Spiel – es liegt in Deiner Natur

Liebe Leser,

am 20.01.2011 war ich zur Eröffnung des Computerspielemuseums in Berlin eingeladen. Dieses Museum ist ein faszinierender Ort geworden. Man kann nicht nur etwas über die Geschichte der Computerspiele erfahren oder einzelne Spiele ausprobieren. Vielmehr ermöglicht dieses Museum einen Blick in die Kultur der Computerspiele. Diese Kultur ist nämlich sehr facettenreich und vielmehr mit unserem Alltag verbunden als es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Ich möchte den Besuch des Computerspielemuseums zum Anlass nehmen, meine Arbeit und meine Gedanken zum Thema Gaming in meinem Blog verstärkt zu diskutieren. Dieser Beitrag soll quasi der „Startschuss zum Spielen“ sein.

Sicherlich haben die meisten von euch schonmal etwas von Computerspielen gehört. Sie haben sich mittlerweile zu einem sehr erfolgreichen Medium entwickelt. Überall spielen Menschen Computerspiele, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstatus. Computerspiele sind aber auch immer wieder Inhalt kontroverser Diskussionen. Gerade Themen wie Gewalt oder Spielsucht rufen eine große Zahl an Kritikern auf den Plan. Nun geht es mir nicht darum, Computerspiele unkritisch zu nutzen oder zu beschreiben. Jedoch möchte ich mich im wesentlichen auf die Chancen und Möglichkeiten die sich meiner Meinung nach durch die Nutzung von Computerspielen ergeben, konzentrieren.

Ich – Spieler
Ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema Gaming. Angefangen hat alles damit, dass ich selber Computerspiele spielte. Als Kind und Jugendlicher spielte ich auf den Konsolen von Atari und Nintendo oder verspielte mein Taschengeld an Spieleautomaten mit PacMan und Donkey Kong. Später spielte ich mit dem C64 und dem Atari 1024STE um schließlich beim PC zu landen.

Ein weiterer wichtiger Schritt war meine Arbeit bei Walt Disney, genauer bei den Disney Interactive Studios. Ich war dort ein kleiner Teil der großen Gamesindustrie und kümmerte mich um den Vertrieb der Disney-Spiele in über 100 Filialen von Media-Markt und Saturn. Es war eine spannende Zeit und ich bekam einen Einblick hinter die Kulissen der Gamesindustrie.

Heute beschäftige ich mich intensiv mit allen Facetten dieser bunten Welt. Ich veranstalte Workshops und Seminare zum Thema Gaming für Kultur- und Bildungsinstitutionen und Unternehmen. So konnte ich zum Beispiel im Jahr 2010 im Rahmen des Projektes „Lernort Bibliothek“ der Landesregierung Nordrhein-Westfalen 8 Projektbibliotheken in die Welt der Computerspiele einführen. Dazu gehörten zum Einen Seminare und Workshops und zum Anderen ein Besuch der Gamescom inkl. Treffen mit Vertretern der Gamesindustrie. Zudem bin ich im Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. verantwortlich für das Thema Computerspiele sowie die Gaming-Roadshow. Und natürlich spiele ich selber:-) Und es macht mir sehr großen Spass…

„Spiel – es liegt in Deiner Natur“ (Motto der Gamesconvention 2006)
Im Laufe der Jahre bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung und dem Verstehen von Computerspielen in unterschiedlichen Kontexten ergeben, immens sind. Dies betrifft Bereiche wie die Kultur- und Wissensvermittlung, das Marketing, das Innovationsmanagement, die Organisationsentwicklung, die Führung von Unternehmen und Institutionen, die Produktentwicklung, Lernprozesse, den Umgang mit Hochtechnologie, Communitybuilding, etc. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass – vergleichbar mit dem Web 2.0 – diese Möglichkeiten in der Breite noch zu wenig erkannt und damit verbunden genutzt werden.

Die Welt der Computergames?
Ich benutze sehr oft im Zusammenhang mit dem Thema Gaming den Begriff der „Welt der Computergames“. Damit ist gemeint, dass ich nicht nur die Spiele an sich sondern auch die damit verbundene Kultur, die Gamesindustrie, die Gamer, die Geschichte und viele weitere Themen untersuche. Erst wenn man sich alle Facetten vor Augen führt, kann man die Chancen und Möglichkeiten verstehen. Es gibt eine Vielzahl an spannenden Fragestellungen. Ich möchte hier kurz ein paar der wesentlichen beschreiben:

Das Web 3.0 – die virtuelle Welt
Es gibt viele Theorien die sich mit der Frage beschäftigen, in welche Richtung sich das Internet entwickeln wird. Viele glauben z.B., dass das Semantic Web die Zukunft des Internets sein wird. Nun kann man mit Sicherheit nicht genau voraussagen was genau passieren wird, jedoch wird ein Web 3.0 meiner Meinung nach eher eine virtuelle und dreidimensionale Welt sein. Wenn dem so ist, dann sind Computerspiele die entscheidende Schnittstelle dazu. Aus diesem Grund untersuche ich die Welt der Computerspiele z.B. dahingegen, was für diese Theorie spricht bzw. inwieweit heutige Spiele auf diesen Trend hinweisen.

