Archiv der Kategorie: Kulturinstitutionen

Gaming in Asien oder wie ich VIP-Kunde von China Eastern Airlines wurde – Teil 1

Liebe Leser,

auf meiner Forschungsreise zum Thema “Gaming in Ost-Asien” für das Goethe-Institut bin ich mittlerweile in Tokio angekommen. Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit ein paar Worten zu Shanghai beginnen aber leider war es dort nicht möglich, auf meinen Blog zuzugreifen – obwohl ich einen VPN-Tunnel benutze. Nun kann ich also erst in Tokio über meine kurze Zeit in Hongkong und Shanghai schreiben. In Tokio zu sein ist ein gutes Gefühl. Bereits am Flughafen hat man kostenloses High-Speed-Wlan und hier im Hotel habe ich sogar eine Breitband-Verbindung. Und dann gibt es noch diese High-Tech-Toilette in meinem Zimmer, die – mit einer Vielzahl an Sensoren ausgestattet- unglaubliche Funktionen aufweist. Ich gehe hier jetzt nichts ins Detail aber eines ist sicher: im Badezimmer meines Hotels ist wahrscheinlich mehr Hochtechnologie vorhanden als in mancher deutschen Bildungs- oder Kulturinstitution. Ich weiß, dass dieser Vergleich ein bisschen hinkt aber andererseits ist es wirklich beeindruckend was hier in Tokio passiert.

Die Eindrücke der letzten Tage waren so vielfältig, dass ich im Moment gar nicht weiß, wie ich das alles verarbeiten soll. Und ich weiß auch nicht, wie ich einen einzigen Blogbeitrag darüber schreiben soll. Ich werde diesen Beitrag deshalb in zwei bis drei Beiträge aufteilen, die ich dann im Abstand von einigen Stunden posten werde. Beginnen möchte ich mit einer Beschreibung der letzten Tage. Im folgenden Beitrag möchte ich dann ein paar allgemeine Gedanken zu meiner Asienreise posten, ehe ich dann im dritten Beitrag noch mal auf den aktuellen Stand meiner Recherche zum Thema “Gaming in Asien” eingehen möchte.

In meinem letzten Beitrag ging es um den ersten Tag in Hongkong. Deshalb beginne ich nun mit dem zweiten Tag in Hongkong – der auch gleichzeitig der erste Schritt hin zu einem VIP-Kunden der Eastern Airlines wurde. Der Tag begann mit einem Treffen mit Dr. Leino von der School of Media an der City University Hongkong. Wir sprachen über mögliche Unterschiede zwischen Asien und Europa im Bereich Gaming. Ein Unterschied war für ihn der Zeitfaktor. In Hongkong hätten die Menschen viel weniger freie Zeit zur Verfügung. Zudem würde freie Zeit nicht wirklich frei sein. Auch hier gäbe es Verbindlichkeiten wie z.B. die “Erwartung” der Community auch jetzt noch etwas für das eigene Weiterkommen zu tun. Diese Sichtweise deckt sich mit den Aussagen meiner Gesprächspartner in Hongkong, die im Bereich Social-Gaming auf Facebook das Problem haben, dass sehr viele Nutzer nicht möchten, dass auf Facebook und damit verbunden in Ihrer Community bekannt wird, dass sie spielen. Dr. Leino konnte aber noch von einer weiteren spannenden Erfahrung berichten. Der wesentliche Unterschied zwischen Euorpa und Hongkong sei für ihn bei seinen Studenten zu finden. Würde er in Europa fragen, welche Spiele seine Studenten am meisten spielen würden bzw. für die besten Spiele hielten, würde er eine lange Liste mit unterschiedlichen Spielen bekommen. In Hongkong sei dies nicht der Fall. Den Studenten würde es schlichtweg an Gaming-Erfahrung mangeln. Dies bedeute nicht, dass diese Studenten schlechter wären. Der Impact von Gaming auf die Lebensrealität der Studenten sei aber geringer gewesen. Allerdings könne es auch sein, dass sich die Menschen, die sehr viele Spiele spielen, für einen anderen Beruf entscheiden – der u.U. angesehener sei. Die individuelle Entwicklung sei also eine ganz andere. Zudem würden die vorhandenen Medienplattformen (Smartphone, Tablets etc.) anders genutzt.

Dieser Gedankengang geht auch in die Richtung von Aram Armstrong, den ich am Vortag auf dem Barcamp Hongkong getroffen hatte. Für ihn waren u.a. unterschiedliche Zielgruppendefinitionen der Games-Entwickler und Games-Publisher entscheidend. Viele asiatischen Unternehmen würden sich weniger auf die verhältnismäßig kleine Gruppe der gut ausgebildeten und zahlungskräftigen Kunden konzentrieren. Diese verfügten zwar über die Bildung um komplexe Spiele zu spielen, die notwendigen finanziellen Ressourcen z.B. für Hardware und zudem über die dafür notwendige Zeit. Allerdings seien diese Zielgruppen zu klein. Hier wird also der “Long Tail” zum Geschäftsmodell. Diese Spiele sind aber weniger komplex und haben damit einen viel geringeren Impact auf andere Lebensbereiche.

Im Anschluss an dieses Meeting ging es dann zum Goethe-Institut in HongKong. Dort durfte ich vor den Direktoren aller Nord-Ost-Asiatischen Goethe-Institute zum Thema Gaming sprechen. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie Gaming die Kultur- und Wissensvermittlung also das Lernen unterschiedlicher Inhalte verändern kann. Zudem es auch um mögliche Projekte der Goethe-Institute in diesem Bereich. Für nahezu jede Kultur- und Bildungsinstitution sollte Gaming ein wichtiges Thema sein. Allerdings sollte man dies m.E. nicht tun, weil man glaubt, an diesem Thema komme man jetzt nicht vorbei – man müsse es also tun. Dabei sollte immer eines klar sein: wenn man sich mit Social-Media und/oder Gaming beschäftigt weil man glaubt dies tun zu müssen, und nicht weil man dieses Thema gut findet und sich damit beschäftigen will, wird es nicht funktionieren.

Leider hatte ich nur 1,5 Stunden Zeit denn dann musste ich los zum Flughafen um von Hongkong nach Shanghai zu fliegen. Es war alles sehr eng – aber ich war pünktlich am Gate zum Boarding. Ich freute mich schon auf die nächste Station meiner Reise und las noch ein bisschen mit meinem Kindle-Reader, als ich einschlief. Nach ca. einer Stunde wachte ich wieder auf, aber irgendetwas stimmte nicht. Und dann wurde ich unruhig: das Flugzeug stand immer noch am Gate. Wir waren nicht gestartet. Es dauerte eine weitere halbe Stunde und dann wurden wir gebeten, dass Flugzeug wieder zu verlassen. Und dann begann die große Odysse. Es hieß, in Shanghai sei es neblig un der Pilot habe entschieden nicht zu fliegen. Vielen Dank auch:-) Das nächste Update sollte in einer Stunde erfolgen. Und so ging es weiter bis spät in die Nacht. Die Mitarbeiter vor Ort konnten oder wollten keine eigenen Entscheidungen treffen und so blieb unser Status auf “delayed”. Ich dachte schon, die Bahn hätte eine Fluglinie gekauft:-) Nun wurden die Passagiere immer unruhiger sprich aggressiver. Es gab dann ein Angebot, welches ich nicht annehmen wollte: Man bekam ein Zimmer im Hotel und sollte dann am nächsten wieder vorbeikommen, um dann irgendwann auf einem anderen Flug mitgenommen werden zu können. Mehr und mehr Passagiere ließen sich darauf ein aber ein kleiner harter Kern blieb. Gegen 02h morgend wurde der Flug dann gecancelt – wir sollten ursprünglich um 18:35h starten. Nun versprach man uns einen Flug morgens um 07h. Dafür lohnte es ich aber nicht mehr ins Hotel zu gehen. Also durften wir in die Lounge des Flughafens (da war ich noch kein VIP). Um in die Lounge zu kommen mussten wir aber wieder nach HongKong einreisen, also dauerte es weitere 2 Stunden, bis wir endlich etwas entspannen konnten. Am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich nach Shanghai – und war endgültig todmüde. Nun hatte ich aber den ganzen Tag Termine, also hieß es soviel Kaffee und Espresso trinken wie irgend möglich.

