Archiv der Kategorie: Innovationsmanagement

Social Media als Querschnittsfunktion des Managements

Liebe Leser,
vorgestern durfte ich auf dem Treffpunkt Kulturmanagement zum Thema „Social Media als Querschnittsfunktion des Managements“ sprechen. Dieses Thema ist für mich besonders spannend.

Für Viele ist Social Media eine Aufgabe für PR- und/oder Marketingabteilungen. Diese Herangehensweise ist nicht falsch aber eben auch nicht richtig. Es gibt kein Unternehmen und keine Organisation, für die Social Media nicht relevant ist. Alle Geschäftsbereiche eines Unternehmens/einer Organisation werden direkt und/oder indirekt durch Social Media beeinflusst. Dabei geht es nicht nur um Plattformen und Technologien sondern vielmehr um eine neue Kultur bzw. eine neue Form zu Denken und zu Arbeiten. Möchte man als Unternehmen oder Organisation Social Media erfolgreich nutzen, kann dies nicht die Aufgabe der PR- oder Marketingabteilung sein. Es muss dann eine Management- bzw. Querschnittsfunktion des gesamten Unternehmens sein. Am Beispiel von Kulturinstitutionen habe ich versucht, zu beschreiben, was diese Idee in der konkreten Umsetzung bedeutet. Das wir dabei u.a. zu dem Schluss gekommen sind, dass Kulturinstitutionen letztlich kein strategisches Management kennen, war für mich sehr interessant – aber nicht weiter verwunderlich:-)

Natürlich wurde der Vortrag aufgezeichnet. Ich wünsche Euch viel Spass damit und freue mich auf die Diskussion…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Gaming in Asien oder wie ich VIP-Kunde von China Eastern Airlines wurde – Teil 1

Liebe Leser,

auf meiner Forschungsreise zum Thema “Gaming in Ost-Asien” für das Goethe-Institut bin ich mittlerweile in Tokio angekommen. Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit ein paar Worten zu Shanghai beginnen aber leider war es dort nicht möglich, auf meinen Blog zuzugreifen – obwohl ich einen VPN-Tunnel benutze. Nun kann ich also erst in Tokio über meine kurze Zeit in Hongkong und Shanghai schreiben. In Tokio zu sein ist ein gutes Gefühl. Bereits am Flughafen hat man kostenloses High-Speed-Wlan und hier im Hotel habe ich sogar eine Breitband-Verbindung. Und dann gibt es noch diese High-Tech-Toilette in meinem Zimmer, die – mit einer Vielzahl an Sensoren ausgestattet- unglaubliche Funktionen aufweist. Ich gehe hier jetzt nichts ins Detail aber eines ist sicher: im Badezimmer meines Hotels ist wahrscheinlich mehr Hochtechnologie vorhanden als in mancher deutschen Bildungs- oder Kulturinstitution. Ich weiß, dass dieser Vergleich ein bisschen hinkt aber andererseits ist es wirklich beeindruckend was hier in Tokio passiert.

Die Eindrücke der letzten Tage waren so vielfältig, dass ich im Moment gar nicht weiß, wie ich das alles verarbeiten soll. Und ich weiß auch nicht, wie ich einen einzigen Blogbeitrag darüber schreiben soll. Ich werde diesen Beitrag deshalb in zwei bis drei Beiträge aufteilen, die ich dann im Abstand von einigen Stunden posten werde. Beginnen möchte ich mit einer Beschreibung der letzten Tage. Im folgenden Beitrag möchte ich dann ein paar allgemeine Gedanken zu meiner Asienreise posten, ehe ich dann im dritten Beitrag noch mal auf den aktuellen Stand meiner Recherche zum Thema “Gaming in Asien” eingehen möchte.

In meinem letzten Beitrag ging es um den ersten Tag in Hongkong. Deshalb beginne ich nun mit dem zweiten Tag in Hongkong – der auch gleichzeitig der erste Schritt hin zu einem VIP-Kunden der Eastern Airlines wurde. Der Tag begann mit einem Treffen mit Dr. Leino von der School of Media an der City University Hongkong. Wir sprachen über mögliche Unterschiede zwischen Asien und Europa im Bereich Gaming. Ein Unterschied war für ihn der Zeitfaktor. In Hongkong hätten die Menschen viel weniger freie Zeit zur Verfügung. Zudem würde freie Zeit nicht wirklich frei sein. Auch hier gäbe es Verbindlichkeiten wie z.B. die “Erwartung” der Community auch jetzt noch etwas für das eigene Weiterkommen zu tun. Diese Sichtweise deckt sich mit den Aussagen meiner Gesprächspartner in Hongkong, die im Bereich Social-Gaming auf Facebook das Problem haben, dass sehr viele Nutzer nicht möchten, dass auf Facebook und damit verbunden in Ihrer Community bekannt wird, dass sie spielen. Dr. Leino konnte aber noch von einer weiteren spannenden Erfahrung berichten. Der wesentliche Unterschied zwischen Euorpa und Hongkong sei für ihn bei seinen Studenten zu finden. Würde er in Europa fragen, welche Spiele seine Studenten am meisten spielen würden bzw. für die besten Spiele hielten, würde er eine lange Liste mit unterschiedlichen Spielen bekommen. In Hongkong sei dies nicht der Fall. Den Studenten würde es schlichtweg an Gaming-Erfahrung mangeln. Dies bedeute nicht, dass diese Studenten schlechter wären. Der Impact von Gaming auf die Lebensrealität der Studenten sei aber geringer gewesen. Allerdings könne es auch sein, dass sich die Menschen, die sehr viele Spiele spielen, für einen anderen Beruf entscheiden – der u.U. angesehener sei. Die individuelle Entwicklung sei also eine ganz andere. Zudem würden die vorhandenen Medienplattformen (Smartphone, Tablets etc.) anders genutzt.

