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Willkommen auf meiner Forschungsreise nach Asien zum Thema “Gaming”

Liebe Leser,

es ist Samstag der 23.02.2013 und ich sitze am Flughafen in Berlin-Tegel. In den letzten zwei Wochen war es auf meinem Blog wieder etwas ruhiger. Mein Ziel, in diesem Jahr 100 Blogbeiträge zu posten verfolge ich weiter, aber in den letzten Wochen musste ich einiges in der analogen Welt vorbereiten. Neben meinen Beratungstätigkeiten in den Bereichen Social-Media und Gamification für Unternehmen und Institutionen und der Tatsache, dass ich gerade mein erstes Buch schreibe (nein, es ist kein Buch über Barbecue sondern über Gaming) musste ich vor allem eine Reise vorbereiten, die heute beginnt: Meine Forschungsreise zum Thema „Gaming in Ost-Asien“.

Worum geht es genau?

In den nächsten 16 Tagen werde ich nach Hongkong, Shanghai, Tokio, Osaka und Seoul reisen um im Auftrag des Goethe-Instituts zum Thema Gaming in Asien zu forschen. Diese Reise ist der Auftakt zu einer längeren Forschungsarbeit und wenn alles gut läuft ist es nicht die letzte Reise nach Asien.

Warum Gaming in Asien?

Ich werde während meiner Reise sehr viele Menschen, Unternehmen, Institutionen und Orte kennenlernen. Ich möchte herausfinden, wie sich in diesen Ländern Gaming, Bildung, Wirtschaft und Kultur gegenseitig beeinflussen. Das Thema Gaming verbinden viele Menschen noch immer mit jungen männlichen Teenagern, Suchtgefahren und Gewaltdarstellungen. Aber Gaming ist viel mehr. Gaming ist ein Teil der digitalen Kultur und diese Kultur steht für neue Denk- und Arbeitsweisen, neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung, neues Lernen, neue Management-Modelle und jede Menge Spass. Wenn Social-Media Web 2.0 ist, dann ist Gaming Social-Media 2.0. Alle Themen, alle Ziele, alle Herangehensweisen, welche wir aus dem Bereich Social-Media kennen bzw. andenken sind im Gaming bereits seit Jahren vorhanden. Gaming bedeutet Lernen, Wissensmanagement, Marketing, Spielen, Austauch etc. Die besten Community-Manager können wir in der Gaming-Branche finden. Storytelling, Augmented Reality, Vernetzung, Recherchekompetenz, Leseförderung – all das ist in Gaming vorhanden. Wenn wir diese Kultur verstehen und uns zu eigen machen, wenn wir uns dieser Kultur öffnen, dann können diese Modelle helfen, bessere Kultur- und Bildungsinstitutionen, bessere Unternehmen und bessere Communitys zu entwickeln.

Natürlich ist in Asien nicht alles besser – aber ich glaube es ist anders. Dies betrifft auch die möglichen negativen Konsequenzen. Meine Asienreise basiert also nicht auf der Idee, den asiatischen Weg – wenn es dies überhaupt gibt – in Deutschland zu kopieren. Aber ich glaube, wir können voneinander lernen.

Für mich sind Social-Media und Gaming die zwei Seiten der selben Münze. Niemand braucht eine Social-Media-Strategie. Was wir benötigen sind digitale Strategien, die sowohl Social-Media als auch Gaming beinhalten.

In den nächsten Tagen werde ich sehr viele Fotos und Videos aufnehmen, sehr viele Menschen treffen und sehr viele Eindrücke sammeln. Ich bin gespannt auf das was mich erwartet. Natürlich werde ich versuchen, so oft wie irgend möglich zu bloggen. Ansonsten könnt Ihr mir natürlich auch auf Twitter, Facebook etc. folgen.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Warum Social-Media eine analoge Aufgabe ist – und warum wir mehr Gamescom brauchen

Liebe Leser,

ich bin gerade in Olsberg in Nordrhein-Westfalen. Morgen werde ich wieder einen kleinen Verbund von drei sehr kleinen Kultur- und Bildungsinstitutionen auf Ihrem Weg in die digitale Welt begleiten. Morgen ist der Kick-Off-Workshop und der Abend vor so einem Workshop ist immer besonders spannend für mich. Wie werden die Teilnehmer reagieren? Welchen Weg werden wir einschlagen? Funktionieren die technischen Ressourcen? Und wie sehen dann die nächsten Monate aus? Ich werde diese Institutionen nämlich das ganze Jahr begleiten.

Mein vorletzter Blogbeitrag war sehr erfolgreich. Es gab eine Vielzahl an Diskussionen. Zum kleinen Teil fand die Diskussion hier auf meinem Blog und zum großen Teil auf Facebook, Twitter und Google+ statt. Warum dieses mal so wild diskutiert wurde kann ich ehrlich gesagt gar nicht nachvollziehen. Gewiss die Thesen mögen dem Einen oder Anderen etwas provokant erscheinen, aber letztlich habe ich diese Ideen schon seit mehr als zwei Jahren kommuniziert. Und sie sind seit dieser Zeit die gedankliche Basis meiner Arbeit. Die Grundgedanken, dass die digitale Welt keine neue Technologie sondern eine völlig neue Kultur darstellt vertrete ich schon lange und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragestellungen gelten sowohl für Bibliotheken als auch für alle anderen Institutionen und ebenso für Unternehmen.

Ich bin immer mehr der Meinung, dass wir nun (endlich) in die Phase der Veränderung kommen. Immer mehr Institutionen und Unternehmen sind in der digitalen Welt aktiv. Und immer mehr Menschen setzen sich mit den damit verbundenen Konsequenzen auseinander. So langsam versteht man den Impact auf unsere Lebensrealität. Man versteht, dass man die klassischen PR- und Marketingwerkzeuge nicht mehr nutzen kann. Und das beschränkt sich nicht mehr alleine auf das Social Web. Offenheit, Transparenz, Kooperation, Community-Building und viele weitere Begriffe und Themen stehen nicht für eine abgeschlossene Enklave, welche sich digitale Welt nennt. Diese neuen Denk- und Arbeitsweisen werden in Zukunft nicht nur die Basis der Arbeit in der digitalen sondern auch der analogen Welt sein. Die Plattformen (Facebook, Twitter, Google+, Blogs, Wikis) die Technologien (Smartphones, Tablet-PC’s, Netbooks etc.) sind nur die Hülle für die Aktivitäten der Menschen. Sie sind nur die Werkzeuge. Das bedeutet, wer diese Plattformen verstanden hat, kann noch lange nicht erfolgreich mit ihnen umgehen. Deshalb ist es z.B. für viele Werbeagenturen so schwer, erfolgreich im Social Web zu agieren. Ihre Modelle und Herangehensweisen funktionieren im Social Web nicht mehr. Und auch Institutionen stehen vor neuen Herausforderungen. Gab es noch vor ein paar Jahren den Mythos der Deutungshoheit geht es heute darum, neue Kommunikations- und Arbeitsformen zu verstehen, zu entwickeln und umzusetzen. Und diese neuen Wege lassen sich nur schwer beschreiten, wenn die Strukturen und Ressourcen darauf nicht vorbereitet sind.

