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Brief an die digitalen Analphabeten

Liebe digitale Analphabeten,

hier schreibt kein Jugendlicher, kein jugendlicher Erwachsener, kein Kind. Ich bin aufgewachsen mit Telefonen, die eine Wählscheibe hatten. Mein erstes Handy kaufte ich glaube ich mit 20 Jahren. Meine Kindheit war analog – wenn wir mal diese heißen kleinen Gaming-Konsolen etc. herausrechnen. Ich bin kein Digital Native. Ich gehöre nicht zu der Generation, die Ihr gerne als solche bezeichnet, die aber von Euch in Eurer naiv-konservativ-analogen Welt gefangen gehalten wird, in der gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen.

Ihr digitalen Analphabeten versteckt Euch hinter pseudo-moralischen Ideen. Ihr behauptet, Ihr wollt die Gesellschaft schützen. Ihr verdammt den Fortschritt als unmenschlich. Ihr wollt diskutieren und in Euren Holzmedien über “den Menschen” reden. Ihr redet von der Freiheit der Menschen und davon, dass Ihr diese Freiheit verteidigen wollt. Ihr schreibt Bücher wie „Payback“ und seid doch alles andere als Zurückzahlende oder Freiheitskämpfer. Voller Inkompetenz baut Ihr darauf, dass niemand das Gefängnis erkennt, in welches Ihr ganze Generationen einsperren wollt.

Ja, es hat sich etwas verändert. Ihr wolltet das nicht. Im Gegenteil, es war doch alles gut so wie es ist. Ihr hattet Eure Möglichkeiten und Euren Einfluss. Ihr hattet das goldene Kalb der Deutungshoheit. Es war alles so gut und so einfach. Und nun soll dies alles nicht mehr relevant sein? Ihr erlebt eine Welt, in der so etwas wie „Deutungshoheit“ eine Pointe in einem Witz geworden ist. Nein, Ihr habt die Deutungshoheit nicht an die digitale Welt verloren. Die digitale Welt zeigt Euch nur, dass es nie eine Deutungshoheit gab. Das mag wehtun – gewöhnt Euch daran.

Ich kann Euch verstehen. Ihr müsst alles verdammen, was nach Fortschritt aussieht. Ihr müsst alles tun, damit Eure Vision der digitalen Apokalypse nicht real wird, auch wenn es Euch nach meinem Gefühl weniger um „die Menschen“ oder „die Gesellschaft“ sondern vielmehr um Euch und Eure Macht geht.

Ihr habt lange gewartet. Zu lange gewartet. Längst sind Konzerne entstanden, die öffentliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich Ihr hättet übernehmen müssen. Aber Ihr wolltet lieber noch ein bisschen diskutieren. Das passt zu Euch: Viel reden – aber nichts entscheiden.

Und nun werden Euch Entscheidungen abgenommen. Nun beginnen die Menschen zu handeln. Eure Gesetze und Kolumnen waren eh nur für eine kleine Mini-Elite bestimmt, nun erreichen sie fast niemanden mehr. Ihr habt Euch verloren im Beobachten und Reden. Ihr, und nicht die Konsumenten habt die digitale Welt den kommerziellen Unternehmen überlassen. Und nun wollt Ihr eben diese Unternehmen für etwas bestrafen, was Ihr selber zu verantworten habt. Wo sind Eure Konzepte? Wo sind Eure Ideen? Wo sind Eure Visionen? Ist ein bisschen konservativ daher quasseln in Euren kleinen Holzmedien alles was Ihr könnt? Hattet Ihr nicht Zeit und Geld genug, um eigene Ideen und Modelle zu entwickeln?

Wo ist der Unternehmergeist in Deutschland geblieben? Macht es Euch nicht nervös, dass selbst die Kanzlerin mahnt, Ihr solltet euch mehr Mühe geben? Glaubt Ihr eine kleine Gruppe von Pseudo-Kultur-Propheten mit Ihren schwachen Feuilletons könnten Euch retten? Nein! Werdet endlich erwachsen. Wir brauchen keine digitale Präventionsgesellschaft. Wir brauchen keine Möchtegern-Kultur-Menschen, die im Digitalen nichts anderes als Gefahren sehen. Was Ihr nicht verstanden habt ist: diese digitale Welt wird von Menschen gestaltet. Und diese Menschen entwickeln eine neue Kultur, in der Ihr zu einem Auslaufmodell werdet. Nicht Google, Amazon und Facebook sind die Feinde sondern diejenigen, die die Menschen entmündigen, indem sie ihnen sagen, dass man diese digital-analoge Welt nicht gestalten könne.

Wir brauchen keine Verwalter – wir brauen Gestalter. Die digitale Welt ist vor allem eine unglaubliche Chance. Gewiss, sie ist auch voller Risiken. Aber das größte Risiko sind diejenigen, die aus ihrer pseudokulturellen Oase beobachten und richten. Hört auf zu diskutieren und beginnt zu gestalten. Wir brauchen keine Talk-Shows und Interviews. Wir brauchen Menschen, die diese Gesellschaft gestalten wollen.

Ruht Euch nicht auf Eurem vermeintlichen Alter aus. Sätze wie „ich bin bald in Rente und will mich damit nicht mehr beschäftigen“ sind die Aussagen asozialer Konservativer. Es ist egal wie alt man ist – man muss einfach nur bereit sein, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Nein, Ihr müsst keine digitalen Nerds werden. Niemand zwingt Euch einen Account bei Facebook und Co. zu eröffnen. Aber gebt denen den Raum und die Möglichkeiten, die sich auf den Weg in die digital-analoge Welt machen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir haben vor Euch ja auch keine Angst.

