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Warum Vernetzen kein Selbstzweck ist

Liebe Leser,

wenn Ihr diesen Beitrag lest, bin ich in der Bayerischen Staatsbibliothek aktiv. Heute werde ich Mitarbeitern aus bayerischen Bibliotheken das mobile Internet näher bringen. Sie werden lernen was es gibt, was es geben sollte und sie werden Smartphones, iPads, eBook-Reader etc. ausprobieren können. Oder anders ausgedrückt: heute findet in München die Mobile-Internet-Roadshow statt.

In diesem Beitrag geht es aber nicht um das mobile Internet sondern um das Denken und Handeln in Netzwerken. In den letzten Jahren hat sich soetwas wie eine Vernetzungs-Revolution entwickelt. Jeder ist scheinbar mit jedem vernetzt. Wir vernetzen uns so oft es geht. Jemand der gut vernetzt ist, ist zwangsweise erfolgreich – oder? Und so vernetzen wir uns auf Plattformen und je mehr Freunde, Follower, Kontakte wir haben desto glücklicher sind wir.

Ich habe Kontakte also bin ich?
Das ist putzig aber wann beginnen wir zu fragen, was wir mit den ganzen Kontakten eigentlich machen wollen? Versteht mich nicht falsch, auch ich vernetze mich kontinuierlich und ich werde damit auch nicht aufhören. Trotzdem sollten wir uns überlegen, warum wir das tun und mit wem. Und wir sollten uns überlegen, wie man sich vernetzt und wie vielleicht lieber nicht. Aus diesem Grund möchte ich zwei Varianten beschreiben, die m.E. die Vorteile und die Grenzen der Vernetzung zeigen.

Das XING-Problem
Beginnen wir zuerst mit einem Negativbeispiel: XING. Bevor jetzt der große Aufschrei kommt: XING ist ein gute Plattform. Das Problem sind viele der darauf aktiven Nutzer. Communityplattformen wie XING geben mir als Nutzer die Möglichkeit, mich mit anderen Business-Kontakten zu vernetzen. Die tausenden XING-Mitglieder vernetzen sich also nicht, um lustige Bilder oder Filme auszutauschen. Es geht vielmehr um einen beruflichen Austausch. Über XING konnte ich z.B. nachweisen, dass es bei Amazon wirklich Menschen gibt. Und es ist völlig normal, dass man sich in der analogen Welt kennen lernt und sich dann auf XING vernetzt. XING ist quasi die Visitenkarten-Datenbank 2.0 Leider entwickelt sich XING aber immer mehr zu einem Netzwerk von Pseudo-Gute-Laune-Vertretern, die zudem keine Profile lesen. Deshalb: Liebe Pseudo-Verkäufer auf XING. Bevor Ihr mir wieder ein kostenloses Einführungsseminar zum Thema Social-Media anbieten wollt, lest mein Profil! Und bevor Ihr mir mal wieder verkaufen wollt, wie man in 10 Minuten erfolgreich im Web agieren kann, investiert nochmal 10 Minuten und lest mein Profil. Und bitte schreibt mir nicht, dass Ihr Euch mit mir vernetzen wollt, weil es doch bei XING um vernetzen geht. Wir sind hier nicht bei Olympia…

Update: der Vergleich mit Amazon meint, dass es sehr schwer ist, einen normalen Mitarbeiter (kein Call-Center) kennen zu lernen. Auf XING war dies aber möglich. Danke an http://www.twitter.com/ertraeglichkeit für die Nachfrage…

Das Ende der vernetzten Nabelschau
Kommen wir nun zu meinem Positivbeispiel – und ich weiß, dass das vom manchen anders gesehen wird: In den letzten Wochen habe ich vermehrt gehört, dass in bestimmten Bereichen weniger die Kunden, als vielmehr Kollegen zur Zielgruppe werden. Gerade im Bereich der Institutionen ist dies zu beobachten und es wird immer wieder kritisiert. Und ja, es stimmt. Viele Bibliotheken haben Mitarbeiter anderer Bibliotheken als Fans/Follower/Kontakte. Und gleiches können wir bei Museen, Theatern etc. beobachten. Und auf den ersten Blick erscheint diese Kritik auch gerechtfertigt. Warum betreiben wir so einen großen Aufwand um diejenigen zu informieren und zu bespaßen, die doch gar nicht unsere Kunden sind? Wollen wir nicht völlig neue Kundengruppen erreichen? Wollen wir nicht bestehende Kundenverhältnisse vertiefen? Betreiben wir gar eine “digitale Inzucht”? Ja und Nein.

