Schlagwort-Archive: Kultur

Brief an die digitalen Analphabeten

Liebe digitale Analphabeten,

hier schreibt kein Jugendlicher, kein jugendlicher Erwachsener, kein Kind. Ich bin aufgewachsen mit Telefonen, die eine Wählscheibe hatten. Mein erstes Handy kaufte ich glaube ich mit 20 Jahren. Meine Kindheit war analog – wenn wir mal diese heißen kleinen Gaming-Konsolen etc. herausrechnen. Ich bin kein Digital Native. Ich gehöre nicht zu der Generation, die Ihr gerne als solche bezeichnet, die aber von Euch in Eurer naiv-konservativ-analogen Welt gefangen gehalten wird, in der gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen.

Ihr digitalen Analphabeten versteckt Euch hinter pseudo-moralischen Ideen. Ihr behauptet, Ihr wollt die Gesellschaft schützen. Ihr verdammt den Fortschritt als unmenschlich. Ihr wollt diskutieren und in Euren Holzmedien über “den Menschen” reden. Ihr redet von der Freiheit der Menschen und davon, dass Ihr diese Freiheit verteidigen wollt. Ihr schreibt Bücher wie „Payback“ und seid doch alles andere als Zurückzahlende oder Freiheitskämpfer. Voller Inkompetenz baut Ihr darauf, dass niemand das Gefängnis erkennt, in welches Ihr ganze Generationen einsperren wollt.

Ja, es hat sich etwas verändert. Ihr wolltet das nicht. Im Gegenteil, es war doch alles gut so wie es ist. Ihr hattet Eure Möglichkeiten und Euren Einfluss. Ihr hattet das goldene Kalb der Deutungshoheit. Es war alles so gut und so einfach. Und nun soll dies alles nicht mehr relevant sein? Ihr erlebt eine Welt, in der so etwas wie „Deutungshoheit“ eine Pointe in einem Witz geworden ist. Nein, Ihr habt die Deutungshoheit nicht an die digitale Welt verloren. Die digitale Welt zeigt Euch nur, dass es nie eine Deutungshoheit gab. Das mag wehtun – gewöhnt Euch daran.

Ich kann Euch verstehen. Ihr müsst alles verdammen, was nach Fortschritt aussieht. Ihr müsst alles tun, damit Eure Vision der digitalen Apokalypse nicht real wird, auch wenn es Euch nach meinem Gefühl weniger um „die Menschen“ oder „die Gesellschaft“ sondern vielmehr um Euch und Eure Macht geht.

Ihr habt lange gewartet. Zu lange gewartet. Längst sind Konzerne entstanden, die öffentliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich Ihr hättet übernehmen müssen. Aber Ihr wolltet lieber noch ein bisschen diskutieren. Das passt zu Euch: Viel reden – aber nichts entscheiden.

Und nun werden Euch Entscheidungen abgenommen. Nun beginnen die Menschen zu handeln. Eure Gesetze und Kolumnen waren eh nur für eine kleine Mini-Elite bestimmt, nun erreichen sie fast niemanden mehr. Ihr habt Euch verloren im Beobachten und Reden. Ihr, und nicht die Konsumenten habt die digitale Welt den kommerziellen Unternehmen überlassen. Und nun wollt Ihr eben diese Unternehmen für etwas bestrafen, was Ihr selber zu verantworten habt. Wo sind Eure Konzepte? Wo sind Eure Ideen? Wo sind Eure Visionen? Ist ein bisschen konservativ daher quasseln in Euren kleinen Holzmedien alles was Ihr könnt? Hattet Ihr nicht Zeit und Geld genug, um eigene Ideen und Modelle zu entwickeln?

Wo ist der Unternehmergeist in Deutschland geblieben? Macht es Euch nicht nervös, dass selbst die Kanzlerin mahnt, Ihr solltet euch mehr Mühe geben? Glaubt Ihr eine kleine Gruppe von Pseudo-Kultur-Propheten mit Ihren schwachen Feuilletons könnten Euch retten? Nein! Werdet endlich erwachsen. Wir brauchen keine digitale Präventionsgesellschaft. Wir brauchen keine Möchtegern-Kultur-Menschen, die im Digitalen nichts anderes als Gefahren sehen. Was Ihr nicht verstanden habt ist: diese digitale Welt wird von Menschen gestaltet. Und diese Menschen entwickeln eine neue Kultur, in der Ihr zu einem Auslaufmodell werdet. Nicht Google, Amazon und Facebook sind die Feinde sondern diejenigen, die die Menschen entmündigen, indem sie ihnen sagen, dass man diese digital-analoge Welt nicht gestalten könne.