In Shanghai angekommen traf ich mich zum ersten mal mit Douglas Wang. Douglas Wang ist Ich könnte jetzt viele Worte finden um ihn zu beschreiben. Aber es ist besser, Ihr schaut Euch einfach seine Präsentation bzw. Visualisierung zur Frage wie Design und Innovation funktionieren an. Ihr findet sie, wenn Ihr auf diesen Link klickt. Douglas war nicht nur ein weiterer Termin. Douglas begleitete mich die ganze Zeit meines Aufenthalts in Shanghai. Er zeigte mir eine Vielzahl an spannenden Orten. Beantwortete mir alle meine Fragen und versuchte mir die chinesische Kultur näher zu bringen. Ich durfte sogar zu seinen geschäftlichen Meetings mitfahren – und ich wurde in die Geheimnisse der chinesischen Küche eingeführt. Ich habe unglaublich viel von Douglas gelernt. Und ich habe durch ihn jetzt Team von Designern und Programmierern in meinem Netzwerk. In Zukunft kann ich also die Entwicklung und Realisierung nahezu jeder Plattform inkl. Augmented Reality und 3D-Animationen anbieten:-) Ich werde meinen Blog mal wieder umbauen müssen um diesen neuen Bereich sinnvoll präsentieren zu können. Wie gesagt, ich habe von Douglas sehr viel gelernt. Ich möchte beispielhaft zwei Punkte nennen: Zum Einen sei es für die Chinesen (Ich weiß das es nicht “die Chinesen” gibt – aber ich verallgemeinere jetzt mal) sehr schwer eine eigene Spielkultur zu entwickeln. Die Kulturrevolution habe die Verbindung zur chinesischen Tradition und Kultur in weiten Teilen der Bevölkerung nachhaltig in Frage gestellt. Die Suche nach einer eigenen chinesisichen Identität habe gerade erst begonnen. Zwar würden Millionen von Chinesen Computerspiele spielen, jedoch würde sich die Form des Spielens stark von anderen Kulturen unterscheiden. Spielen sei hier zumeist ein Mittel um Zeit tot zu schlagen. Es ginge nicht darum zu denken (im Sinne von Reflexion) sondern um zu handeln (Im Sinne von aktiv sein). So würden die meisten Spiele auf dem Smartphone/Handy in der U-Bahn etc. gespielt. Ein anderer wichtiger Punkt sei die bildhafte Wahrnehmung von Inhalten. Die Gemälde der chinesischen Tradition – und diese erlebe wie gesagt eine schleichende Renaissance – würden den jeweiligen Ort des Geschehens aus einer Art “göttlichen Perspektive” darstellen.

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Man kann auf dem Bild, welches ich in einem restaurierten Haus in Shanghai aufgenommen habe eine alte Zeichnung erkennen. Die Darstellung ist auf den ersten Blick stimmig. Schaut Euch aber mal die Proportionen der einzelnen Figuren an. Hier wird 2D mit 3D vermischt. Die Figuren müssten eine unterschiedliche Größe haben, damit sie in die 3D-Welt passen – sie sind aber alle gleich groß. Es gibt bestimmte Spiele wie z.B. Ego-Shooter, die eine komplett andere Darstellung haben. Diese sind lauf Douglas für die meisten Chinesen weniger interessant. Anders ausgedrückt: Wenn die Renaissance der chinesischen Kultur in der Bevölkerung immer mehr Teil der Lebensrealität wird, verändert sich deren Wahrnehmung und ebenso ihre visuelle Erwartungshaltung. Ich könnte wie gesagt noch vielmehr über Douglas schreiben – und ich werde dies auch tun.

Am Abend gab es dann ein Dinner mit Douglas Wang und JinGe. JinGe ist u.a. Kommunikations-Experte und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Gaming. Neben vielen weiteren Projekten hat er das Projekt “Chinese Gold Farmers” ins Leben gerufen. Dieses Projekt beschäftigt sich mit neuen “Wirtschaftsbereichen”, welche in der Welt des Gamings entstehen. In diesem Fall geht es darum, dass in China Menschen beruflich Computerspiele spielen. Es handelt sich um ganz bestimmte Spiele, nämlich solche, bei denen der Spieler über einen langen Zeitraum seine Figur bzw. seinen Avatar entwickelt. Mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Level (es geht dabei um Online-Rollenspiele, bei denen tausende Spieler zusammen bzw. gegeneinander spielen) entwickelt sich die Figur weiter. Sie erlernt neue Fähigkeiten, bekommt neue Werkzeuge, Kräfte, Macht etc. Manche Spieler möchten aber nicht so lange warten, andere haben noch andere Dinge zu tun. Für diese Spieler spielen nun die beruflichen Spieler. Am Ende bekommt wird der fertige Avatar also an einen neuen Eigentümer verkauft oder zurückgegeben. Für diese “Dienstleistung” wird mit realem Geld bezahlt, und zwar soviel, dass es sich anscheinend lohnt, hierfür ganze Unternehmen aufzubauen. Dieses Thema bzw. dieses Projekt war das Hauptthema des Abends, denn auch hier stellt sich die Frage, ob die es in China einen besonderen Umgang mit der Idee der professionellen Entwicklung bzw. Züchtung von Avataren gibt.

Am nächsten Tag traf ich mich dann mit Douglas Wang und Pei-Chun Chen. Sie arbeitet ebenfalls in Shanghai und hat sich lange mit der Frage beschäftigt, wie neue Formen der Zusammenarbeit durch Gaming verbessert werden können. Ausgehend von dem Wissen, dass in einigen westlichen Ländern bereits Versuche mit der Implementierung von Gaming-Elementen in Co-Design-Methoden durchgeführt wurden, hat sich sich Gedanken über die Frage gemacht, wie solche Prozesse in China aussehen könnten. Hier gäbe es einige Unterschiede wie z.B. ein streng hierarchisches System, welches dem Individuum so gut wie keine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten einräumt. Gaming als Kultur bzw. als Denk- und Arbeitsweise ist dazu im ersten Schritt nur bedingt kompatibel. Es stellt sich also die Frage, wie man die vorhandenen Methoden und Konzepte an die Lebensrealität der Menschen in China anpassen kann und muss.