Dieser Gedankengang geht auch in die Richtung von Aram Armstrong, den ich am Vortag auf dem Barcamp Hongkong getroffen hatte. Für ihn waren u.a. unterschiedliche Zielgruppendefinitionen der Games-Entwickler und Games-Publisher entscheidend. Viele asiatischen Unternehmen würden sich weniger auf die verhältnismäßig kleine Gruppe der gut ausgebildeten und zahlungskräftigen Kunden konzentrieren. Diese verfügten zwar über die Bildung um komplexe Spiele zu spielen, die notwendigen finanziellen Ressourcen z.B. für Hardware und zudem über die dafür notwendige Zeit. Allerdings seien diese Zielgruppen zu klein. Hier wird also der “Long Tail” zum Geschäftsmodell. Diese Spiele sind aber weniger komplex und haben damit einen viel geringeren Impact auf andere Lebensbereiche.

Im Anschluss an dieses Meeting ging es dann zum Goethe-Institut in HongKong. Dort durfte ich vor den Direktoren aller Nord-Ost-Asiatischen Goethe-Institute zum Thema Gaming sprechen. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie Gaming die Kultur- und Wissensvermittlung also das Lernen unterschiedlicher Inhalte verändern kann. Zudem es auch um mögliche Projekte der Goethe-Institute in diesem Bereich. Für nahezu jede Kultur- und Bildungsinstitution sollte Gaming ein wichtiges Thema sein. Allerdings sollte man dies m.E. nicht tun, weil man glaubt, an diesem Thema komme man jetzt nicht vorbei – man müsse es also tun. Dabei sollte immer eines klar sein: wenn man sich mit Social-Media und/oder Gaming beschäftigt weil man glaubt dies tun zu müssen, und nicht weil man dieses Thema gut findet und sich damit beschäftigen will, wird es nicht funktionieren.

Leider hatte ich nur 1,5 Stunden Zeit denn dann musste ich los zum Flughafen um von Hongkong nach Shanghai zu fliegen. Es war alles sehr eng – aber ich war pünktlich am Gate zum Boarding. Ich freute mich schon auf die nächste Station meiner Reise und las noch ein bisschen mit meinem Kindle-Reader, als ich einschlief. Nach ca. einer Stunde wachte ich wieder auf, aber irgendetwas stimmte nicht. Und dann wurde ich unruhig: das Flugzeug stand immer noch am Gate. Wir waren nicht gestartet. Es dauerte eine weitere halbe Stunde und dann wurden wir gebeten, dass Flugzeug wieder zu verlassen. Und dann begann die große Odysse. Es hieß, in Shanghai sei es neblig un der Pilot habe entschieden nicht zu fliegen. Vielen Dank auch:-) Das nächste Update sollte in einer Stunde erfolgen. Und so ging es weiter bis spät in die Nacht. Die Mitarbeiter vor Ort konnten oder wollten keine eigenen Entscheidungen treffen und so blieb unser Status auf “delayed”. Ich dachte schon, die Bahn hätte eine Fluglinie gekauft:-) Nun wurden die Passagiere immer unruhiger sprich aggressiver. Es gab dann ein Angebot, welches ich nicht annehmen wollte: Man bekam ein Zimmer im Hotel und sollte dann am nächsten wieder vorbeikommen, um dann irgendwann auf einem anderen Flug mitgenommen werden zu können. Mehr und mehr Passagiere ließen sich darauf ein aber ein kleiner harter Kern blieb. Gegen 02h morgend wurde der Flug dann gecancelt – wir sollten ursprünglich um 18:35h starten. Nun versprach man uns einen Flug morgens um 07h. Dafür lohnte es ich aber nicht mehr ins Hotel zu gehen. Also durften wir in die Lounge des Flughafens (da war ich noch kein VIP). Um in die Lounge zu kommen mussten wir aber wieder nach HongKong einreisen, also dauerte es weitere 2 Stunden, bis wir endlich etwas entspannen konnten. Am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich nach Shanghai – und war endgültig todmüde. Nun hatte ich aber den ganzen Tag Termine, also hieß es soviel Kaffee und Espresso trinken wie irgend möglich.

In Shanghai angekommen traf ich mich zum ersten mal mit Douglas Wang. Douglas Wang ist Ich könnte jetzt viele Worte finden um ihn zu beschreiben. Aber es ist besser, Ihr schaut Euch einfach seine Präsentation bzw. Visualisierung zur Frage wie Design und Innovation funktionieren an. Ihr findet sie, wenn Ihr auf diesen Link klickt. Douglas war nicht nur ein weiterer Termin. Douglas begleitete mich die ganze Zeit meines Aufenthalts in Shanghai. Er zeigte mir eine Vielzahl an spannenden Orten. Beantwortete mir alle meine Fragen und versuchte mir die chinesische Kultur näher zu bringen. Ich durfte sogar zu seinen geschäftlichen Meetings mitfahren – und ich wurde in die Geheimnisse der chinesischen Küche eingeführt. Ich habe unglaublich viel von Douglas gelernt. Und ich habe durch ihn jetzt Team von Designern und Programmierern in meinem Netzwerk. In Zukunft kann ich also die Entwicklung und Realisierung nahezu jeder Plattform inkl. Augmented Reality und 3D-Animationen anbieten:-) Ich werde meinen Blog mal wieder umbauen müssen um diesen neuen Bereich sinnvoll präsentieren zu können. Wie gesagt, ich habe von Douglas sehr viel gelernt. Ich möchte beispielhaft zwei Punkte nennen: Zum Einen sei es für die Chinesen (Ich weiß das es nicht “die Chinesen” gibt – aber ich verallgemeinere jetzt mal) sehr schwer eine eigene Spielkultur zu entwickeln. Die Kulturrevolution habe die Verbindung zur chinesischen Tradition und Kultur in weiten Teilen der Bevölkerung nachhaltig in Frage gestellt. Die Suche nach einer eigenen chinesisichen Identität habe gerade erst begonnen. Zwar würden Millionen von Chinesen Computerspiele spielen, jedoch würde sich die Form des Spielens stark von anderen Kulturen unterscheiden. Spielen sei hier zumeist ein Mittel um Zeit tot zu schlagen. Es ginge nicht darum zu denken (im Sinne von Reflexion) sondern um zu handeln (Im Sinne von aktiv sein). So würden die meisten Spiele auf dem Smartphone/Handy in der U-Bahn etc. gespielt. Ein anderer wichtiger Punkt sei die bildhafte Wahrnehmung von Inhalten. Die Gemälde der chinesischen Tradition – und diese erlebe wie gesagt eine schleichende Renaissance – würden den jeweiligen Ort des Geschehens aus einer Art “göttlichen Perspektive” darstellen.

