Archiv der Kategorie: Kulturpolitik

Die Legende von König Drossel-Bart – oder wie die Telekom das Nicht-Internet einführt

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Zug nach Hildesheim. Heute startet mein neues Seminar an der Universität Hildesheim zum Thema Social-Media, Kulturvermittlung und Kulturmarketing. Ich bin gespannt, was mich dieses mal erwartet. Normalerweise backe ich immer einen Kuchen für meine Studenten aber in diesem Semester wird das nur schwer möglich sein. Immerhin haben sich 86 Studenten für das Seminar anmeldet, was nebenbei bedeutet, dass ich meine Konzept für das Seminar mal eben neu durchdenken musste.

Nun gut, wer etwas ausprobiert muss auch flexibel sein – das gilt auch für die Arbeit in der digitalen Welt. Die digitale Welt ist kein Ort für standardisierte Verwaltungsabläufe. Es geht um Kommunikation zwischen Menschen und nicht um Netzwerke zwischen Maschinen. Genauer gesagt ist die digitale Welt menschlich – in vielen Punkten sogar menschlicher als unsere sog. „Realität“.

Flexibilität hat aber auch ihre Grenzen. Spätestens dann, wenn einem die Ressourcen entzogen werden. Wenn man im ICE von Berlin nach Hildesheim fährt kann man dies am eigenen Leib spüren. Kurz hinter Berlin-Spandau ist eine Internetverbindung via UMTS kaum noch möglich. Ok, ab und zu schafft es eine kleine Mail durch die GPRS-Verbindung aber das war’s dann auch schon. Man kann es ertragen, denn man weiß ja: irgendwann kommt jeder Zug – ich meine wirklich jeder – der Bahn an seinem Ziel an. Wann und in welchem Zustand ist sicher eine andere Geschichte, aber da gerade kein Schnee liegt und es zudem zu kalt für einen Klimaanlagenausfall ist, werden es sicherlich nur wenige Minuten sein:-)

Kommen wir aber zurück zum Internetzugang. Wie gesagt, man weiß, irgendwann kommt man an seinem Reiseziel an und da wird es irgendwo einen Starbucks oder ähnliches geben, wo man kostenlos WLAN nutzen kann. Würde man dieses Nicht-Internet auch zu hause haben, hätte man ein großes Problem. Aber das wird ja nicht passieren – dachten wir alle bis die Telekom entschied eine Datendrosselung in ihre Neu-Verträge aufzunehmen. Nun ist die Telekom m.E. nicht gerade das modernste und innovativste und schon gar nicht das kundenfreundlichste Unternehmen, aber mit so einer Entscheidung hatte ich nun nicht gerechnet. Natürlich gab es in den letzten Monaten und Jahren erste Anzeichen. Die Netzneutralität, also die Tatsache, dass im Internet alle Daten gleich behandelt werden bzw. gleich schnell transportiert werden, wurde immer wieder in Frage gestellt. Und natürlich bedeutet das nicht, dass nun alle Anbieter von Internetanschlüssen den selben Weg gehen. Aber es ist ein deutliches Zeichen, dessen negative Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Es ist wirklich faszinierend. Der ehemalige Staatskonzern Telekom stellt sich gegen die Bevölkerung des Landes in dem er gegründet wurde. In vielen Sicherheitsbehörden werden die Abteilungen für Cyber-Kriminalität aufgestockt. Die Angst vor einem Cyber-Krieg macht die Runde. Die digitale Infrastruktur einer Nation wird bestmöglich geschützt. Die Telekom kann sich hier ganz legal in eine Richtung bewegen, die einen viel größeren Schaden anrichten könnte als alle möglichen Cyber-Attacken zusammen.

Die Argumentation der Telekom klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da das Datenvolumen im Netz ständig steige, müsse man ein anderes Geschäftsmodell entwickeln. Ansonsten würden die Kosten für die Telekom zu sehr steigen bzw. das Internet verstopfen. Dieses Argumentation ist nicht neu – und sie ist ein großer Blödsinn. Das Problem ist nicht die stetig wachsende Menge an Daten, sondern die offensichtliche Inkompetenz derer, die sich mit der digitalen Infrastruktur beschäftigen. Nun behauptet die Telekom, die meisten Nutzer würden von der Drosselung gar nichts merken, da sie das Grenzvolumen nicht erreichen würden. Das ist schon putzig. Die Steigerungen im Datenvolumen des Internets sind das Ergebnis neuer Services. Immer mehr Menschen nutzen z.B. Streaming-Angebote für Videos und Musik oder Cloudcomputing. Technologien wie das „Internet of things“ werden weiteres Datenvolumen erzeugen. Und was ist mit dem Thema Gaming? Das Datenvolumen jedes einzelnen Bürgers wird früher oder später massiv steigen – es sein denn wir wandern ab ins Nicht-Internet und beschränken uns auf Textnachrichten. Ein konkretes Beispiel gefällig?

Angenommen Ihr nutzt Dropbox um Eure Dateien online zu speichern und zu sichern. Vielleicht spielt Ihr auch Computerspiele am PC und habt Eure Gaming-Bibliothek bei Steam. Zudem nutzt Ihr die Amazon-Cloud um Eure Musik-Sammlung zu speichern und natürlich habt Ihr eine XBOX360 oder eine PS3 mit der Ihr nicht nur spielt sondern auch Videos streamt – z.B. mit Lovefilm oder Maxdome. Dann macht Ihr ab und zu Videos, die Ihr auf Youtube hochladet und Ihr nutzt Shoutcast und Icecast zum kostenlosen aber legalen hören von Internetradio. Natürlich nutzt Ihr auch Skype und Google-Hangout, weil Ihr mit Euren Freunden in anderen Ländern kommuniziert. Natürlich mag dies alles nicht von allen Menschen auf diesem Weg genutzt werden – aber es beschreibt z.B. meine Nutzung des Internets. Selbst wenn das Streaming und die Nutzung der Videokonferenz-Tools nicht die von der Telekom genannte Datenmenge erreichen sollte, ab der die Geschwindigkeit gedrosselt werden soll. Spätestens wenn ich einen neuen PC kaufen sollte, der dann die Daten von Dropbox, Steam etc. runterladen müsste, hätte ich ein Problem.

Aber warum kann so etwas überhaupt passieren? Es gibt viele verschiedene Gründe und ich möchte die benennen, die m.E. am wichtigsten sind. Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach darin, dass wir bis heute keinen nationalen Plan für den Auf- und Ausbau der digitalen Infrastruktur haben. Im Gegenteil die Politik verschläft in der Breite bis heute die digitale Revolution. Noch immer gibt es in Deutschland Gebiete, die nicht in ausreichender Geschwindigkeit an das Internet angeschlossen sind. Dabei muss das nicht sein. Wie Ihr wisst war ich vor kurzem auf einer Forschungsreise in Ost-Asien. Dabei habe ich auch und vor allem Süd-Korea besucht. Dort hat man schon Ende der 90er Jahre einen anderen Weg eingeschlagen. Das Land steckte 1997 in der Asienkrise und die Regierung suchte nach einem Ausweg aus der Krise. Moderne Kommunikations- und Medientechnologien wurden als große Chance angesehen. Aus diesem Grund wurde beschlossen, in kurzer Zeit die dafür notwendigen Rahmenbedienungen zu schaffen. Es wurde sehr viel Geld in die Hand genommen. Es ging um Zugang zum Internet an möglichst jedem Ort und für jeden Bürger. Kernelement dieser Strategie war der Ausbau der digitalen Infrastruktur. Nach wenigen Jahren verfügten fast alle Süd-Koreaner über einen Breitband-Internet-Anschluss. Breitband-Internet ist nicht zu vergleichen mit dem Pseudo-DSL in Deutschland… Parallel dazu wurden 30.000 Internet-Cafes eröffnet. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Digitalisierung einer ganzen Gesellschaft. Während es also in Deutschland nette Konferenzen und Berichte gibt, werden in anderen Ländern Fakten geschaffen. Aber damit nicht genug. Die Internet-Cafes entwickelten sich zunehmend in neue soziale Zentren. 1998 wurde dann das Computerspiel „Starcraft“ veröffentlicht. Dieses Spiel hatte in sehr kurzer eine riesige Fangemeinde Im wesentlichen ging es dabei um den sog. Multiplayer-Modus, bei dem man nicht gegen den Computer sondern gegen einen echten Menschen spielt. Die Aufgabe des Spielers ist es, das Lager des jeweils anderes Spielers zu erobern. Hierfür müssen zuerst die passenden Einheiten produziert und dann mit der Eroberung des gegnerischen Lagers begonnen werden. Es ist ein Echtzeit-Strategie-Spiel – und es macht sehr großen Spass. Die Regierung Süd-Koreas erkannte den Erfolg des Spiels und das damit verbundene Potential. Es gab nicht den klassisch deutschen Kultur- und Technologie-Phobie-Reflex. Im Gegenteil, die koreanische Regierung entschied, das Spielen des Spiels und vieler weiterer Spiele aktiv zu fördern. Der Grund war einfach und genial: wenn Gaming eine Möglichkeit war, die Digitalisierung der koreanischen Bevölkerung voranzutreiben, dann muss man es aktiv fördern. Es gibt eine Vielzahl an positiven Konsequenzen aus diesem Ansatz. Die Nutzung moderner Kommunikations- und Medientechnologien ist in der koreanischen Gesellschaft in allen Altersklassen weit verbreitet. Süd-Koreas ist zudem zum größten Kultur-Exporteur aufgestiegen. Unternehmen wie Samsung oder LG stehen für einzigartige Erfolgsgeschichten. Natürlich gibt es in Korea auch negative Konsequenzen. Aber das Beispiel zeigt dass es möglich ist, mit einem Masterplan für eine funktionierende digitale Infrastruktur zu sorgen. Und es zeigt, dass sich daraus eine Vielzahl an positiven Konsequenzen ergeben können. Ein derartiger Masterplan ist in Deutschland nicht vorhanden. Dies betrifft sowohl die privaten Haushalte als auch den öffentlichen Sektor wie z.B. die Kultur- und Bildungsinstitutionen.