Also: wacht auf! Nutzt die Potentiale der Veränderung! Lasst uns die digitalen Angebote nutzen und gestalten. Und wenn Ihr das nicht wollt, dann schweigt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Herzlichen Glückwunsch Facebook – nachträglich

Liebe Leser,

die meisten von Euch haben es sicherlich mitbekommen: Facebook ist 10 Jahre alt geworden. Das ist kaum zu glauben oder? Es sind gerade mal 10 Jahre und in dieser kurzen Zeitspanne hat Facebook bzw. das Social Web unser Leben nachhaltig verändert. Ich gebe zu, dass ich am Anfang gar kein Facebook-Nutzer war. Ich bewegte mich auf Myspace. Dort konnte ich mich mit anderen Menschen aus aller Welt vernetzen und zudem ein paar meiner Musik-Tracks veröffentlichen. Zur damaligen Zeit hatten sehr viele Bands ein Profil auf Myspace und es gab viele tolle Community-Angebote. So gab es kleine internationale Gruppen, die die Tracks von Menschen wie mir rezensierten und einmal habe ich es sogar in deren TOP 5 der Woche geschafft.

Nun gut, es war auch die Zeit, in der sich mein Leben veränderte. Vom Nutzer dieser Tools wurde ich in sehr kleinen Schritten zum Berater in diesem Bereich. Es war ein spannender Weg und es ist immer wieder beeindruckend für mich, dass ich einen Beruf habe, der erst durch Facebook und Co. entstanden ist. Facebook ist immerhin so berühmt geworden, dass nahezu alle Medien über den Geburtstag berichten. Leider ist diese Berichterstattung in vielen Teilen oberflächlich. Da heißt es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen würden dort Essensbilder teilen und massenhaft „Gefällt mir“ drücken. Man redet von Zeitverschwendung, von Aktienkursen und Werbung und Datenschutz. Und natürlich darf die alte Diskussion über das Thema „Freunde“ nicht fehlen. Es ist ärgerlich, aber man kann es verstehen. Die klassischen Medien haben sich in der Breite bis heute nicht mit der digitalen Welt anfreunden können. Ihnen fehlt jedes Verständnis für die Plattformen und – und das ist noch enttäuschender – für das was die Menschen dort tun. Und das Wort „Zeitverschwendung“ ist gerade aus dem Mund der klassischen Medien absurd…

Aber genau das ist es, was wirklich interessant an diesem Geburtstag ist: Nicht Facebook hat Geburtstag, sondern wir – die Menschen, die seit 10 Jahren Inhalte auf Facebook teilen, kommentieren und liken. Facebook ist nicht mehr und nicht weniger als eine geniale Plattform, die es den Menschen ermöglicht und sie animiert, miteinander zu kommunizieren. Und das ist etwas, von dem die meisten herkömmlichen Medien wenig bis gar keine Ahnung haben. Wir sollten nicht Facebook feiern sondern uns…

Aber Facebook steht auch für die Frage, inwieweit Unternehmen und Institutionen mit der Lebensrealität eines großen Teils unserer Bevölkerung überhaupt noch kompatibel sind? Wir dürfen nicht vergessen, dass der freie Zugang zum Internet weder in Unternehmen noch in öffentlichen Institutionen selbstverständlich ist. Und selbst wenn man dann auf Facebook oder vergleichbaren Plattformen aktiv ist, heißt das noch lange nicht, dass man die Kultur des Social Web, die neuen Denk- und Arbeitsweisen verstanden und verinnerlicht hat. Viele Unternehmen und Institutionen müssen feststellen, dass sie nicht kompatibel zu den Menschen und Ihrer Kommunikationskultur sind.

Leider wird Facebook viel zu oft als PR-Tool missverstanden. Man möchte doch so gern die Menschen dort erreichen wo sie angeblich sind. Daraus resultiert, dass man PR-Agenturen mit Facebook-Kampagnen beauftragt, bei denen es dann sehr oft weniger um nachhaltiges und umfassendes Community-Building als vielmehr um mehr Fans, mehr Kommentare und mehr Geld für den Chef der PR-Agentur geht. Das alles ist verständlich aber es hilft nicht weiter. Es geht nicht darum, einen Kontakt herzustellen, sondern darum eine Beziehung zu Menschen aufzubauen. Es geht nicht um Fans, Likes und Kommentare sondern um Interaktion, Offenheit, Teilen, Kooperation, Kreativität und um Spass. Niemand möchte mit einer Institution reden – wir wollen mit Menschen reden.

Ich finde Facebook nachwievor großartig. Und der so oft angestimmte Abgesang auf Facebook, weil doch „die jungen Menschen“ nun vermehrt Messenger wie WhatsApp nutzen ist ein bisschen putzig. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn Facebook eine Plattform von Erwachsenen wird? Wie gesagt, Facebook wird von den Menschen gestaltet. Und das bedeutet, dass sich die Plattform ändern kann. Vielleicht werden aber auch nur einige Unternehmen und Institutionen inkl. ihrer PR-Berater nervös, weil sie nicht wissen, wie man auf den stetigen Wandel in der digitalen Welt reagieren soll. Wenn sich Dinge ändern und man flexibel auf die Menschen reagieren muss.

In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre Facebook. Mögen die Unternehmen und Institutionen irgendwann die Menschen und ihre Lebensrealität verstehen und damit umgehen können…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Die sieben Social-Media-Todsünden – Nr. 1: Wir machen ein bisschen Social-Media

Liebe Leser,

heute beginnt eine kleine siebenteilige Serie zum Thema “Die sieben Social-Media-Todsünden”. Dabei möchte ich auf Basis meiner Erfahrungen auf die klassischen Fehler hinweisen. Beginnen wir also mit der ersten Todsünde: “Wir machen ein bisschen Social-Media”. Diese Aussage hört man sehr oft. Man möchte zwar irgendwie dabei sein, aber andererseits erstmal schauen was so passiert. Dies ist eine Social-Media-Todsünde, denn es kann nicht funktionieren.