Digitale Komfortzonen
Das Problem entsteht eigentlich nur dann, wenn die Social-Media-Aktivitäten auf diese “erweitert internen” Kontakte ausgerichtet werden. Dann kommt es zu der in vielen Bereichen vorhandenen Nabelschau. Man beginnt, inhaltliche Komfortzonen zu errichten. Vor allem bei Berufsgruppen, die der digitalen Welt eher skeptisch gegenüber stehen, ist dies oft zu beobachten. Man benutzt die digitale Welt um das eigene Berufsbild und die eigene berufliche Identität zu retten. Dann werden Facebook-Seiten von Bibliotheken zu Bücheroasen, als gäbe es nicht viele andere und zudem gleichberechtigte Medien wie Computergames, Blogs, Youtube-Videos oder eBooks. Museen preisen dann die klassische Deutungshoheit und Theater beschreiben auf Facebook, warum Twitter nichts im Theater zu suchen hat. Gleiches gilt auch für Unternehmen. Schauen wir uns beispielsweise die Angebote von vielen Verlagen an, können wir feststellen, dass sie eigentlich gar nichts mit der digitalen Welt zu tun haben wollen. Wenn man sich dann aber mit den Personen vernetzt, die die gleichen Gedanken haben, wird das Ganze scheinbar erträglich. Die digitale Welt ist aber anders, größer, beweglicher. Sie ist keine weitere Werbeplattform sondern eine Welt voller Optionen – wenn ich mich darauf einlasse.

Ihr seid nicht vernetzt!?
Es ist aber kein Problem, wenn man dafür sorgt, dass es um wirkliche Vernetzung mit wirklichen Mehrwerten geht. Denn die meisten Institutionen sind alles andere als gut vernetzt. Gewiss, man glaubt man wäre es, aber bei genauem Hinsehen erkennen wir, dass die technische Vernetzung nicht ausreicht. Nehmen wir nur als Beispiel die öffentlichen Bibliotheken: Für öffentliche Bibliotheken gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten der Vernetzung – sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt. Es gibt Konferenzen, Verbände, Fachmagazine, Mailingslisten etc. Auf den ersten Blick ist also alles in Ordnung. Vor ca. 1,5 Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Leiter einer öffentlichen Bibliothek, die ich seit längerem auf ihrem Weg in die digitale Welt begleitete. Er erzählte mir, dass er zu Beginn der Zusammenarbeit sehr skeptisch war. Warum sollte seine Institution z.B. eine eigene Facebook-Seite haben? Welcher Mehrwert könnte für die Bibliothek entstehen? Seine erste Idee war es, in kurzer Zeit viele neue Nutzer der Bibliothek generieren zu können. Aber nach einem Jahr merkte er, dass dies nicht so funktionierte wie er es sich gedacht hatte. Trotzdem war er sehr zufrieden, denn er hatte damit begonnen, andere Facebook-Seiten anderer Bibliotheken zu liken. Das Ergebnis war, dass er – so seine Aussage – zum ersten mal sehen und verstehen konnte, was seine Kollegen in anderen Bibliotheken taten. Und es handelte sich dabei zu einem großen Teil um Bibliotheken aus der Nachbarschaft bzw. institutionen, mit deren Leitungen er doch so gut vernetzt war. Facebook gewährte ihm aber einen anderen Blick in die Abeit seiner Kollegen und er konnte lernen.