Wir brauchen keine Verwalter – wir brauen Gestalter. Die digitale Welt ist vor allem eine unglaubliche Chance. Gewiss, sie ist auch voller Risiken. Aber das größte Risiko sind diejenigen, die aus ihrer pseudokulturellen Oase beobachten und richten. Hört auf zu diskutieren und beginnt zu gestalten. Wir brauchen keine Talk-Shows und Interviews. Wir brauchen Menschen, die diese Gesellschaft gestalten wollen.

Ruht Euch nicht auf Eurem vermeintlichen Alter aus. Sätze wie „ich bin bald in Rente und will mich damit nicht mehr beschäftigen“ sind die Aussagen asozialer Konservativer. Es ist egal wie alt man ist – man muss einfach nur bereit sein, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Nein, Ihr müsst keine digitalen Nerds werden. Niemand zwingt Euch einen Account bei Facebook und Co. zu eröffnen. Aber gebt denen den Raum und die Möglichkeiten, die sich auf den Weg in die digital-analoge Welt machen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir haben vor Euch ja auch keine Angst.

Also: wacht auf! Nutzt die Potentiale der Veränderung! Lasst uns die digitalen Angebote nutzen und gestalten. Und wenn Ihr das nicht wollt, dann schweigt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Die sieben Social-Media-Todsünden – Nr. 1: Wir machen ein bisschen Social-Media

Liebe Leser,

heute beginnt eine kleine siebenteilige Serie zum Thema “Die sieben Social-Media-Todsünden”. Dabei möchte ich auf Basis meiner Erfahrungen auf die klassischen Fehler hinweisen. Beginnen wir also mit der ersten Todsünde: “Wir machen ein bisschen Social-Media”. Diese Aussage hört man sehr oft. Man möchte zwar irgendwie dabei sein, aber andererseits erstmal schauen was so passiert. Dies ist eine Social-Media-Todsünde, denn es kann nicht funktionieren.

Um zu verstehen warum das so ist müssen wir nur für einen kleinen Moment über folgende Frage nachdenken: Wo in unserem Leben sind wir bereit, uns mit “ein bisschen” zufrieden zu geben? Was wäre, wenn wir beim Italiener um die Ecke Pasta bekommen, die nur ein bisschen gar ist? Wie reagieren wir, wenn unser Partner uns sagt, dass er uns ein bisschen liebt? Wie gehen wir damit um wenn Fussballer nur ein bisschen Fussball spielen? Wie reagieren wir, wenn unser Mitarbeiter/Kollege uns sagt, dass er nur ein bisschen arbeitet? Kann man ein bisschen schwanger sein? Wie wäre es, wenn der Chirurg nur ein bisschen operiert? Wie ist es, wenn die Bahn nur ein bisschen fährt? Was machen wir, wenn die Putzkräfte im Hotel nur ein bisschen putzen?

Seien wir ehrlich: es gibt kaum etwas, bei dem wir mit “ein bisschen” zufrieden wären, aber warum machen viele Unternehmen und Institutionen dann nur ein bisschen Social-Media? Social-Media ist kein Add on. Es ist keine Aufgabe, die man umsetzt, wenn man die anderen Aufgaben erledigt hat. Es ist auch nichts, was man dem Praktikanten übergeben sollte. Und nein, Social-Media ist auch nicht Werbung.

Ich weiß, dass viele Unternehmen und Institutionen im Bereich Social-Media aktiv sind oder aber damit starten wollen. Aber wenn wir es nur ein bisschen machen, kann es nicht funktionieren. Das bedeutet nicht, dass man 30 Plattformen bedienen, 1.500.000,00 € ausgeben und 40 Vollzeitstellen einrichten muss. Aber es bedeutet, dass ich mich auf diese Kultur einlasse. Es bedeutet, dass ich verstehe, dass dieses Thema auch nach innen wirkt und u.U. einige meiner Denk- und Arbeitsweisen infrage gestellt werden. Es bedeutet, dass ich kritisiert werde und dass ich mit meinen Kunden auf Augenhöhe kommuniziere. Und es bedeutet, dass dieses Thema die gleiche Relevanz wie alle anderen Themen in meinem Unternehmen bzw. meiner Institution hat.