Um zu verstehen warum das so ist müssen wir nur für einen kleinen Moment über folgende Frage nachdenken: Wo in unserem Leben sind wir bereit, uns mit “ein bisschen” zufrieden zu geben? Was wäre, wenn wir beim Italiener um die Ecke Pasta bekommen, die nur ein bisschen gar ist? Wie reagieren wir, wenn unser Partner uns sagt, dass er uns ein bisschen liebt? Wie gehen wir damit um wenn Fussballer nur ein bisschen Fussball spielen? Wie reagieren wir, wenn unser Mitarbeiter/Kollege uns sagt, dass er nur ein bisschen arbeitet? Kann man ein bisschen schwanger sein? Wie wäre es, wenn der Chirurg nur ein bisschen operiert? Wie ist es, wenn die Bahn nur ein bisschen fährt? Was machen wir, wenn die Putzkräfte im Hotel nur ein bisschen putzen?

Seien wir ehrlich: es gibt kaum etwas, bei dem wir mit “ein bisschen” zufrieden wären, aber warum machen viele Unternehmen und Institutionen dann nur ein bisschen Social-Media? Social-Media ist kein Add on. Es ist keine Aufgabe, die man umsetzt, wenn man die anderen Aufgaben erledigt hat. Es ist auch nichts, was man dem Praktikanten übergeben sollte. Und nein, Social-Media ist auch nicht Werbung.

Ich weiß, dass viele Unternehmen und Institutionen im Bereich Social-Media aktiv sind oder aber damit starten wollen. Aber wenn wir es nur ein bisschen machen, kann es nicht funktionieren. Das bedeutet nicht, dass man 30 Plattformen bedienen, 1.500.000,00 € ausgeben und 40 Vollzeitstellen einrichten muss. Aber es bedeutet, dass ich mich auf diese Kultur einlasse. Es bedeutet, dass ich verstehe, dass dieses Thema auch nach innen wirkt und u.U. einige meiner Denk- und Arbeitsweisen infrage gestellt werden. Es bedeutet, dass ich kritisiert werde und dass ich mit meinen Kunden auf Augenhöhe kommuniziere. Und es bedeutet, dass dieses Thema die gleiche Relevanz wie alle anderen Themen in meinem Unternehmen bzw. meiner Institution hat.

Ich weiß, dass es diese tollen Vorträge von Social-Media-Managern gibt, bei denen man danach unbedingt dabei sein will. Ich halte ja selber solche Vorträge:-) Aber im Bereich Social-Media ist dabei sein nicht alles! Wenn wir all die tollen Möglichkeiten nutzen wollen, müssen wir auch etwas dafür tun. Oder glauben wir, man könnte an diesem Milliardengeschäft, an dieser Kultur, die ganze Gesellschaften verändert oder an der globalen Vernetzung partizipieren, wenn man ein bisschen mitmacht?

Eines ist klar: Die Menschen mit denen wir kommunizieren wollen sind nicht blöd. Sie merken, ob wir das alles nur ein bisschen machen oder es wirklich wollen. Der größte Unsinn ist aber die Idee, erstmal ein bisschen aktiv zu sein um dann zu schauen ob es sich lohnt. Wie soll das funktionieren? Wenn ich nur ein bisschen kommuniziere, dann bekomme ich auch nur ein bisschen Antworten. Und was wollen wir dann daraus für Schlüsse ziehen? Niemand würde auf die Idee kommen, eine Segeljacht zu bauen, und diese zu testen, in dem man ohne Segel zu setzen mit dem kleinen Außenboard-Motor im Hafenbecken herumtuckert. Wir wissen dann zwar, ob der kleine Motor funktioniert aber nicht, ob man mit dem Schiff auch segeln kann.

In diesem Sinne – denkt immer an Meister Yoda. Er sagte “Tue es oder tue es nicht – aber versuchs nicht”

Beste Grüße

Christoph Deeg

Warum Vernetzen kein Selbstzweck ist

Liebe Leser,

wenn Ihr diesen Beitrag lest, bin ich in der Bayerischen Staatsbibliothek aktiv. Heute werde ich Mitarbeitern aus bayerischen Bibliotheken das mobile Internet näher bringen. Sie werden lernen was es gibt, was es geben sollte und sie werden Smartphones, iPads, eBook-Reader etc. ausprobieren können. Oder anders ausgedrückt: heute findet in München die Mobile-Internet-Roadshow statt.

In diesem Beitrag geht es aber nicht um das mobile Internet sondern um das Denken und Handeln in Netzwerken. In den letzten Jahren hat sich soetwas wie eine Vernetzungs-Revolution entwickelt. Jeder ist scheinbar mit jedem vernetzt. Wir vernetzen uns so oft es geht. Jemand der gut vernetzt ist, ist zwangsweise erfolgreich – oder? Und so vernetzen wir uns auf Plattformen und je mehr Freunde, Follower, Kontakte wir haben desto glücklicher sind wir.

Ich habe Kontakte also bin ich?
Das ist putzig aber wann beginnen wir zu fragen, was wir mit den ganzen Kontakten eigentlich machen wollen? Versteht mich nicht falsch, auch ich vernetze mich kontinuierlich und ich werde damit auch nicht aufhören. Trotzdem sollten wir uns überlegen, warum wir das tun und mit wem. Und wir sollten uns überlegen, wie man sich vernetzt und wie vielleicht lieber nicht. Aus diesem Grund möchte ich zwei Varianten beschreiben, die m.E. die Vorteile und die Grenzen der Vernetzung zeigen.