Am Abend ging es dann um etwas komplett anderes: Das Nachtleben von Shanghai… Und nein, dies wird nicht Teil dieses Blogbeitrages;-) Ok, ein Bild dürft Ihr sehen:

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Am nächsten Tag ging es dann sofort weiter. An diesem Tag habe ich mir vormittags ein paar Orte angesehen, die wir auch bei uns kennen, wie z.B. den Apple-Tempel. Die Gottheit Apple wird hier genauso wie in allen anderen Ländern angebetet. Nun mögen sich manche von euch fragen, warum man ein solches Gerät braucht, wenn man doch ein zensiertes Web hat? Unabhängig von gewissen technischen Möglichkeiten, ist das Netz auch für die Chinesen immer noch riesig. Und Sie haben eigene spannende Plattformen – auf denen ich mir gerade auch ein Profil einrichte. Zum Lunch ging es dann in einen anderen Stadtteil. Ich traf mich mit Liu Yan vom ersten chinesischen Co-Working-Space in China: Xin Dan Wei. Es war ein tolles Gespräch. Wir redeten vor allem über die Frage, wie Gaming die Arbeit in Co-Working-Spaces verändern kann und wird. Auch hier ist man der Überzeugung, dass Gaming (bzw. die Methoden, die Kultur und das Design) völlig neue Arbeitsformen hervorbringen wird. Diese Modelle sind dann vielleicht sogar global nutzbar, da zumindest in der ersten Phase eine ganz bestimmte Klientel aktiv werden wird, die weniger national und mehr international denkt und handelt. Vielleicht wird Gaming ja zum Schlüssel für neue Formen der interkulturellen bzw. interdisziplinären Zusammenarbeit.

Und dann war es vorbei mit Shanghai. Heute morgen ging es dann nach Tokio. Und als ich morgens um 06h am Flughafen ankam, wollte man mich nicht abfertigen denn: ich war ein VIP-Gast der China Eastern Airlines. ich hatte ab da eine persönliche Begleiterin damit ich dieses mal auf keinen Fall irgendwelche Kritikpunkte habe. Tokio selber ist unglaublich! Aber darüber werde ich später schreiben. Nur eines vorweg: ich habe mich sofort in diese Stadt verliebt – und es gibt hier ein Gaming-Restaurant mit einer echten Elfe als Bedienung. Mehr davon im nächsten Post.

Beste Grüße

Euer

Christoph

Warum Social-Media eine analoge Aufgabe ist – und warum wir mehr Gamescom brauchen

Liebe Leser,

ich bin gerade in Olsberg in Nordrhein-Westfalen. Morgen werde ich wieder einen kleinen Verbund von drei sehr kleinen Kultur- und Bildungsinstitutionen auf Ihrem Weg in die digitale Welt begleiten. Morgen ist der Kick-Off-Workshop und der Abend vor so einem Workshop ist immer besonders spannend für mich. Wie werden die Teilnehmer reagieren? Welchen Weg werden wir einschlagen? Funktionieren die technischen Ressourcen? Und wie sehen dann die nächsten Monate aus? Ich werde diese Institutionen nämlich das ganze Jahr begleiten.

Mein vorletzter Blogbeitrag war sehr erfolgreich. Es gab eine Vielzahl an Diskussionen. Zum kleinen Teil fand die Diskussion hier auf meinem Blog und zum großen Teil auf Facebook, Twitter und Google+ statt. Warum dieses mal so wild diskutiert wurde kann ich ehrlich gesagt gar nicht nachvollziehen. Gewiss die Thesen mögen dem Einen oder Anderen etwas provokant erscheinen, aber letztlich habe ich diese Ideen schon seit mehr als zwei Jahren kommuniziert. Und sie sind seit dieser Zeit die gedankliche Basis meiner Arbeit. Die Grundgedanken, dass die digitale Welt keine neue Technologie sondern eine völlig neue Kultur darstellt vertrete ich schon lange und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragestellungen gelten sowohl für Bibliotheken als auch für alle anderen Institutionen und ebenso für Unternehmen.

Ich bin immer mehr der Meinung, dass wir nun (endlich) in die Phase der Veränderung kommen. Immer mehr Institutionen und Unternehmen sind in der digitalen Welt aktiv. Und immer mehr Menschen setzen sich mit den damit verbundenen Konsequenzen auseinander. So langsam versteht man den Impact auf unsere Lebensrealität. Man versteht, dass man die klassischen PR- und Marketingwerkzeuge nicht mehr nutzen kann. Und das beschränkt sich nicht mehr alleine auf das Social Web. Offenheit, Transparenz, Kooperation, Community-Building und viele weitere Begriffe und Themen stehen nicht für eine abgeschlossene Enklave, welche sich digitale Welt nennt. Diese neuen Denk- und Arbeitsweisen werden in Zukunft nicht nur die Basis der Arbeit in der digitalen sondern auch der analogen Welt sein. Die Plattformen (Facebook, Twitter, Google+, Blogs, Wikis) die Technologien (Smartphones, Tablet-PC’s, Netbooks etc.) sind nur die Hülle für die Aktivitäten der Menschen. Sie sind nur die Werkzeuge. Das bedeutet, wer diese Plattformen verstanden hat, kann noch lange nicht erfolgreich mit ihnen umgehen. Deshalb ist es z.B. für viele Werbeagenturen so schwer, erfolgreich im Social Web zu agieren. Ihre Modelle und Herangehensweisen funktionieren im Social Web nicht mehr. Und auch Institutionen stehen vor neuen Herausforderungen. Gab es noch vor ein paar Jahren den Mythos der Deutungshoheit geht es heute darum, neue Kommunikations- und Arbeitsformen zu verstehen, zu entwickeln und umzusetzen. Und diese neuen Wege lassen sich nur schwer beschreiten, wenn die Strukturen und Ressourcen darauf nicht vorbereitet sind.

Aber ist dies wirklich eine digitale Revolution? Ich glaube nicht. Sicher, wir haben große Veränderungen bezüglich unsere Medien- und Kommunikationsformen und ja, das verändert alles. Andererseits kann die digitale Welt keine reale Bedeutung entfachen, wenn sie nicht in der analogen Welt verankert ist. Alle was wir im Internet sehen, alle Inhalte auf Facebook, Twitter, Google+ und Co. ist von Menschen gemacht. Die Inhalte entstehen in den Köpfen der Menschen und nicht in den Einsen und Nullen des Internets. Das Web verändert alles aber es ist nur ein Werkzeug. Die Herausforderungen, die sich aus der digitalen Welt ergeben sind letztlich nur ein Spiegelbild der Herausforderungen in der analogen Welt. Der digitale Wandel macht sichtbar und erfahrbar, wo die Probleme in der analogen Welt liegen.

Immer wenn ich das folgende Video sehe, wird mir klar, dass es um einen viel größeren Wandel geht. Und jenseits von drittklassigen Werbefilmchen und Möchtegern-PR-Agenturen entstehen neue Berufe, neue Plattformen und neue Inhalte. Schaut Euch dieses Video an und Ihr versteht (hoffentlich) was ich meine.

Die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken kann und werde ich auch über die Zukunft der Museen, der Schulen, der Unternehmen und der Verwaltungen führen. Und wir werden erkennen, dass sich die Herausforderungen ähneln. Wenn uns aber ein von Menschen gelebtes und mit Inhalten gefülltes System zeigt, wo unsere Probleme liegen, dann sollten wir zuerst beginnen, besser zu zu hören. Mich würde interessieren, wie viele Besucher des kommenden Bibliothekskongresses in Leipzig zuhören? Man muss keine großen Studien in Auftrag geben. Man muss nur die Diskussionen auf Google+ und Twitter über meinen Blogbeitrag verfolgen, um zu sehen was die Menschen denken. Der Bibliothekskongress ist aber kein Ort des Zuhörens. Es ist ein geschlossenes System. So wie sich die Bibliothekswelt zurecht über geschlossene Systeme wie z.B. Amazon aufregt, ist sie selber nicht offen. In Leipzig reden wir mal wieder über die Menschen, aber nicht mit ihnen. Dabei wäre es so einfach: Öffnet den Kongress für die Kunden, Nutzer, Nicht-Kunden und Nicht-Nutzer. Erlasst jedem Kunden/Nutzer die Jahresgebühr für ein Jahr, wenn er auch nach Leipzig kommt. Natürlich ohne Eintritt zu zahlen. Lasset die Kultur- und Bildungskonferenzen zur Gamescom 2.0 werden. Und wenn das nicht geht: Mieten wir doch einfach eine Halle der Köln-Messe während der Gamescom und schauen wir was passiert.