Aber ist dies wirklich eine digitale Revolution? Ich glaube nicht. Sicher, wir haben große Veränderungen bezüglich unsere Medien- und Kommunikationsformen und ja, das verändert alles. Andererseits kann die digitale Welt keine reale Bedeutung entfachen, wenn sie nicht in der analogen Welt verankert ist. Alle was wir im Internet sehen, alle Inhalte auf Facebook, Twitter, Google+ und Co. ist von Menschen gemacht. Die Inhalte entstehen in den Köpfen der Menschen und nicht in den Einsen und Nullen des Internets. Das Web verändert alles aber es ist nur ein Werkzeug. Die Herausforderungen, die sich aus der digitalen Welt ergeben sind letztlich nur ein Spiegelbild der Herausforderungen in der analogen Welt. Der digitale Wandel macht sichtbar und erfahrbar, wo die Probleme in der analogen Welt liegen.

Immer wenn ich das folgende Video sehe, wird mir klar, dass es um einen viel größeren Wandel geht. Und jenseits von drittklassigen Werbefilmchen und Möchtegern-PR-Agenturen entstehen neue Berufe, neue Plattformen und neue Inhalte. Schaut Euch dieses Video an und Ihr versteht (hoffentlich) was ich meine.

Die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken kann und werde ich auch über die Zukunft der Museen, der Schulen, der Unternehmen und der Verwaltungen führen. Und wir werden erkennen, dass sich die Herausforderungen ähneln. Wenn uns aber ein von Menschen gelebtes und mit Inhalten gefülltes System zeigt, wo unsere Probleme liegen, dann sollten wir zuerst beginnen, besser zu zu hören. Mich würde interessieren, wie viele Besucher des kommenden Bibliothekskongresses in Leipzig zuhören? Man muss keine großen Studien in Auftrag geben. Man muss nur die Diskussionen auf Google+ und Twitter über meinen Blogbeitrag verfolgen, um zu sehen was die Menschen denken. Der Bibliothekskongress ist aber kein Ort des Zuhörens. Es ist ein geschlossenes System. So wie sich die Bibliothekswelt zurecht über geschlossene Systeme wie z.B. Amazon aufregt, ist sie selber nicht offen. In Leipzig reden wir mal wieder über die Menschen, aber nicht mit ihnen. Dabei wäre es so einfach: Öffnet den Kongress für die Kunden, Nutzer, Nicht-Kunden und Nicht-Nutzer. Erlasst jedem Kunden/Nutzer die Jahresgebühr für ein Jahr, wenn er auch nach Leipzig kommt. Natürlich ohne Eintritt zu zahlen. Lasset die Kultur- und Bildungskonferenzen zur Gamescom 2.0 werden. Und wenn das nicht geht: Mieten wir doch einfach eine Halle der Köln-Messe während der Gamescom und schauen wir was passiert.

In diesem Sinne eine schöne Nacht

Christoph Deeg

Mein Vortrag zur Zukunft der Kulturvermittlung…

Liebe Leser,

vor ein paar Wochen durfte ich auf dem Symposium zur Kulturvermittlung der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent in Basel sprechen. Über diese tolle Konferenz habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Heute möchte ich Euch nun das Video zum Vortrag präsentieren. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis und ich freue mich über Eure Kritik..

Beste Grüße

Christoph Deeg

Wir brauchen eine Konferenz über das Scheitern!

Liebe Leser,

ich glaube ich bin gerade ziemlich erfolgreich. Meine Projekte funktionieren. Ich erlebe überall, dass ich mit meinen Ideen und Herangehensweisen richtig lag. Das klingt toll oder? Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Bei jedem Projekt, welches ich in meinem Leben bis jetzt angefangen habe, gab es immer auch ein Element des Scheiterns. Dies konnte bedeuten, dass etwas schief ging was man lösen konnte, es konnte aber auch bedeuten, dass das ganze Gebäude zusammenbrach. Wenn der erste Schock überwunden ist und man das Ganze mit ein wenig Abstand betrachtet, erkennt man immer wieder, dass man gerade aus dem Scheitern gelernt hat. Ich habe manchmal den Eindruck, dass ich vielmehr aus meinem Scheitern lerne, als durch meine Erfolge. Scheitern bedeutet, ich muss einen anderen Weg finden um ans Ziel zu kommen. Es kann natürlich auch bedeuten, dass ich erkennen muss, dass ich das falsche Ziel ausgewählt habe oder es aber nie erreichen werde.

In unserer Gesellschaft ist Scheitern nicht vorgesehen. Wer scheitert ist ein Looser. Wir reden nicht über die Dinge die schief gehen. Es könnte ja negative Auswirkungen auf unsere Zukunft haben. Verstärkt wird dieser Effekt sicherlich durch die vielen “Wilden”, die bei jedem noch so kleinen Projekt die große Keule rausholen. Ich kenne z.B. eine große Mailingliste für eine bestimmte Kultur- bzw. Bildungsinstitution, bei der es zwei dieser “Wilden” geschafft haben ein Klima zu erzeugen, bei dem sich nur noch wenige trauen ein neues Projekt vorzustellen.