Vernetzte Könige und vernetzte Völker
Auffallend ist zudem, dass in der Regel die Vernetzung auf der Ebene der Leitungen stattfindet. Aber viel wichtiger ist die Vernetzung der Teams. Das heißt nicht, dass sich die Leitungsebenen nicht vernetzen sollen, aber die Erfahrung zeigt, dass die Vernetzung der Teams den größeren Mehrwert bringt, denn dann kann Wissen von einer großen Gruppe erschlossen und vor allem weiterentwickelt werden. Damit geht natürlich auch die Verantwortung für den Einzelnen einher, sich an der Vernetzung zu beteiligen.

Lerne Dein Wissen zu teilen – auch ungefragt
Kommen wir zurück zu den öffentlichen Bibliotheken. Diese haben u.a. auch eine Mailingliste nämlich besagtes FroumOeb. Die Idee ist einfach. Jeder kann sich in dieser Mailingliste anmelden. Schreibt man eine Mail an die Liste, bekommen sie alle eingetragenen Listenmitglieder. Nun klingt das ziemlich nach Web 1.0 oder? Nun, man mag sich darüber streiten, ob man nun eine Mailingsliste oder eine Community oder ein Wiki oder ein Blog benötigt. Viel wichtiger ist aber, was wir dann mit der jeweiligen Plattform machen. Was auf ForumOeb gut funktioniert ist die gegenseitige Hilfe. Man hat ein Problem, z.B. eine rausgerissene Seite aus einem Buch oder eine fehlende Bedienungsanleitung oder den Wunsch nach einem guten Autor für eine Lesung und bekommt dann zumeist Hilfe von den anderen Mitgliedern. Was jedoch eher selten stattfindet ist eine Information über ein Problem, das man gelöst hat. Man kontaktiert die Liste damit man Hilfe bekommt. Man teilt aber nicht seine Erfahrungen und Lösungswege, vor allem dann nicht, wenn niemand vorher gefragt hat. Aber genau das wäre Vernetzung 2.0 Selbst wenn das Thema eine Vielzahl der Mitglieder gar nicht betrifft, dies gilt auch für die klassischen “Alarm, i need help!”-Themen, kann die Information den Horizont der Mitglieder erweitern und man kann gemeinsam beginnen, voneinander zu lernen. Ob man dies dann in einer Mailingliste oder einer geschlossenen Facebook-Gruppe macht ist erstmal zweitrangig auch wenn letzteres viele Vorteile bringt. Es geht also nicht nur um die Lösung von Problemen sondern auch um den Austausch von Erfahrungen und die gegenseitige Inspiration. Dann ist es letztlich egal mit wem man sich vernetzt…

Bleibt die Frage, wie managen wir das? Wie können wir wirklich interdisziplinäre Netzwerke aufbauen? Und wie definieren wir dann einen Return of Investment?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Facebook, Zynga und der Untergang von Social-Media

Liebe Leser,

in den letzten 48 Stunden ist wieder einiges passiert. In den Wirtschaftsnachrichten konnte man es lesen: Zynga und Facebook machen Verluste, die Aktienkurse beider Unternehmen gehen in den Keller. Schon prophezeien einige Menschen den Untergang des digitalen Abendlandes. Ich bin über die Reaktionen ein bisschen verwundert und möchte ein paar Gedanken dazu formulieren:

Zuerst muss man zugeben, ja, es gibt Verluste bei den beiden Unternehmen und nicht nur dort. Und ja, die Aktienkurse dieser Unternehmen sind unter Druck geraten. Facebook machte im abgelaufenen Quartal einen Verlust von 157 Mio. Dollar bzw. 8 Cent je Aktie. Zwar konnte man den Umsatz um 32% steigern, dies reicht den Analysten aber nicht ansatzweise. Und auch Zynga hat Schwierigkeiten. Im letzten Quartal waren es 23 Millionen Dollar Verlust. Soweit zu den Zahlen. Nun zur Frage ob dies den Untergang der Social-Media-Welt bedeutet? In den letzten Stunden wurde ich gleich 2x darauf angesprochen. Es hieß, der Hype um Social-Media und Gaming wäre ja wohl jetzt vorbei. Diejenigen Unternehmen und Institutionen, die sich bis jetzt in diesen Bereichen zurückhielten hätten sehr weise gehandelt.