In diesem Sinne eine schöne Nacht

Christoph Deeg

Lasset die Kunden zu mir kommen – wie Bibliotheken mit eBooks und dem mobilen Internet arbeiten können bzw. sollten

Liebe Leser,

ich arbeite für viele verschiedene Kundengruppen. Die beiden größten Gruppen sind dabei Unternehmen und Bibliotheken. Die Arbeit mit mit beiden Zielgruppen macht großen Spass und es gibt mehr Gemeinsamkeiten als man denken mag. Die Ausgangslage und Aufgabenstellung ist auf jeden Fall vergleichbar. In beiden Fällen geht es um das Verständnis der Kultur der digitalen Welt und die Frage, inwieweit man in der Lage ist, diese Kultur in die tägliche Arbeit zu integrieren. Es geht um Veränderungen, neue Kommunikationsformen und sehr oft ein neues Verständnis des Bibliothek-Kunden- bzw. Unternehmen-Kunden-Verhältnisses.

Ich sehe die Tatsache, dass ich viele verschiedene Kundengruppen habe als großen Vorteil, denn so kann ich Ideen aus der einen Lebensrealität in die andere adaptieren. Es ist m.E. sehr wichtig den eigenen Horizont stetig zu erweitern. Deshalb empfehle ich z.B. Bibliotheksmitarbeitern auch immer wieder, nicht den Bibliothekartag sondern eher einen Event wie die Gamescom zu besuchen. Hat man als Bibliotheksmitarbeiter (oder auch Mitarbeiter eines Unternehmens) einmal die Gamescom besucht, hat man mehr gelernt als in fünf Jahren Fachkonferenz wie z.B. dem Bibliothekartag.

Kommen wir aber zum eigentlichen Thema dieses Beitrages. Für Bibliotheken hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Die digitale Revolution ist angekommen. Die Zeiten in denen man sich zurücklehnen konnte um zu diskutieren ob eBooks und iPads nur ein Hype sind, sind endgültig vorbei. Wir erleben nun die Massenverbreitung dieser Angebote und damit verbunden eine Änderung der Nutzungsformen von Medien jeglicher Art. Dabei geht es nicht nur um neue Medienformen oder neue Geräte. Bibliotheken erleben einen Wandel, der viel tiefer geht. In den letzten Jahrzehnten gab es eine mehr oder weniger klare Abgrenzung der Geschäftsmodelle zwischen Bibliotheken und Unternehmen aus der Buch- und Medienbranche. Bibliotheken verliehen die Medien und die Unternehmen verkauften sie. Dieses Nebeneinander war für beide Seiten von Vorteil. Aber diese Aufteilung ist nun Geschichte. Immer mehr Anbieter von Medien beginnen mit eigenen Verleihangeboten. Videos werden von Lovefilm, Maxdome, Sony etc. verliehen, Amazon verkauft nicht nur eBooks, sie haben zudem mit dem Verleih der Inhalte begonnen. Bertelsmann und Holtzbrink schicken mit „Skoobe“ ein eigenes Angebot ins Rennen. Auf der Playstation 3 habe ich ein Jahresabo für die aktuellen Games. Alle diese Angebote, und es gibt noch viel mehr davon, stehen in direkter Konkurrenz zu den Angeboten der Bibliotheken. Sie sind in der Regeln technisch ausgereifter, schneller und komfortabler und die Kosten fallen stetig.

Für Bibliotheken bedeutet dies, dass man sich überlegen muss, wie man mit dieser Situation umgeht. Meiner Meinung nach werden Bibliotheken als Verleihstationen für Medien keine große Zukunft haben. Die Angebote der Konkurrenz – auch Bibliotheken haben ein Angebot zum Verleihen von eBooks und Musik – sind in der Regel weiter entwickelt und durch den Konkurrenzkampf werden die Preise für diese Angebote weiter fallen. Zudem sind diese Unternehmen in der Breite besser aufgestellt und verfügen über die personellen und finanziellen Ressourcen um kontinuierlich spannenden Produkte auf den Markt zu bringen. Bibliotheken können in diesem Wettbewerb wahrscheinlich nicht bestehen. Es geht also darum eine Alternative zum klassischen Angebot zu finden. Eine Möglichkeit wäre das was ich den Wandel von der Bestands- zur Serviceorientierung nenne.

Zu Weihnachten 2012 wurden wieder eine riesige Zahl an eBook-Readern, Tablets, Smartphones etc. verschenkt. Das Interesse an diesen Produkten und den damit verbundenen Inhalten ist riesig und Bibliotheken könnten sich in diesem Bereich als Experten positionieren. Ein wäre es z.B. den Menschen, welche ein solches Gerät erworben haben, Unterstützung anzubieten. Ein klassisches Beispiel ist der Kunde, der zu Weihnachten einen Kindle-Reader von Amazon geschenkt bekommen hat. Sehr oft kommen diese Kunden in die Bibliothek und möchten erfahren, wie man auf diesem Gerät das eBook-Verleih-Angebot der Bibliothek nutzen kann. Leider sind die Kindle-Reader von Amazon nicht kompatibel mit dem Angebot der Bibliotheken. Aber Bibliotheken könnten dem Kunden nun zeigen, wo man bei Amazon kostenlose Bücher bekommt, wie man einen RSS-Reader auf dem Kindle installiert, wo man im Netz kostenlose eBooks findet und wie man diese legal in das Amazon-Format konvertieren kann. Gleiches gilt für die Nutzung von iPads und anderen Geräten.

Nun mag man einwenden, dass man damit ja Unternehmen wie Amazon oder Google unterstützt. Ich denke aber es geht darum, dem Kunden zu helfen. Der Kunde möchte lesen, lernen, spielen etc. und die Aufgabe der Bibliothek ist es dann, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Dies kann bedeuten, dass von diesem Kunden der Bestand der Bibliothek gar nicht mehr genutzt wird. Bekommt der Kunde aber in der Bibliothek diese spannenden Informationen und Hilfestellungen, wird er die Bibliothek damit als Experten für die Welt der Medien wahrnehmen. Somit ist dieser Kunde aufgrund seines geänderten Medien-Nutzungs-Verhalten nicht mehr für die Bibliothek verloren.

Zugegeben, diese Idee lässt sich nicht ohne weiteres umsetzen. Haupthinderungsgrund ist sicherlich die Tatsache, dass in vielen Bibliotheken das dafür notwendige Know How nicht oder nur teilweise vorhanden ist. Aber das kann man ändern. Eine Möglichkeit ist es, die Mitarbeiter mit diesen Angeboten vertraut zu machen. Um dies zu ermöglichen habe ich die Mobile-Internet-Roadshow für Bibliotheken ins Leben gerufen, bei der die Teilnehmer zuerst einen theoretischen Überblick über das Thema bekommen ehe sie dann eine Vielzahl an Geräten selber ausprobieren können. Die Mobile-Internet-Roadshow ist im letzten Jahren gestartet und erfreut sich großer Beliebtheit. Natürlich gibt es die Roadshow auch für andere Institutionen und natürlich auch für Unternehmen. Sie wird dann an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Hat man sich dem Thema auf diese Art und Weise genähert, kann in einem zweiten Schritt im Umfeld der Bibliothek nach Menschen suchen, die Interesse an diesem Thema haben und mithelfen möchten. Die Bibliothek wird also zu einer Plattform für Themen und Menschen.