Das XING-Problem
Beginnen wir zuerst mit einem Negativbeispiel: XING. Bevor jetzt der große Aufschrei kommt: XING ist ein gute Plattform. Das Problem sind viele der darauf aktiven Nutzer. Communityplattformen wie XING geben mir als Nutzer die Möglichkeit, mich mit anderen Business-Kontakten zu vernetzen. Die tausenden XING-Mitglieder vernetzen sich also nicht, um lustige Bilder oder Filme auszutauschen. Es geht vielmehr um einen beruflichen Austausch. Über XING konnte ich z.B. nachweisen, dass es bei Amazon wirklich Menschen gibt. Und es ist völlig normal, dass man sich in der analogen Welt kennen lernt und sich dann auf XING vernetzt. XING ist quasi die Visitenkarten-Datenbank 2.0 Leider entwickelt sich XING aber immer mehr zu einem Netzwerk von Pseudo-Gute-Laune-Vertretern, die zudem keine Profile lesen. Deshalb: Liebe Pseudo-Verkäufer auf XING. Bevor Ihr mir wieder ein kostenloses Einführungsseminar zum Thema Social-Media anbieten wollt, lest mein Profil! Und bevor Ihr mir mal wieder verkaufen wollt, wie man in 10 Minuten erfolgreich im Web agieren kann, investiert nochmal 10 Minuten und lest mein Profil. Und bitte schreibt mir nicht, dass Ihr Euch mit mir vernetzen wollt, weil es doch bei XING um vernetzen geht. Wir sind hier nicht bei Olympia…

Update: der Vergleich mit Amazon meint, dass es sehr schwer ist, einen normalen Mitarbeiter (kein Call-Center) kennen zu lernen. Auf XING war dies aber möglich. Danke an http://www.twitter.com/ertraeglichkeit für die Nachfrage…

Das Ende der vernetzten Nabelschau
Kommen wir nun zu meinem Positivbeispiel – und ich weiß, dass das vom manchen anders gesehen wird: In den letzten Wochen habe ich vermehrt gehört, dass in bestimmten Bereichen weniger die Kunden, als vielmehr Kollegen zur Zielgruppe werden. Gerade im Bereich der Institutionen ist dies zu beobachten und es wird immer wieder kritisiert. Und ja, es stimmt. Viele Bibliotheken haben Mitarbeiter anderer Bibliotheken als Fans/Follower/Kontakte. Und gleiches können wir bei Museen, Theatern etc. beobachten. Und auf den ersten Blick erscheint diese Kritik auch gerechtfertigt. Warum betreiben wir so einen großen Aufwand um diejenigen zu informieren und zu bespaßen, die doch gar nicht unsere Kunden sind? Wollen wir nicht völlig neue Kundengruppen erreichen? Wollen wir nicht bestehende Kundenverhältnisse vertiefen? Betreiben wir gar eine “digitale Inzucht”? Ja und Nein.

Digitale Komfortzonen
Das Problem entsteht eigentlich nur dann, wenn die Social-Media-Aktivitäten auf diese “erweitert internen” Kontakte ausgerichtet werden. Dann kommt es zu der in vielen Bereichen vorhandenen Nabelschau. Man beginnt, inhaltliche Komfortzonen zu errichten. Vor allem bei Berufsgruppen, die der digitalen Welt eher skeptisch gegenüber stehen, ist dies oft zu beobachten. Man benutzt die digitale Welt um das eigene Berufsbild und die eigene berufliche Identität zu retten. Dann werden Facebook-Seiten von Bibliotheken zu Bücheroasen, als gäbe es nicht viele andere und zudem gleichberechtigte Medien wie Computergames, Blogs, Youtube-Videos oder eBooks. Museen preisen dann die klassische Deutungshoheit und Theater beschreiben auf Facebook, warum Twitter nichts im Theater zu suchen hat. Gleiches gilt auch für Unternehmen. Schauen wir uns beispielsweise die Angebote von vielen Verlagen an, können wir feststellen, dass sie eigentlich gar nichts mit der digitalen Welt zu tun haben wollen. Wenn man sich dann aber mit den Personen vernetzt, die die gleichen Gedanken haben, wird das Ganze scheinbar erträglich. Die digitale Welt ist aber anders, größer, beweglicher. Sie ist keine weitere Werbeplattform sondern eine Welt voller Optionen – wenn ich mich darauf einlasse.

Ihr seid nicht vernetzt!?
Es ist aber kein Problem, wenn man dafür sorgt, dass es um wirkliche Vernetzung mit wirklichen Mehrwerten geht. Denn die meisten Institutionen sind alles andere als gut vernetzt. Gewiss, man glaubt man wäre es, aber bei genauem Hinsehen erkennen wir, dass die technische Vernetzung nicht ausreicht. Nehmen wir nur als Beispiel die öffentlichen Bibliotheken: Für öffentliche Bibliotheken gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten der Vernetzung – sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt. Es gibt Konferenzen, Verbände, Fachmagazine, Mailingslisten etc. Auf den ersten Blick ist also alles in Ordnung. Vor ca. 1,5 Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Leiter einer öffentlichen Bibliothek, die ich seit längerem auf ihrem Weg in die digitale Welt begleitete. Er erzählte mir, dass er zu Beginn der Zusammenarbeit sehr skeptisch war. Warum sollte seine Institution z.B. eine eigene Facebook-Seite haben? Welcher Mehrwert könnte für die Bibliothek entstehen? Seine erste Idee war es, in kurzer Zeit viele neue Nutzer der Bibliothek generieren zu können. Aber nach einem Jahr merkte er, dass dies nicht so funktionierte wie er es sich gedacht hatte. Trotzdem war er sehr zufrieden, denn er hatte damit begonnen, andere Facebook-Seiten anderer Bibliotheken zu liken. Das Ergebnis war, dass er – so seine Aussage – zum ersten mal sehen und verstehen konnte, was seine Kollegen in anderen Bibliotheken taten. Und es handelte sich dabei zu einem großen Teil um Bibliotheken aus der Nachbarschaft bzw. institutionen, mit deren Leitungen er doch so gut vernetzt war. Facebook gewährte ihm aber einen anderen Blick in die Abeit seiner Kollegen und er konnte lernen.