Zu einem Masterplan gehört aber nicht nur der Ansatz, jedem Mitbürger seinen eigenen Breitband-Internetanschluss zu ermöglichen. Es ist ebenso wichtig, die Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie die öffentliche Verwaltung endlich in der Breite in der digitalen Welt zu verankern. Hier haben gerade die Bibliotheken wirklich Pionierarbeit geleistet. Vor allem die öffentlichen Bibliotheken trauen sich mehr und mehr aus dem klassischen digital-analogen Bestandsgeschäft heraus und beginnen mit neuen Services und Angeboten in Bereichen wie z.B das mobile Internet oder natürlich Social-Media. Vor allem im Vergleich zu öffentlichen Bibliotheken in Ländern wie Japan oder Süd-Korea kann man erkennen, wie weit manche deutsche Bibliotheken schon gekommen sind. Wenn alles gut geht, werde ich zur Gamescom ein paar meiner neuen Gesprächspartner aus Asien in Deutschland begrüßen können die ausdrücklich darum gebeten haben, dass ich mit Ihnen Bibliotheken und kleine und mittelständische Unternehmen besuche. Auch in den Museen und vielen weiteren Kulturinstitutionen sind erste Schritte zu erkennen und es bleibt zu hoffen, dass dies zarten Innovation-Pflänzlein wachsen und gedeihen. Trotzdem befindet sich der Kultur- und Bildungssektor immer noch am Anfang der Reise. Noch immer sind wir das Land in dem gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen. Noch immer gibt es an Schulen Smartphone-Verbote. Gleiches gilt für die Unternehmen. Zwar kann man auch hier viele interessante Ansätze entdecken. Von einer breiten Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten kann aber auch hier nur selten sprechen. Dabei wird die digitale Welt in den nächsten Jahren einen weitaus größeren Einfluss auf unsere Unternehmen haben, als es Unternehmer erahnen. Dies betrifft aber nicht nur den Bereiche Marketing/Kommunikation. Themen wie Organisationsentwicklung, Projektmanagement, Wissensmanagement, Innovationsmanagement etc. werden zunehmend durch die digitale Welt verändert und weiter entwickelt werden.

Am wichtigsten jedoch ist aber – und dies haben viele meiner Kollegen und ich schon so oft gesagt – das Verstehen, dass es sich bei der digitalen Welt nicht um Technologien sondern um eine völlig neue Kultur handelt. Es geht also weniger um Plattformen und Software sondern vielmehr um eine neue Art zu Denken und zu Arbeiten. Wenn die Telekom beginnt, die Internetgeschwindigkeit zu drosseln, dann erdrosselt sie letztlich das Weiterkommen unserer Kultur. Sie spaltet unsere Gesellschaft in zwei Gruppen: diejenigen, die es sich leisten können, die digitale Welt zu nutzen, mit ihr zu arbeiten, sich weiter zu bilden, sich zu vernetzen etc. und diejenigen, die ausgesperrt sind. Ein Grund mehr, warum ich gerade vom Deutschen Kulturrat, der Kulturpolitischen Gesellschaft und dem Kulturstaatsminister einen lauten Aufschrei erwartet hätte – oder ist diesen drei so wichtigen Institutionen die digitale Welt ein Dorn im Auge? Das ungeliebte Un-Kultur-Kind?

Aber die Kritik kann sich nicht alleine auf die „klassische“ Politik beziehen. Die aktuelle Situation zeigt auch den Netzaktivisten und Netzpolitikern ihre Grenzen auf. Zwar ist Netzpolitik mehr und mehr akzeptiert und die Enquete-Kommision des Bundestages zum Thema sowie weitere Konferenzen und Projekte sind durchaus als Erfolge zu werten. Jedoch wurde es bis heute nicht geschafft, die „breite Masse“ der Bevölkerung zu sensibilisieren. Die Piraten-Partei ist zu einem pseudo-politischen Kindergarten verkommen. Die anderen Protagonisten wirken auf viele Menschen vielleicht nerdig oder exotisch aber der Aufschrei beim Wechsel von Mario Götze vom BVB zum FCB war weitaus größer als die Reaktion auf die Entscheidung der Telekom. Wir haben es nicht geschafft, der breiten Bevölkerung aufzuzeigen, wie wichtig das Netz ist und welche Möglichkeiten sich daraus resultierend ergeben. Man winkt mit Schuhen vor dem Schloss Bellevue um einen Bundespräsidenten zu vertreiben – aber wie viele Menschen demonstrieren vor der Telekom-Zentrale? Wer Facebook oder Google gefährlich findet, müsste doch jetzt erst recht Angst vor bzw. Wut auf die Telekom haben. Die Telekom möchte eine Abhängigkeit zu ihren Services schaffen. Ihre Streaming-Angebote sind natürlich von der Drosselung ausgeschlossen. Da man es also nicht geschafft hat, gute und erfolgreiche Produkte zu entwickeln, die von den Menschen in ausreichender Form nachgefragt werden, versucht man es jetzt mit der Peitsche.

Noch können wir hoffen. Noch kann es sein, dass die anderen Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, um der Telekom Marktanteile abzunehmen. Wir können hoffen, dass das Nicht-Internet keine Realität wird. Dafür müssen die Konkurrenten der Telekom aber darauf verzichten, dass Geschäftsmodell der Telekom zu übernehmen. Und natürlich haben wir Verbraucher vielfältige Möglichkeiten um unseren Unmut zu zeigen. Zum Einen sollten möglichst viele Menschen überlegen, ob es nicht doch eine Alternative zu einem Anschluss der Telekom gibt. Des weiteren müssen wir dafür sorgen, dass öffentliche Räume wie Bibliotheken, Verwaltungen, Museen, Schulen, Universitäten etc. freies WLAN anbieten. Wir müssen aber auch und vor allem verstehen und einsehen, dass die fetten Jahre vorbei sind. Nun wird es darum gehen, unsere analog-digitale Zukunft zu gestalten. Wenn Unternehmen wie die Telekom so weiter machen wird das Netz nutzlos werden. Das mag die Technikskeptiker und Digitale-Kultur-Feinde vielleicht insgeheim freuen. Für den Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland wäre es eine Katastrophe.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Erster Bericht zu meiner Forschungsreise in Asien zum Thema Gaming

Liebe Leser,

ich sitze gerade im Hotel in Hongkong. Von meinem Schreibtisch habe ich eine tolle Aussicht auf die Skyline dieser beeindruckenden Stadt. Ok ich könnte jetzt gemein sein und darüber schreiben, wie angenehm sich die frühlingshaften Temperaturen anfüllen aber das lasse ich mal lieber. Aber ich möchte Euch gerne über den ersten Tag berichten. Mein Flug startete heute morgen in Berlin. Zuerst musste ich nach Paris und dann ging es von dort aus auf die große Reise nach Hongkong. Natürlich konnte ich in Paris einen Ort zum spielen finden. Im Flughafen gibt es einige Playstation-Stationen. Ich konnte mich also langsam eingrooven.

Gaming im Flugzeug

Im Flugzeug ging es dann weiter. Der Medienplayer war vielmehr eine multioptionale Medienplattform. Man konnte den Controller rausnehmen und hatte dann einen Gamecontroler. Das musste ich natürlich ausprobieren:-) Was mich besonders faszinierte war der Aufbau des Bildschirmmenüs. Es gab dort Filme, Musik, TV etc. und: Angebote für Kids und “Games and Learning”. Hier hat Air-France einen weisen Entschluss gefasst. Gaming ist nicht das Kinderprogramm und es ist zudem gleich zu setzen mit Lernen. Das würde ich gerne auch in deutschen Bibliotheken, Museen und Schulen sehen…

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Angekommen in HonKong ging es nun auf das “Barcamp Hongkong”. Es ist ein Barcamp zu sehr vielen Themen. Am Sonntag ging es vor allem um das Thema Gaming. In Hongkong ist es so warm, dass ein Teil des Barcamps Open Air stattfand. Das war eine sehr angenehme Situation. Auf dem Barcamp habe ich dann auch Aram Armstrong getroffen. Er ist Games-Designer, Designer und hat sich u.a. auch mit Lernmodellen und Motivationsmodellen in Spielen befasst. Wir sprachen über Gaming, Lernen und natürlich über Asien.

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Wenn man auf einem Barcamp ist und Menschen kennenlernen möchte sollte man am besten was tun? Genau, eine eigene Session anbieten. Was mit Schlafmangel auf der einen Seite und Begeisterung für die Stadt und Kultur auch sehr gut geht. Ich habe also eine eigene Session zum Thema Gaming in Deutschland angeboten. Es gab viele tolle Diskussionen und Gespräche. Ich hätte noch den ganzen Tag so weiter machen können aber ich ich musste ins Hotel um mich umzuziehen denn dann gab es ein Abendessen, wieder mit spannenden Menschen und Gesprächen.

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Ich glaube die inhaltliche Aufarbeitung dieser Reise wird sehr lange dauern. Momentan ist dies alles sehr beeindruckend. Diese Stadt und ihre Menschen haben einen unglaublich Energie und Offenheit. Und sie haben ein unglaubliches Potential. Alleine die Eindrücke dieses ersten Tages reichen glaube ich aus, um ein ganzes Buch zu schreiben.

Nun aber heißt es erstmal frühstücken und dann geht’s weiter zu einer Design-Hochschule und danach darf ich heute meinen Gaming-Vortrag im Goethe-Institut in Hongkong halten, um danach das Flugzeug nach Shanghai zu nehmen.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Mein Vortrag zur Zukunft der Kulturvermittlung…

Liebe Leser,

vor ein paar Wochen durfte ich auf dem Symposium zur Kulturvermittlung der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent in Basel sprechen. Über diese tolle Konferenz habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Heute möchte ich Euch nun das Video zum Vortrag präsentieren. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis und ich freue mich über Eure Kritik..

Beste Grüße

Christoph Deeg

Digitale Demenz und digitale Kultur

Liebe Leser,

sind wir in der Gefahr an digitaler Demenz zu erkranken? Macht die digitale Welt  dumm und süchtig? Sollten wir zurück in die vordigitale Ära wandern?

Es ist uns ein Buch erschienen. Lesen soll ja bekanntlich bilden. Manfred Spitzer ist der Autor des Buches “Digitale Demenz “und er ist der festen Überzeugung, dass die digitale Welt unser Untergang ist.

Nun gibt es viele Menschen die Angst vor der digitalen Welt haben. Für sie ist die digitale Welt gefährlich, unberechenbar und unmenschlich. Ihnen spricht Manfred Spitzer sicherlich aus der Seele.

Ich könnte jetzt seitenweise darüber schreiben, warum Herr Spitzer keine Ahnung von der digitalen Welt hat und warum es gut ist, sich die digitale Welt zu erschließen. Aber ich möchte einen anderen Autor zu Wort kommen lassen:

Allen Interessierten möchte ich das Buch “Neue Intelligenz – warum Computerspiele und TV uns klüger machen“ von Steven Johnson empfehlen.