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Man kann auf dem Bild, welches ich in einem restaurierten Haus in Shanghai aufgenommen habe eine alte Zeichnung erkennen. Die Darstellung ist auf den ersten Blick stimmig. Schaut Euch aber mal die Proportionen der einzelnen Figuren an. Hier wird 2D mit 3D vermischt. Die Figuren müssten eine unterschiedliche Größe haben, damit sie in die 3D-Welt passen – sie sind aber alle gleich groß. Es gibt bestimmte Spiele wie z.B. Ego-Shooter, die eine komplett andere Darstellung haben. Diese sind lauf Douglas für die meisten Chinesen weniger interessant. Anders ausgedrückt: Wenn die Renaissance der chinesischen Kultur in der Bevölkerung immer mehr Teil der Lebensrealität wird, verändert sich deren Wahrnehmung und ebenso ihre visuelle Erwartungshaltung. Ich könnte wie gesagt noch vielmehr über Douglas schreiben – und ich werde dies auch tun.

Am Abend gab es dann ein Dinner mit Douglas Wang und JinGe. JinGe ist u.a. Kommunikations-Experte und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Gaming. Neben vielen weiteren Projekten hat er das Projekt “Chinese Gold Farmers” ins Leben gerufen. Dieses Projekt beschäftigt sich mit neuen “Wirtschaftsbereichen”, welche in der Welt des Gamings entstehen. In diesem Fall geht es darum, dass in China Menschen beruflich Computerspiele spielen. Es handelt sich um ganz bestimmte Spiele, nämlich solche, bei denen der Spieler über einen langen Zeitraum seine Figur bzw. seinen Avatar entwickelt. Mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Level (es geht dabei um Online-Rollenspiele, bei denen tausende Spieler zusammen bzw. gegeneinander spielen) entwickelt sich die Figur weiter. Sie erlernt neue Fähigkeiten, bekommt neue Werkzeuge, Kräfte, Macht etc. Manche Spieler möchten aber nicht so lange warten, andere haben noch andere Dinge zu tun. Für diese Spieler spielen nun die beruflichen Spieler. Am Ende bekommt wird der fertige Avatar also an einen neuen Eigentümer verkauft oder zurückgegeben. Für diese “Dienstleistung” wird mit realem Geld bezahlt, und zwar soviel, dass es sich anscheinend lohnt, hierfür ganze Unternehmen aufzubauen. Dieses Thema bzw. dieses Projekt war das Hauptthema des Abends, denn auch hier stellt sich die Frage, ob die es in China einen besonderen Umgang mit der Idee der professionellen Entwicklung bzw. Züchtung von Avataren gibt.

Am nächsten Tag traf ich mich dann mit Douglas Wang und Pei-Chun Chen. Sie arbeitet ebenfalls in Shanghai und hat sich lange mit der Frage beschäftigt, wie neue Formen der Zusammenarbeit durch Gaming verbessert werden können. Ausgehend von dem Wissen, dass in einigen westlichen Ländern bereits Versuche mit der Implementierung von Gaming-Elementen in Co-Design-Methoden durchgeführt wurden, hat sich sich Gedanken über die Frage gemacht, wie solche Prozesse in China aussehen könnten. Hier gäbe es einige Unterschiede wie z.B. ein streng hierarchisches System, welches dem Individuum so gut wie keine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten einräumt. Gaming als Kultur bzw. als Denk- und Arbeitsweise ist dazu im ersten Schritt nur bedingt kompatibel. Es stellt sich also die Frage, wie man die vorhandenen Methoden und Konzepte an die Lebensrealität der Menschen in China anpassen kann und muss.