Ich weiß, dass es diese tollen Vorträge von Social-Media-Managern gibt, bei denen man danach unbedingt dabei sein will. Ich halte ja selber solche Vorträge:-) Aber im Bereich Social-Media ist dabei sein nicht alles! Wenn wir all die tollen Möglichkeiten nutzen wollen, müssen wir auch etwas dafür tun. Oder glauben wir, man könnte an diesem Milliardengeschäft, an dieser Kultur, die ganze Gesellschaften verändert oder an der globalen Vernetzung partizipieren, wenn man ein bisschen mitmacht?

Eines ist klar: Die Menschen mit denen wir kommunizieren wollen sind nicht blöd. Sie merken, ob wir das alles nur ein bisschen machen oder es wirklich wollen. Der größte Unsinn ist aber die Idee, erstmal ein bisschen aktiv zu sein um dann zu schauen ob es sich lohnt. Wie soll das funktionieren? Wenn ich nur ein bisschen kommuniziere, dann bekomme ich auch nur ein bisschen Antworten. Und was wollen wir dann daraus für Schlüsse ziehen? Niemand würde auf die Idee kommen, eine Segeljacht zu bauen, und diese zu testen, in dem man ohne Segel zu setzen mit dem kleinen Außenboard-Motor im Hafenbecken herumtuckert. Wir wissen dann zwar, ob der kleine Motor funktioniert aber nicht, ob man mit dem Schiff auch segeln kann.

In diesem Sinne – denkt immer an Meister Yoda. Er sagte “Tue es oder tue es nicht – aber versuchs nicht”

Beste Grüße

Christoph Deeg

Datenschutz – Missverständnisse im Un-Internet

Liebe Leser,

sie haben es getan. Sie haben es sogar öfter getan. Wahrscheinlich tun sie es immer noch: Geheimdienste wie die NSA lesen unsere Onlinekommunikation. Der mediale Aufschrei war groß. Mit Prism schien sich die größte aller Horrorvisionen zu bestätigen. Für diejenigen, die schon immer der Meinung waren, dass aus den USA alles böse kommt – man kann diese Idee je nach Tagesform wunderbar auch auf China und Russland anwenden – war dies Wasser auf ihre Mühlen. Wenn man weiß wer der Böse ist, hat der Tag Struktur:-) Diejenigen, die die digitale Welt für den Dämon halten, der die Erde versklaven wird konnten sich nun ebenfalls bestätigt fühlen. Datenschützer hatten sowieso einen guten Tag, denn wann bekommt man schonmal so eine Steilvorlage? Dann gibt es natürlich auch die Obama-Enttäuschten. Für Sie ist die Enttäuschung kaum auszuhalten. Sie glaubten, Obama wäre eine Art Weltpräsident, der alles wieder gut macht. “Yes we can” – das war nicht nur ein Wahlspruch sondern eine globale Vision. Nun erlebt diese Gruppe, dass Obama einfach nun ein weiterer US-Präsident ist und dass er vor allem ein US-Präsident ist.

Damit man mich nicht falsch versteht: Datenschutz ist wichtig und das Verhalten der Geheimdienste ist unerträglich. Ich sympathisiere auch nicht ansatzweise mit deren Herangehensweise. Trotzdem möchte ich hier ein paar allgemeine Gedanken zur Diskussion stellen. Sie sollen das Verhalten der Geheimdienste nicht relativieren aber vielleicht unser Verhalten erklären. Denn auch wenn das Thema in den Medien breit diskutiert wurde, gibt es immer noch einiges zu sagen.