Zudem habe ich heute noch ein Interview zum Thema gegeben, bei dem ich u.a. erkläre warum Manfred Spitzer falsch liegt und warum wir digitale Medien noch mehr in Schulen, Bibliotheken, etc. nutzen sollten.

Ich bin auf Eure Gedanken zum Thema gespannt…

Euer

Christoph Deeg

Drei Gründe warum Kultur- und Bildungsinstitutionen in der digitalen Welt aktiv sein sollten

Liebe Leser,

in meinen Workshops, Beratungsgesprächen und Vorträgen werde ich immer wieder mit einer Frage konfrontiert:”Warum sollen wir eigentlich Social-Media machen?” Die Frage ist mehr als berechtigt. Einer der größten Fehler im Bereich Social-Media ist der, in diesem Feld aktiv zu sein ohne zu wissen warum. Aber natürlich geht es auch um die Frage, ob es sich überhaupt lohnt. Denn eines ist klar: Social-Media ist nicht kostenlos. Die Nutzung der meisten Plattformen mag unentgeltlich möglich sein. Aber natürlich entstehen Kosten für Personal, Hardware, Software etc. Wenn man also im Web aktiv ist soll es auch etwas bringen. Ich möchte in diesem Beitrag auf die Frage nach dem Warum eingehen und drei Gründe nennen, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen im Social Web aktiv sein sollten:

1. PR und Öffentlichkeitsarbeit
Natürlich ist dies ein Grund im Social Web aktiv zu sein. Man kann durch Social-Media-Aktivitäten sehr viele Menschen erreichen – wenn man es denn richtig macht:-) Sehr oft werden Blogs oder Facebookseiten als Plakatwände missbraucht. Dabei sollte jedem klar sein, das das Social Web kein Platz für Presseerklärungen ist. Das Social Web ist der Ort für einen Dialog auf Augenhöhe. Und das kann bedeuten, dass man mit Kritik an den eigenen Aktivitäten konfrontiert wird. Und das ist gut so. Denn diese Kritik wird so oder so geäußert – jetzt bekommt man es mit und kann reagieren. Leider ist es so, dass sehr viele Institutionen das Web ausschließlich zur Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Sehr oft ist es eine originäre Aufgabe des Verantwortlichen für die Öffentlichkeitsarbeit – bzw. für den Azubi oder den Praktikannten. Schließlich sind die ja Digital Natives und müssen das wissen:-) Woher das Wissen der Digital Natives kommen soll, wenn die meisten Schulen in Deutschland noch in der Kreidezeit leben ist mir schleierhaft aber Hauptsache wir sind im Social Web dabei…

2. Neue Services
PR und Öffentlichkeitsarbeit können aber nicht der einzige Grund sein. Im Gegenteil, ich behaupte, dass sie nur 30% der Social-Media-Aktivitäten einer Kultur- und Bildungsinstitution ausmachen sollten. Ein ebenso bedeutendes Thema ist die Entwicklung und Realisierung von Services, die entweder im Social Web stattfinden oder aber damit verbunden sind. PR und Öffentlichkeitsarbeit versucht sehr oft in der Welt des Social Web auf etwas aufmerksam zu machen, was außerhalb des Web stattfindet. Die digitale Welt bietet aber völlig neue Nutzungsmöglichkeiten. Es geht z.B. um neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung. Das bedeutet, das wir nun völlig neue Services brauchen. Eine Institution, die dies versteht und zugleich umsetzen kann, wird sich ganz anders im netz positionieren können als jemand, der “nur” PR und Öffentlichkeitsarbeit macht.

3. Verantwortung für die digitale Welt
Viele Leser mögen bei den beiden ersten gründen noch ohne weiteres zustimmen können. Ich möchte aber nun auf einen Punkt zu sprechen kommen, der m.E. kaum bzw. gar nicht diskutiert: die Verantwortung für den digitalen Raum. In vielen Publikationen und Erklärungen heißt es immer wieder, Kultur- und Bildungsinstitutionen gestalten unsere Gesellschaft. Wenn dieser Gestaltungsprozess wirklich eine Aufgabe der Institutionen ist, und wenn wir des weiteren akzeptieren, dass die digitale Welt zur Lebensrealität von Millionen von Menschen gehört und damit ebenso Teil unserer Gesellschaft ist, dann haben die Kultur- und Bildungsinstitutionen auch eine Verantwortung für die Gestaltung der digitalen Welt. Dann geht es nicht mehr um die Frage, wie viele zusätzliche Kunden/Nutzer/Besucher man durch die Social-Media-Aktivitäten generieren kann. Dann geht es vielmehr um das Verständnis, das der digitale Raum die natürliche Erweiterung einer jeden Kultur- und Bildungsinstitution ist. Bleibt die Frage, seht Ihr noch weitere Gründe, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen die digitale Welt aktiv gestalten sollten?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Kulturinfarkt – wer schützt uns eigentlich vor dem Kulturrat?

Liebe Leser,

ich sitze gerade auf dem Balkon meiner Wohnung und denke an die letzten Woche zurück. Eine Woche Bibliothekartag in Hamburg mit tollen Gästen, Themen, Besuchern, der Zukunftswerkstatt, vielen Gesprächen, Vertragsunterzeichnungen etc. Es war eine tolle Woche und ich hoffe ich kann alle in Hamburg entstandenen Ideen und Projekte umsetzen. In diesem Beitrag möchte ich aber nicht auf die Zeit in Hamburg eingehen, sondern mich mit einem ganz anderen Thema befassen: dem Deutschen Kulturrat.

Wie die meisten von euch sicherlich wissen sorgt das Buch “Der Kulturinfarkt” gerade für lebhafte Diskussionen. Die vier Autoren Armin Klein, Pius Knüsel, Dieter Haselbach und Stephan Opitz beschäftigen sich darin mit der aktuellen Situation der deutschen Kulturlandschaft. Vor allem die abschließende Forderung, die Hälfte der Kulturinstitutionen zu schließen, um die dadurch frei werdenden Mittel neuen innovativen Kulturformen und -institutionen zur Verfügung stellen hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Landauf landab wird der Untergang des Abendlandes prophezeit, sollten die Forderungen umgesetzt werden. Auch der Deutsche Kulturrat – eine Institution, die eigentlich wichtig für die Kultur in Deutschland ist, und die sich u.a. für die Anerkennung der Computergames eingesetzt hat – reagiert mit wütenden Angriffen auf das Buch.

Ich möchte jetzt nicht nochmal meine Meinung zu dem Buch niederschreiben. In meinem Blogbeitrag zum Buch habe ich meine Meinung bereits gesagt und zudem ein Gegenkonzept angedacht. In diesem Beitrag soll es um folgendes gehen: der Deutsche Kulturrat hat das Wort “Kulturinfarkt” zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Ich weiß nicht, warum dieser Vorschlag nicht ebenfalls für einen Sturm der Entrüstung in der Kulturlandschaft sorgt.

Man kann das Buch “Der Kulturinfarkt” ablehnen. Man kann wütend sein – ich war es an einigen Stellen auch. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, einen solchen Vorschlag zu machen. Was soll damit erreicht werden? Soll gezeigt werden, dass das Imperium zurückschlagen kann? Soll ein Exempel statuiert werden? Ich habe mir sehr viele Beiträge und Kommentare zum Buch durchgelesen. In den meisten Fällen ging es entweder um pauschale Rechtfertigungen für den Status Quo oder aber um Anfeindungen gegen das Buch und seine Autoren. Nur selten gab es eine inhaltlich wertvolle Diskussion. Nur selten wurden Ideen und Konzepte entwickelt. Zumeist wurde so getan, als wäre doch alles in Ordnung – aber wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es dann öffentlich geförderte Projekte, um Kulturinstitutionen weiter zu entwickeln? Warum gibt es Konferenzen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man die Kulturinstitution 2.0 entwickeln kann? Warum gibt es immer wieder Kulturmanager, die entnervt das Handtuch werfen weil sie mit den Strukturen sowie Denk- und Arbeitsweisen ihrer Institution nicht mehr klar kommen? Ich könnte noch viele weitere Fragen in die gleiche Richtung stellen und wie gesagt: ich bin nicht der Meinung der Autoren. Aber der Kulturinfarkt darf kein Unwort sein.

In vielen Kommentaren zur Kultur wird darauf verwiesen, dass Kultur unsere Gesellschaft hinterfrage und diskutiere – aber darf denn nicht auch Gesellschaft die Kultur hinterfragen und diskutieren? Bedeutet Gesellschaft 2.0 nicht auch, dass wir uns Gedanken machen müssen, ob wir mit unseren Institutionen und Förderprogrammen wirklich auf dem richtigen Weg sind? Haben wir nicht die gesellschaftliche Verpflichtung, den Kulturbereich stetig weiter zu entwickeln? Hat Kultur nicht immer etwas mit Experiment und Innovation zu tun?

Wenn das Wort Kulturinfarkt zu einem Unwort wird, ist dies ein deutliches Zeichen gegen Innovation und gegen Entwicklung. Ja man kann wütend sein auf die Autoren aber sie sind keine externen Beobachter, sie sind Teil des Systems und sie haben etwas zu sagen. Man mag nun anmerken, dass die Art und Weise, wie hier Gedanken geäußert wurden problematisch ist. In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass man doch bitte alles gesittet und in einem gewissen sprachlichen Rahmen besprechen soll. Nur wann war Kunst und Kultur jemals gesittet oder im Rahmen? Wenn wir eine Kultur wollen, die angepasst in einem festen und akzeptierten Rahmen existiert, wird ihr jede Kraft und jeder Einfluss genommen. Dann ist es nur noch ein kleiner Event und dann sollten Computerspiele, das Web und viele Musiker, Maler und Schauspieler nicht mehr als Kultur gelten. Kultur als Idee wäre in so einem Fall keine Plattform sondern ein Gefängnis.

Noch immer gibt es Kulturinstitutionen, die letztlich Lehranstalten sind. Sie möchten nicht nur Kunst präsentieren, sondern auch vorschreiben, wie man die jeweiligen Werke zu sehen hat. Kulturvermittlung, Kulturelle Bildung, Kulturmarketing etc. dies alles wird nur in Form eines Dialogs auf Augenhöhe funktionieren. Wenn sich der Kulturrat mit seiner Forderung durchsetzt, entsteht ein weitaus größerer Schaden als es ein Buch wie der Kulturinfarkt jemals schaffen könnte – wenn es überhaupt einen Schaden anrichten kann. Was wäre der nächste Schritt? Werden in Zukunft Bücher zur Kulturlandschaft dem Kulturrat vorab vorgelegt, damit der Kulturrat entscheiden darf ob sie veröffentlicht werden oder nicht? Entsteht also eine Kultur-Bewahrungs-Lobby-Behörde die am besten auch gleich die Lehrinhalte an Hochschulen etc. vorschreibt? Und für wen spricht dieser Kulturrat dann?