Am Abend ging es dann um etwas komplett anderes: Das Nachtleben von Shanghai… Und nein, dies wird nicht Teil dieses Blogbeitrages;-) Ok, ein Bild dürft Ihr sehen:

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Am nächsten Tag ging es dann sofort weiter. An diesem Tag habe ich mir vormittags ein paar Orte angesehen, die wir auch bei uns kennen, wie z.B. den Apple-Tempel. Die Gottheit Apple wird hier genauso wie in allen anderen Ländern angebetet. Nun mögen sich manche von euch fragen, warum man ein solches Gerät braucht, wenn man doch ein zensiertes Web hat? Unabhängig von gewissen technischen Möglichkeiten, ist das Netz auch für die Chinesen immer noch riesig. Und Sie haben eigene spannende Plattformen – auf denen ich mir gerade auch ein Profil einrichte. Zum Lunch ging es dann in einen anderen Stadtteil. Ich traf mich mit Liu Yan vom ersten chinesischen Co-Working-Space in China: Xin Dan Wei. Es war ein tolles Gespräch. Wir redeten vor allem über die Frage, wie Gaming die Arbeit in Co-Working-Spaces verändern kann und wird. Auch hier ist man der Überzeugung, dass Gaming (bzw. die Methoden, die Kultur und das Design) völlig neue Arbeitsformen hervorbringen wird. Diese Modelle sind dann vielleicht sogar global nutzbar, da zumindest in der ersten Phase eine ganz bestimmte Klientel aktiv werden wird, die weniger national und mehr international denkt und handelt. Vielleicht wird Gaming ja zum Schlüssel für neue Formen der interkulturellen bzw. interdisziplinären Zusammenarbeit.

Und dann war es vorbei mit Shanghai. Heute morgen ging es dann nach Tokio. Und als ich morgens um 06h am Flughafen ankam, wollte man mich nicht abfertigen denn: ich war ein VIP-Gast der China Eastern Airlines. ich hatte ab da eine persönliche Begleiterin damit ich dieses mal auf keinen Fall irgendwelche Kritikpunkte habe. Tokio selber ist unglaublich! Aber darüber werde ich später schreiben. Nur eines vorweg: ich habe mich sofort in diese Stadt verliebt – und es gibt hier ein Gaming-Restaurant mit einer echten Elfe als Bedienung. Mehr davon im nächsten Post.

Beste Grüße

Euer

Christoph

Warum wir keine Rankings sondern Visionen brauchen

Liebe Leser,

heute möchte ich über ein Thema schreiben, welches im Bereich Social-Media immer wieder zu finden ist: Rankings.

In den letzten Monaten sind – so zumindest meine subjektive Wahrnehmung– immer mehr Rankings aufgetaucht. Bei diesen Rankings werden in der Regel Unternehmen oder Institutionen eines bestimmten Bereichs miteinander verglichen. Besonders beliebt sind dabei Rankings zu Twitter oder Facebook. Bei allen Rankings, die ich gefunden habe, und die sich mit Facebook und Twitter befassen, werden letztlich quantitative Daten erfasst – anders ausgedrückt: es geht um die Anzahl der Follower bei Twitter bzw. der Freunde oder Fans bei Facebook. Um genau diese Rankings soll es in meinem Beitrag gehen.

Nun scheinen Rankings auf den ersten Blick eine gute Sache zu sein. Es werden Institutionen oder Unternehmen miteinander verglichen, die ähnliche Zielsetzungen haben. Das heißt es gibt Rankings für Bibliotheken, Museen, Städte, Restaurants, Non-Profit-Organisationen etc. Wenn man z.B. genügend Follower bei Twitter hat, landet man im jeweiligen Ranking ganz oben. Das motiviert. Und diejenigen, die auf den letzten Plätzen liegen, können von den vermeintlich „erfolgreichen“ Konkurrenten etwas lernen, indem sie sie beobachten.

Das mag alles ganz toll klingen, ich bin aber kein Fan dieser Rankings und ich möchte kurz ein paar Gründe nennen, warum ich solchen Rankings keine große Bedeutung beimessen würde.

Quantitative Rankings (Rankings in denen es um die Anzahl der Follower bzw. Fans geht) sagen nichts über die Qualität der jeweiligen Angebote aus. Sie sagen nur aus, dass Menschen aus nicht näher bekannten Gründen bereit waren, dem jeweiligen Angebot bei Twitter oder Facebook zu folgen – mehr nicht. Es ist auch keine Qualitätsaussage. Dies wäre u.U. anders, wenn die Follower/Fans dafür bezahlen müssten. Es gibt auch keine Daten darüber, ob die jeweiligen Follower/Fans schon vorher in Kontakt mit dem Anbieter standen. Die Aussagekraft ist: 0!

Quantitative Rankings schaffen falsche Anreize. Sobald man sich mit Rankings befasst, möchte man ganz vorne dabei sein. Egal wie oft darauf hingewiesen wurde, dass es sich dabei nicht um qualitative Daten handelt, man beginnt früher oder später damit, Steigerungsraten bei den Followern bzw. Fans anzustreben. Natürlich brauche ich Follower oder Fans, um überhaupt einen Dialog mit Menschen starten zu können. Es geht aber niemals darum, mehr Fans oder Follower als andere zu haben. Es geht vielmehr darum, was ich mit den Kontakten mache bzw. welche Strategie ich überhaupt auf der jeweiligen Plattform verfolge. In meiner täglichen Arbeit lerne ich eine Vielzahl an Institutionen und Unternehmen kennen. Follower- oder Fanzahlen werden sehr oft benutzt, um die Social-Media-Aktivitäten zu rechtfertigen. Das klingt zwar einleuchtend, birgt aber ein großes Risiko, denn was tun wir, wenn die Wachstumszahlen rückläufig sind oder stagnieren? Die Entscheidung für oder gegen Social-Media sollte eine inhaltliche Entscheidung sein.