Sicherheit und Datenschutz
Meiner Meinung nach ist die Diskussion um den Datenschutz und das Verhalten der Sicherheitsbehörden vor allem ein Spiegelbild unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation. Glaubt man den Panikexperten zum Thema Datenschutz, stehen wir kurz vor dem absoluten Überwachungsstaat. Und in der Tat hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Die Nachrichtendienste rüsten auf. Sie wollen alles wissen. Und gleichzeitig soll niemand wissen, dass sie alles wissen. Unsere Behörden sowie die Politik halten sich mit Kommentaren zurück. Schließlich ist davon auszugehen, dass auch diese Institutionen aktiv am Datensammeln sind. Und was haben wir denn von den Sicherheitsbehörden erwartet? Sie sind die ultimativen Hofhunde. Ihre Aufgabe ist es “uns zu beschützen”. Sie sollen Daten sammeln und auswerten und sie sollen dafür sorgen dass die bösen Jungs nicht bei uns sondern gar nicht oder zumindest nicht bei uns böse Dinge tun. Nun kann aber Jeder ein böser Mensch sein, also müssen – nach der Logik der Nachrichtendienste – auch alle Menschen überwacht werden. Ob sie dies erfolgreich tun oder nicht wissen wir nicht. Das ist und bleibt geheim. Die Frage die wir uns stellen müssen ist letztlich die, ob es sicherer ist, dass die Behörden uns oder wir die Behörden überwachen.

Wen interessiert Datenschutz überhaupt?
Ob diese Frage wirklich in der gesamten Gesellschaft diskutiert wird bleibt abzuwarten. Im Moment bin ich da skeptisch. Die Prism-Affäre war zwar ein großes Thema in den Medien aber der Aufschrei in der Bevölkerung war eher gering. Es gab keine Massendemonstrationen und auch keine Massenaustritte aus Plattformen wie Facebook und Co. Die meisten Menschen gehen sicherlich davon aus, dass das Problem für Sie keine Bedeutung hat. Schließlich sind sie keine Terroristen. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, muss auch keine Angst haben. Würde die DFL entscheiden, dass die Fussbal-Bundesliga nicht mehr im Free-TV zu sehen wäre, der gesamtgesellschaftliche Aufschrei wäre sicherlich um einiges größer. Ich behaupte, den meisten Menschen ist dies Thema egal bzw. sehen die keinen direkten Bezug zu ihrer Lebensrealität. Und auch ich habe mir keine so großen Sorgen gemacht. Ich bastel in meiner Freizeit keine Bomben, gehöre keiner extremistischen Organisation an und ich bin auch nicht Mitglied in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen “Terroradmins”. Zudem habe ich in den letzten Jahren immer wieder in den Bereichen Gaming und Social-Media mit der US-Botschaft zusammengearbeitet. Mir war klar, dass ich irgendwann “durchleuchtet” worden bin – und offensichtlich bin ich harmlos:-) Das Problem ist aber nicht die Frage ob ich oder irgendjemand anders ein Terrorist ist. Staaten definieren ihre eigenen Interessen und Sie agieren gegen die Personen, die diesen Interessen widersprechen. Wir können aber nicht wissen, ob irgendetwas was wir heute tun oder posten in der Zukunft gegen das Interesse eines Landes oder Unternehmens verstößt. Wir wissen auch nicht, an wen diese Daten weitergegeben werden bzw. wer darauf Zugriff hat. Wie aber gehen wir damit um?

Daten sammeln und Daten konsumieren
Datensammeln ist ein Volkssport. Daten werden überall gesammelt und in vielen Fällen ist dieses Datensammeln gut und hilfreich. Das Problem lag nie bei den Daten sondern immer nur beim damit verbundenen Umgang. Unternehmen sammeln Daten um bessere Geschäfte zu machen. Und der Erfolg der meist gelesenen Tageszeitung in Deutschland – mit sehr großen Buchstaben – basiert auf dem Sammeln von persönlichen Daten von Personen, die dagegen nichts tun können. In diesem Fall dürfen sogar die Daten veröffentlicht und in teils extreme Sinnzusammenhänge gebracht werden. Welchen Datenschutz genießen diese Menschen? Versteht mich nicht falsch: die Pressefreiheit ist für unsere Gesellschaft von größter Bedeutung. Und sie sollte auch nicht infrage gestellt werden. Aber mit welchem Recht wird eine Person für öffentlich interessant erklärt, damit man dann ihre intimsten Geheimnisse an die Boulevard-Oberfläche zerrt?