Was wir im Kulturbereich brauchen sind Menschen, die neue Ideen entwickeln und sich trauen diese zu präsentieren. Sie werden Fehler machen, sie werden vielleicht nicht die passenden Worte finden. Immer dann brauchen wir Organisationen und Institutionen, die den Wandel unterstützen und vorantreiben. Nein, nicht alles muss verändert werden, ja, es gibt viele tolle Institutionen, nein, das Buch ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ja, ich kann verstehen wenn sich Menschen durch das Buch angegriffen fühlen – aber wir müssen trotzdem ein Zeichen setzen, dass der Kulturrat nicht im Namen aller Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und Kulturrezipienten spricht, wenn der diese Forderung aufrecht erhält.

So wichtig der Kulturrat auch ist – wir müssen vielleicht in diesem Fall die Kultur vor ihm schützen…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Der Kulturinfarkt – ein Kommentar und ein Gegenmodell

Liebe Leser,

vor ein paar Tagen habe ich den ersten Artikel zum Buch Kulturinfarkt gepostet. Nachdem ich das Buch nun gelesen und mir ein paar Gedanken dazu gemacht habe, möchte ich nun den zweiten Beitrag veröffentlichen. Wenn man über dieses Buch schreibt sollte man m.E. zuerst auf ein paar grundsätzliche Punkte hinweisen:

Nein, ich kenne nicht alle Kulturinstitutionen in Deutschland, Schweiz, Österreich. Nein, ich kenne nicht alle Kulturförderprogramme. Ich kenne nicht alle Rechtsformen von Kulturinstitutionen und ich kenne auch nicht die Lehrpläne aller Kulturmanagement-Studiengänge. Ich bin kein Prof. Dr. für Kulturförderung, habe noch keine Institution geleitet und kenne nicht jeden Kulturpolitiker persönlich. Wenn ich diesen Artikel schreibe, dann tue ich dies aus zwei Blickwinkeln. Da ist zum Einen Christoph Deeg als Kultur-Konsument. Ich habe eine kulturelle Lebensrealität. Dazu gehört der Besuch der Oper, des Jazz-Konzerts, des Museums, das Spielen von Computerspielen, das Surfen im Netz etc. Ich trenne nicht nicht zwischen der sog. Hoch- und Massenkultur – im Gegenteil, ich halte diese Unterscheidung für kontraproduktiven Blödsinn. Für mich haben die genannten und noch viele weitere kulturelle Aktivitäten die gleiche Wertigkeit. D.h. für mich hat eine Opernaufführung die gleiche Wertigkeit wie ein Computerspiel. Für mich ist Devin Townsend ein ebenso bedeutender Komponist wie Wolfgang Amadeus Mozart. Als Konsument ist mir egal, wer mir Zugang zu den jeweiligen Inhalten verschafft und wer mit mir zusammen diese Inhalte entdeckt. Mir ist egal ob hinter einer Ausstellung oder einem Event ein öffentlicher oder ein kommerzieller Anbieter steht. Was mich interessiert sind Inhalte – nicht die Institutionen oder deren Geschäftsmodelle. Da ist zum Anderen der Christoph Deeg, der Institutionen und Unternehmen auf ihrem Weg in die digitale Welt begleitet. Die Welt der Computerspiele und das moderne Internet stellen große Herausforderungen auch für den Kultursektor dar. Und bis jetzt ist dieser Bereich – trotz aller Erfolge – in der Breite noch immer nicht in der digitalen Lebensrealität unserer Gesellschaft angekommen. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass die Kultur der Kulturinstitutionen in der Regel nicht ohne weiteres kompatibel mit der digitalen Welt ist. D.h. es ist nicht nur meine Aufgabe, Institutionen und Unternehmen Plattformen wie z.B. Facebook, Twitter und Co. zu zeigen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, die Institutionen und Unternehmen auf Ihrem Weg zu begleiten, denn in der Regel läuft es auf einen Wandel heraus, der die ganze Organisation, ihre Denk- und Arbeitsweisen in allen Bereichen nachhaltig verändert. Ich bin also Teil dieser Veränderungsprozesse und erlebe diese Weiterentwicklung inkl. aller Erfolge und Fehlschläge hautnah. Dieser Beitrag basiert also auf zwei Sichtweisen und es kann natürlich sein, dass damit verbunden bestimmte Bereiche nicht beleuchtet werden.

Die große Aufregung
Sie haben es also getan. Die vier Autoren Pius Knüsel, Armin Klein, Dieter Haselbach und Stephan Opitz haben ein Buch geschrieben. Und sie haben den heiligen Gral der Kulturpolitik beschmutzt: die Kulturförderung. Genauer fordern sie einen radikalen Wandel in der Förderung. Vorhandene Strukturen sollen in Teilen zugunsten neuer Strukturen und Inhalte abgebaut werden. Das klingt erstmal nach Kürzungen und Kürzungen ist ein ideales Wort um einen Haufen an vorhersagbaren Reflexen hervorzurufen.

Und so erinnerte der kleine Sturm an Monty Python und die alte E-Plus-Werbung. Die Reaktionen einiger Lobbyverbände erinnerten ein bisschen an die Szene in “Das Leben des Brian”, in der ein Mensch gesteinigt wird, weil er das Wort “Jehova” in den Mund genommen hatte. Und da er es dann noch als Provokation des öfteren wiederholte nahm die Geschichte Ihren bekannten Verlauf. Die Reaktionen von ein paar anderen Vertretern aus diesem Bereich erinnerte eher an die E-Plus-Werbung mit Franz Beckenbauer, bei der er die Frage stellt:”Ja is den heut schoa Weihnachtn?” und die Weihnachtsmänner hüpfen vor Freude und rufen “Er hat’s gesagt, Er hat’s gesagt”. Es gab also sehr viel Aufregung – und natürlich war diese Aufregung gewünscht. Die Autoren wollten polemisieren und provozieren und es gibt ja zumindest einen ausgewiesenen Marketing-Experten im Autorenteam.

Ich denke Steffen Peschel hat Recht wenn er in seinem Blogbeitrag zur Reaktion der Kulturinstitutionen sagt, er glaube, “…dass die Kritik am System auf voller Breite traf und die Verantwortlichen im Kulturbetrieb alles andere als darauf vorbereitet waren”. Dies ist insofern schade, als dass diese Diskussion ja nicht gerade neu ist. Die meisten Argumente und Fragestellungen in dem Buch wurden schon lange diskutiert. Und viele der in dem Buch vertretenen Thesen hinsichtlich der Frage, was Kulturinstitutionen sind und wo ihre Schwächen liegen sind längst anerkannt – interessanterweise auch von vielen, die jetzt das Gegenteil behaupten:-) Es bleibt die Frage, warum die Diskussion nicht zu Veränderungen in der Breite geführt hat. Es könnte m.E. daran liegen, dass es sich bei allen diesen Diskussionen, Aufsätzen, Artikeln und ganzen Büchern nur um Theorie aber selten um Praxis drehte. Die Kulturpolitik erscheint eher ein Diskussions- als ein Handlungs-System zu sein.

Was mich zudem wundert: geht es um den Umbau der Kulturförderung, dann gibt es einen großen Aufruhr. Wann gibt es Presseerklärungen gegen die Tatsache, dass immer noch viele Kulturinstitutionen keinen freuen Zugang zum Internet haben? Wann erhebt man sich gegen die Tatsache, dass viele Mitarbeiter in Kulturinstitutionen noch immer nicht frei über ihre eigenen Fortbildungen entscheiden dürfen?

Bluthochdruck im Kultursektor
Bleibt die Frage, warum sich so viele Menschen darüber aufregten? Glaubt denn wirklich jemand, dass es aufgrund eines Buches von vier Autoren zu einer radikalen Reform der Kulturförderung kommt? Das große Summen verschoben und neue Strukturen geschaffen werden – in Deutschland? Bei allem Respekt aber Deutschland ist die Ur-Mutter der festen (und auf oft verkrusteten) Strukturen. Wir sind Experten wenn es darum geht Arbeitskreise- und Arbeitsgruppen zu gründen. Wir leben in einer Welt von Anträgen und Hierarchien. Unsere Steuergesetzgebung verbraucht mehr Papier als alle Weltreligionen zusammen. Bevor es zu tiefgreifenden Veränderungen kommen könnte würde zuerst eine dafür verantwortliche Behörde aufgebaut werden. In diesem Umfeld wird sich eine Forderung wie diese nie umsetzen lassen. Und auch aus der Forderung, aus dem Projekt “Jedem Kind ein Instrument” ein “Jedem Kind ein iPad” zu machen, wird in Deutschland wohl eher nichts werden. Eine Bitkom-Studie zeigt auf, dass Deutschland als eine der größten Industrienationen der Welt auch das Land ist, in dem nur 15% der Schüler einen Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen. Wie soll in diesem Umfeld eine solche Forderung jemals Realität werden? Nein, niemand braucht sich Sorgen oder Hoffnungen zu machen. Keine der Forderungen in dem Buch werden jemals so umgesetzt werden.

Kulturförderung ist (k)ein Naturgesetz
Und trotzdem sollte man sich mit dem Buch beschäftigen, denn es enthält in konzentrierter Form ein paar sehr wichtig Fragestellungen. Und ja, es ist wichtig, die Kulturförderung ja unser gesamtes Kultursystem immer wieder zu hinterfragen. Es ist wichtig, weil wir dafür öffentliche Mittel verwenden, d.h. es gibt Menschen, die arbeiten und von ihren Einnahmen etwas abgeben müssen, damit Kulturförderung möglich ist. Kulturförderung ist etwas gutes und wichtiges aber sie ist auch ein Geschenk derer, die durch ihre Steuern dafür zahlen. Kulturförderung ist kein Anspruch. Des weiteren ist natürlich wichtig zu hinterfragen, ob die Kulturförderung ihren Zweck überhaupt erfüllt. Was ist wenn wir uns geirrt haben? Was wäre wenn wir feststellen, dass Theater der falsche Weg ist aber Computerspiele die wahren Kulturinhalte sind – oder umgekehrt? Was ist wenn wir feststellen, dass es Kulturformen gibt, die viel bedeutender sind als alles was wir auf dem kulturpolitischen Radarschirm haben? Kann Kultur unsere gesellschaftlichen Probleme lösen? Kann Kulturförderung die Probleme der Kulturschaffenden lösen? Hat Kulturförderung überhaupt etwas erreicht? Und wenn ja – was?