Ein Beispiel:
Das Social-Media-Gaming-Barbecue hat auch eine Facebookseite. Ich habe dort aktuell 83 Fans. Bei diesen 83 Fans weiß ich bei 80% der Personen, dass sie gerne an einem Barbecue teilnehmen möchten. Diese Information habe ich jedoch nicht über Facebook erhalten. Sie basiert auf der Kommunikation auf anderen Plattformen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, meinen Blog auch für das Barbecue als zentrale Plattform zu nutzen. Facebook ist immer noch eine geschlossene Community der gerade mal 25% der Bevölkerung Deutschlands angehören. Ich möchte mit dem Barbecue aber alle Menschen erreichen. Würde ich Facebook als zentrale Plattform nutzen, würde ich hier eine potentiell künstliche Barriere schaffen. Mein Anreiz für das Barbecue ist auf keinen Fall, so viele Fans wie möglich zu gewinnen, sondern mit interessierten Menschen über die Frage zu diskutieren, wie Social-Media und Gaming unsere Gesellschaft, unsere Städte und Gemeinden, unsere Unternehmen und unsere Institutionen verändert bzw. verändern kann. Zudem müsste ich, um eine weitaus größere Fangemeinde zu generieren, Werbung auf Facebook schalten – und dies habe ich nicht vor. Ein Ranking bezogen auf Facebook würde alle meine anderen Onlineaktivitäten und vor allem die realen echten Barbecue-Events ausblenden.

Quantitative Rankings können keinen Zukunftstrend beschreiben Quantitative Rankings können nicht in die Zukunft sehen. Sie sind statische Analysen. Wir wissen nicht, warum es z.B. bei einem Museum oder einer Stadt zu Veränderungen gekommen ist – dafür müssten wir mit der qualitativen Analyse der Inhalte beginnen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir in der Zukunft mit einem neuen Nutzerverhalten zu rechnen haben. Ich kann und will nicht 300 Museen, 300 Bibliotheken, 300 Städten etc. folgen. Wir werden dazu übergehen, Angebote z.B zu “liken” und auch wieder zu “unliken” In den USA ist dies schon gut zu beobachten. Je mehr Institutionen und Unternehmen auf Plattformen wie Facebook aktiv sind, desto öfter werde ich die Angebote austauschen. Das ist ein sehr guter Mechanismus, denn er verhindert, dass die Nutzer irgendwann mit Informationen zugeschüttet werden. Jeder Nutzer schafft sich sein eigenes und veränderliches Online-Netzwerk.

Quantitative Rankings befassen sich nur mit ausgesuchten Plattformen Social-Media ist eine bunte Welt. Und sie besteht vor allem aus weitaus mehr Plattformen als Facebook und Twitter und viele dieser anderen Plattformen lassen sich gar nicht mittels Rankings erfassen. Wie will man den Erfolg eines Blogs von außen messen? Rankings die sich auf Twitter und Facebook konzentrieren geben diesen Plattformen eine besondere Wertigkeit. Aber gerade Facebook sollte m.E. nicht automatisch die erste Wahl sein, wenn ich nur Ressourcen für eine Plattform habe. Ich habe dazu schon einen anderen Beitrag erfasst.

Wofür Rankings sinnvoll sind:
Ich bin wie gesagt der Meinung, dass quantitative Rankings an sich keinen Nutzen bringen. Ok, ich weiß, dass sich einige PR-Agenturen auf Basis der neuen Fans und Follower bezahlen lassen. Die einzige Variante, die ich mir als Nutzung vorstellen kann ist ein Spiel. Aktuell arbeite ich z.B. mit 24 Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen. Diese Bibliotheken haben zusammen mit Aktivitäten begonnen und ihre Strukturen sind zumeist vergleichbar. Hier nutze ich interne Rankings, d.h. die Bibliotheken vergleichen sich untereinander. Die Anzahl der Follower oder Fans ist nur ein Kriterium und wird als nicht bedeutsames aber lustige Tool genutzt. Nebenbei: die Erstellung eines Rankings welches sich mit der Anzahl der Follower und Fans befasst ist kinderleicht und schnell erledigt:-)

Warum wir keine Rankings sondern Visionen brauchen

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland im Bereich Social-Media sicherlich einiges getan. Immer mehr Unternehmen, Institutionen und Organisationen haben sich auf die Reise in das sog. Web 2.0 gemacht. Diese Entwicklung freut mich sehr. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir immer noch am Anfang stehen. Trotz aller schönen Projekte werden die Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung von Social-Media-Tools ergeben, bisher kaum umgesetzt. Zu oft werden Plattformen wie Twitter oder Facebook wie Plakatwände 1.0 genutzt. Von einer Gestaltung des virtuellen Raumes bzw. des Web 2.0 sind wir noch weit entfernt. Wenn eine Institution oder ein Unternehmen einen Account bei Facebook hat, fängt die eigentliche Arbeit erst an.

Wenn wir Städte, Institutionen und Unternehmen hinsichtlich ihrer Aktivitäten im Web 2.0 untersuchen wollen, dann sollten wir dies auf Basis einer qualitativen Analyse tun. Wenn wir eine Stadt und Ihre Social-Media-Aktivitäten analysieren wollen, dann sollten wir alle genutzten Plattformen untersuchen. Wir sollten zudem aktiv die Aktivitäten der Unternehmen und Institutionen der jeweiligen Stadt beleuchten. Und natürlich müssen wir auch untersuchen, was die Menschen der jeweiligen Stadt im Bereich Social-Media tun. In einem nächsten Schritt brauchen wir Informationen, wie die Stadt die einzelnen Aktivitäten managed und ob die Social-Media-Aktivitäten Einfluss auf die Arbeit der Stadt haben.

Wir benötigen weniger Rankings als vielmehr neue Idee. So wie die Menschen im Web miteinander vernetzt sind, ist dies auch bei den mit dem Thema Social-Media verbundenen Fragestellungen der Fall. Das alles mag nach sehr viel Arbeit klingen – das ist es auch. Aber die Ergebnisse werden m.E. weitaus hilfreicher sein, als quantitative Rankings, die letztlich überhaupt keine Aussagekraft haben.