Warum Obama kein Social-Media-Best-Practise-Beispiel ist
Im Onlinemarketing ist das Sammeln und Auswerten von Daten eine Kernaufgabe. Es ist fast schon paradox, dass gerade die Social-Media-Strategien von Barack Obama als Vorbild für viele Social-Media-Manager dienen. Und hier liegt m.E. auch das Kernproblem: In vielen Fällen wird Social-Media bzw. die digitale Welt nur als weiterer Vertriebskanal gesehen. Im Bereich Social-Media war Barack Obama der Superstar. Er nutzte Twitter, Facebook und Co. und er war damit erfolgreich. Aber letztlich haben er bzw. sein Team nur Social-Media-Werkzeuge genutzt. Eine wirklich Interaktion mit den Menschen oder gar ein Verständnis für die damit verbundenen Möglichkeiten vor allem für die analoge Welt ist offensichtlich nicht vorhanden. Das ist schade – aber es zeigt auch, wie weit wir noch von einer echten Digital-Analogen Kultur entfernt sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass paradoxerweise gerade das US-State-Department in vielen Ländern Social-Media nutzt um Demokratie und Menschenrechte zu fördern. Wie passt das zusammen?

Die USA – das etwas andere Land
Für mich persönlich ist noch ein weiterer Aspekt interessant: Die aktuelle Situation der USA. Auf der einen Seite ist dort diese unglaubliche Innovationskraft. Gerade in der digitalen Welt ist dies sehr gut zu beobachten. Die wirklich relevanten Unternehmen kommen zumeist aus den USA. Facebook, Google, Twitter, Apple etc. stehen für den Aufstieg der digitalen Welt. Europäische bzw. Deutsche Unternehmen und Institutionen können bis heute nichts vergleichbares entwickeln. Dieser Zustand wird auch in den nächsten Jahren anhalten. Wir mögen in der Lage sein, Autos zu bauen und Fussball zu spielen. In der digitalen Welt bleiben wir weit hinter den USA und in Zukunft Asien zurück. Aber die USA sind kein globales Innovationslabor. Die USA schwächeln. Für immer mehr US-Amerikaner ist der “American Dream” zu einer Satire-Show verkommen. Städte wie Detroit sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Niedergang ist sichtbar – und er ist schockierend. Offensichtlich ist es Gesellschaften bis heute nicht möglich, die Kultur und Innovationskraft des Internets auf andere Gesellschaftsbereiche zu übertragen. Institutionen, Unternehmen, Behörden, Politikern etc. geht es zumeist um die Kontrolle der digitalen Medien bzw. deren Nutzung für ihre eigenen Interessen. Es geht zumeist um Kommunizieren aber nicht um einen Dialog.

Die Lösung kann nur von den Menschen kommen
Letztlich werden keine neuen Gesetze, keine Datenschützer und keine Talkshows irgendetwas ändern können. Wir werden auch nicht verhindern können, dass Sicherheitsbehörden weiterhin Daten sammeln und auswerten. Das einzige was wir tun können ist, die digitale Welt aktiv zu gestalten. Die aktuelle Diskussion darf nicht dazu führen, dass Unternehmen und Institutionen noch zaghafter mit dem Internet umgehen. Gerade der Kultur- und Bildungssektor hat hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Wir brauchen Digitale Gestalter. Und wir brauchen Internetbewohner, die sich die Mühe machen, die Internetbesucher mitzunehmen. Nicht der Gesetzgeber sondern der Bürger ist gefragt. Wir müssen uns überlegen, wie wir eine Digital-Analoge Gesellschaft gestalten können.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Willkommen auf meiner Forschungsreise nach Asien zum Thema “Gaming”

Liebe Leser,

es ist Samstag der 23.02.2013 und ich sitze am Flughafen in Berlin-Tegel. In den letzten zwei Wochen war es auf meinem Blog wieder etwas ruhiger. Mein Ziel, in diesem Jahr 100 Blogbeiträge zu posten verfolge ich weiter, aber in den letzten Wochen musste ich einiges in der analogen Welt vorbereiten. Neben meinen Beratungstätigkeiten in den Bereichen Social-Media und Gamification für Unternehmen und Institutionen und der Tatsache, dass ich gerade mein erstes Buch schreibe (nein, es ist kein Buch über Barbecue sondern über Gaming) musste ich vor allem eine Reise vorbereiten, die heute beginnt: Meine Forschungsreise zum Thema „Gaming in Ost-Asien“.

Worum geht es genau?

In den nächsten 16 Tagen werde ich nach Hongkong, Shanghai, Tokio, Osaka und Seoul reisen um im Auftrag des Goethe-Instituts zum Thema Gaming in Asien zu forschen. Diese Reise ist der Auftakt zu einer längeren Forschungsarbeit und wenn alles gut läuft ist es nicht die letzte Reise nach Asien.