Was wir aber brauchen ist eine Kultur des Scheitern. Wir müssen akzeptieren, dass es nicht um die Tatsache geht, dass jemand einen Fehler gemacht hat. Es geht vielmehr darum gemeinsam aus diesen Fehlern zu lernen. Interessanterweise ist dieses Try-and-Fail-Prinzip ein elementarer Bestandteil des Gamings. Gamer sind es gewohnt Fehler zu machen und sich in den jeweiligen Communitys darüber auszutauschen. Die Gamer sind uns also einen Schritt voraus. Natürlich weiß ich, dass es Dinge im Leben gibt, bei denen Try-and-Fail nicht funktioniert bzw. nicht wünschenswert ist. Natürlich möchte ich nicht, dass mein Chirurg mal Lust hat, etwas neues auszuprobieren. Aber in der Breite fehlt uns die Bereitschaft Fehler anzuerkennen. Das wir sie machen ist klar – würden wir sie kommunizieren, würden wir alle und vor allem schneller lernen können.

Aus diesem Grund möchte ich gerne eine Konferenz des Scheiterns veranstalten. Ich weiß nicht ob es ein Barcamp sein sollte oder eher ein klassisches Modell oder eine Mischung aus beidem. Was mir aber klar ist folgendes: es darf auf dieser Konferenz nur über Projekte gesprochen werden, die gescheitert sind. Es geht auch nicht um Workshops die Scheitern verhindern sollen, weil man noch mehr neue Tools nutzt oder aber jeden morgen Yoga macht. Mir geht es um all diese Projekte und Ideen die wirklich und wahrhaftig gescheitert sind. Lasst uns darüber reden und lasst uns gemeinsam davon lernen. Also wer macht mit?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Kulturvermittlung und Kulturdialog

Liebe Leser,

ich bin gerade in Grevenbroich. Morgen werde ich einen Workshop zu Kultur- und Bildungsinstitutionen in der digitalen Welt durchführen. Natürlich gehört auch eine Facebook-Beratung mit dazu:-) Heute morgen war ich noch in Basel. Ich durfte nämlich gestern auf einer sehr spannenden Konferenz zur Zukunft der Kulturvermittlung von der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent sprechen. Das Thema Kulturvermittlung ist für mich immer wieder interessant. Mit Birgit Mandel habe ich 2011 ein kurzes Blog-Experiment zu diesem Thema gewagt. Und an der Uni Hildesheim darf ich mich in meinem Kurs u.a. mit der Zukunft der Kulturvermittlung befassen.

Was mich an der Einladung auf diese Konferenz besonders freute war die Tatsache, dass ich nicht über die Nutzung von Social-Media und Gaming für die Kulturvermittlung sprechen sollte. Es ging vielmehr darum, die Kultur der digitalen Welt auf die Kulturvermittlung und die Kulturinstitutionen zu übertragen. Nicht Facebook oder Twitter sondern Dialog auf Augenhöhe und Partizipation waren die Themen des Tages. In den letzten Jahren habe ich eine Vielzahl an Vorträgen gehalten und Artikel veröffentlicht, bei denen es immer wieder um die Gegenüberstellung der Kultur der digitalen Welt und der Kultur der Institutionen und Unternehmen geht. Gerade im Kultursektor kann man beobachten, wie zum Einen unglaublich spannende, offene und kreative Projekte und Programme entstehen, während die Institution an sich so bleibt wie sie ist. Ein gutes Beispiel habe ich von Janna Graham gehört. Sie ist Kuratorin an der Serpentine Gallery in London. Wir beide waren die Sprecher des Panels “Zielgruppen, Partner, Clichées: Wie findet Vermittlung ihr «Gegenüber»?” Ihre Darstellung fand ich bezeichnend. Auf der einen Seite führt die Galerie eine Vielzahl an innovativen Projekten wie zum Beispiel das “Centre of possible studies” durch. Gleichzeitig erzählte sie aber auch davon, dass diese “neuen” Projekte in der Institution eher als Addons verstanden werden. Die Institution an sich bleibt bei Ihren vorhandenen Strukturen und Arbeitsweisen. So toll die Projekte auch sind, sie wirken nicht nach innen.

Wenn wir uns über Projekte im Bereich Kunst und Kultur unterhalten geht es zumeist um die Wirkung nach außen. Wie nimmt der Rezipient das jeweilige Werk wahr? Auch die Arbeiten von Francois Matarasso und Lois Hetland gehen in diese Richtung. Dabei sind die Ideen und Erkenntnisse von beiden unbedingt lesens- und hörenswert. Was wir sehr selten untersuchen ist die Wirkung nach innen. Sei es die Wirkung der kulturellen Inhalte oder sei es die Wirkung der Kultur der Rezipienten. Wir vergessen in der Diskussion um Kulturvermittlung sehr, dass wir es quasi nie mit Menschen zu tun haben, die keine Kultur haben oder kennen. Der Begriff “kulturaffin” ist deshalb auch mehr als problematisch, sagt er doch aus, es gäbe Menschen, die mehr mit Kultur zu tun hätten als andere. Aber das stimmt nicht. Kulturaffin meint letztlich nichts anderes als, dass diese Gruppe von Menschen einer bestimmten Kulturform näher stehen soll als eine andere Gruppe. Damit einher geht die Wertung von kulturellen Inhalten. Während meines Vortrages in Basel habe ich u.a. das Publikum gefragt, wer bereit wäre zu sagen, dass ein Computerspiel die gleiche kulturelle Wertigkeit habe wie eine Oper oder ein Theaterstück oder dass die hochgeladenen Fotos von Facebook-Mitgliedern die gleiche Wertigkeit haben können wie eine kuratierte Fotoausstellung. Nur eine äußerst kleine Zahl der Zuhörer war dazu bereit.

Es geht mir nicht um ein neues Dogma oder eine Revolution. Wie bei allen Kulturformen, sei es Malerei, Theater, Computerspiel, eBook etc. geht es um die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt bzw. um Reflektion.