Vernetzte Könige und vernetzte Völker
Auffallend ist zudem, dass in der Regel die Vernetzung auf der Ebene der Leitungen stattfindet. Aber viel wichtiger ist die Vernetzung der Teams. Das heißt nicht, dass sich die Leitungsebenen nicht vernetzen sollen, aber die Erfahrung zeigt, dass die Vernetzung der Teams den größeren Mehrwert bringt, denn dann kann Wissen von einer großen Gruppe erschlossen und vor allem weiterentwickelt werden. Damit geht natürlich auch die Verantwortung für den Einzelnen einher, sich an der Vernetzung zu beteiligen.

Lerne Dein Wissen zu teilen – auch ungefragt
Kommen wir zurück zu den öffentlichen Bibliotheken. Diese haben u.a. auch eine Mailingliste nämlich besagtes FroumOeb. Die Idee ist einfach. Jeder kann sich in dieser Mailingliste anmelden. Schreibt man eine Mail an die Liste, bekommen sie alle eingetragenen Listenmitglieder. Nun klingt das ziemlich nach Web 1.0 oder? Nun, man mag sich darüber streiten, ob man nun eine Mailingsliste oder eine Community oder ein Wiki oder ein Blog benötigt. Viel wichtiger ist aber, was wir dann mit der jeweiligen Plattform machen. Was auf ForumOeb gut funktioniert ist die gegenseitige Hilfe. Man hat ein Problem, z.B. eine rausgerissene Seite aus einem Buch oder eine fehlende Bedienungsanleitung oder den Wunsch nach einem guten Autor für eine Lesung und bekommt dann zumeist Hilfe von den anderen Mitgliedern. Was jedoch eher selten stattfindet ist eine Information über ein Problem, das man gelöst hat. Man kontaktiert die Liste damit man Hilfe bekommt. Man teilt aber nicht seine Erfahrungen und Lösungswege, vor allem dann nicht, wenn niemand vorher gefragt hat. Aber genau das wäre Vernetzung 2.0 Selbst wenn das Thema eine Vielzahl der Mitglieder gar nicht betrifft, dies gilt auch für die klassischen “Alarm, i need help!”-Themen, kann die Information den Horizont der Mitglieder erweitern und man kann gemeinsam beginnen, voneinander zu lernen. Ob man dies dann in einer Mailingliste oder einer geschlossenen Facebook-Gruppe macht ist erstmal zweitrangig auch wenn letzteres viele Vorteile bringt. Es geht also nicht nur um die Lösung von Problemen sondern auch um den Austausch von Erfahrungen und die gegenseitige Inspiration. Dann ist es letztlich egal mit wem man sich vernetzt…

Bleibt die Frage, wie managen wir das? Wie können wir wirklich interdisziplinäre Netzwerke aufbauen? Und wie definieren wir dann einen Return of Investment?

Beste Grüße

Christoph Deeg

8 Gründe warum Unternehmen nicht mit Social-Media anfangen sollten

Liebe Leser,

in den letzten Jahren habe ich eine große Zahl an Unternehmen und Institutionen auf ihrem Weg in die digitale Welt begleitet. In vielen Fällen beginnt die Zusammenarbeit mit einem Einführungsworkshop. Die Mitarbeiter lernen die Welt von Social-Media und Co. kennen. Dieser Workshop bildet dann die Basis für die weitere Beratung und Begleitung. Im Rahmen dieses Workshops werde ich sehr oft mit sehr viel Kritik an dem Thema Social-Media konfrontiert. “Was soll das bringen?”, “Es ging bis jetzt doch auch ohne!”, “Das ist bestimmt nur ein Hype!”, dies sind nur drei der immer wieder aufkommenden Fragen und Aussagen. Ich kann diese Fragen und Gedankengänge zwar gut nachvollziehen, allerdings sind diese Grundsatzdiskussionen nicht immer zielführend. Natürlich muss man diese Themen diskutieren, aber irgendwann muss die Entscheidung getroffen werden ob man damit anfangen möchte oder nicht. Es ist eine strategische Entscheidung und man kann nicht mal eben ein bißchen Social-Media machen. Man ist ja auch nicht ein bißchen schwanger:-)

In diesem (satirischen) Beitrag möchte ich all denen helfen, die von Social-Media nichts halten. Hier sind acht Gründe, warum man als Unternehmen auf keinen Fall mit dem Thema Social-Media angangen sollte:

Liebe Social-Media-Kritiker,

Ihr hattet immer Recht! Social-Media braucht kein Mensch. Ich möchte Euch helfen und habe hier 8 Gründe gefunden, warum Unternehmen auf keinen Fall mit Social-Media anfangen sollten…

1. Social-Media kostet Zeit

Social-Media kostet Zeit. Ihr müsst nicht nur die Plattformen, die Technologien und die damit verbundene Kultur bzw. die damit verbundenen Denk- und Arbeitsweisen verstehen. Ihr müsst auch Community-Building betreiben, Euer Team mitnehmen und aktivieren, neue Tools ausprobieren, Monitoring betreiben usw. Das alles kostet Zeit und wie wir ja alle wissen, haben wir alle keine Zeit.