Kommerzialisierung
Wenn man sich durch das Buch durcharbeitet merkt man: es ist ein wütendes Buch. Es ist vor allem eine Generalabrechnung. Es ist der Kultursektor als Ganzes der am Pranger steht. Und natürlich kann man in vielen Analysen und Fragestellungen zustimmen. Natürlich gibt es nachwievor im öffentlichen Kultursektor eine große Abneigung gegenüber dem Kommerziellen. Natürlich gibt es den Mythos des armen Künstlers. Natürlich gibt es die Anfeindungen gegen erfolgreiche Künstler – ganz egal in welchem Bereich sie tätig sein. Diese Abneigung hat aber nicht nur kulturpolitische Folgen. In vielen Bereichen des kulturellen Lebens vor allem in der digitalen Welt gibt es starke kommerzielle Konkurrenten. Google, Amazon, EA und Co. werden immer mehr zu Kultur- und Wissensvermittlern. Das hat nicht nur etwas mit finanziellen Ressourcen zu tun. Vielmehr verfügen diese Unternehmen über Strukturen sowie Denk- und Arbeitsweisen, die den meisten öffentlichen Institutionen weit voraus sind. Ein Beispiel: Als Google mit seinem Buchdigitalisierungsprojekt begann wurde mal wieder der Untergang des Abendlandes prophezeit. Als Antwort sollten nun die großen Bibliotheken, Museen und Archive eigene Projekte aufbauen. Die BSB in München entschied sich jedoch dafür, mit Google zu kooperieren. Der Vertreter dieser in vielen Punkten wirklich beeindruckenden Institution wurde daraufhin auf einigen Tagungen nicht mit offenen Armen empfangen. Das Ergebnis war dann aber ein anderes. Selbst die Institutionen, die Google am lautesten verteufelten schlossen letztlich Verträge mit Google – das Unternehmen mag kommerziell sein, es weiß aber auch wie man so etwas macht. Man kann mit kommerziellen Unternehmen nicht nur zusammenarbeiten – man kann auch von ihnen lernen – dies gilt natürlich auch andersrum. Und natürlich darf man mit Kultur auch Geld verdienen. Ein wirtschaftlicher Erfolg macht ein Werk nicht besser oder schlechter. Dann sollte man aber nicht den Weg eines Wolfgang Thierse gehen, der die guten alten sozialdemokratischen Feindbilder und Traumata auslebte indem er in seinem Artikel für den Tagesspiegel von Plattmachen sprach und die Autoren mit Thilo Sarazzin verglich. Es bleibt zu hoffen, dass der Sarazzin-Vergleich kein neues Stilmittel zum Kleinhalten von Diskussionen im Kultursektor wird.

Kultur und Gerechtigkeit
Ebenso wichtig ist die Frage nach Gerechtigkeit. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum ein Kulturbereich mehr gefördert wird als ein anderer. Es gibt keinen Grund warum wir klassische Musik mehr fördern als Jazz oder warum wir Theater mehr fördern als Computergames etc. Es sind Entscheidungen, die in kleinen Gruppen getroffen werden. Klar ist aber auch, es gibt schlichtweg keinen Kulturbereich, der den Kulturschaffenden in der Breite ein vernünftiges Auskommen ermöglicht. Natürlich werden im Zuge der Kultur- und Kreativwirtschaft große Milliardensummen genannt – aber wo entstehen sie und wer kann davon profitieren? Nur weil die Gamesindustrie immer noch sehr viel Geld umsetzt, geht es nicht automatisch allen Gamesentwicklern gut. Nur weil es ein paar klassische Orchester gibt, geht es nicht alles klassischen Musikern gut. Es gibt längst einen Markt für Kulturförderung. Die einzelnen Marktteilnehmer konkurrieren nicht um Endkunden sondern um Fördertöpfe. Und um da ran zu kommen muss man kreativ sein – es könnte erklären, warum dem Bereich der Kultur immer neue Aufgaben aufgebürdet werden, die sie gar nicht umsetzen können. Es gibt quasi einen Anreiz neue Begründungen und Aufgaben zu definieren. In Berlin und vielen anderen Orten wird dann auch noch über die Wirtschaftsförderung Kultur gefördert – wieder mit anderen Begründungen und Erwartungshaltungen. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich will nicht sagen, dass diese Herangehensweise komplett falsch ist. Im Gegenteil, auf diese Art und Weise muss sich Kultur immer wieder mit sich selber auseinandersetzen und neu erfinden. Ich behaupte nur, dass wir ein zu komplexes Konstrukt an Fördersysthemen haben, die letztlich gar nichts mehr bewegen können.

Menschenbilder – von Un-Lehrern
Natürlich gibt es die im Buch angeschriebenen Menschenbilder in vielen Institutionen. Man glaubt, Kultur macht bessere Menschen. Ich erinnere mich an Gespräche mit Orchesterleitern, die erklärten man müsse den Menschen beibringen wie man Wagner oder Mozart zu hören habe. Es geht sehr oft noch immer um das Thema Erziehung. Einige Institutionen weigern sich sogar die digitale Welt zu betreten bzw. zu gestalten, weil man ein Gegenmodell zum Digitalen darstellen möchte. Das ist eine nette Idee – sie funktioniert nur nicht. Wir erleben gerade in der digitalen Welt zwei sehr interessante Phänomene. Zum Einen glauben immer noch viele Kulturinstitutionen, sie hätten ein großen Einfluss auf die Menschen. Dabei müssen sie erleben, dass die Menschen und die kulturellen Inhalte längst Bestandteil der digitalen Welt geworden sind. Nur die Institutionen sind noch nicht Teil der Party – die übrigens schon läuft und bis jetzt sehr erfolgreich ist. Zum Anderen fürchten sich Institutionen dafür, die Deutungshoheit zu verlieren. In vielen Workshops und Gesprächen geht es immer um die Frage, wie man den den Verlust dieser so wichtigen Funktion verhindern könne. Das Problem ist: es gab nie eine Deutungshoheit. Die digitale Welt hat die Deutungshoheit nicht in Frage gestellt, sie hat gezeigt, dass es sie nie gab und sie nie gebraucht wurde.

Computergames sind (k)eine Lösung
Als eine vermeindlich neue und damit verbunden förderungswürdige Kulturform werden in dem Buch immer wieder die Computerspiele genannt. Und eigentlich müsste ich mich jetzt freuen. Endlich hat es einer kapiert – die Computergames sind die größte kulturelle Revolution. Endlich versteht jemand, dass es sich dabei um ein Kulturgut – gleichberechtigt mit Konzert, Oper oder Theater – handelt. Aber ich muss Euch enttäuschen. Denn so schön es ist, dass jemand dieses Thema auf die Agenda setzt. Es ist der falsche Ansatz. Computergames passen nicht in die klassische Kulturförderungsstruktur. Sie sind viel zu schnell, und zu innovativ. In klassischen Kulturinstitutionen hätte sich sowas wie Gaming gar nicht entwickeln können.

In der Regel wird das Thema Computerspiel auf der Ebene des ästhetischen Werkes diskutiert. Damit werden wesentliche Elemente ausgeblendet. Computerspiele haben einen ganz anderen Zugang zum Kunden/Nutzer/Gamer. Viele Kulturformen wollen für sich stehen. Dem Künstler kann es egal sein, ob jemand das Kunstwerk sieht oder begreift. Games funktionieren nur, wenn sie gespielt werden. D.h. das Design des Spiels muss den Gamer animieren es zu spielen. Es gibt quasi eine feste Anbieter-Kunden-Verbindung, bei der zudem das Werk an sich jeweils neu entsteht. Des weiteren gibt es einen viel größeren Einfluss seitens der Kunden auf das Werk. Aktuell gibt es z.B. eine sehr große Diskussion um Ende des Spiels “Mass Effect 3″. Die Gamer sind unzufrieden mit dem Ende un erwarten eine Änderung. In vielen Fällen wird dann ein neues Ende entwickelt. Welcher Theaterregisseur würde dies tun? Zudem gibt es bei einigen Games von den Nutzern generierte Weiterentwicklungen z.B. in Form von sog. Mods. Wo gibt es das noch im Kulturbereich?

Es gäbe noch eine Vielzahl an weiteren Beispielen, die zeigen, dass Games etwas völlig anderes sind. Denken wir nur an das sog. Case-Modding oder an die Tatsache, dass die Gamesconvention in Leipzig immer mit einem Konzert im Gewandhaus eröffnet wurde, bei dem die besten Musikstücke der im letzten Jahr erschienenen Spiele aufgeführt wurden. Denken wir an das Computerspielemuseum in Berlin oder die Tatsache, dass es Gamer sind, die im Rahmen des KEEP-Projektes die Langzeitarchivierung von digitalen Medien entscheidend beeinflusst hat. Zudem bleibt die Frage was soll gefördert werden und wie? Ein Spiel wie Crysis2 kostet ca. 140.000.000,00 $ – das heißt 2x Elbphilharmonie und dann war’s das:-) Oder wir fördern nur die kleinen Independent-Entwickler. Das würde natürlich sinnvoll sein – es ist m.E. vor allem die Indie-Szene, die im Gaming-Bereich völlig neue tolle Ideen entwickelt. Aber was ist, wenn jemand an einem USK18-Spiel arbeitet? Sollen nur noch angeblich pädagogisch wertvolle Games und/oder Games mit Themen die als kulturell besonders bedeutend angesehen werden, gefördert werden? Oder anders ausgedrückt: wäre die Förderung des Gaming-Sektors nicht besser bei der Wirtschaftsförderung aufgehoben? Andererseits, warum wird nicht der kanadische Ansatz zur Förderung von Computergames-Entwickler-Studios umgesetzt? Im wesentlichen handelt es dabei um eine Mischung aus massiven Steuererleichterungen, Infratstrukturmaßnahmen und der Ansiedelung bzw. dem Aufbau von Ausbildungseinrichtungen in der Nähe der Studios. Dieses Modell könnte auch für andere Kulturbereiche interessant sein. Was man nicht vergessen sollte: der Bereich Gaming funktioniert ohne Institutionen. Es geht um Risiko-Kapital und hochflexible Strukturen – oder anders ausgedrückt: das ist alles sehr sehr schnell. Immerhin: Nominiert für den Deutschen Computerspielpreis 2012 ist auch Crysis2. Ich bin gespannt ob Unser Kulturstaatsminister das Spiel ausprobieren wird:-) Auf jeden Fall können die Bereiche Kulturvermittlung und vor allem das Kulturmanagement sehr viel von der Welt der Computergames lernen.