Für mich bedeutet Kulturvermittlung ein Dialog auf Augenhöhe. Und beide Parteien wissen nicht, was am Ende dieses Dialogs rauskommt. Es geht auch um Offenheit und Partizipation und es geht um gegenseitiges Lernen. Kulturinstitutionen können von den Menschen lernen – wenn sie Kulturvermittlung als Dialog auf Augenhöhe verstehen. Kommen wir aber zurück zu der Frage, warum wir uns mehr mit der Wirkung der Kultur der Rezpienten auf die Kulturinstitutionen beschäftigen sollten. Wann immer eine Institution einen neuen Weg geht, ist dies zugleich ein Versprechen. Wenn ich z.B. als Museum eine Seite auf Facebook betreibe, dann ist dies mehr als eine PR-Plattform. Ich bewege mich im Kulturkreis der Menschen die ich erreichen will. In der digitalen Welt, in der es um Kooperation, Transparenz, Offenheit und Interaktion geht, wird sehr genau hingesehen. Ist die Facebook-Seite nur ein Addon oder lebt die Institution diese neue Kultur wirklich? Ist sie auch in der realen Welt offen, interaktiv und kooperativ? Das Problem für Kulturinstitutionen entsteht dann, wenn die Menschen aufgrund der Aktivitäten der Institution in der digitalen Welt kommen und dann einen Ort vorfinden, der mit dem was kommuniziert wurde nichts zu tun hat. Gewiss, die Inhalte sind da, aber die Art der Kommunikation unterscheidet sich von dem was angekündigt wurde. Mich interessiert aber nicht nur das Werk, sondern auch der damit verbundene Service bzw. die damit verbundene Umwelt. Ich möchte damit auf keinen Fall behaupten, dass Kulturinstitutionen per se nicht offen, kooperativ, interaktiv etc. sind. Aber ich glaube, dass wir akzeptieren müssen, dass es auch eine Kultur der Institutionen gibt.

In meiner Vision sind Kulturinstitutionen Plattformen für einen Dialog auf Augenhöhe. Sie stehen für spannende kulturelle Inhalte und anerkennen zugleich die ebenso wertvollen kulturellen Inhalte der Menschen. In diesem Moment brauchen wir nicht mehr von Zielgruppen zu reden, denn ein Dialog auf Augenhöhe ist kein “Special” für ausgesuchte Gruppen. Es ist vielmehr die menschlichste Variante der Kommunikation. So kann die digitale Welt den Kulturinstitutionen und Kulturvermittlern als Beispiel und Inspiration für die Weiterentwicklung der Institutionen als Ganzes dienen.

Wir brauchen also eine neue Form der Kulturvermittlung. Der Kulturvermittler der Zukunft hilft beiden Seiten, die jeweils andere zu verstehen. Vielleicht sollten Kulturvermittler nicht von den Kulturinstitutionen bezahlt werden. Vielleicht sollte es für Kulturvermittler ein eigenes Budget geben, denn auf diese Weise könnten sie offen und frei auf beiden Seiten wirken.

Diese Fragestellung, also der Umgang mit den Menschen/Kunden/Nutzern etc. ist sowohl für Unternehmen als auch für Institutionen relevant. Der beste Kulturvermittler ist der, der zuerst zuhört und lernt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Lernen in Zeiten von Social-Media und iPads – Vortragsreihe mit Michael Stephens (USA)

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch eine ganz besondere Veranstaltung empfehlen. In zwei Wochen kommt der US-amerikanische Speaker Michael Stephens nach Deutschland. Michael Stephens beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie neue Kommunikations- und Medientechnologien das Lernen und Arbeiten in der Zukunft verändern werden.

Seit 2009 bin ich ehrenamtlich im Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. aktiv. Im Rahmen dieser Arbeit haben wir zusammen mit unserem Kooperationspartner der US-Botschaft Berlin schon 2010 Michael Stephens nach Deutschland holen können. Damals ging es um einen Vortrag auf dem Bibliothekskongress in Leipzig:

Ich freue mich sehr, dass wir zusammen mit der US-Botschaft erneut die Möglichkeit haben, Michael Stephens nach Deutschland zu holen. Dieses mal werden wir eine kleine Deutschlandtournee veranstalten.

Die Termine und Orte sind:

22.10.2012 Ort: Berlin Zentral- und Landesbibliothek/Berlin-Mitte/Berlin-Saal Breite Str. 36, 10178 Beginn 20:00h

23.10.2012: Ort: Frankfurt/Main Nationalbibliothek Sitzungssal der Generaldirektion Deutsche Nationalbibliothek Adickesallee 1 D-60322 Frankfurt am Main Beginn 19:00h

25.10.2012: Ort: Köln Fachhochschule Köln Hörsaalgebäude in der Claudiusstraße 1, 50678 Köln Beginn: 19:30h  Achtung: die Veranstaltung in Köln beginnt schon um 19:00h Das Anmeldeformular findet Ihr hier: http://www.fbi.fh-koeln.de/vortraege/anmeldungen.php

26.10.2012: Ort: Hamburg TU Hamburg-Harburg Beginn 17:00h Weitere Informationen zur Veranstaltung an der TU Hamburg-Harburg findet Ihr hier.

Ich möchte Euch alle einladen, eine der Veranstaltungen zu besuchen. Die Teilnahme ist kostenlos!! Die Veranstaltung eignet sich für alle Menschen aus dem Kultur- und Bildungsektor. Bitte tragt diese Informationen in Eure Netzwerke….

Beste Grüße

Christoph Deeg

Facebook, Zynga und der Untergang von Social-Media

Liebe Leser,

in den letzten 48 Stunden ist wieder einiges passiert. In den Wirtschaftsnachrichten konnte man es lesen: Zynga und Facebook machen Verluste, die Aktienkurse beider Unternehmen gehen in den Keller. Schon prophezeien einige Menschen den Untergang des digitalen Abendlandes. Ich bin über die Reaktionen ein bisschen verwundert und möchte ein paar Gedanken dazu formulieren:

Zuerst muss man zugeben, ja, es gibt Verluste bei den beiden Unternehmen und nicht nur dort. Und ja, die Aktienkurse dieser Unternehmen sind unter Druck geraten. Facebook machte im abgelaufenen Quartal einen Verlust von 157 Mio. Dollar bzw. 8 Cent je Aktie. Zwar konnte man den Umsatz um 32% steigern, dies reicht den Analysten aber nicht ansatzweise. Und auch Zynga hat Schwierigkeiten. Im letzten Quartal waren es 23 Millionen Dollar Verlust. Soweit zu den Zahlen. Nun zur Frage ob dies den Untergang der Social-Media-Welt bedeutet? In den letzten Stunden wurde ich gleich 2x darauf angesprochen. Es hieß, der Hype um Social-Media und Gaming wäre ja wohl jetzt vorbei. Diejenigen Unternehmen und Institutionen, die sich bis jetzt in diesen Bereichen zurückhielten hätten sehr weise gehandelt.