Bleibt die Frage, wie man das am besten bewerben könnte? Zu Weihnachten wäre es eine Möglichkeit gewesen, Gutscheine für Beratungen auszugeben. Wenn dann ein Kunden plant, zu Weihnachten einen eBook-Reader zu verschenken, kann er den Gutschein gleich mit dazu legen. Der Deal wäre einfach:“Sie kommen mit Ihrem gerät zu uns und wir zeigen Ihnen was man damit alles machen kann. Und wenn wir etwas nicht wissen gegen wir zusammen auf die Suche nach den Antworten“. Ich habe dieses Modell schon an einigen Bibliotheken sehen können. Wichtig ist dabei, dass man sich von dem Ansatz verabschiedet, als Bibliothek alles wissen zu müssen. Im Gegenteil, mit dieser Herangehensweise kann man nicht nur Wissen weitergeben. Man kann auch Wissen bekommen…

Was mich interessieren würde ist, wo Ihr solche Angebote von Bibliotheken gefunden habt? Arbeitet Ihr vielleicht selber in einer Bibliothek und setzt sowas um? Was sind Eure Erfahrungen?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Mein Vortrag zur Zukunft der Kulturvermittlung…

Liebe Leser,

vor ein paar Wochen durfte ich auf dem Symposium zur Kulturvermittlung der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent in Basel sprechen. Über diese tolle Konferenz habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Heute möchte ich Euch nun das Video zum Vortrag präsentieren. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis und ich freue mich über Eure Kritik..

Beste Grüße

Christoph Deeg

Kulturvermittlung und Kulturdialog

Liebe Leser,

ich bin gerade in Grevenbroich. Morgen werde ich einen Workshop zu Kultur- und Bildungsinstitutionen in der digitalen Welt durchführen. Natürlich gehört auch eine Facebook-Beratung mit dazu:-) Heute morgen war ich noch in Basel. Ich durfte nämlich gestern auf einer sehr spannenden Konferenz zur Zukunft der Kulturvermittlung von der Stiftung Pro Helvetia und der Migros Kulturprozent sprechen. Das Thema Kulturvermittlung ist für mich immer wieder interessant. Mit Birgit Mandel habe ich 2011 ein kurzes Blog-Experiment zu diesem Thema gewagt. Und an der Uni Hildesheim darf ich mich in meinem Kurs u.a. mit der Zukunft der Kulturvermittlung befassen.

Was mich an der Einladung auf diese Konferenz besonders freute war die Tatsache, dass ich nicht über die Nutzung von Social-Media und Gaming für die Kulturvermittlung sprechen sollte. Es ging vielmehr darum, die Kultur der digitalen Welt auf die Kulturvermittlung und die Kulturinstitutionen zu übertragen. Nicht Facebook oder Twitter sondern Dialog auf Augenhöhe und Partizipation waren die Themen des Tages. In den letzten Jahren habe ich eine Vielzahl an Vorträgen gehalten und Artikel veröffentlicht, bei denen es immer wieder um die Gegenüberstellung der Kultur der digitalen Welt und der Kultur der Institutionen und Unternehmen geht. Gerade im Kultursektor kann man beobachten, wie zum Einen unglaublich spannende, offene und kreative Projekte und Programme entstehen, während die Institution an sich so bleibt wie sie ist. Ein gutes Beispiel habe ich von Janna Graham gehört. Sie ist Kuratorin an der Serpentine Gallery in London. Wir beide waren die Sprecher des Panels “Zielgruppen, Partner, Clichées: Wie findet Vermittlung ihr «Gegenüber»?” Ihre Darstellung fand ich bezeichnend. Auf der einen Seite führt die Galerie eine Vielzahl an innovativen Projekten wie zum Beispiel das “Centre of possible studies” durch. Gleichzeitig erzählte sie aber auch davon, dass diese “neuen” Projekte in der Institution eher als Addons verstanden werden. Die Institution an sich bleibt bei Ihren vorhandenen Strukturen und Arbeitsweisen. So toll die Projekte auch sind, sie wirken nicht nach innen.

Wenn wir uns über Projekte im Bereich Kunst und Kultur unterhalten geht es zumeist um die Wirkung nach außen. Wie nimmt der Rezipient das jeweilige Werk wahr? Auch die Arbeiten von Francois Matarasso und Lois Hetland gehen in diese Richtung. Dabei sind die Ideen und Erkenntnisse von beiden unbedingt lesens- und hörenswert. Was wir sehr selten untersuchen ist die Wirkung nach innen. Sei es die Wirkung der kulturellen Inhalte oder sei es die Wirkung der Kultur der Rezipienten. Wir vergessen in der Diskussion um Kulturvermittlung sehr, dass wir es quasi nie mit Menschen zu tun haben, die keine Kultur haben oder kennen. Der Begriff “kulturaffin” ist deshalb auch mehr als problematisch, sagt er doch aus, es gäbe Menschen, die mehr mit Kultur zu tun hätten als andere. Aber das stimmt nicht. Kulturaffin meint letztlich nichts anderes als, dass diese Gruppe von Menschen einer bestimmten Kulturform näher stehen soll als eine andere Gruppe. Damit einher geht die Wertung von kulturellen Inhalten. Während meines Vortrages in Basel habe ich u.a. das Publikum gefragt, wer bereit wäre zu sagen, dass ein Computerspiel die gleiche kulturelle Wertigkeit habe wie eine Oper oder ein Theaterstück oder dass die hochgeladenen Fotos von Facebook-Mitgliedern die gleiche Wertigkeit haben können wie eine kuratierte Fotoausstellung. Nur eine äußerst kleine Zahl der Zuhörer war dazu bereit.

Es geht mir nicht um ein neues Dogma oder eine Revolution. Wie bei allen Kulturformen, sei es Malerei, Theater, Computerspiel, eBook etc. geht es um die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt bzw. um Reflektion.

Für mich bedeutet Kulturvermittlung ein Dialog auf Augenhöhe. Und beide Parteien wissen nicht, was am Ende dieses Dialogs rauskommt. Es geht auch um Offenheit und Partizipation und es geht um gegenseitiges Lernen. Kulturinstitutionen können von den Menschen lernen – wenn sie Kulturvermittlung als Dialog auf Augenhöhe verstehen. Kommen wir aber zurück zu der Frage, warum wir uns mehr mit der Wirkung der Kultur der Rezpienten auf die Kulturinstitutionen beschäftigen sollten. Wann immer eine Institution einen neuen Weg geht, ist dies zugleich ein Versprechen. Wenn ich z.B. als Museum eine Seite auf Facebook betreibe, dann ist dies mehr als eine PR-Plattform. Ich bewege mich im Kulturkreis der Menschen die ich erreichen will. In der digitalen Welt, in der es um Kooperation, Transparenz, Offenheit und Interaktion geht, wird sehr genau hingesehen. Ist die Facebook-Seite nur ein Addon oder lebt die Institution diese neue Kultur wirklich? Ist sie auch in der realen Welt offen, interaktiv und kooperativ? Das Problem für Kulturinstitutionen entsteht dann, wenn die Menschen aufgrund der Aktivitäten der Institution in der digitalen Welt kommen und dann einen Ort vorfinden, der mit dem was kommuniziert wurde nichts zu tun hat. Gewiss, die Inhalte sind da, aber die Art der Kommunikation unterscheidet sich von dem was angekündigt wurde. Mich interessiert aber nicht nur das Werk, sondern auch der damit verbundene Service bzw. die damit verbundene Umwelt. Ich möchte damit auf keinen Fall behaupten, dass Kulturinstitutionen per se nicht offen, kooperativ, interaktiv etc. sind. Aber ich glaube, dass wir akzeptieren müssen, dass es auch eine Kultur der Institutionen gibt.