Warum Gaming in Asien?

Ich werde während meiner Reise sehr viele Menschen, Unternehmen, Institutionen und Orte kennenlernen. Ich möchte herausfinden, wie sich in diesen Ländern Gaming, Bildung, Wirtschaft und Kultur gegenseitig beeinflussen. Das Thema Gaming verbinden viele Menschen noch immer mit jungen männlichen Teenagern, Suchtgefahren und Gewaltdarstellungen. Aber Gaming ist viel mehr. Gaming ist ein Teil der digitalen Kultur und diese Kultur steht für neue Denk- und Arbeitsweisen, neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung, neues Lernen, neue Management-Modelle und jede Menge Spass. Wenn Social-Media Web 2.0 ist, dann ist Gaming Social-Media 2.0. Alle Themen, alle Ziele, alle Herangehensweisen, welche wir aus dem Bereich Social-Media kennen bzw. andenken sind im Gaming bereits seit Jahren vorhanden. Gaming bedeutet Lernen, Wissensmanagement, Marketing, Spielen, Austauch etc. Die besten Community-Manager können wir in der Gaming-Branche finden. Storytelling, Augmented Reality, Vernetzung, Recherchekompetenz, Leseförderung – all das ist in Gaming vorhanden. Wenn wir diese Kultur verstehen und uns zu eigen machen, wenn wir uns dieser Kultur öffnen, dann können diese Modelle helfen, bessere Kultur- und Bildungsinstitutionen, bessere Unternehmen und bessere Communitys zu entwickeln.

Natürlich ist in Asien nicht alles besser – aber ich glaube es ist anders. Dies betrifft auch die möglichen negativen Konsequenzen. Meine Asienreise basiert also nicht auf der Idee, den asiatischen Weg – wenn es dies überhaupt gibt – in Deutschland zu kopieren. Aber ich glaube, wir können voneinander lernen.

Für mich sind Social-Media und Gaming die zwei Seiten der selben Münze. Niemand braucht eine Social-Media-Strategie. Was wir benötigen sind digitale Strategien, die sowohl Social-Media als auch Gaming beinhalten.

In den nächsten Tagen werde ich sehr viele Fotos und Videos aufnehmen, sehr viele Menschen treffen und sehr viele Eindrücke sammeln. Ich bin gespannt auf das was mich erwartet. Natürlich werde ich versuchen, so oft wie irgend möglich zu bloggen. Ansonsten könnt Ihr mir natürlich auch auf Twitter, Facebook etc. folgen.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Warum Social-Media eine analoge Aufgabe ist – und warum wir mehr Gamescom brauchen

Liebe Leser,

ich bin gerade in Olsberg in Nordrhein-Westfalen. Morgen werde ich wieder einen kleinen Verbund von drei sehr kleinen Kultur- und Bildungsinstitutionen auf Ihrem Weg in die digitale Welt begleiten. Morgen ist der Kick-Off-Workshop und der Abend vor so einem Workshop ist immer besonders spannend für mich. Wie werden die Teilnehmer reagieren? Welchen Weg werden wir einschlagen? Funktionieren die technischen Ressourcen? Und wie sehen dann die nächsten Monate aus? Ich werde diese Institutionen nämlich das ganze Jahr begleiten.

Mein vorletzter Blogbeitrag war sehr erfolgreich. Es gab eine Vielzahl an Diskussionen. Zum kleinen Teil fand die Diskussion hier auf meinem Blog und zum großen Teil auf Facebook, Twitter und Google+ statt. Warum dieses mal so wild diskutiert wurde kann ich ehrlich gesagt gar nicht nachvollziehen. Gewiss die Thesen mögen dem Einen oder Anderen etwas provokant erscheinen, aber letztlich habe ich diese Ideen schon seit mehr als zwei Jahren kommuniziert. Und sie sind seit dieser Zeit die gedankliche Basis meiner Arbeit. Die Grundgedanken, dass die digitale Welt keine neue Technologie sondern eine völlig neue Kultur darstellt vertrete ich schon lange und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragestellungen gelten sowohl für Bibliotheken als auch für alle anderen Institutionen und ebenso für Unternehmen.