In der Regel werden solche Aussagen von Menschen getroffen, die selbst zu der Gruppe der passiven Kritiker gehören, d.h. sie sind gegen Social-Media, sehen in allen diesen Plattformen vor allem Gefahren und sind stolz darauf, bis jetzt darauf verzichtet zu haben. Es ist in solchen Fällen schwer zu diskutieren, trotzdem möchte ich ein paar wichtige Punkte ansprechen:

Es geht im Social-Web nicht um Plattformen, sondern um Menschen. Natürlich fokussieren sich Investoren auf Geschäftszahlen, aber in denen spiegelt sich nur der Erfolg oder Misserfolg eines Geschäftsmodells wieder. Wir bewegen uns auf diesen Plattformen, weil Sie uns eine Vielzahl an Möglichkeiten der Vernetzung, der Kommunikation, des Erschließens und Teilens von Inhalten und natürlich jede Menge Spass bieten.

Erinnert sich noch jemand an AOL oder StudiVZ? Waren wir nicht mal alle bei Myspace aktiv? Alle diese Plattformen haben an Bedeutung verloren oder sind ganz verschwunden – und niemand vermisst sie. Die Menschen wandern weiter. Heute Facebook, morgen vielleicht die ultimative Social-Media-Gaming-Barbecue-Community-Plattform. Wir wissen es nicht.

Warum glaubt man eigentlich, dass Social-Media und Gaming ein Hype seien? Schon beim Platzen der berühmten Dotcom-Blase konnte man beobachten, dass zwar sehr viele Unternehmen verschwanden – die letztlich nur existierten, weil gierige Geldgeber astronomische Gewinne erwarteten – aber die Anzahl der Internetnutzer kontinuierlich wuchs. Es war völlig egal ob da ein paar Unternehmen mehr oder weniger unterwegs waren. Die Menschen waren weiterhin aktiv und fuhren fort ihre digitale Welt zu gestalten. Gleiches gilt für das Thema Gaming.

Vor ein paar Wochen mussten wir alle den Niedergang der Drogeriekette “Schlecker” miterleben. Kommt irgendjemand auf die Idee, Drogerieketten wären out? Lassen wir unsere Autos stehen, wenn ein Automobilhersteller Verluste einfährt und steigen aufs Fahrrad um? Was nebenbei bemerkt unsere Umwelt helfen würde:-) Nein, natürlich nicht! Es ist uns egal. Wir wollen ein Auto, wir wollen Duschgel und Cremes und wenn es einen Anbieter nicht mehr gibt suchen wir uns den nächsten.

Besonders spannend: wenn man auf Tagungen und Kongressen im Rahmen eines Vortrages auf die wirtschaftliche Bedeutung von Social-Media und Gaming hinweist, wird immer wieder darauf verwiesen, dass dieses Zahlen doch keine Argumentationsgrundlage für eigene Aktivitäten auf den Plattformen seien. Schließlich würde man sich ja auch nicht einen Grill kaufen und Barbecues veranstalten, nur weil Millionen von Menschen gegrilltes mögen. Wenn aber die Quartalszahlen nicht stimmen, wird dieses Argument gerne benutzt um aufzuzeigen, dass das Thema doch gar nicht mehr wichtig wäre.

Das Web ist menschlich. Es wird von Menschen gestaltet. Facebook ist keine Community. Es ist eine Plattform mit Millionen an kleinen Communitys, die zumeist keinen Kontakt zueinander haben. Allein die Sprachbarriere erschwert eine wirkliche globale Vernetzung. Social-Media ist keine Technologie, es ist eine neue Kultur, eine neue Art zu Denken und zu Arbeiten. Diese Kultur befindet sich immer noch in der Entwicklungsphase. Wir erleben, wie neue Plattformen entstehen und andere verschwinden. An der Kultur des Web wird sich nichts ändern.

Wenn also demnächst mal wieder positive oder negative Quartalszahlen von Unternehmen aus der Social-Media- bzw. der Gaming-Welt veröffentlicht werden, können wir uns entspannt zurücklehnen und einfach weitermachen….

Beste Grüße

Christoph Deeg

Drei Gründe warum Kultur- und Bildungsinstitutionen in der digitalen Welt aktiv sein sollten

Liebe Leser,

in meinen Workshops, Beratungsgesprächen und Vorträgen werde ich immer wieder mit einer Frage konfrontiert:”Warum sollen wir eigentlich Social-Media machen?” Die Frage ist mehr als berechtigt. Einer der größten Fehler im Bereich Social-Media ist der, in diesem Feld aktiv zu sein ohne zu wissen warum. Aber natürlich geht es auch um die Frage, ob es sich überhaupt lohnt. Denn eines ist klar: Social-Media ist nicht kostenlos. Die Nutzung der meisten Plattformen mag unentgeltlich möglich sein. Aber natürlich entstehen Kosten für Personal, Hardware, Software etc. Wenn man also im Web aktiv ist soll es auch etwas bringen. Ich möchte in diesem Beitrag auf die Frage nach dem Warum eingehen und drei Gründe nennen, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen im Social Web aktiv sein sollten:

1. PR und Öffentlichkeitsarbeit
Natürlich ist dies ein Grund im Social Web aktiv zu sein. Man kann durch Social-Media-Aktivitäten sehr viele Menschen erreichen – wenn man es denn richtig macht:-) Sehr oft werden Blogs oder Facebookseiten als Plakatwände missbraucht. Dabei sollte jedem klar sein, das das Social Web kein Platz für Presseerklärungen ist. Das Social Web ist der Ort für einen Dialog auf Augenhöhe. Und das kann bedeuten, dass man mit Kritik an den eigenen Aktivitäten konfrontiert wird. Und das ist gut so. Denn diese Kritik wird so oder so geäußert – jetzt bekommt man es mit und kann reagieren. Leider ist es so, dass sehr viele Institutionen das Web ausschließlich zur Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Sehr oft ist es eine originäre Aufgabe des Verantwortlichen für die Öffentlichkeitsarbeit – bzw. für den Azubi oder den Praktikannten. Schließlich sind die ja Digital Natives und müssen das wissen:-) Woher das Wissen der Digital Natives kommen soll, wenn die meisten Schulen in Deutschland noch in der Kreidezeit leben ist mir schleierhaft aber Hauptsache wir sind im Social Web dabei…

2. Neue Services
PR und Öffentlichkeitsarbeit können aber nicht der einzige Grund sein. Im Gegenteil, ich behaupte, dass sie nur 30% der Social-Media-Aktivitäten einer Kultur- und Bildungsinstitution ausmachen sollten. Ein ebenso bedeutendes Thema ist die Entwicklung und Realisierung von Services, die entweder im Social Web stattfinden oder aber damit verbunden sind. PR und Öffentlichkeitsarbeit versucht sehr oft in der Welt des Social Web auf etwas aufmerksam zu machen, was außerhalb des Web stattfindet. Die digitale Welt bietet aber völlig neue Nutzungsmöglichkeiten. Es geht z.B. um neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung. Das bedeutet, das wir nun völlig neue Services brauchen. Eine Institution, die dies versteht und zugleich umsetzen kann, wird sich ganz anders im netz positionieren können als jemand, der “nur” PR und Öffentlichkeitsarbeit macht.