In meiner Vision sind Kulturinstitutionen Plattformen für einen Dialog auf Augenhöhe. Sie stehen für spannende kulturelle Inhalte und anerkennen zugleich die ebenso wertvollen kulturellen Inhalte der Menschen. In diesem Moment brauchen wir nicht mehr von Zielgruppen zu reden, denn ein Dialog auf Augenhöhe ist kein “Special” für ausgesuchte Gruppen. Es ist vielmehr die menschlichste Variante der Kommunikation. So kann die digitale Welt den Kulturinstitutionen und Kulturvermittlern als Beispiel und Inspiration für die Weiterentwicklung der Institutionen als Ganzes dienen.

Wir brauchen also eine neue Form der Kulturvermittlung. Der Kulturvermittler der Zukunft hilft beiden Seiten, die jeweils andere zu verstehen. Vielleicht sollten Kulturvermittler nicht von den Kulturinstitutionen bezahlt werden. Vielleicht sollte es für Kulturvermittler ein eigenes Budget geben, denn auf diese Weise könnten sie offen und frei auf beiden Seiten wirken.

Diese Fragestellung, also der Umgang mit den Menschen/Kunden/Nutzern etc. ist sowohl für Unternehmen als auch für Institutionen relevant. Der beste Kulturvermittler ist der, der zuerst zuhört und lernt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Lernen in Zeiten von Social-Media und iPads – Vortragsreihe mit Michael Stephens (USA)

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch eine ganz besondere Veranstaltung empfehlen. In zwei Wochen kommt der US-amerikanische Speaker Michael Stephens nach Deutschland. Michael Stephens beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie neue Kommunikations- und Medientechnologien das Lernen und Arbeiten in der Zukunft verändern werden.

Seit 2009 bin ich ehrenamtlich im Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V. aktiv. Im Rahmen dieser Arbeit haben wir zusammen mit unserem Kooperationspartner der US-Botschaft Berlin schon 2010 Michael Stephens nach Deutschland holen können. Damals ging es um einen Vortrag auf dem Bibliothekskongress in Leipzig:

Ich freue mich sehr, dass wir zusammen mit der US-Botschaft erneut die Möglichkeit haben, Michael Stephens nach Deutschland zu holen. Dieses mal werden wir eine kleine Deutschlandtournee veranstalten.

Die Termine und Orte sind:

22.10.2012 Ort: Berlin Zentral- und Landesbibliothek/Berlin-Mitte/Berlin-Saal Breite Str. 36, 10178 Beginn 20:00h

23.10.2012: Ort: Frankfurt/Main Nationalbibliothek Sitzungssal der Generaldirektion Deutsche Nationalbibliothek Adickesallee 1 D-60322 Frankfurt am Main Beginn 19:00h

25.10.2012: Ort: Köln Fachhochschule Köln Hörsaalgebäude in der Claudiusstraße 1, 50678 Köln Beginn: 19:30h  Achtung: die Veranstaltung in Köln beginnt schon um 19:00h Das Anmeldeformular findet Ihr hier: http://www.fbi.fh-koeln.de/vortraege/anmeldungen.php

26.10.2012: Ort: Hamburg TU Hamburg-Harburg Beginn 17:00h Weitere Informationen zur Veranstaltung an der TU Hamburg-Harburg findet Ihr hier.

Ich möchte Euch alle einladen, eine der Veranstaltungen zu besuchen. Die Teilnahme ist kostenlos!! Die Veranstaltung eignet sich für alle Menschen aus dem Kultur- und Bildungsektor. Bitte tragt diese Informationen in Eure Netzwerke….

Beste Grüße

Christoph Deeg

Digital-Analoge Räume – mein Hotel und mein mobiles zuhause…

Liebe Leser,

ich bin wieder unterwegs. Social-Media-Workshops mit 10 Institutionen an 10 Tagen. Man kommt viel rum. Ich sitze im Zug, höre Keith Jarret und denke über Räume nach. Es mag vielleicht komisch klingen aber Räume sind in der digitalen Welt sehr wichtig. Dabei geht es nicht nur um virtuelle Räume sondern vielmehr um reale Räume, die sich mit dem Digitalen verbinden.

In den letzten Monaten konnte ich beobachten, das sowohl die digitale Welt als auch soziale Räume an Bedeutung gewinnen. Viele Unternehmen erleben gerade, dass die digitale Welt Ihren Arbeitsraum verändert. Kulturinstitutionen wie Bibliotheken erleben gerade, wie Ihr greifbarer bzw. in der Bibliothek verortbarer Bestand an Bedeutung verliert, während die Bibliothek als Service in der digitalen Welt und als Raum in der realen Welt an Bedeutung gewinnt.

Es geht dabei nicht nur um Technologie sondern vielmehr um neue Formen des Denkens, Arbeitens und Erlebens. Und es geht glaube ich weniger um Design und vielmehr um ein individuelles Erlebnis.

In meiner Arbeit bin ich sehr viel unterwegs. Im Durchschnitt bin ca. 150 Nächte pro Jahr im Hotel. Ich lebe sozusagen in virtuell-analogen Räumen. Jedes Hotelzimmer ist nicht mein Zimmer. Es ist eine Vision, eine Idee und es geht darum, mir ein Gefühl von zuhause zu geben. Es klappt nicht immer und es bedeutet nicht Luxus oder Design. Es soll Musiker geben, die sich vertraglich zusichern lassen, dass sie auf einer Tournee in jedem Hotelzimmer auf dem Kopfkissen einen grünen Apfel finden. Es ist eine Art Fixpunkt. Wenn man wie ich sehr viel reist geht es längst nicht mehr um Luxus sondern vielmehr um ein Gefühl des Wieder-Erkennens.

Manche Gegenstände bzw. manche Dinge haben für uns eine besondere Bedeutung. Wir verbinden mit Ihnen ein bestimmtes Gefühl oder auch eine bestimmte Tätigkeit. Am auffallendsten ist für mich bei Bibliotheken zu beobachten. Viele Menschen gehen mit ihren iPads, Laptops oder eBook-Readern in die Bibliothek um dort zu arbeiten bzw. zu lernen. Sie nutzen den Bestand der Bibliothek nicht. Die Bibliothek ist also ein Lernort auch wenn der Bestand gar nicht genutzt wird. Ich selber gehe gerne ins Museum. Manchmal interessieren mich die dort ausgestellten Werke gar nicht. Es ist vielmehr der Raum, der mich reizt. Natürlich gehören die ausgestellten Werke mit dazu, aber ich beschäftige mich nicht mit Ihnen.

Ich lese sehr gerne. Ehrlich gesagt kann ich nicht gut einschlafen, wenn ich vorher nicht ein paar Zeilen lesen konnte. Ich lese keine gedruckten Bücher. Ich nutze meinen Kindle-Reader. Seitdem ich dieses Gerät habe lese ich nicht nur mehr, ich gebe auch mehr Geld für Bücher aus. Für mich persönlich ist der eBook-Reader eine echte Bereicherung. Und trotzdem möchte ich nicht auf die Bücher in meinem Arbeitszimmer verzichten. Ich rühre sie nicht an aber sie verschwinden auch nicht in einem Karton im Keller. Dabei habe ich diese Bücher nahezu alle zusätzlich als eBook erworben.

Wie gesagt bin ich sehr viel unterwegs. Und neulich kam mir eine Idee. Wie wäre es wenn es Hotelzimmer gäbe, bei denen eine Wand ein riesiger Bildschirm wäre, auf dem ein Bücherregal dargestellt würde? Die Bücher in diesem Regal wären die Bücher, welche ich auf meinem Kindle habe. Ich weiß, dass es solche Wände gibt. Es wäre also technisch umsetzbar. Diese Wand wäre also der grüne Apfel, der Fixpunkt.