2. Social-Media kostet Geld

Es stimmt, dass die meisten Plattformen wie z.B. Facebook oder Twitter kostenlos genutzt werden können. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Social-Media kostenlos ist. Es entstehen Kosten für Social-Media-Management-Werkzeuge. Und nein, es reicht in der Regel nicht aus, den jeweiligen Free-Account zu nutzen. Es entstehen Kosten für externe Berater und für den Besuch von Konferenzen und Tagungen. Ihr braucht u.U. neue Hardware wie z.B. ein Smartphone und Ihr müsst natürlich Euren Social-Media-Manager bezahlen. Aber wollt Ihr dieses Geld wirklich investieren? Jetzt? Nur um dann irgendwann davon profitieren zu können? Es läuft doch gerade ganz gut, oder? Und Eure Zielgruppe will garantiert nicht auf die netten Mails und Werbeanzeigen in Zeitungen verzichten. Und natürlich habt Ihr in Eurem privaten Umfeld mal nachgefragt und da konnte sich keiner vorstellen, was Euer Unternehmen im Social Web eigentlich tun sollte?

3. Social-Media wirkt auch nach innen

Social-Media steht weniger für neue Technologien als vielmehr für eine neue Kultur. Die Frage ist also die, ob die Kultur Eures Unternehmens mit der Kultur des Social-Web kompatibel ist. Eine Fanseite auf Facebook ist ein Versprechen und nicht nur ein PR-Tool. Aber was passiert, wenn die Menschen in der analogen Welt merken, dass Ihr gar nicht so offen, interessant, kooperativ und cool seid, wie Ihr auf Facebook rüberkommt? Wenn Ihr nun mit Social-Media beginnt, wird dies auch nach innen wirken, d.h. Eure eigene Unternehmenskultur wird sich verändern und das kann doch nun wirklich kein erstrebenswertes Ziel sein. Damit Ihr so weitermachen könnt wie bisher, solltet Ihr unbedingt auf Social-Media verzichten.

4. Der Dialog auf Augenhöhe

Social-Media verändert die Art und Weise der Unternehmenskommunikation. Früher war alles besser. Da habt Ihr Euren Kunden gesagt, warum Euer Produkt so unglaublich gut ist und die haben es schnell verstanden und es gekauft. Im Social-Web geht aber um einen Dialog auf Augenhöhe. Wollt Ihr das wirklich zulassen? Mal ehrlich? Wisst Ihr nicht selbst am besten, wie Eure Produkte auszusehen haben? Und warum soll es gut sein, wenn Ihr in einer Community über die Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten Eurer Produkte diskutiert? Dafür gibt es ein Formular auf Eurer Webseite und zudem einen Call-Center. Und die meisten Kunden sind doch total zufrieden mit Euren Produkten und Dienstleistungen, sonst würden sie die ja nicht kaufen.

5. Social-Media ist kein Add-on

Entweder man macht Social-Media oder man läßt es ein. Aber es ist kein freiwilliges Add-on. Es ist vielmehr eine umfassende Unternehmensaufgabe. Es geht sowohl um die interne als auch um die externe Kommunikation. Am Ende wird Social-Media zu einer Querschnittsfunktion Eures Unternehmens. Ich weiß, da ist diese PR-Agentur, die Euch für ein paar tausend Euro eine Social-Media-Kampagne basteln möchte. Und der Chef der Agentur fährt dieses große Auto und das zeigt doch wie gut die sind. Aber was passiert, wenn die Kampagne vorbei ist? Social-Media ist keine Schön-Wetter-Kommunikation. Wollt Ihr wirklich dauerhaft im Social-Web aktiv sein?

6. Prozesshaftigkeit

Facebook und Twitter sind echt coole Tools. Es gibt noch eine Vielzahl an weiteren Plattformen die jetzt gerade relevant sind. Aber leider kann niemand sagen, wie das in fünf Jahren aussieht. Hätte ich diesen Beitrag vor vier Jahren geschrieben würde es vielleicht um Myspace oder so gehen. Wir wissen nicht, wie das Social-Web in fünf Jahren aussieht und diese Prozesshaftigkeit ist doch anstrengend oder? Habt Ihr wirklich Lust und Zeit immer wieder nach neuen Plattformen Ausschau zu halten? Es muss doch ausreichen, dass Ihr eine Webseite habt, auf der der Kunde alles finden kann was er braucht. Und die tollen Flashanimationen waren ja auch sehr teuer.

7. Social-Media ist gefährlich

Social-Media ist gefährlich und wie! Schon mal von einem Shitstorm gehört? Das ist Krieg! Und dann der Datenschutz und das Urheberrecht. Ganz zu schweigen von den Suchtgefahren. Und Eure IT-Abteilung und die Datenschützer sagen das auch. Muss erst ein Abmahnanwalt an der Tür klingeln? Und eines ist doch klar: wenn Eure Mitarbeiter einen freien Zugang zum Internet haben, arbeiten die gar nicht mehr sondern bestellen was bei eBay oder tauschen illegale Filme und Musik.

8. Ihr müsst es selbst tun!

Selbst wenn Euch die letzten sieben Punkte nicht einleuchten wollten. Dieser Punkt wird es: Ihr müsst es selber tun! Ihr könnt nicht Eure PR-Agentur beauftragen, für Euch im Social-Web zu kommunizieren. Ich weiß, die behaupten das Gegenteil. Und die haben ja das große Auto und die hübschen Sekretärinnen aber das ändert nichts daran, dass es im Social-Web nur in kleinen Teilen um Werbung geht. Und es geht auch nicht um Kampagnen und Gewinnspiele. Es geht um Euer Unternehmen als Ganzes. Und es geht darum, unabhängig von externen Unternehmen agieren zu können. Holt Euch nur solche externen Berater, die Euch in die Lage versetzen, eigenständig im Social-Web aktiv zu sein. Das ist Pech für Eure Werbeagentur, aber keine Sorge, Ihr verzichtet ja auf Social-Media und macht das mit den Fähnchen….