3. Verantwortung für die digitale Welt
Viele Leser mögen bei den beiden ersten gründen noch ohne weiteres zustimmen können. Ich möchte aber nun auf einen Punkt zu sprechen kommen, der m.E. kaum bzw. gar nicht diskutiert: die Verantwortung für den digitalen Raum. In vielen Publikationen und Erklärungen heißt es immer wieder, Kultur- und Bildungsinstitutionen gestalten unsere Gesellschaft. Wenn dieser Gestaltungsprozess wirklich eine Aufgabe der Institutionen ist, und wenn wir des weiteren akzeptieren, dass die digitale Welt zur Lebensrealität von Millionen von Menschen gehört und damit ebenso Teil unserer Gesellschaft ist, dann haben die Kultur- und Bildungsinstitutionen auch eine Verantwortung für die Gestaltung der digitalen Welt. Dann geht es nicht mehr um die Frage, wie viele zusätzliche Kunden/Nutzer/Besucher man durch die Social-Media-Aktivitäten generieren kann. Dann geht es vielmehr um das Verständnis, das der digitale Raum die natürliche Erweiterung einer jeden Kultur- und Bildungsinstitution ist. Bleibt die Frage, seht Ihr noch weitere Gründe, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen die digitale Welt aktiv gestalten sollten?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Kulturinfarkt – wer schützt uns eigentlich vor dem Kulturrat?

Liebe Leser,

ich sitze gerade auf dem Balkon meiner Wohnung und denke an die letzten Woche zurück. Eine Woche Bibliothekartag in Hamburg mit tollen Gästen, Themen, Besuchern, der Zukunftswerkstatt, vielen Gesprächen, Vertragsunterzeichnungen etc. Es war eine tolle Woche und ich hoffe ich kann alle in Hamburg entstandenen Ideen und Projekte umsetzen. In diesem Beitrag möchte ich aber nicht auf die Zeit in Hamburg eingehen, sondern mich mit einem ganz anderen Thema befassen: dem Deutschen Kulturrat.

Wie die meisten von euch sicherlich wissen sorgt das Buch “Der Kulturinfarkt” gerade für lebhafte Diskussionen. Die vier Autoren Armin Klein, Pius Knüsel, Dieter Haselbach und Stephan Opitz beschäftigen sich darin mit der aktuellen Situation der deutschen Kulturlandschaft. Vor allem die abschließende Forderung, die Hälfte der Kulturinstitutionen zu schließen, um die dadurch frei werdenden Mittel neuen innovativen Kulturformen und -institutionen zur Verfügung stellen hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Landauf landab wird der Untergang des Abendlandes prophezeit, sollten die Forderungen umgesetzt werden. Auch der Deutsche Kulturrat – eine Institution, die eigentlich wichtig für die Kultur in Deutschland ist, und die sich u.a. für die Anerkennung der Computergames eingesetzt hat – reagiert mit wütenden Angriffen auf das Buch.

Ich möchte jetzt nicht nochmal meine Meinung zu dem Buch niederschreiben. In meinem Blogbeitrag zum Buch habe ich meine Meinung bereits gesagt und zudem ein Gegenkonzept angedacht. In diesem Beitrag soll es um folgendes gehen: der Deutsche Kulturrat hat das Wort “Kulturinfarkt” zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Ich weiß nicht, warum dieser Vorschlag nicht ebenfalls für einen Sturm der Entrüstung in der Kulturlandschaft sorgt.

Man kann das Buch “Der Kulturinfarkt” ablehnen. Man kann wütend sein – ich war es an einigen Stellen auch. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, einen solchen Vorschlag zu machen. Was soll damit erreicht werden? Soll gezeigt werden, dass das Imperium zurückschlagen kann? Soll ein Exempel statuiert werden? Ich habe mir sehr viele Beiträge und Kommentare zum Buch durchgelesen. In den meisten Fällen ging es entweder um pauschale Rechtfertigungen für den Status Quo oder aber um Anfeindungen gegen das Buch und seine Autoren. Nur selten gab es eine inhaltlich wertvolle Diskussion. Nur selten wurden Ideen und Konzepte entwickelt. Zumeist wurde so getan, als wäre doch alles in Ordnung – aber wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es dann öffentlich geförderte Projekte, um Kulturinstitutionen weiter zu entwickeln? Warum gibt es Konferenzen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man die Kulturinstitution 2.0 entwickeln kann? Warum gibt es immer wieder Kulturmanager, die entnervt das Handtuch werfen weil sie mit den Strukturen sowie Denk- und Arbeitsweisen ihrer Institution nicht mehr klar kommen? Ich könnte noch viele weitere Fragen in die gleiche Richtung stellen und wie gesagt: ich bin nicht der Meinung der Autoren. Aber der Kulturinfarkt darf kein Unwort sein.

In vielen Kommentaren zur Kultur wird darauf verwiesen, dass Kultur unsere Gesellschaft hinterfrage und diskutiere – aber darf denn nicht auch Gesellschaft die Kultur hinterfragen und diskutieren? Bedeutet Gesellschaft 2.0 nicht auch, dass wir uns Gedanken machen müssen, ob wir mit unseren Institutionen und Förderprogrammen wirklich auf dem richtigen Weg sind? Haben wir nicht die gesellschaftliche Verpflichtung, den Kulturbereich stetig weiter zu entwickeln? Hat Kultur nicht immer etwas mit Experiment und Innovation zu tun?