Es gibt tausende von Menschen, die wie ich sehr viel unterwegs sind. Und auch wenn dies kein neues Phänomen ist, gibt es z.B. von Kultur- und Bildungsinstitutionen so gut wie keine interessanten Angebote. Es gibt weder einen für alle Bibliotheken in Deutschland gültigen Bibliotheksausweis noch spezielle Angebote von Museen oder Opern. Es sind vielmehr Technologie- und Content-Anbieter die für die kulturelle Versorgung von viel reisenden Menschen sorgen.

Ich bin gespannt, was eher realisiert wird: das virtuelle Bücherregal oder der globale Bibliotheksausweis…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Ein neues Projekt – Social-Media-Coaching für 15 Bibliotheken

Liebe Leser,

heute möchte ich über ein neues Projekt berichten. Genauer gesagt ist es die Fortführung eines Projektes, bei dem ich schön länger mitarbeiten darf. Das Ministerium für Familie, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und die Bezirksregierung Düsseldorf haben vor mehr als drei Jahren das Projekt “Lernort Bibliothek” ins Leben gerufen. In diesem Projekt geht es um die Frage, wie öffentliche Bibliotheken zu einem Lernort 2.0 werden können. Dieses Projekt besteht aus verschiedenen Bereichen. Es gibt z.B. Arbeitsgruppen mit Vertretern der teilnehmenden Bibliotheken, und ausgesuchten Experten. In einigen Bibliotheken werden die Innenräume umgestaltet. Es gibt eine Vielzahl an Veranstaltungen zu verschiedenen Themen usw. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Beratung und Begleitung der Bibliotheken in die Digitale Welt – und da komme ich ins Spiel.

Die Digitale Welt bedeutet für Bibliotheken eine große Chance und eine ebenso große Herausforderung. Themen wie Social-Media oder Gaming verändern die Welt der Bibliotheken nachhaltig. Dabei geht es nicht um den Wandel von der Bestands- zur Serviceorientierung sondern vielmehr um eine Neu-Positionierung der Bibliotheken als ganzes. D.h. die Arbeit im Bereich Social-Media hat einen Einfluss auf alle anderen Aktivitäten inkl. der Verteilung der vorhandenen Ressourcen und die individuellen Strukturen. Bibliotheken sind den anderen Kultur- und Bildungsinstitutionen bezüglich der Nutzung morderner Medien in der Breite weit voraus. Gleichzeitig ist der Impact auf die Arbeit dieser Institutionen um ein Vielfaches größer, da sich auch die Medien bzw. die Inhalte mit denen Bibliotheken arbeiten verändern.

In den nächsten sechs Monaten werde ich 15 Bibliotheken in Social-Media-Welt begleiten. Es geht dabei um je zwei Coachingtage, die im Abstand von ca. drei Monaten stattfinden. Alle teilnehmenden Bibliotheken haben schon einen Einführungsworkshop sowie einen ersten Coachingtag hinter sich. Ziel der ersten Workshops war, den Bibliotheken einen Einblick in die Social-Media-Welt zu geben und zudem mit eigenen Aktivitäten zu starten. Die zweite Runde oder der zweite Level :-) hat nun die Aufgabe, im Rahmen von jeweils zwei weiteren Coachingtagen diese Aktivitäten zu professionalisieren. Dazwischen gibt es Videokonferenzen und einen Projektwiki, d.h. die Bibliotheken können auch mein Know-How die ganzen sechs Monate zurückgreifen.

Bleibt die Frage: Warum Social-Media-Coachingtage? In den meisten Fällen beginnt die Arbeit im Bereich Social-Media mit einem Einführungsworkshop. Dabei lernen die Teilnehmer, worum es im Social Web geht und was man dabei beachten muss. Man lernt verschiedene Plattformen kennen und startet mit eigenen Aktivitäten. Sehr oft wird davon ausgegangen, dass mit diesem Workshop alles geregelt worden ist und einer erfolgreichen Reise im Social Web nichts mehr im Wege steht. Dabei entstehen in der Regel drei wesentliche Probleme:

1. Viele Fragen ergeben sich erst dann, wenn man im Web aktiv ist. In einem Einführungsworkshop können nicht alle Eventualitäten geklärt werden. Im Gegenteil, es ist sogar wichtig, eigene Erfahrungen – auch negative – zu machen. Es gibt keine Gebrauchsanweisung für das Social Web.

2. Social-Media ist immer nur ein Teil der Aktivitäten einer Institution oder eines Unternehmens. Im Rahmen eines Workshops mag es einfach sein, zu bloggen oder zu twittern. Wie aber integriert man dieses Arbeit in das Tagesgeschäft? Und wie überzeugt man das Umfeld/den Träger davon, dass diese Aktivität wichtig ist, bzw. dass es eben nicht nur um PR sondern um eine den anderen Aufgaben gleichgestellte Arbeit geht? (Auch wenn in andere Arbeitsbereiche mehr Ressourcen fließen, sollte Social-Media nicht als optionales Add-On verstanden werden)

3. Die Aktivitäten im Web beginnen in der Regel mit einer Phase des Ausprobierens. Erst nach ein paar Monaten kann man mit dem Aufbau einer nachhaltigen Social-Media-Strategie beginnen. Erst wenn man die Grundfunktionen der einzelnen Plattformen und die Kultur des Social Web verstanden hat, kann man mit der eigenen Positionierung und Professionalisierung beginnen.

Aus diesen drei Gründen werde ich also im nächsten halben Jahr wieder durch Nordrhein-Westfalen reisen und über meine Erfahrungen auf meinem Blog berichten. Wer mehr über das Gesamtprojekt wissen möchte kann dies unter http://oebib.wordpress.com/ tun.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Drei Gründe warum Kultur- und Bildungsinstitutionen in der digitalen Welt aktiv sein sollten

Liebe Leser,

in meinen Workshops, Beratungsgesprächen und Vorträgen werde ich immer wieder mit einer Frage konfrontiert:”Warum sollen wir eigentlich Social-Media machen?” Die Frage ist mehr als berechtigt. Einer der größten Fehler im Bereich Social-Media ist der, in diesem Feld aktiv zu sein ohne zu wissen warum. Aber natürlich geht es auch um die Frage, ob es sich überhaupt lohnt. Denn eines ist klar: Social-Media ist nicht kostenlos. Die Nutzung der meisten Plattformen mag unentgeltlich möglich sein. Aber natürlich entstehen Kosten für Personal, Hardware, Software etc. Wenn man also im Web aktiv ist soll es auch etwas bringen. Ich möchte in diesem Beitrag auf die Frage nach dem Warum eingehen und drei Gründe nennen, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen im Social Web aktiv sein sollten:

1. PR und Öffentlichkeitsarbeit
Natürlich ist dies ein Grund im Social Web aktiv zu sein. Man kann durch Social-Media-Aktivitäten sehr viele Menschen erreichen – wenn man es denn richtig macht:-) Sehr oft werden Blogs oder Facebookseiten als Plakatwände missbraucht. Dabei sollte jedem klar sein, das das Social Web kein Platz für Presseerklärungen ist. Das Social Web ist der Ort für einen Dialog auf Augenhöhe. Und das kann bedeuten, dass man mit Kritik an den eigenen Aktivitäten konfrontiert wird. Und das ist gut so. Denn diese Kritik wird so oder so geäußert – jetzt bekommt man es mit und kann reagieren. Leider ist es so, dass sehr viele Institutionen das Web ausschließlich zur Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Sehr oft ist es eine originäre Aufgabe des Verantwortlichen für die Öffentlichkeitsarbeit – bzw. für den Azubi oder den Praktikannten. Schließlich sind die ja Digital Natives und müssen das wissen:-) Woher das Wissen der Digital Natives kommen soll, wenn die meisten Schulen in Deutschland noch in der Kreidezeit leben ist mir schleierhaft aber Hauptsache wir sind im Social Web dabei…