Ein Vorschlag:
In der Welt der Bibliotheken ist man schon ein Stück weiter. Hier gibt es den sog. LIS-Wiki. In diesem Wiki gibt es u.a. Seiten mit Listen zu Blogs, Twitteraccounts und Facebookseiten von Bibliotheken. Ich habe hier mal als Beispiel die Seite zu twitter verlinkt. Ihr könnt aber auch nach Blogs oder Facebook suchen. Ich möchte vorschlagen, dass wir einen solchen Wiki erstellen. Alle können mitmachen und ihre Daten eintragen. Es gibt keine Rankings aber wir können jede beliebige Kategorie erstellen. Als Plattform schlage ich PBWorks vor. Wir können so eine spannende Sammlung erstellen. Ein weiterer Vorteil, alle tragen ihre Daten direkt in eine offene Plattform ein. Somit lernen wahrscheinlich viele Institutionen, Unternehmen und Städte die Möglichkeiten eines Wikis kennen. Bleibt die Frage: Wer hat Lust und macht mit? Oder hat jemand ein andere Idee?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Nutzertypen bei Google+ – eine kleine Theorie

Liebe Leser,

es gibt ein Thema, über das ganz viele Menschen aktuell diskutieren: Google+. Google+ scheint eine Erfolgsgeschichte zu werden. Dabei ist die Plattform, die angetreten ist, Facebook das Fürchten zu lernen gerade mal ein paar Wochen alt. Innerhalb kürzester Zeit hat Google+ mehr als 20.000.000 Millionen Nutzer gewinnen können – und die Zahl steigt stetig an.

Aber was sind das für Menschen, die jetzt bei Google+ aktiv sind? Ich möchte im folgenden eine Theorie vorstellen, die versucht, fünf Typen zu beschreiben. Wahrscheinlich ist sie nicht vollständig – wahrscheinlich kann man die Typen noch detaillierter beschreiben. Ich bin für jede Idee und Anregung offen.

1. Der Entdecker: Es gibt viele Menschen, die offen sind für neue Technologien. Sie möchten alles ausprobieren und sich darüber austauschen. Man möchte die neue Plattform entdecken, sie erforschen und überlegen was man damit machen kann.

2. Der Spieler: Die Spieler sind dem Entdecker sehr ähnlich. Sie sind ebenfalls sehr offen für neue Plattformen und Welten – sie möchten aber vor allem damit spielen. Es geht um Spass und um das spielerische Erschliessen neuer Welten. Es geht also weniger darum, sofort Mehrwerte und Nutzungsoptionen zu entwickeln.

3. Der frustrierte Facebooknutzer: Es gibt eine Vielzahl an Menschen, die unzufrieden mit Facebook sind. Die Einen sehen z.B. Probleme in der Privatsphäre, die Anderen sehen ein Problem darin, dass Facebook den Markt scheinbar kontrolliert und man davon abhängig ist etc.

4. Der Erstnutzer: Es gibt Menschen, die nicht bei Facebook oder vergleichbaren Plattformen sind. Sie haben zu viel Negatives davon gehört. Aus irgendeinem Grund vertrauen sie Google+ mehr und probieren Google+ als ihr erstes soziales Netzwerk aus. (Das habe ich wirklich erst gerade in meinem privaten Umfeld erlebt)

5. Der Verkäufer: Verkäufer sind bei Google+, weil sie hier vor allem einen neuen Markt sehen. Sie hoffen, dass es sehr bald Unternehmensseiten gibt, damit man auch hier vertreten ist. Hierzu gehören auch die verschiedenen Dienstleister wie z.B. Berater und Agenturen.

Ich denke, ich bin zum jetzigen Zeitpunkt immer noch Entdecker und Spieler. Natürlich fließen die Erkenntnisse in meine tägliche Arbeit ein. Aber im Moment probiere ich einfach nur aus:-) Ich glaube, dass der spielerische Umgang mit solchen Plattformen sehr wichtig ist. Noch “gehört” Google+ den Usern. Und die User sind wirklich kreativ. Einige schreiben über Belanglosigkeiten wie den Geschmack des Kaffees am Morgen und erwähnen dann, dass sie von genau diesen Belanglosigkeiten bei Facebook immer genervt waren:-). Andere kreieren ganz eigene Circles wie z.B. “Frauen (oder Männer) die ich gerne mal küssen würde” oder “Menschen die ich auf keinen Fall real treffen möchte” oder “Menschen bei denen ich weiß, dass Sie Computerspiele spielen, es aber nicht offen zugeben”.

Klar ist aber auch, diejenigen, die jetzt Google+ ausprobieren, haben die Ressourcen dafür. Entweder, weil sie wie ich an vielen Tagen ihre Zeit frei einteilen können oder, weil sie hierfür andere Aufgaben zurückstellen. In meiner Arbeit erlebe ich sehr oft, dass die Mitarbeiter in vielen Unternehmen und Institutionen genau diese “freie Zeit” nicht haben. Das ist schade, denn jetzt ist der ideale Zeitpunkt um eine Plattform wie Google+ auszuprobieren. Manchmal kann ich die Leitung einer Organisation überzeugen, dass jeder Mitarbeiter die Möglichkeit haben sollte eine halbe Stunde pro Woche solche Plattformen zu testen. Selbst wenn später nicht alle Mitarbeiter damit arbeiten, haben sie aber das System verstanden und können z.B. ihre Kollegen die für Social-Media verantwortlich sind, besser unterstützen.