Computerspiele als Plattformen für die Kultur- und Wissensvermittlung
Es gibt meiner Meinung nach in der Zukunft zwei wichtige Plattformen für die Kultur- und Wissensvermittlung: Das Internet und die Computerspiele. Die Computerspiele eignen sich hervorragend als Plattform zur Vermittlung kultureller und wissenschaftlicher Inhalte, weil sie z.B. jede reale, historische oder fiktive Form visualisieren können. Zudem ermöglichen sie die interaktive Erschließung von Inhalten jeder Art. Dieser Punkt hängt sehr eng mit dem nächsten zusammen: Computerspiele und Lernen.

Computerspiele und Lernen
Computerspiele haben sehr viel mit unterschiedlichen Lernprozessen zu tun. Dabei geht es nicht um die sog. Lernspiele sondern um handelsübliche Computerspiele, egal um welches Genre und welche Zielgruppe es sich dabei handelt. Um zu verstehen, was hier gelernt wird und wie man dies z.B. für die Kulturvermittlung nutzen kann, muss man verstehen was ein Spieler tut wenn er spielt. Gerade aus den USA, wo die Forschung in diesem Bereich weiter fortgeschritten ist, kommen hierzu interessante Studien.

Computerspiele und die Verschmelzung von Education und Entertainment zu Edutainment
Die Verschmelzung von Education und Entertainment zum Edutainment ist an sich nichts Neues. Diese Idee gab es auf die eine oder andere Art und Weise auch schon vor den Computerspielen. Dieser Prozess bekommt durch die Computerpiele aber ein weitaus höhere Geschwindigkeit. Es stellt sich daraus resultierend die Frage, was man daraus für andere Kultur- und Bildungsbereiche lernen kann.

Computerspiele, Communitybuilding und Innovationsmanagement
Wer Computerspiele spielt, wird früher oder später Kontakt mit Gaming-Communitys haben. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass es ohne die Communitys keine so große Verbreitung von Computerspielen geben würde. Gerade für diejenigen, die sich mit Communitys im Web 2.0 beschäftigen, sollten Gamingcommunitys ein Thema sein. So kann man hier z.B. sehr interessante Formen der Kundenbindung sehen. Auch sind viele dieser Communitys Best-Practice-Bespiel für erfolgreiches Community-Management. Für mich besonders interessant sind Communitys im Kontext des Innovationsmanagements von Institutionen und Unternehmen.

Computerspiele, Marketing und Kulturmanagement
Für Marketing- und Kulturmanager ist das Thema aus zwei Gründen interessant. Zum Einen können wir innovative Marketingkonzepte „erleben“ und davon lernen. Zum Anderen können wir uns im Kulturmanagement auf die virtuellen Welten vorbereiten.

Computerspiele als Kulturgut bzw. als Kunst
Nicht zuletzt sind Computerspiele selber kultureller Inhalt. Für mich persönlich stehen sie dabei auf einer Stufe mit dem Theater, der Oper oder einem Museum. Für mich haben alle diese Plattformen die gleiche Wertigkeit. Die Welt der Computergames besteht nicht nur aus Ego-Shootern. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Spiele und es lohnt sich auch die Nischen zu besuchen.

Sein oder vielleicht Sein
Grundsätzlich ist es m.E. wichtig zwischen der aktuellen Situation und möglichen Optionen zu unterscheiden. Zur aktuellen Situation gehören z.B. die Communitys und die aktuellen Spiele. Ebenso dazu gehören die aktuellen Marketingkampagnen und der aktuelle Stand der Verschmelzung mit dem Internet sowie aktuelle Studien. Zu den Optionen gehört die Kultur- und Wissensvermittlung in der Zukunft, neue Nutzungsmodelle z.B. im Unterricht in Schulen und Universitäten sowie neue Geschäftsmodelle. Es gilt also die auf Basis der aktuellen Situation mögliche Szenarien in der Zukunft zu beschreiben und zu überlegen, was heute dafür getan werden sollte.