2. Neue Services
PR und Öffentlichkeitsarbeit können aber nicht der einzige Grund sein. Im Gegenteil, ich behaupte, dass sie nur 30% der Social-Media-Aktivitäten einer Kultur- und Bildungsinstitution ausmachen sollten. Ein ebenso bedeutendes Thema ist die Entwicklung und Realisierung von Services, die entweder im Social Web stattfinden oder aber damit verbunden sind. PR und Öffentlichkeitsarbeit versucht sehr oft in der Welt des Social Web auf etwas aufmerksam zu machen, was außerhalb des Web stattfindet. Die digitale Welt bietet aber völlig neue Nutzungsmöglichkeiten. Es geht z.B. um neue Formen der Kultur- und Wissensvermittlung. Das bedeutet, das wir nun völlig neue Services brauchen. Eine Institution, die dies versteht und zugleich umsetzen kann, wird sich ganz anders im netz positionieren können als jemand, der “nur” PR und Öffentlichkeitsarbeit macht.

3. Verantwortung für die digitale Welt
Viele Leser mögen bei den beiden ersten gründen noch ohne weiteres zustimmen können. Ich möchte aber nun auf einen Punkt zu sprechen kommen, der m.E. kaum bzw. gar nicht diskutiert: die Verantwortung für den digitalen Raum. In vielen Publikationen und Erklärungen heißt es immer wieder, Kultur- und Bildungsinstitutionen gestalten unsere Gesellschaft. Wenn dieser Gestaltungsprozess wirklich eine Aufgabe der Institutionen ist, und wenn wir des weiteren akzeptieren, dass die digitale Welt zur Lebensrealität von Millionen von Menschen gehört und damit ebenso Teil unserer Gesellschaft ist, dann haben die Kultur- und Bildungsinstitutionen auch eine Verantwortung für die Gestaltung der digitalen Welt. Dann geht es nicht mehr um die Frage, wie viele zusätzliche Kunden/Nutzer/Besucher man durch die Social-Media-Aktivitäten generieren kann. Dann geht es vielmehr um das Verständnis, das der digitale Raum die natürliche Erweiterung einer jeden Kultur- und Bildungsinstitution ist. Bleibt die Frage, seht Ihr noch weitere Gründe, warum Kultur- und Bildungsinstitutionen die digitale Welt aktiv gestalten sollten?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Ist Social-Media und Gaming langweilig geworden?

Liebe Leser,

in den letzten Wochen habe ich wieder auf vielen Tagungen und Konferenzen zu Social-Media und Gaming und ihre Bedeutung für Kulturinstitutionen, Unternehmen, die Aus- und Weiterbildung und das Innovationsmanagement sprechen dürfen. Diese Vorträge machen mir immer sehr großen Spass. Ich kann meine Ideen zur Diskussion stellen, lerne spannende Menschen und Orte kennen und kann zudem neue Barbecue-Rezepte bekommen.

In meinen Vorträgen versuche ich immer die Balance zwischen Aktivieren und Anschieben zu finden. Für viele Menschen bedeutet die digitale Welt einen tiefen Einschnitt in ihr Leben. Ganze Berufsbilder verschwinden oder werden nachhaltig verändert. Und so kommt es immer wieder zu Situationen, bei denen ich vorsichtig ausgedrückt massiv kritisiert werde. Solche Situationen sind nie angenehm, denn sie bedeuten einen Konflikt, für den ich mit meinen Inhalten stehe, den ich aber nicht lösen kann. Und eigentlich müsste ich mich freuen, wenn alles entspannt verläuft. Und doch bin ich im Moment etwas ratlos.

Eigentlich müsste ich glücklich sein. Als ich auf dem Bibliothekartag in Hamburg darüber sprach, dass Bibliotheken vor allem von Gaming-Communitys etwas lernen können und sollten gab es keine Kritik. Und als ich eine Woche später auf dem Bibliothekskongress Villach (Österreich) darüber sprach, dass der Bestand einer Bibliothek immer unbedeutender wird und dass es um einen Wandel von der Bestands- zur Serviceorientierung geht, gab es keine Proteste. Wie gesagt, eigentlich müsste ich sehr froh sein – Viel Spass noch:-)

Aber wenn ich mir das Bild genauer ansehe, stimmt irgendetwas nicht. Auf der einen Seite scheinen sich alle an die Themen Social-Media und Gaming gewöhnt zu haben. Die stARTconference und das erstmalig angedachte Operncamp fallen erstmal aus. Also gibt es keinen Bedarf mehr an dem Thema? Ist Social-Media angekommen? Ist Gaming langweilig? Auf der anderen Seite sind immer noch die meisten Kultur- und Bildungsinstitutionen nicht im Social Web aktiv. Und auch bei den Unternehmen sieht es nicht besser aus. Zwar haben viele eine Facebookseite oder einen Blog aber sehr oft handelt es sich dabei um klassische Werbung und/oder PR oder – noch schlimmer – das ganze wird als Kampagne von einer der vielen Werbeagenturen umgesetzt. Die Kultur, die Denk- und Arbeitsweisen von Social-Media und Gaming sind noch nicht in der Breite verstanden und adaptiert worden. Das ist schade, denn hier liegen unglaubliche Möglichkeiten.

Also woran liegt es? Ich glaube Social-Media, Gaming etc. werden langweilig. Das Mobile Internet ist jetzt cool. Dabei wird sehr oft vergessen, dass das Mobile Internet nicht wirklich funktionieren kann, wenn man Social-Media und Gaming nicht verstanden hat. Auch in der digitalen Welt gibt es keine Abkürzungen. Wir, die wir Unternehmen und Institutionen beraten sollten dies nicht vergessen und wenn möglich offen ansprechen.

Zudem glaube ich, dass die stARTconference und das Operncamp vor allem deshalb in 2012 nicht funktionierten, weil wir es im Kultur- und Bildungssektor nicht geschafft haben die Entscheider zu aktivieren. Eine Bewegung von unten nach oben kann in einem streng hierarchischen System nur in Grenzen funktionieren. Weder die Politik noch die Direktoren von Bibliotheken, Museen, Opernhäusern, Theatern etc. haben in der Breite verstanden um was geht. Wir diskutieren zu oft über noch eine neue Idee – gestern noch transmedia storytelling heute schon social TV – und wir sorgen uns um Plattformen wie Facebook. Und natürlich darf man den Datenschutz und das Urheberrecht nicht vergessen. All das sind natürlich auch wichtige Themen, aber das reicht nicht aus. Solange die Kulturen des Web und des Gamings nicht in den Institutionen angekommen sind, werden wir nicht erfolgreich sein. Solange wir nicht die Politik und die Leitungsebenen der Institutionen und Organisationen überzeugen, können wir nichts erreichen.

Ich freue mich darüber, dass immer mehr Menschen verstehen, dass da gerade etwas großes passiert. Ich freue mich auch darüber, dass meine Vorträge entspannter verlaufen. Aber ich sorge mich um die Umsetzung um Kultur- und Bildungssektor. Wenn wir hier nicht beginnen, in der Breite einen Wandel zuzulassen, werden wir die Chancen des Web und der Welt des Gamings nicht nutzen – dann werden es andere tun…

Beste Grüße

Christoph Deeg