Aus der egoistischen und individuellen Sicht des Users würde ich mir wünschen, dass es bei Google+ für einen längeren Zeitraum keine Unternehmensseiten gibt. Sagen wir für ein halbes Jahr – Spiele wären aber toll. Oder wir entwickeln mit Circles unsere eigenen Spiele? Vielleicht werde ich in Zukunft sowohl Facebook als auch Google+ nutzen. Im Moment sind 90% meiner Kontakte bei Google+ auch bei Facebook mit mir verbunden. Vielleicht mache ich es so, dass ich bei Google+ keinen Kontakt zu Unternehmen habe und dafür dann Facebook nutze – oder umgekehrt.

Bleiben die Fragen: Findet Ihr Euch in den Nutzertypen wieder? Sind diese ausreichend beschrieben? Sind es vielleicht andere Nutzertypen? Was denkt Ihr?

Beste Grüße

Christoph Deeg

Eine kleine Buchempfehlung: Steven Johnson “Where good ideas come from”

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch ein sehr interessantes Buch empfehlen. Es heißt “Where good ideas come from” und wurde von dem amerikanischen Autor Steven Johnson geschrieben. In diesem Buch geht es um Innovationen bzw. gute Ideen. In den letzten Monaten habe ich mich verstärkt mit dem Thema Innovationsmanagement beschäftigt. Man möchte damit kurz gesagt Innovationen in Unternehmen und Institutionen fördern bzw. planen und steuern . Das Thema ist in aller Munde und ich glaube auch, dass sich Unternehmen und Institutionen mehr damit beschäftigen sollten. In meinen Workshops und Coachings ist es auf jeden Fall immer ein Thema:-)

Es gibt verschiedene Ansätze für Innovationsmanagement. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es vor allem darauf ankommt, Freiräume und Plattformen für Innovationen zu schaffen. Innovationen haben immer auch etwas mit Ausprobieren und dem spielerischen Umgang mit Aufgaben und Inhalten zu tun.

Steven Johnson beschreibt in seinem Buch, wie Innovationen entstehen, was sie fördert und was sie bremst und warum offene Systeme, die auf Kooperation, Teilen, Ausprobieren etc. basieren letztlich innovativer sind. Was mich an dem Buch besonders begeistert, ist die Tatsache, dass es auf die Komplexität von Systemen hinweist, bzw. diese beschreibt.

In den nächsten Wochen werde ich hoffentlich meinen Account bei Librarything putzen und füllen können. Dann könnt Ihr alle Bücher sehen die ich lese bzw. empfehle.

Und nun viel Spass mit dem Video zum Buch.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Innovationsmanagement: Tamagotschi, Second Life und Nintendogs

Liebe Leser,

heute möchte ich über ein Thema schreiben, welches immer wieder angesprochen wird: es geht um Innovationen. Alle Unternehmen und Institutionen möchten gerne innovativ sein. Man verspricht sich dadurch zumeist mehr Kunden bzw. mehr Erfolg. Ein Thema welches in Unternehmen schon länger diskutiert und angewendet, und nun anscheinend auch in Kultur- und Bildungsinstitutionen umgesetzt wird, ist das sog. Innovationsmanagement. Das Innovationsmanagement soll letztlich den Prozess der Innovationen steuern. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung sondern auch um die Umsetzung von Ideen.

Natürlich ist es gut, wenn man innovativ ist und natürlich ist ein Innovationsmanagement sinnvoll, zumindest dann, wenn es dadurch zur einer verbesserten Abfrage und Nutzung des Kreativpotentials der Mitarbeiter eines Unternehmens bzw. einer Institution kommt. Meiner Meinung gibt es aber ein paar Gedankengänge, die bei der Suche nach Innovationen berücksichtigt werden sollten. Ich möchte in diesem Beitrag einen ersten Vorschlag für ein “innovatives Verhalten” machen. Genauer gesagt möchte ich behaupten: “Wenn Ihr innovativ sein wollt, macht einfach mal die Augen auf.”

In den letzten Monaten werde ich immer wieder mit der Behauptung konfrontiert, dass man auf viele neue Kommunikations- und Medientechnologien nicht vorbereitet sei. Als ein Hauptgrund für diese Situation wird die zunehmende Geschwindigkeit von Produktlebenszyklen und Technologieentwicklungen benannt. Nehmen wir z.B. das Thema mobiles Internet. Es scheint so, als würden wir gerade von einer neuen Welle überrollt werden. Ich selber genieße diese Zeit – ich habe ein neues Samsung Galaxy S und ich habe jede Menge Spass. Viele Unternehmen und Institutionen tun sich aber sehr schwer mit der neuen mobilen Welt. Dabei geht s nicht nur um die Nutzung neuer Technologien, sondern auch um die Frage der damit verbundenen Kultur und zudem der Entwicklung und Realisierung dazu passender Produkte und Dienstleistungen. Ich behaupte, dass vieles von dem was wir heute erleben, schon seit Jahren voraussehbar war. Nur wurden die “Zeichen” nicht erkannt. Kommen wir zurück zum mobilen Internet. Wer erinnert sich noch an die guten alten Tamagotchis? Dieses kleine Spielzeug war ein virtuelles Küken, also ein virtuelles Haustier. Es sah aus wie ein größerer Schlüsselanhänger und man konnte es überall hin mitnehmen – das musste man auch, denn es wollte dauernd “versorgt” werden. Dafür meldete sich das Tamagotchi und wehe man umsorgte es dann nicht sofort – es konnte schlimmstenfalls eingehen. Nur sehr wenige Unternehmen und Institutionen kamen damals auf die Idee, dass dieses Spielzeug für ihren Lebensalltag relevant werden könnte. Es war ja nur ein nerviges Spielzeug. Man übersah die Tatsache, dass wir hier eine neue Form der Mobilität von Inhalten hatten. Zudem wurden tausende Kinder mit dem mobilen Umgang von Inhalten vertraut gemacht. Ca. 10 Jahre später kam der Nintendo DS auf den Markt. Im Vergleich zum klassischen Gameboy gab es hier zwei Screens, Multitouch, WLAN und vieles mehr. Ein sehr erfolgreiches Spiel auf dieser mobilen Konsole waren die sog. Nintendogs. Wieder ging es um virtuelle Tiere und das virtuelle Umsorgen. Auch diese Konsole wurde sehr lange nur wenig beachtet – außer von Gamern und der Games-Industrie:-)