In der Regel werden solche Aussagen von Menschen getroffen, die selbst zu der Gruppe der passiven Kritiker gehören, d.h. sie sind gegen Social-Media, sehen in allen diesen Plattformen vor allem Gefahren und sind stolz darauf, bis jetzt darauf verzichtet zu haben. Es ist in solchen Fällen schwer zu diskutieren, trotzdem möchte ich ein paar wichtige Punkte ansprechen:

Es geht im Social-Web nicht um Plattformen, sondern um Menschen. Natürlich fokussieren sich Investoren auf Geschäftszahlen, aber in denen spiegelt sich nur der Erfolg oder Misserfolg eines Geschäftsmodells wieder. Wir bewegen uns auf diesen Plattformen, weil Sie uns eine Vielzahl an Möglichkeiten der Vernetzung, der Kommunikation, des Erschließens und Teilens von Inhalten und natürlich jede Menge Spass bieten.

Erinnert sich noch jemand an AOL oder StudiVZ? Waren wir nicht mal alle bei Myspace aktiv? Alle diese Plattformen haben an Bedeutung verloren oder sind ganz verschwunden – und niemand vermisst sie. Die Menschen wandern weiter. Heute Facebook, morgen vielleicht die ultimative Social-Media-Gaming-Barbecue-Community-Plattform. Wir wissen es nicht.

Warum glaubt man eigentlich, dass Social-Media und Gaming ein Hype seien? Schon beim Platzen der berühmten Dotcom-Blase konnte man beobachten, dass zwar sehr viele Unternehmen verschwanden – die letztlich nur existierten, weil gierige Geldgeber astronomische Gewinne erwarteten – aber die Anzahl der Internetnutzer kontinuierlich wuchs. Es war völlig egal ob da ein paar Unternehmen mehr oder weniger unterwegs waren. Die Menschen waren weiterhin aktiv und fuhren fort ihre digitale Welt zu gestalten. Gleiches gilt für das Thema Gaming.

Vor ein paar Wochen mussten wir alle den Niedergang der Drogeriekette “Schlecker” miterleben. Kommt irgendjemand auf die Idee, Drogerieketten wären out? Lassen wir unsere Autos stehen, wenn ein Automobilhersteller Verluste einfährt und steigen aufs Fahrrad um? Was nebenbei bemerkt unsere Umwelt helfen würde:-) Nein, natürlich nicht! Es ist uns egal. Wir wollen ein Auto, wir wollen Duschgel und Cremes und wenn es einen Anbieter nicht mehr gibt suchen wir uns den nächsten.

Besonders spannend: wenn man auf Tagungen und Kongressen im Rahmen eines Vortrages auf die wirtschaftliche Bedeutung von Social-Media und Gaming hinweist, wird immer wieder darauf verwiesen, dass dieses Zahlen doch keine Argumentationsgrundlage für eigene Aktivitäten auf den Plattformen seien. Schließlich würde man sich ja auch nicht einen Grill kaufen und Barbecues veranstalten, nur weil Millionen von Menschen gegrilltes mögen. Wenn aber die Quartalszahlen nicht stimmen, wird dieses Argument gerne benutzt um aufzuzeigen, dass das Thema doch gar nicht mehr wichtig wäre.

Das Web ist menschlich. Es wird von Menschen gestaltet. Facebook ist keine Community. Es ist eine Plattform mit Millionen an kleinen Communitys, die zumeist keinen Kontakt zueinander haben. Allein die Sprachbarriere erschwert eine wirkliche globale Vernetzung. Social-Media ist keine Technologie, es ist eine neue Kultur, eine neue Art zu Denken und zu Arbeiten. Diese Kultur befindet sich immer noch in der Entwicklungsphase. Wir erleben, wie neue Plattformen entstehen und andere verschwinden. An der Kultur des Web wird sich nichts ändern.

Wenn also demnächst mal wieder positive oder negative Quartalszahlen von Unternehmen aus der Social-Media- bzw. der Gaming-Welt veröffentlicht werden, können wir uns entspannt zurücklehnen und einfach weitermachen….

Beste Grüße

Christoph Deeg