Wenn das Wort Kulturinfarkt zu einem Unwort wird, ist dies ein deutliches Zeichen gegen Innovation und gegen Entwicklung. Ja man kann wütend sein auf die Autoren aber sie sind keine externen Beobachter, sie sind Teil des Systems und sie haben etwas zu sagen. Man mag nun anmerken, dass die Art und Weise, wie hier Gedanken geäußert wurden problematisch ist. In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass man doch bitte alles gesittet und in einem gewissen sprachlichen Rahmen besprechen soll. Nur wann war Kunst und Kultur jemals gesittet oder im Rahmen? Wenn wir eine Kultur wollen, die angepasst in einem festen und akzeptierten Rahmen existiert, wird ihr jede Kraft und jeder Einfluss genommen. Dann ist es nur noch ein kleiner Event und dann sollten Computerspiele, das Web und viele Musiker, Maler und Schauspieler nicht mehr als Kultur gelten. Kultur als Idee wäre in so einem Fall keine Plattform sondern ein Gefängnis.

Noch immer gibt es Kulturinstitutionen, die letztlich Lehranstalten sind. Sie möchten nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch vorschreiben, wie man die jeweiligen Werke zu sehen hat. Kulturvermittlung, Kulturelle Bildung, Kulturmarketing etc. dies alles wird nur in Form eines Dialogs auf Augenhöhe funktionieren. Wenn sich der Kulturrat mit seiner Forderung durchsetzt, entsteht ein weitaus größerer Schaden als es ein Buch wie der Kulturinfarkt jemals schaffen könnte – wenn es überhaupt einen Schaden anrichten kann. Was wäre der nächste Schritt? Werden in Zukunft Bücher zur Kulturlandschaft dem Kulturrat vorab vorgelegt, damit der Kulturrat entscheiden darf ob sie veröffentlicht werden oder nicht? Entsteht also eine Kultur-Bewahrungs-Lobby-Behörde die am besten auch gleich die Lehrinhalte an Hochschulen etc. vorschreibt? Und für wen spricht dieser Kulturrat dann?

Was wir im Kulturbereich brauchen sind Menschen, die neue Ideen entwickeln und sich trauen diese zu präsentieren. Sie werden Fehler machen, sie werden vielleicht nicht die passenden Worte finden. Immer dann brauchen wir Organisationen und Institutionen, die den Wandel unterstützen und vorantreiben. Nein, nicht alles muss verändert werden, ja, es gibt viele tolle Institutionen, nein, das Buch ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ja, ich kann verstehen wenn sich Menschen durch das Buch angegriffen fühlen – aber wir müssen trotzdem ein Zeichen setzen, dass der Kulturrat nicht im Namen aller Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturrezipienten spricht, wenn der diese Forderung aufrecht erhält.

So wichtig der Kulturrat auch ist – wir müssen vielleicht in diesem Fall die Kultur vor ihm schützen…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Der zweite Tag der Re:Publica

Liebe Leser,

bevor ich wieder in den heiligen Hallen der sog. “Netzgemeinde” verschwinde, möchte ich Euch meine Eindrücke vom zweiten Tag der Re:Publica schildern:

Der Begriff “Netzgemeinde” ist übrigens m.E. nach Blödsinn – erfunden von Menschen, die über etwas reden, was sie nicht verstehen. Auf der Re:Publica treffen sich keine Online-Nerds. Es ist keine geschlossene Community mit Mate-trinkenden Weißgesichtern. Im Gegenteil, die Re:Publica ist einfach eine Konferenz, bei der sich Menschen treffen, die sowohl digital als auch analog Ideen austauschen. Der große Vorteil zu anderen Konferenzen ist der, dass hier nicht dauernd Menschen herumlaufen, die einem etwas verkaufen wollen. Und es gibt sogar Pop-Stars und -sternchen. Sascha Lobo fällt z.B. zuerst in der realen Welt auf – kleiner Tipp: die Haarfarbe:-) Markus Beckedahl ist zumeist einfach nur nett und Mario Sixtus ist Mario Sixtus. Das bedeutet nicht, dass diese drei genannten Personen keine Inhalte hätten. Im Gegenteil. Die Bekanntheit der Netz-Pop-Stars basiert auf Ihren Handlungen und Ideen, nicht auf der Pseudo-Arbeit drittklassiger PR-Agenturen. Ja, die digitale Welt ist eine große und zugleich sehr heterogene und offene Kultur. Und genau um diese Kultur ging es für mich auch am zweiten Tag der Re:Publica.

Es begann mit einer weiteren Session zu Open-Innovation. Innovationsmanagement ist ein unglaublich spannendes und zugleich wichtiges Thema. Durch meine Arbeit am Technologieradar der Zukunftswerkstatt zusammen mit der ETH-Bibliothek und der FH Potsdam habe ich mich länger damit beschäftigen dürfen. Die Frage, wie wir Produkte, Unternehmen und Institutionen verbessern können ist gerade in Zeiten einer sich immer schneller verändernden Kommunikations- und Medienwelt von großer Bedeutung.

Den Auftakt machte Julia Leihener mit Ihrem Vortrag “Open Innovation: eine wirtschaftliche Perspektive” Sie gab einen Einblick in die Arbeit der T-Labs der Telekom. Ich kenne die T-Labs schon ein bisschen und bin ein großer Fan. Besonders die Endkunden-Orientierung bei bzw. kontinuierliche Integration der Kunden in die Entwicklung von neuen Produkten und Angeboten war sehr spannend. In meiner Arbeit erlebe ich sehr oft, dass über die Kunden aber nicht mit den Kunden gesprochen wird. Das führt sehr oft dazu, dass Produkte und Dienstleistungen entstehen, die niemandem wirklich helfen oder sogar eher einen Schaden verursachen. Neben den Kunden sollen in kleinen Schritten auch die Mitarbeiter der Telekom in den Innovationsprozess eingebunden werden – und hier wird es richtig spannend. Ein T-Lab ist eine nette Einrichtung – wie aber werden z.B. die Berater in den Telekom-Shops eingebunden? Die Gundidee von Open Innovation ist ja die, auf die Ressourcen und die Kreativität möglichst vieler Menschen zurückgreifen zu können. Also muss genau dafür der Raum geschaffen werden. Und deshalb müsste die Telekom letztlich als Ganzes ein riesiges T-Lab sein.