Ich hoffe diese acht Punkte helfen Euch weiter, den Einstieg in die Social-Media-Welt zu verhindern. Und falls Ihr doch starten wollt und Hilfe braucht, wisst Ihr ja wo Ihr mich findet…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Warum Social-Media eine analoge Aufgabe ist – und warum wir mehr Gamescom brauchen

Liebe Leser,

ich bin gerade in Olsberg in Nordrhein-Westfalen. Morgen werde ich wieder einen kleinen Verbund von drei sehr kleinen Kultur- und Bildungsinstitutionen auf Ihrem Weg in die digitale Welt begleiten. Morgen ist der Kick-Off-Workshop und der Abend vor so einem Workshop ist immer besonders spannend für mich. Wie werden die Teilnehmer reagieren? Welchen Weg werden wir einschlagen? Funktionieren die technischen Ressourcen? Und wie sehen dann die nächsten Monate aus? Ich werde diese Institutionen nämlich das ganze Jahr begleiten.

Mein vorletzter Blogbeitrag war sehr erfolgreich. Es gab eine Vielzahl an Diskussionen. Zum kleinen Teil fand die Diskussion hier auf meinem Blog und zum großen Teil auf Facebook, Twitter und Google+ statt. Warum dieses mal so wild diskutiert wurde kann ich ehrlich gesagt gar nicht nachvollziehen. Gewiss die Thesen mögen dem Einen oder Anderen etwas provokant erscheinen, aber letztlich habe ich diese Ideen schon seit mehr als zwei Jahren kommuniziert. Und sie sind seit dieser Zeit die gedankliche Basis meiner Arbeit. Die Grundgedanken, dass die digitale Welt keine neue Technologie sondern eine völlig neue Kultur darstellt vertrete ich schon lange und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragestellungen gelten sowohl für Bibliotheken als auch für alle anderen Institutionen und ebenso für Unternehmen.

Ich bin immer mehr der Meinung, dass wir nun (endlich) in die Phase der Veränderung kommen. Immer mehr Institutionen und Unternehmen sind in der digitalen Welt aktiv. Und immer mehr Menschen setzen sich mit den damit verbundenen Konsequenzen auseinander. So langsam versteht man den Impact auf unsere Lebensrealität. Man versteht, dass man die klassischen PR- und Marketingwerkzeuge nicht mehr nutzen kann. Und das beschränkt sich nicht mehr alleine auf das Social Web. Offenheit, Transparenz, Kooperation, Community-Building und viele weitere Begriffe und Themen stehen nicht für eine abgeschlossene Enklave, welche sich digitale Welt nennt. Diese neuen Denk- und Arbeitsweisen werden in Zukunft nicht nur die Basis der Arbeit in der digitalen sondern auch der analogen Welt sein. Die Plattformen (Facebook, Twitter, Google+, Blogs, Wikis) die Technologien (Smartphones, Tablet-PC’s, Netbooks etc.) sind nur die Hülle für die Aktivitäten der Menschen. Sie sind nur die Werkzeuge. Das bedeutet, wer diese Plattformen verstanden hat, kann noch lange nicht erfolgreich mit ihnen umgehen. Deshalb ist es z.B. für viele Werbeagenturen so schwer, erfolgreich im Social Web zu agieren. Ihre Modelle und Herangehensweisen funktionieren im Social Web nicht mehr. Und auch Institutionen stehen vor neuen Herausforderungen. Gab es noch vor ein paar Jahren den Mythos der Deutungshoheit geht es heute darum, neue Kommunikations- und Arbeitsformen zu verstehen, zu entwickeln und umzusetzen. Und diese neuen Wege lassen sich nur schwer beschreiten, wenn die Strukturen und Ressourcen darauf nicht vorbereitet sind.

Aber ist dies wirklich eine digitale Revolution? Ich glaube nicht. Sicher, wir haben große Veränderungen bezüglich unsere Medien- und Kommunikationsformen und ja, das verändert alles. Andererseits kann die digitale Welt keine reale Bedeutung entfachen, wenn sie nicht in der analogen Welt verankert ist. Alle was wir im Internet sehen, alle Inhalte auf Facebook, Twitter, Google+ und Co. ist von Menschen gemacht. Die Inhalte entstehen in den Köpfen der Menschen und nicht in den Einsen und Nullen des Internets. Das Web verändert alles aber es ist nur ein Werkzeug. Die Herausforderungen, die sich aus der digitalen Welt ergeben sind letztlich nur ein Spiegelbild der Herausforderungen in der analogen Welt. Der digitale Wandel macht sichtbar und erfahrbar, wo die Probleme in der analogen Welt liegen.

Immer wenn ich das folgende Video sehe, wird mir klar, dass es um einen viel größeren Wandel geht. Und jenseits von drittklassigen Werbefilmchen und Möchtegern-PR-Agenturen entstehen neue Berufe, neue Plattformen und neue Inhalte. Schaut Euch dieses Video an und Ihr versteht (hoffentlich) was ich meine.

Die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken kann und werde ich auch über die Zukunft der Museen, der Schulen, der Unternehmen und der Verwaltungen führen. Und wir werden erkennen, dass sich die Herausforderungen ähneln. Wenn uns aber ein von Menschen gelebtes und mit Inhalten gefülltes System zeigt, wo unsere Probleme liegen, dann sollten wir zuerst beginnen, besser zu zu hören. Mich würde interessieren, wie viele Besucher des kommenden Bibliothekskongresses in Leipzig zuhören? Man muss keine großen Studien in Auftrag geben. Man muss nur die Diskussionen auf Google+ und Twitter über meinen Blogbeitrag verfolgen, um zu sehen was die Menschen denken. Der Bibliothekskongress ist aber kein Ort des Zuhörens. Es ist ein geschlossenes System. So wie sich die Bibliothekswelt zurecht über geschlossene Systeme wie z.B. Amazon aufregt, ist sie selber nicht offen. In Leipzig reden wir mal wieder über die Menschen, aber nicht mit ihnen. Dabei wäre es so einfach: Öffnet den Kongress für die Kunden, Nutzer, Nicht-Kunden und Nicht-Nutzer. Erlasst jedem Kunden/Nutzer die Jahresgebühr für ein Jahr, wenn er auch nach Leipzig kommt. Natürlich ohne Eintritt zu zahlen. Lasset die Kultur- und Bildungskonferenzen zur Gamescom 2.0 werden. Und wenn das nicht geht: Mieten wir doch einfach eine Halle der Köln-Messe während der Gamescom und schauen wir was passiert.