Wir sind elitär
Kommen wir zurück zum Buch und seinen Inhalten. Die vier Autoren prangern sehr intensiv das vermeindlich elitäre Verhalten der Kulturinstitutionen an. Leider führen sie selbst eine äußerst elitäre Debatte. Sie veröffentlichen ein Buch in dem sie darauf hinweisen, das es völlig neue Diskussionsformen im Netz gibt – warum nutzen sie diese dann nicht? Das Buch ist m.E. für eine ganz kleine elitäre Zielgruppe gedacht. Es ist kein Buch, dass die Massen zum Nachdenken anregen möchte und es führt am Schluss eine Diskussion über Kulturförderung nicht über Kultur fördern. Man verschanzt sich hinter ein paar Statistiken und diskutiert über die Sichtweisen von Philosophen. Das klingt nett, es bleibt aber wie so oft in diesem Bereich eine Theorie-Diskussion für nette Rotweinabende und kleine Vendettas mit dem Kulturrat. Mehr passiert da nicht und das ist ärgerlich. Noch ärgerlicher ist, dass das Buch an Stellen pauschalisiert, wo dies absoluter Blödsinn ist. Und damit kommen wir zu meinem Gegenmodell…

Schlecht gebrüllt Löwe
Das Buch hat bei allen seinen Stärken zwei wesentliche Schwächen. Zum Einen wird so getan, als wäre der gesamte Kultursektor ein Haufen von konservativen, elitären und unbeweglichen Geldvernichtungs-Institutionen. Aber das stimmt nicht. Es mir auch egal, ob die Übertreibung oder Pauschalisierung ein anerkanntes Stilmittel bei Polemiken ist. Denn es gibt eine Vielzahl an Gegenbeispielen. Dafür muss man nur die Augen aufmachen. Das mag nicht in das Konzept des Buches passen, aber es wäre hilfreich gewesen. Es würde auch der Kernaussage des Buches nicht schaden, wenn man auf ein paar positive Beispiele verweisen würde. Es ist doch egal ob nun alle Institutionen oder nur 70% einen Innovationsbedarf haben. Ok, dann gibt es weniger Rotwein-Diskussionen aber dann würde das Buch auch irgendetwas bringen. Ebenso hätte ich gerne eine Antwort auf die Frage, welche der beschriebenen Probleme auch in anderen Gesellschaftsbereichen zu beobachten sind. Zum Anderen vergisst das Buch den wichtigsten Faktor in diesem Spiel: Die Menschen. Ich meine damit nicht eine pseudo-soziale Menschenliebe. Aber in keinen Satz kommen die Mitarbeiter der Institutionen vor. Dabei sind sie es, die diese Institutionen gestalten und verändern können. Ich arbeite vielleicht nicht in irgendeinem geschlossenen Institut. Ich arbeite mit den Teams in den jeweiligen Institutionen und diese Menschen sind die stärkste Waffe wenn es darum geht einen Wandel zu beginnen. Natürlich gibt es auch dort viele Menschen, die keinen Wandel wollen, die an den beschriebenen konservativen und elitären Muster hängen und sich gegen alles neue wehren. Aber es gibt ebenso eine Vielzahl an Menschen, die sich auf den Weg machen und ihre Institution umbauen. Das ist nicht immer einfach, es ist manchmal auch anstrengend aber es ist eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Spiel. Ebenso unterschlagen werden die vielen Initiativen, in denen sich Menschen aus Kulturinstitutionen zusammentun um etwas zu ändern. Warum wird der Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. nicht erwähnt? Warum schreiben die Autoren nicht über die stARTconference? Warum wird nicht über die verschiedenen Barcamps berichtet? Und es gibt noch viel mehr solche Aktivitäten! Zumindest Pius Knüsel weiß von allen diesen Aktivitäten – er war Teilnehmer in einem meiner Workshops:-)

Kultur kürzen – aber richtig:-)
Ich habe im ersten Teil meines Beitrags zu ein paar Gedanken aus dem Buch Stellung genommen. Nun möchte ich einen Schritt weitergehen und ein Gegenmodell zur Diskussion stellen. Es ist eine Idee, die auf meinen praktischen Erfahrungen basiert. Es ist keine Theorie. Es mag kein Weg für alle Kulturbereiche sein. Es ist sicherlich zu variieren. Es ist ein offenes Modell. Es soll niemanden beleidigen sondern es soll einen praktischen Ansatz aufzeigen. Wie schon beschreiben gehe ich davon aus, dass der Schlüssel zu Erfolg die Mitarbeiter sowie die Strukturen in den Institutionen sind, d.h. hier möchte ich ansetzen.

Auch ich möchte kürzen – aber in einem anderen Bereich. Ich schlage vor, dass wir alle kulturellen Aktivitäten der Institutionen etc. für 5 Jahre um 10% – 15% kürzen. Was bedeutet das? Die Institutionen behalten ihre finanziellen Zuwendungen und fahren die Aktivitäten um 10% – 15% runter. Dieses Runterfahren ist freiwillig. Ziel dieser Aktion ist es, Freiraum für Innovationen zu bekommen. Dies müsste natürlich mit Trägern etc. abgesprochen werden. Diese 10% – 15% sollen für die Weiterentwicklung der Institution genutzt werden. In einem nächsten Schritt nehmen wir 150 Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen, unterschiedlicher Größe und Rechtsformen und werden diese innerhalb von 3 Jahren als Innovationsleuchttürme ausbauen. Die Institutionen werden nicht ausgesucht, sie müssen sich bewerben. Freiwilligkeit ist ein sehr wichtiges Element. Ziel ist es, aus möglichst allen Bundesländern Institutionen aus verschiedenen Sparten zu haben. Der Aus- und Umbau erfolgt in mehreren Schritten. Dazu gehören auch Fortbildungen, Workshops, Besuche von anderen exotischen Kulturbereichen wie z.B. der Gamescom. Alle Bereiche der Institutionen werden dabei untersucht und gegebenenfalls weiterentwickelt. In diesen Institutionen werden nach 1,5 Jahren speziell ausgebildete Kulturmanager aktiv werden. Diese Kulturmanager haben die gleichen Kompetenzen hinsichtlich Programmstruktur bzw. Produktpolitik etc. wie die künstlerische Leitung. D.h. der Einfluss des Kulturmanagers wird massiv erweitert. Die Mitarbeiter der teilnehmenden Institutionen bekommen zudem die Möglichkeit eines interdisziplinären Austauschs zwischen den Institutionen.

Die Aufgaben der Institutionen werden neu definiert. Sie fungieren in der Zukunft vor allem als Plattformen. Wo möglich werden Kulturbereiche miteinander vernetzt. Warum nicht im Foyer eines Opernhauses vor und nach einer Wagner-Aufführung “World of Warcraft” oder “The Elder Skrolls” spielen? In der Deutschen Oper Berlin gibt es sehr oft sehr moderne Bühnenbilder und Inszenierungen – warum dieses Erlebnis nicht erweitern? Warum nicht wo immer möglich Coworking-Areas einrichten?

Neben den 150 Innovationsleuchttürmen untersuchen wir die anderen Institutionen hinsichtlich der Frage, was sie leisten können. Kleine Institutionen werden zu Clustern vernetzt. Die Leuchttürme werden zu regionalen Innovationsträgern bzw. Innovationslabors.

Wir verkleinern die Anzahl der Kulturmanagement-Studiengänge um 50% entwickeln die verbleibenden Studiengänge weiter. Ebenso untersuchen wir alle anderen Ausbildungsangebote im Kultur- und Bildungssektor hinsichtlich ihrer Fähigkeit, die Lernenden überhaupt auf die berufliche Zukunft vorzubereiten.

Kulturinstitutionen in der digitalen Welt
Die kulturelle-digitale Infrastruktur in Deutschland ist in der Breite immer noch ein Trauerspiel. Ich hatte in einem anderen Beitrag ein paar Vorschläge gemacht, die ich hier nochmal zur Disskussion stellen möchte:

  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Mitarbeiter in Kulturinstitutionen mit der digitalen Welt vertraut gemacht werden
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollte jede Kulturinstitution kostenloses WLAN für die Kunden anbieten
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Kulturinstitutionen zusammen mit weiteren Partnern Schulungsangebote im Bereich Web 2.0 für Ihre Kunden anbieten
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Institutionen einen eigenen, freien Internetzugang haben
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Studenten im Bereich Kultur im Grundstudium ein Einführungsseminar zur Nutzung der digitalen Welt bekommen. Zudem sollte Social-Media zur Querschnitssfunktion der Ausbildung werden
  • Ab dem Jahr 2016 sollten keine neuen Mitarbeiter in öffentlichen Kulturinstitutionen eingestellt werden, die nicht über ein fundiertes Wissen zum Thema „digitale Welt“ verfügen
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten alle Kulturinstitutionen mit aktiven digitalen Angeboten starten.
  • Innerhalb der nächsten 5 Jahre sollten 20% aller digitalen Aktivitäten zusammen mit anderen Gruppen wie z.B. Unternehmen aus der Gamesindustrie entwickelt und realisiert werden
  • In den nächsten 3-5 Jahren sollten mindestens 25% aller Mittel für kulturelle Infrastruktur in die digitale Infrastruktur investiert werden
  • In den nächsten 5 Jahren sollten bundesweit Innovations-Labore für Kultur- und Bildungsinstitutionen entwickelt werden. Diese Labore (mindestens 20) haben u.a. die Aufgabe, Innovationsmanagement zu betreiben.
  • Bis zum Jahr 2019 sollte eine bundesweite Zukunftsstrategie für die Kultur- und Bildungsinstitutionen entwickelt werden, die die Institutionen in die Lage versetzt, auf zukünftige Herausforderungen (Web 3.0, virtuelle Welten etc.) nicht nur zu reagieren sondern diese aktiv zu gestalten.

