.B. in Form einer sinkenden Akademikerquote. Das ist aber, wenn ich mich nicht irre, nicht der Fall.

    Insofern bin ich auch skeptisch, was das demokratische Potenzial des Social Web angeht. Die digitale Kluft existiert nach wie vor, ich weiß allerdings, ob sie in der letzten Zeit eher zu- oder abgenommen hat. Vielleicht weiß das ja jemand?

    • Lieber Christian,

      ich stimme Dir in beiden Punkten grundsätzlich zu. Jedoch bin ich der Meinung, dass es nicht nur darum geht, den aktuellen Status Quo zu beleuchten bzw. anzuerkennen. Die Idee, eine Veränderung aus den Besucherstatistiken abzuleiten finde ich sehr gut. Aber die jetzigen Statistiken beschreiben ja das, was jetzt da ist. Mir geht es vielmehr darum, dass die immer noch vorhandene Trennung von Hoch- und Trivialkultur in den Köpfen Vieler dazu führt, dass die Möglichkeiten die sich durch das Web 2.0 ergeben nicht ausreichend genutzt werden. Es ist also nicht das Web 2.0 was die Kulturräume aufbricht, sondern es müssen die Institutionen zusammen mit ihren Nutzern sein. Ich persönlich glaube, dass die Einteilung von Hoch- und Trivialkultur einer der Gründe ist, warum dies für mein Verständnis niocht ausreichend versucht wird.

      Was die digitale Kluft angeht, so weiß ich nur, dass sie nachwievor besteht und dass dies m.E. nicht von Vorteil ist. Dies ist auch der Grund, warum ich Institutionen immer rate, ihre Nutzer die nicht oder nur in geringem Umfang online aktiv sind, in diese Onlinewelten zu begleiten. Ich schreibe gerade an einem neuen Blogbeitrag zu dem Thema:-)

      Beste Grüße

      Christoph

  6. Hallo,

    auch wenn der Eintrag hier schon etwas älter ist, dachte ich mir, ich schreibe einfach mal.

    Bin eben bei meiner Google-Suche auf den Beitrag gestossen und hab euren Dialog mal kurz überflogen. Ich wollte eigentlich nur kurz anmerken, dass es zu diesem Thema eine Arbeit über die Ausbreitung kultureller Vielfalt in Deutschland gibt. Sie hat vielleicht nicht direkt mit dem Web 2.0 zu tun aber wenn sich jemand dafür interessiert kann man da einen guten, kurzen Einblick erhalten.

    Eventuell kann er auch teilweise erklären, warum es in Deutschland „schwerer“ zur Vermischung von Hoch- und Trivialkultur kommt. Wer keine Lust hat den ganzen Text zu lesen, der kann auch einfach die Zusammenfassung am Ende lesen.

    Literatur: Rössel, Jörg (2006): Allesfresser im Kinosaal? Distinktion durch kulturelle Vielfalt in Deutschland, Soziale Welt 57. S.259-272

    ist auch online verfübar und kann man bei „Soziale Welt“ runterladen.

    Viele Grüße
    Jörg

  7. Pingback: Das Konzert der Zukunft – mein Beitrag zur Blogparade des DACAPO-Blogs | Kulturbeutel

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