Ich bin immer mehr der Meinung, dass wir nun (endlich) in die Phase der Veränderung kommen. Immer mehr Institutionen und Unternehmen sind in der digitalen Welt aktiv. Und immer mehr Menschen setzen sich mit den damit verbundenen Konsequenzen auseinander. So langsam versteht man den Impact auf unsere Lebensrealität. Man versteht, dass man die klassischen PR- und Marketingwerkzeuge nicht mehr nutzen kann. Und das beschränkt sich nicht mehr alleine auf das Social Web. Offenheit, Transparenz, Kooperation, Community-Building und viele weitere Begriffe und Themen stehen nicht für eine abgeschlossene Enklave, welche sich digitale Welt nennt. Diese neuen Denk- und Arbeitsweisen werden in Zukunft nicht nur die Basis der Arbeit in der digitalen sondern auch der analogen Welt sein. Die Plattformen (Facebook, Twitter, Google+, Blogs, Wikis) die Technologien (Smartphones, Tablet-PC’s, Netbooks etc.) sind nur die Hülle für die Aktivitäten der Menschen. Sie sind nur die Werkzeuge. Das bedeutet, wer diese Plattformen verstanden hat, kann noch lange nicht erfolgreich mit ihnen umgehen. Deshalb ist es z.B. für viele Werbeagenturen so schwer, erfolgreich im Social Web zu agieren. Ihre Modelle und Herangehensweisen funktionieren im Social Web nicht mehr. Und auch Institutionen stehen vor neuen Herausforderungen. Gab es noch vor ein paar Jahren den Mythos der Deutungshoheit geht es heute darum, neue Kommunikations- und Arbeitsformen zu verstehen, zu entwickeln und umzusetzen. Und diese neuen Wege lassen sich nur schwer beschreiten, wenn die Strukturen und Ressourcen darauf nicht vorbereitet sind.

Aber ist dies wirklich eine digitale Revolution? Ich glaube nicht. Sicher, wir haben große Veränderungen bezüglich unsere Medien- und Kommunikationsformen und ja, das verändert alles. Andererseits kann die digitale Welt keine reale Bedeutung entfachen, wenn sie nicht in der analogen Welt verankert ist. Alle was wir im Internet sehen, alle Inhalte auf Facebook, Twitter, Google+ und Co. ist von Menschen gemacht. Die Inhalte entstehen in den Köpfen der Menschen und nicht in den Einsen und Nullen des Internets. Das Web verändert alles aber es ist nur ein Werkzeug. Die Herausforderungen, die sich aus der digitalen Welt ergeben sind letztlich nur ein Spiegelbild der Herausforderungen in der analogen Welt. Der digitale Wandel macht sichtbar und erfahrbar, wo die Probleme in der analogen Welt liegen.

Immer wenn ich das folgende Video sehe, wird mir klar, dass es um einen viel größeren Wandel geht. Und jenseits von drittklassigen Werbefilmchen und Möchtegern-PR-Agenturen entstehen neue Berufe, neue Plattformen und neue Inhalte. Schaut Euch dieses Video an und Ihr versteht (hoffentlich) was ich meine.

Die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken kann und werde ich auch über die Zukunft der Museen, der Schulen, der Unternehmen und der Verwaltungen führen. Und wir werden erkennen, dass sich die Herausforderungen ähneln. Wenn uns aber ein von Menschen gelebtes und mit Inhalten gefülltes System zeigt, wo unsere Probleme liegen, dann sollten wir zuerst beginnen, besser zu zu hören. Mich würde interessieren, wie viele Besucher des kommenden Bibliothekskongresses in Leipzig zuhören? Man muss keine großen Studien in Auftrag geben. Man muss nur die Diskussionen auf Google+ und Twitter über meinen Blogbeitrag verfolgen, um zu sehen was die Menschen denken. Der Bibliothekskongress ist aber kein Ort des Zuhörens. Es ist ein geschlossenes System. So wie sich die Bibliothekswelt zurecht über geschlossene Systeme wie z.B. Amazon aufregt, ist sie selber nicht offen. In Leipzig reden wir mal wieder über die Menschen, aber nicht mit ihnen. Dabei wäre es so einfach: Öffnet den Kongress für die Kunden, Nutzer, Nicht-Kunden und Nicht-Nutzer. Erlasst jedem Kunden/Nutzer die Jahresgebühr für ein Jahr, wenn er auch nach Leipzig kommt. Natürlich ohne Eintritt zu zahlen. Lasset die Kultur- und Bildungskonferenzen zur Gamescom 2.0 werden. Und wenn das nicht geht: Mieten wir doch einfach eine Halle der Köln-Messe während der Gamescom und schauen wir was passiert.