Wie gesagt, mir ist absolut klar, das dieses Konzept mit Sicherheit Schwächen hat. Es mag sein, dass es in vielen Bereichen nicht funktionieren kann. Es kann sein, dass viele Fragen damit unbeantwortet bleiben. Dies ist mir bewusst. Dieses Modell wäre aber ein praktikabler Ansatz. Und ich kann sagen, dass sowas schon getan wurde – ich war selber dabei. 28 Institutionen auf ihrem Weg in die digitale Welt bzw. in ihre neue Aufgabe als Lernort. Nicht alle Elemente kamen darin vor, aber die Grundidee, sich auf die Menschen in den Institutionen zu fokussieren war erfolgreich. Der von mir in diesem Beitrag beschriebene Ansatz würde natürlich eine viel größere Zahl an Experten benötigen, aber all das ist umsetzbar.

Dieser Weg ist anstrengend. Er würde bedeuten, dass sich für die Kulturpolitik völlig neue Aufgaben ergeben. Es bedarf die Aktivierung vieler. Und man könnte sofort damit anfangen.

Und: Wenn dieser Weg nicht klappt können wir immer noch über das mit Fähnchen nachdenken:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

Von Kulturinfarkten, Reflexen und dem Untergang der keiner ist… erster Teil

Liebe Leser,

es ist gerade eine spannende Zeit angebrochen. Da gibt es ein Buch. Es nennt sich “Der Kulturinfarkt” und ist im Knaus-Verlag erschienen. Die vier Autoren Pius Knüsel, Armin Klein, Dieter Haselbach und Stephan Opitz haben eine Idee: Kann es sein, dass unsere Kulturfinanzierung bzw. Kulturförderung in die falsche Richtung geht? Bedeutet immer mehr Geld auch ein immer mehr an Kultur? Das dieses Buch kommen würde war schon länger bekannt. Wer in den letzten Monaten öfter auf kulturpolitischen Tagungen unterwegs war wurde immer wieder darauf hingewiesen. Pius Knüsel sprach einige Punkte schon auf dem Kulturpolitischen Kolloquium in Loccum 2011 an. Und mit Dieter Haselbach habe ich schon öfter über das Thema gesprochen. Ich hätte mir zugegeben gewünscht, dass diese Diskussion weniger über ein käuflich zu erwerbendes Buch als vielmehr auf einem Blog stattgefunden hätte – d.h. nun findet sie ja auch auf Blogs statt:-) Vielleicht wäre auch ein Open-Access-Modell interessant gewesen. Mit Simon A. Frank habe ich diesbezüglich schon auf Facebook diskutiert und ich glaube er hat recht wenn er sagt, dass die Klientel die damit erreicht werden soll und muss noch lange nicht in der Welt der Blogs etc. angekommen ist. Immerhin gibt es das Buch als eBook für den Kindle und ich reise morgen zu einem Vortrag zur Zukunft der Bibliotheken und anderer Kultur- und Bildungsinstitutionen nach Österreich – ich habe also Zeit zu lesen:-)

Aber kommen wir zurück zu dem Buch. Ich habe es noch nicht gelesen. Aus diesem Grund möchte ich diesen Beitrag aufteilen. Dieser Teil entsteht, bevor ich das Buch gelesen habe. Der zweite Teil entsteht, wenn ich es gelesen habe. Insofern geht es in diesem Teil weniger um das Buch an sich als vielmehr um ein paar persönliche Beobachtungen drumherum. Kaum wurde in verschiedenen Medien auf das Buch hingewiesen kam es zu den üblichen Reflexhandlungen. Alle möglichen Lobbyorganisationen inkl. der Kulturrat gingen auf die Barrikaden. Das war vielleicht nicht anders zu erwarten. Immerhin existieren sie ja in wesentlichen Teilen, um die Ressourcen ihrer Mitglieder zu sichern. Und zugegeben die Idee, die finanziellen Mittel um 50% zu kürzen ist eine Provokation. Aber ist es das wirklich? Ist diese Idee, die mit Sicherheit nicht umgesetzt werden wird, wirklich eine Provokation? Aus Sicht derjenigen, die sich primär um die finanziellen Mittel kümmern mit Sicherheit – für die anderen Menschen eher nicht. Die weitaus größere “Provokation” sollte m.E. sein, dass an immer mehr Orten Kultur ohne Kulturinstitutionen stattfindet. Es geht den Menschen um Inhalte aber nicht um Institutionen. Es interessiert die Menschen auch nicht, ob eine kleine elitäre Gruppe an der Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur festhält. Kulturbereiche wie die Welt des Gamings könnten sich im Umfeld klassischer Kulturinstitutionen gar nicht entwickeln. Solche Kulturbereiche sind zu schnell, zu offen, zu innovativ und zu kopperativ. Ein Kulturbereich wie die Welt des Gamings hat sich bewusst für eine kommerzielle Basis entschieden – mit allen Vor- und Nachteilen.

Und das Web? Dort finden wir die Menschen und die kulturellen Inhalte – die Institutionen werden dort nicht gebraucht. Gäbe es nur noch Kultur im Netz – ein Zustand denn ich mir nicht wünsche – wären Kulturinstitutionen unnötig. Wir könnten das ganze Geld den Künstlern geben. Innovationsmanagement in Kulturinstitutionen? Wie wäre es damit? Wenn sich Kulturinstitutionen gegen die digitale Welt stellen, dann agieren sie nicht gegen die Technologie und für ein konservatives Menschenbild – sie agieren gegen die Lebensrealität der Menschen. Und natürlich ist die digitale Welt nicht alles – aber der Umgang damit ist ein Indiz für die Fähigkeit von Institutionen kreative, offene und kooperative Plattformen zu entwickeln und anzubieten. Die vielzitierte Deutungshoheit ist durch das Web nicht verschwunden – das Web zeigt vielmehr, dass diese Deutungshoheit nie existierte. Vielleicht sind ja Electronic Arts und Google die Kulturinstitutionen der Zukunft. Vielleicht sind Crowdfunding-Projekte die neuen Kulturförderprogramme.

Nun gut – es wird Zeit das Buch zu lesen. Und dann werde ich den zweiten Teil des Blogbeitrages veröffentlichen. Wenn es alles klappt kann ich sogar während des Lesens direkt aus dem Kindle meine Ideen und Kommentare mit Euch teilen. Die ganz große Frage ist aber eine andere: Wird es wie so oft wieder nur bei einer Diskussion einer sehr kleinen und elitären Gruppe bleiben oder wird es wirklich zu Veränderungen kommen? Ist das Werk nur eine weitere “Kulturpolitische-Rotwein-Diskussions-Anekdote” oder wird es am Ende Ideen und Projekte für die Kulturinstitution der Zukunft geben? Schlimmstenfalls konzentriert sich die Diskussion darauf, bloß keine Kürzungen in den Etats zu bekommen – dabei geht es gar nicht um Geld sondern um die Frage was Kulturinstitutionen heute und in der Zukunft sein sollen. Mein Vorschlag: Ich lade die Autoren und alle Interessierten ein, in der realen Welt darüber zu diskutieren – diesen August auf der Gamescom:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

Meine Eindrücke und Gedanken zur Mai-Tagung in Bremerhaven

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch über meine Eindrücke und Gedanken zur MAI-Tagung in Bremerhaven, die letzte Woche Donnerstag und Freitag stattfand, berichten. “MAI” steht für “Museums and the internet”. Es gibt die Tagung schon seit ein paar Jahren und sie ist immer eine Reise wert. Was mir an dieser Tagung besonders gefällt ist die Tatsache, dass es nicht nur um Social Media sondern um den gesamten Themenblock Internet geht. Dieses Jahr war ich in meiner Funktion als Leiter des Projektes “Technologieradar” des Vereins Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung dabei. Nun aber zu meinen Eindrücken.

Am ersten Tag war ich gar nicht direkt auf der Tagung. Ich konnte erst am Morgen von Berlin nach Bremerhaven fahren und war gegen 14h im Hotel. Da ich noch etwas arbeiten musste, entschied ich mich erst zum Abendevent zur Tagung zu kommen. Also nutzte ich Twitter und zum wirklich ersten Mal war Twitter von einer Tagung eine richtig tolle Sache. Die Idee direkt von einer Tagung zu twittern ist nicht neu, aber selten hat es so großen Spass gemacht. Man man konnte nicht nur lesen, was gerade auf der Tagung passierte. Es gab vielmehr eine lebhafte Diskussion zwischen Teilnehmern und Nicht-Teilnehmern. Für alle passiven Twitterer war teilweise nicht mehr erkennbar, wer wirklich auf der Tagung ist und wer nicht. Es war bzw. ist also ein Best-Practice-Beispiel für Twitter und Konferenzen.

Am Abend gab es dann ein gemeinsames Essen – ich werde über die Speisen und den Service den Mantel des Schweigens hüllen. Sehr schön war aber die Tatsache, dass nun alle Twitterer, die auf der Tagung waren auch real miteinander redeten, lachten und diskutierten…

Am nächsten Tag war ich dann also live dabei. Der Tag begann mit sog. Shortcuts, also Kurzvorträgen. Man hatte inkl. Diskussion ca. 15 Minuten Zeit. In diesem Blog habe ich auch den Technologieradar vorgestellt. Der Technologieradar ist ein offenes Forschungsprojekt, d.h. alle können und sollen mitmachen. Wir (das sind bis jetzt die ETH-Bibliothek Zürich, die FH Potsdam und der Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.) möchten aktuelle und zukünftige Kommunikations- und Medientechnologien identifizieren und sie hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Kultur- und Wissensvermittlung analysieren. Nächste Woche wird das auf viele Jahre angelegte Projekt auf dem Bibliothekartag in Berlin offiziell gestartet. Danach möchte ich Euch alle einladen mitzumachen. Ich werde dazu hier und auf dem Blog der Zukunftswerkstatt noch einiges posten.

Nach den Shortcuts – ich werde jetzt nicht alle beschreiben – gab es zwei für mich sehr spannende Vorträge. Zuerst war Ulrike Schmid an der Reihe. Sie hat eine sehr gute und informative Studie zur Nutzung von Social-Media-Werkzeugen durch Orchester und Museen vorgestellt. Ich kenne die Studie schon länger und bin immer wieder begeistert. Sie zeigt deutlich, dass es nicht darum geht, einen Account bei Facebook oder Twitter zu haben, sondern dann mit diesen Plattformen spannende Services zu entwickeln. Ulrike Schmid hat herausgefunden, dass viele Orchester und Museen zwar im Web 2.0 vertreten sind, jedoch leider nur selten alle damit verbundenen Möglichkeiten nutzen. Wenn ich nun aus Sicht des Kulturmarketing und der Kulturvermittlung die Ergebnisse der Studie mit meinen Erfahrungen vergleiche, komme ich zu dem selben Ergebnis. Es geht also in der nahen Zukunft nicht nur darum, Kulturinstitutionen zu aktivieren, mit Aktivitäten im Web 2.0 zu starten, sondern auch darauf zu achten, dass dabei interessante Mehrwerte und nachhaltige Projekte entstehen.