In diesem Sinne eine schöne Nacht

Christoph Deeg

Social-Media oder wir haben doch keine Zeit…

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug zum Flughafen Düsseldorf. In der letzten Woche war ich wieder im im Rahmen des Projektes “Lernort Bibliothek” der Landesregierung NRW und der Bezirksregierung Düsseldorf unterwegs um Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen auf ihrem Weg in die Social-Media-Welt zu begleiten.

Heute Abend geht es noch nach Wien, damit ich morgen in Linz einen Vortrag zum Thema “Mobiles Internet” halten kann. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, wie eBooks, iPads, Smartphones und Co. die Arbeit von Kulturinstitutionen wie z.B. Biliotheken verändern werden.

Mit dieser Konferenz gehen drei Wochen Reisen vorbei. Ok, ich war dabei fünf Tage in Kroatien, aber es war vor allem sehr viel Arbeit. Ich merke immer wieviel Arbeit es gerade ist, wenn ich meinen Blog ansehe. Mittlerweile vergehen manchmal bis zu zehn Tage bis ich einen neuen Beitrag veröffentlichen kann. Ich lebe nicht von diesem Blog, sondern von meinen Beratungstätigkeiten vor Ort. Ich arbeite mit Menschen in der analogen um Ihnen die digitale Welt näher zu bringen. Auf Twitter und Facebook bin ich in solchen Zeiten immer aktiver. Diese Plattformen lassen sich schneller nutzen. Und gerade Twitter habe ich sehr gut organisiert. Müsste ich mich zwischen Twitter und Facebook entscheiden, ich würde mich ohne Bedenken für Twitter entscheiden, denn hier bekomme ich weitaus größere Mehrwerte. Dies ist aber eine individuelle Entscheidung. Für Unternehmen und Institutionen kann es da schon ganz anders aussehen.

Aber egal wie man es auch dreht und wendet, Social-Media kostet Zeit. Und sehr viele meiner Kunden haben genau das nicht. Zeit ist ein wertvolles, ein kostbares Gut. Ein wesentliches Erfolgskriterim meiner Arbeit ist das Konzept, möglichst alle Menschen eines Teams in die Social-Media-Aktivitäten zu integrieren. Es macht wenig Sinn, Social-Media-Aktivitäten nur von einer Person umsetzen zu lassen. Vor allem wenn man wie ich der Meinung ist, dass Social-Media nur in Teilen ein PR-Thema ist. Es geht m.E. vor allem darum einen Dialog mit Kunden, Nutzern, Freunden etc. zu beginnen um möglichst alle Bereiche des Unternehmens bzw. der Institution durch Social-Media-Aktivitäten zu erweitern bzw. zu verbessern.

Gerade in Institutionen ist Zeit eigentlich gar nicht vorhanden. Die meisten Teams arbeiten breits mit 110% Arbeitsleistung und sind sehr oft überlastet. Und nun kommt auch noch das Thema Social-Media dazu, welches nicht nur aber auch zeitliche Ressourcen erfordert. Die Arbeit im Bereich Social-Media führt sehr oft dazu, dass alle strukturellen Probleme einer Institution sichtbar werden. Wenn wir es mit starren und unflexiblen Hierachien zu tun haben, kann Social-Media nicht funktionieren. Die klassischen Pyramidenmodelle sind spätestens jetzt nicht mehr sinnvoll. Ich kann nicht offen, kreativ, interaktiv und flexibel reagieren, wenn ich es nicht bin.

Aber es sind nicht nur veraltete Hierachiemodelle, die wertvolle Zeit kosten. Ich erlebe immer wieder, dass sich die Mitarbeiter einer Institution oder eines Unternehmens nicht trauen zuzugeben, dass sie noch immer technische Schwierigkeiten im Umgang mit den verschiedenen Plattformen haben. Es fehlt hierfür schlichtweg der Raum um sich auszuprobieren. Dabei ist es ganz einfach. Ich kann geschlossene Blogs, Wikis und Facebookseiten einrichten. Diese für die Öffentlichkeit unsichtbaren Spielwiesen ermöglichen ein ausprobieren und Lernen. Und bei Twitter kann ich “Spass-Accounts” anlegen, also Accounts zu bestimmten Themen, die mit meiner eigentlichen Arbeit nichts zu tun haben. Aber auch dann muss den Mitarbeitern die Zeit gegeben werden, die Palltformen zu nutzen. Diese Investition lohnt sich aber, denn je mehr Mitarbeiter in die Social-Media-Aktivitäten eingebunden werden, desto mehr kann ich erreichen.

Ein weiterer Aspekt ist das Problem, dass viele Mitarbeiter meinen, sie würden keine spannenden Themen finden können. Man möchte ganz besondere, am besten perfekte Beiträge erstellen und verkrampft dabei zusehends. Hier können z.B. gemeinsame Treffen helfen, bei denen die Teilnehmer spielerisch mit verschiedenen Inhalten umgehen.

Letzlich sind auf seiten der Leiutungsebene zwei Dinge zu beachten. Zum Einen muss den Mitarbeitern der nötige inhaltliche und strukturelle Freiraum gegeben werden. Zum Anderen muss klar sein, dass Social-Media Ressourcen kostet und das man mittelfristig entweder weitere Ressourcen benötigt, oder aber sich von anderen Aufgaben trennt.

Beste Grüße

Christoph Deeg