Der Weg ist das Spiel
Bleibt die Frage, wie man sich am besten auf einem Blog diesem Thema widmet? Ich bin (wie beim Thema Web 2.0 auch) der festen Überzeugung, dass man sich diesem Thema nicht nur theoretisch nähern kann und sollte. Es ist mindestens genauso wichtig, die Spiele selber auszuprobieren. Aus diesem Grund habe ich damit begonnen, eine große Zahl an Spielen intensiv zu spielen. Dabei geht es mir nicht nur darum, einfach ein bisschen zu spielen. Ich analysiere diese Spiele hinsichtlich der Frage, welchen Einfluss und welche Nutzungsmöglichkeiten sich für die o.g. Themengebiete ergeben. Nun habe ich schon einige Computerspiele gespielt aber es gibt tausende weiterer Spiele und deshalb muss man eine gewisse Auswahl treffen. Neben einigen Online- bzw. Browsergames spiele ich aktuell folgende Spiele: Mafia 2, Fußball-Manager 10, Metro 2033, Battlefield 2 Bad Company, Alpha Protocoll, Kinect Adventures, Bioshock 2, Darksiders, Portal, Machinarium, Need For Speed – Shift, Fifa 11, Civilisation 4, Mass Effect 2 und demnächst Total War – Shogun 2.

Neben dem Analysieren der Spiele beschäftige ich mich genauso intensiv mit der schon beschriebenen Welt der Computergames. Ich möchte so viele unterschiedliche Facetten und Gedankengänge wie nur irgend möglich beschreiben. Und natürlich möchte ich mit Euch diskutieren. Dabei geht es mir u.a. um folgende Punkte: Zum Einen möchte ich Eure Meinung zu diesem Thema wissen. Dann interessieren mich auch Eure Erfahrungen mit Computerspielen. Und dann freue ich mich über jeden spannenden Hinweis zum Thema Gaming, seien es spannende Spiele und Technologien oder aber Infos aus dem Gaminguniversum.

Wo man noch mehr von zu diesem Thema finden kann

Im Handbuch Bibliothek 2.0 ist mein Beitrag „Gaming als bibliothekarisches Zukunftsthema“ zu finden. Dieser Artikel beschreibt einige meiner Theorien und Gedanken. Auch wenn es sich dabei um ein Buch für Bibliotheken handelt, gelten die meisten Aussagen auch für alle anderen Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie in Teilen auch für Unternehmen. Das Buch ist im deGruyter-Verlag erschienen und man kann das ganze Buch oder auch nur meinen Artikel hier kostenlos runterladen.

Wer mehr über das Thema Gaming wissen möchte, kann gerne eines meiner Seminare zum Thema Gaming besuchen bzw. buchen. Diese Seminare richten sich sowohl an Kultur- und Bildungsinstitutionen als auch an Unternehmen. Neben einer Einführung in die Welt der Computerspiele werden vor allem vorhandene und potentielle Nutzungsmöglichkeiten erläutert. Wer daran Interesse hat, kann mich gerne kontaktieren.

Beste Grüße

Christoph Deeg

2 Kommentare zu “Spiel – es liegt in Deiner Natur

  1. Lieber Christoph Deeg,

    ich bin gestern gerade erst über einen Artikel bei TUAW gestolpert, der die von dir angesprochenen Themen unter dem Schlagwort Gamification nennt. Ich kann mir in diesem Bereich auch viel vorstellen, z.B. Museen, die Informationen und Objekte für historische Strategiespiele aufbereiten, wobei der Spielehersteller von historischer Genauigkeit profitiert und das Museum, durch die erreichte Zielgruppe. Wichtig ist es natürlich Brücken zum Ausstellungsbesuch zu bauen.

    Gruß
    Moritz Möller

  2. Lieber Moritz Müller,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich stimme Dir absolut zu. Leider ist das Thema Gaming im Bereich der Kulturinstitutionen noch weniger angekommen als das Thema Web 2.0. Es gibt viele offene Fragen und sicherlich auch Vorurteile gegenüber diesem Thema. Andererseits stelle ich immer wieder folgendes fest: Wenn die Mitarbeiter einer Kulturinstitution erstmal einen tieferen Einblick in die Welt der Computergames bekommen haben, steigt die Bereitschaft damit zu arbeiten immens. Dabei geht es nicht nur darum, Computerspiele in die Arbeit zu integrieren. Vielmehr kann man von der gesamten „Welt der Computergames“ lernen, z.B. den spielerischen Umgang mit Inhalten und Medien.

    Vielen Dank für den Link zum Artikel bei TUAW.

    Beste Grüße

    Christoph Deeg

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