In diesem Sinne eine schöne Nacht

Christoph Deeg

Mein Vortrag zur Zukunft der Kulturvermittlung…

Liebe Leser,

vor ein paar Wochen durfte ich auf dem Symposium zur Kulturvermittlung der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent in Basel sprechen. Über diese tolle Konferenz habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Heute möchte ich Euch nun das Video zum Vortrag präsentieren. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis und ich freue mich über Eure Kritik..

Beste Grüße

Christoph Deeg

Wir brauchen eine Konferenz über das Scheitern!

Liebe Leser,

ich glaube ich bin gerade ziemlich erfolgreich. Meine Projekte funktionieren. Ich erlebe überall, dass ich mit meinen Ideen und Herangehensweisen richtig lag. Das klingt toll oder? Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Bei jedem Projekt, welches ich in meinem Leben bis jetzt angefangen habe, gab es immer auch ein Element des Scheiterns. Dies konnte bedeuten, dass etwas schief ging was man lösen konnte, es konnte aber auch bedeuten, dass das ganze Gebäude zusammenbrach. Wenn der erste Schock überwunden ist und man das Ganze mit ein wenig Abstand betrachtet, erkennt man immer wieder, dass man gerade aus dem Scheitern gelernt hat. Ich habe manchmal den Eindruck, dass ich vielmehr aus meinem Scheitern lerne, als durch meine Erfolge. Scheitern bedeutet, ich muss einen anderen Weg finden um ans Ziel zu kommen. Es kann natürlich auch bedeuten, dass ich erkennen muss, dass ich das falsche Ziel ausgewählt habe oder es aber nie erreichen werde.

In unserer Gesellschaft ist Scheitern nicht vorgesehen. Wer scheitert ist ein Looser. Wir reden nicht über die Dinge die schief gehen. Es könnte ja negative Auswirkungen auf unsere Zukunft haben. Verstärkt wird dieser Effekt sicherlich durch die vielen “Wilden”, die bei jedem noch so kleinen Projekt die große Keule rausholen. Ich kenne z.B. eine große Mailingliste für eine bestimmte Kultur- bzw. Bildungsinstitution, bei der es zwei dieser “Wilden” geschafft haben ein Klima zu erzeugen, bei dem sich nur noch wenige trauen ein neues Projekt vorzustellen.

Was wir aber brauchen ist eine Kultur des Scheitern. Wir müssen akzeptieren, dass es nicht um die Tatsache geht, dass jemand einen Fehler gemacht hat. Es geht vielmehr darum gemeinsam aus diesen Fehlern zu lernen. Interessanterweise ist dieses Try-and-Fail-Prinzip ein elementarer Bestandteil des Gamings. Gamer sind es gewohnt Fehler zu machen und sich in den jeweiligen Communitys darüber auszutauschen. Die Gamer sind uns also einen Schritt voraus. Natürlich weiß ich, dass es Dinge im Leben gibt, bei denen Try-and-Fail nicht funktioniert bzw. nicht wünschenswert ist. Natürlich möchte ich nicht, dass mein Chirurg mal Lust hat, etwas neues auszuprobieren. Aber in der Breite fehlt uns die Bereitschaft Fehler anzuerkennen. Das wir sie machen ist klar – würden wir sie kommunizieren, würden wir alle und vor allem schneller lernen können.

Aus diesem Grund möchte ich gerne eine Konferenz des Scheiterns veranstalten. Ich weiß nicht ob es ein Barcamp sein sollte oder eher ein klassisches Modell oder eine Mischung aus beidem. Was mir aber klar ist folgendes: es darf auf dieser Konferenz nur über Projekte gesprochen werden, die gescheitert sind. Es geht auch nicht um Workshops die Scheitern verhindern sollen, weil man noch mehr neue Tools nutzt oder aber jeden morgen Yoga macht. Mir geht es um all diese Projekte und Ideen die wirklich und wahrhaftig gescheitert sind. Lasst uns darüber reden und lasst uns gemeinsam davon lernen. Also wer macht mit?

Beste Grüße

Christoph Deeg