Nach dem Vortrag von Ulrike Schmid war Sebastian Hartmann an der Reihe. Er arbeitet für das Neanderthal-Museum und ist dort u.a. für den Bereich Social-Media verantwortlich. In seinem Vortrag zeigte er zum Einen, wie das Neanderthal-Museum im Web aktiv ist und zum Anderen, was seiner Meinung nach bei Aktivitäten im Web 2.0 beachtet werden sollte. Sehr interessant war für mich z.B. die Frage, wie man eigentlich Erfolg messen kann? Sebastian zeigte z.B. Rankings, die auf Followern bei Twitter und Fans/Freunden bei Facebook basierten. Sowohl Sebastian als auch allen Anwesenden war aber klar, dass die Anzahl an Followern und Fans etc. nur wenig über die Qualität der Onlineaktivitäten aussagt. Etwas skeptisch war ich bei der Frage nach der benötigten Zeit. Sebastian sprach von ca. 2 Stunden pro Woche. Ich sehe das etwas anders. Zwar lassen sich Inhalte in diesem Zeitrahmen hochladen bzw. kurze Kommentare verfassen, aber gerade dann, wenn spannende Inhalte erstellt werden sollen wird mehr Zeit benötigt. Natürlich kann man mit 2 Stunden in der Woche erste Aktivitäten starten. Jedoch wird man auf kurz oder lang mehr Zeit investieren müssen. Ich denke auch, wir müssen aufpassen, dass die Social-Media-Aktivitäten von Kulturinstitutionen nicht als kleines Beiprogramm gesehen werden. Das Web 2.0 ist nicht einfach ein weiteres Medium welches man bedient, um z.B. für die eigene Institution zu werben. Gerade für die Kulturvermittlung ist das Web 2.0 eine Welt voller Möglichkeiten, in die dann aber investiert werden muss. Das Web 2.0 will und muss aktiv gestaltet werden. Ich habe vor ein paar Wochen in einem Blogbeitrag eine Idee für die möglichen nächsten Schritte auf einer globaleren Ebene veröffentlicht.

Ich glaube es wäre aus Sicht der Dramaturgie besser gewesen, wenn zuerst Sebastian Hartmann und dann Ulrike Schmid gesprochen hätten. Man hätte dann zuerst einen Einblick in die Praxis eines Museums und dann in die so wichtige Studie bekommen. Und dann hätten wir auch über viele weitere wichtige Fragen diskutieren können. Drei Beispiele:

1. Inwieweit werden in den Kulturinstitutionen Blogs und Wikis für die interne Kommunikation genutzt? Dies kann helfen, ein besseres Verständnis des Thema bei allen Mitarbeitern zu entwickeln.

2. Inwieweit werden für die nächsten Jahre stetig steigende Mittel für das Thema Social-Media eingeplant?

3. Welchen Stellenwert hat Social Media innerhalb der Institution? Ist Social-Media eine Funktion des Marketing bzw. der PR oder ist es Teil der Museumsarbeit also der Kulturvermittlung?

Warum stelle ich solche Fragen? Meiner Meinung nach ist es wichtig, das moderne Internet in all seinen Facetten nicht als Medium sondern eher als Querschnittsfunktion für alle Aktivitäten einer Kulturinstitution zu sehen. Es geht nicht darum “ein bisschen PR” oder “ein bisschen Marketing” zu machen. Das moderne Internet wird zudem auf kurz oder lang in die Institutionen hineinwirken. Es verändert unsere Kommunikation und auf Dauer unsere Denk- und Arbeitsweisen. Wenn eine Kulturinstitution eine Facebookseite oder einen Twitteraccount erstellt hat dann ist das eine richtig tolle Sache – noch immer sind diese Institutionen in der Minderheit. Aber es wird in der Zukunft darum gehen, langfristige und nachhaltige Konzepte zu entwickeln und zu realisieren. Hierfür müssen wir z.B. analysieren ob die Kultur der jeweiligen Institution überhaupt mit der Kultur des modernen Internets kompatibel ist. Museen sollten z.B. in Zukunft schon bei der Entwicklung von Ausstellungen und weiteren Aktivitäten die Einbeziehung des modernen Internets als Teil der Kulturvermittlung überlegen. Das moderne Internet wird so nicht zu einer Kommunikationsplattform, sondern zu einer stetigen Erweiterung der jeweiligen Institution.

Übrigens: am zweiten Tag bekam ich dann noch endlich meine geliebte Scholle “Finkenwerder Art”

Beste Grüße

Christoph Deeg

Mein erstes Update zur Arbeit mit der KUPOGE

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch ein Update zu meinen Aktivitäten bei der Kulturpolitischen Gesellschaft (KUPOGE) geben. In den letzten zwei Wochen konnte ich mich kaum um meinen Blog kümmern, da ich vor allem mit der Gaming-Roadshow des Vereins Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. beschäftigt war. In diesem Verein versuchen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen die Kultur- und Wissensvermittlung der Zukunft zu gestalten. Ich bin Mitbegründer und zudem Leiter der Projekte „Technologieradar“ und „Gaming-Roadshow“. Zu beiden Projekten werde ich ab und zu auch hier schreiben. Aktuell bin ich gerade auf dem Weg zur MAI-Tagung in Bremerhaven um dort den Technologieradar vorzustellen bzw. dafür zu werben.

Nun aber zurück zur KUPOGE. Ich habe in einem ersten Schritt ein Konzept für die zukünftigen Aktivitäten der KUPOGE im Web 2.0 entwickelt. In einem Strategiemeeting haben wir dieses Konzept besprochen und die nächsten Schritte geplant. Die zentrale Frage war, was genau die KUPOGE im Web 2.0 möchte. Der KUPOGE geht es weniger um Werbe- und PR-Maßnahmen als vielmehr um eine offene und interdisziplinäre kulturpolitische Diskussion als Teil der Verbandsarbeit. Es geht also vor allem um Inhalte und weniger um ein Werbefeuerwerk. Gleichzeitig muss beachtet werden, dass u.U. einige Mitglieder des Verbandes erst jetzt mit ihren ersten Schritten im Web 2.0 beginnen. Zudem müssen auch die vorhandenen technischen und vor allem personellen Ressouren beachtet werden. Gerade weil es nicht um kurzfristige PR-Kampagnen gehen soll ist es m.E. wichtig, dass die Onlineaktivitäten primär von der KUPOGE selber umgesetzt werden um langfristig, authentisch und nachhaltig aktiv sein zu können.

Aus diesen und einigen weiteren Gründen erscheint es ratsam, vor allem solche Plattformen zu nutzen, die einen einfachen Zugang zu Inhalten sowie eine schnelle Diskussion zulassen. Somit ist eine Plattform wie z.B. facebook zumindest im ersten Schritt nicht das richtige Medium. Hier kann man erst dann mitdiskutieren wenn man Mitglied wird. Nun ist es aber so, dass es Menschen gibt, die nicht Mitglied bei facebook werden wollen und diese Gruppe würde man von der Diskussion ausschließen.

Wir haben uns entschieden, zuerst mit einem Blog zu beginnen und dann als zweiten Schritt Twitter zu nutzen. Parallel dazu wird für die interne Organisation und Dokumentation mit einem internen Wiki begonnen. Darüber hinaus versteht sich die KUPOGE als Teil einer Community, d.h. es soll nicht alles vorgegeben werden. Deshalb sind die Mitglieder der KUPOGE eingeladen, Teil der Web 2.0-Aktivitäten zu werden bzw. solche zu starten. Und diese Einladung trägt erste Früchte. Bei XING gibt es nun eine Gruppe der KUPOGE, entwickelt und moderiert von KUPOGE-Mitgliedern und wir hoffen, dass es noch weitere derartige Aktivitäten geben wird.

Eine Woche später bin ich dann zu einem zweitägigen Workshop nach Bonn gefahren. Der erste Teil des Workshops bestand aus einer Einführung in das Web 2.0. Dabei habe ich mich weniger mit den verschiedenen Technologien und Plattformen als vielmehr mit der dahinter stehen Kultur befasst. Parallel dazu haben wir verschiedene Plattformen wie z.B. Twitter oder WordPress-Blogs ausprobiert. Im zweiten Teil des Workshops ging es nun darum, gemeinsam zu überlegen, welche Nutzungsmöglichkeiten das Web 2.0 für die einzelnen Bereiche der KUPOGE bietet.

Schnell wurde allen Beteiligten klar, dass es vor allem um die Frage geht, ob die Kultur der Institution mit der Kultur des Web 2.0 kompatibel ist. Dieses Fragestellung ist eigentlich die wichtigste in allen meinen Projekten. Nur weil ich einen Account bei facebook oder Twitter habe bin ich noch längst nicht Teil des Web 2.0. Vielmehr habe ich nur einen Zugang zur jeweiligen Technologie hergestellt.

Die Arbeit im bzw. mit dem Web 2.0 wirkt auch immer nach innen und verändert in der Regel vorhandene Strukturen, Denkweisen und Arbeitsabläufe. Die zwei Tage waren schnell vergangen und ich verließ Bonn in Richtung Hildesheim mit dem Gefühl, dass wir bei der KUPOGE auf einem guten Weg sind.

Am nächsten Tag war ich quasi wieder in Sachen KUPOGE unterwegs. Diesmal ging es um mein Studentenprojekt an der Universität Hildesheim. Die sieben Studenten meines Kurses werden ebenfalls auf dem Bundeskongress der KUPOGE anwesend sein, von dort twittern und bloggen und vor allem den Teilnehmern des Kongresses die Möglichkeit geben Twitter auszuprobieren. Die Arbeit an der Universität Hildesheim macht mir sehr großen Spass, denn ich kann dort viele Ideen ausprobieren bzw. einen Dialog mit den Studenten starten. Die Studenten haben schon vor ein paar Wochen mit einem eigenen Blog begonnen und ich muss sagen, dass ich sehr stolz auf diese Gruppe bin. Ich lese diesen Blog sehr gerne und kann Euch allen nur empfehlen, dort vorbei zu schauen.

Soviel nun zu meinem Update zu meinen Aktivitäten bei der KUPOGE. Wir sind nun mitten in den letzten Vorbereitungen für den Bundeskongress und arbeiten zeitgleich an dem Projekt „Verbandsarbeit 2.0“

Beste Grüße

Christoph Deeg