Daran anschließend sprach Stefan Lindegaard in seinem Vortag “Open Innovation- Insights into the buzz” über seine Erfahrungen als Berater in diesem Bereich. Bei seinem Vortrag wurde wieder einmal deutlich, dass es nicht um ein paar neue moderne Werkzeuge, sondern um eine völlig neue Kultur geht. Gerade für Führungskräfte ist Open Innovation eine große Herausforderung denn Ihre Rolle wandelt sich vom “Leader” zum “Supporter”. D.h. sie sorgen dafür, dass Open Innovation passieren kann. Das mag banal klingen, es verändert aber alles. In meiner Arbeit kann ich dies sehr gut beobachten. Die Leitungen der Organisationen für die ich arbeite finden sich plötzlich in einer völlig neuen Rolle wieder. Die Strukturen und Modelle, die vorhanden sind werden verändert und müssen zudem hoch flexibel gestaltet werden. Open Innovation ist also kein neuer Service-Bereich sondern eine neue Denk- und Arbeitsweise.

Auch im nächsten Vortrag ging es um Kultur – sogar im doppelten Sinne. Tina Lorenz sprach in ihrem Vortrag “Theater und digitale Medien – ein Trauerspiel” über die massiven Probleme die in Theatern entstehen, wenn man sich auf die digitale Welt einlässt. Ihre Analyse war absolut richtig. Wenn überhaupt dann bewegen sich die meisten Theater in der digitalen Welt als Theater 1.0. Es geht um Öffentlichkeitsarbeit, d.h. Facebook wird zu einer Plakatwand. Die Kultur des Theaters ist mit der Kultur des Web nicht kompatibel. Man denke nur an den Versuch des Thalia-Theaters, die Community zu fragen, welche Stücke gespielt werden sollen. Es ging nicht um das gesamte Programm sondern nur um ein paar Vorstellungen. Nun entschied sich die Community leider nicht für die Inhalte, die man sich erhofft hatte. Und der Feuilleton war sowieso stinksauer. Und so wurde aus einer wirklich genialen Idee ein Problem. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum dieses Projekt als Misserfolg gewertet wird? Was spricht dagegen, die Menschen zu fragen, was sie sehen wollen? Was spricht dagegen, dass ein Theater experimentiert? Was spricht dagegen, dass wir einfach nicht auf den Feuilleton hören – den sowieso niemand wirklich braucht? Theater sollte immer ein offener und kreativer Prozess sein – und nun ist es zumeist genau das Gegenteil. Dies betrifft aber nicht die Aufführungen sondern die Institutionen. Und gab es auch einen Kommentar eines Theater-Mitarbeiters, dass er auf keinen Fall Twitter und Co. in der Vorstellung haben will – und er sauer ist, dass auf Facebook niemand mit seinem Theater diskutiert? Aber die Menschen diskutieren über die Aufführungen, die Werke etc. Sie tun es nur nicht mit den Theatern. Und warum sollten sie es tun? Open Innovation in Theatern? Im Ergebnis sieht es so aus, dass die Computergames mehr und mehr die neuen Theaterbühnen werden. Es gibt dort große Geschichten, Auseinandersetzungen, Träume, Kreativität, Nachdenken und vor allem die Möglichkeit, Teil des Ganzen zu sein. Theatermacher sollten die Gamescom besuchen – im Moment tun dies verstärkt Dramaturgen, aber nicht um sich zu informieren, sondern um sich einen Job zu suchen…

Danach besuchte ich die Session “Cloud Music – Letzte Ausfahrt Abo-Streams”. Hier war vor allem interessant zu sehen, wie man mit dem Thema Streaming umgeht und welche neuen Angebote dabei entstehen. Plattformen wie Spotify oder Musicplayer suchen nach Wegen, in einer Welt ohne Datenträger Geld zu verdienen. Für mich war vor allem bedeutend, dass wir immer mehr Inhalte haben, die an geschlossene Systeme gebunden sind und gestreamt werden. Vor allem für Bibliotheken hat dies eine große Bedeutung. Das Verleihgeschäft bzw. die Bestandsorientierung wird verschwinden. Nicht so schnell wie prophezeit, aber Bibliotheken werden sich massiv verändern müssen. Musik, Filme, Bücher all das kommt aus der Cloud. Spätestens mit dem Aufkommen von eBooks, die nun animierte Apps. sind, und aus dem iTunes-Store runtergeladen werden, sind Bibliotheken “raus aus der Verlosung”. Die neuen Musikportale sind deshalb interessant, weil sie nicht nur den Zugang zu Inhalten ermöglichen, sondern vielmehr damit verbundene Services anbieten. Der Wandel von der Bestands- zur Serviceorientierung in Bibliotheken hat erst begonnen.

Es folgte eine längere Pause mit Gesprächen, Fritz-Cola und noch mehr Gesprächen – meine Festplatte war voll. Ich war müde gespielt. Aber ich wollte noch unbedingt dem Rat von Jin Tan folgen und Isaac Mao mit seinem Vortrag “How Sharism is unleashing liberty” erleben. Und ich wurde nicht enttäuscht. Isaac Mao zeigte, wie Teilen und Vernetzung völlig neue Möglichkeiten, Strukturen und Innovationen ermöglichen. Er redete über die Geschichte der Industrialisierung und wie das Teilen von Informationen nicht als Piraterie sondern als Motor von Innovationen gesehen werden sollte. Er zeigte zudem, wie Politik und Menschenrechte durch Teilen als Idee und als aktives handeln verändert werden können. Seine Fokussierung lag auf den Menschen und nicht auf den Unternehmen oder Regierungen. Als ein Beispiel zeigte er eine Landmaschine, die vor vielen Jahrhunderten in China entwickelt worden war. Europäer “übernahmen” – man könnte auch sagen klauten – diese Idee und entwickelten sie weiter. Was aus Sicht eines Urhebers problematisch ist, kann also aus Sicht der Gesellschaft von Vorteil sein. Isaac Mao ging es dabei nicht um eine Abschaffung von Rechten und Patenten etc. Es ging ihm um das Verständnis des Teilens und der daraus resultierenden Möglichkeiten.

Es war also wieder ein toller Tag. Bis auf die kleine Theatergemeinde gab es keine Nerds – aber sehr viel Spass.

Beste Grüße

Christoph Deeg