Und heute? Ich möchte behaupten, dass es ohne Tamagotchis keinen Nintendo DS und ohne Nintendo DS keine Smartphones geben würde. Ich meine damit nicht nur die Entwicklung der Technologie sondern auch deren kommerziellen Erfolg sprich die Massenverbreitung. Sicherlich sind dies keine linearen Verbindungen. So sollte man nicht vergessen, dass die Serie “Raumschiff Enterprise” letztlich das Design von Handys inspirierte usw. Worum es mir aber geht, ist die Idee, dass ich als Unternehmen und Institution viel öfter überlegen sollte, was die eine oder andere erfolgreiche Technologie für meine eigene Zukunft bedeutet. Es wäre m.E. sinnvoll gewesen, wenn Ende der 90er bzw. gegen 2006 vor allem in Kulturinstitutionen aber auch in Unternehmen mehr mit Tamagotchis und Nintendo DS-Systemen gespielt worden wäre. Dabei geht es gar nicht um die Entwicklung von Produkten für die jeweilige Plattform, sondern um das Verstehen der damit verbundenen Kultur. Es geht also nicht um die Frage, ob es ein Apple-IPhone, ein Android-Phone oder ähnliches gibt. Es geht vielmehr um die Frage, was das in der Zukunft bedeuten kann und vor allem was man heute tun kann, um sich auf diese Zukunft vorzubereiten. Ich habe zugegeben bis jetzt nur äußerst selten eine App einer Kultur- und Bildungsinstitution gesehen, die einen wirklichen Mehrwert für die Nutzer brachte. In Bibliotheken wird gerne versucht, den Bibliothekskatalog mobil zu machen – aber ist das etwas, was der mobile Nutzer braucht? Anstatt zu versuchen den Katalog auf das Smartphone zu packen sollte man m.E. eher überlegen, wie man den Katalog an sich neu definiert. Es geht also sowohl für Unternehmen als auch für Institutionen nicht darum, das Vorhandene anzupassen, sondern es zuerst insgesamt zu hinterfragen.

Hätte man mehr mit Tamagotchis und dem Nintendo DS experimentiert, hätte man auch ein Gefühl für das, was Kunden haben möchten und was nicht. Ähnliches kann man übrigens beim Thema Second Life sehen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir in den letzten Monaten gesagt wurde, dass man froh sei, bei dieser Plattform nicht dabei gewesen zu sein. Schließlich wäre ja der Hype (endlich) vorbei. Dabei wird vergessen, das diejenigen, die Second Life genutzt haben, in sehr vielen Disziplinen Know How erworben haben. Dieses Know How werden sie früher oder später wieder anwenden können. Ich schlage deshalb vor, zumindest den MitarbeiterInnen aus Kultur- und Bildungsinstitutionen, die mit Second Life gearbeitet haben, das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Sie haben dafür gesorgt, dass zumindest punktuell Erfahrungen und Kenntnisse in einer Zukunftstechnologie vorhanden sind.

Wenn wir innovativ sein wollen, wenn wir Ideen entwickeln wollen, reicht es manchmal schon aus, die Augen zu öffnen und mit dem zu arbeiten, was man um sich herum sieht. Und selbst wenn die eine oder andere ausprobierte Technologie keinen Einfluss auf die eigene Zukunft hat, lohnt es sich damit zu arbeiten. Zum Einen, weil man damit kontinuierlich mit Neuem konfrontiert wird. Der oft zitierte “Blick über den Tellerrand” ist ein sehr mächtiges Tool:-) Und zum Anderen, weil man damit trainiert wird, mit neuen Inhalten und Kulturen zu arbeiten. Abgesehen davon gibt es noch einen weiteren Grund: Es kann richtig Spass machen:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

Quellenangaben:

Tamagotchi: http://www.flickr.com/photos/relish_me/5517402357/sizes/l/in/photostream/

Die Bahn oder wie man Mitarbeitern den Fortschritt verweigert?

Liebe Leser,

heute möchte ich über eine Erfahrung berichten, die Ihr vielleicht so oder so ähnlich auch schonmal gemacht habt. Vor ein paar Wochen war ich in Bonn und habe dort einen zweitägigen Workshop zum Thema Social Media für die Kulturpolitische Gesellschaft (KUPOGE) durchgeführt. Im Anschluss an den Workshop wollte ich mit der Bahn nach Hildesheim fahren um dort am nächsten Tag an der Universität Hildesheim ein Studentenprojekt zum Bundeskongress der KUPOGE zu leiten.

Ich werde jetzt nicht über all das schreiben, was mir an der Bahn nicht gefällt. Alle die, die mir vor allem bei Twitter folgen wissen, dass ich zumindest im letzten Jahr scheinbar alle Verspätungen, Ausfälle uns sonstige Katastrophen mitnehmen musste. Und trotzdem fahre ich gerne Bahn – ich könnte diesen Artikel nämlich nicht schreiben, wenn ich ein Auto steuern müsste. So sitze ich im Zug und kann arbeiten:-) Und es schont die Umwelt…

Was aber ist nun in Bonn passiert? Auch an diesem Tag war mein Zug plötzlich mehr als 45 Minuten verspätet. Ich stand also am Bahnsteig und wusste, dass ich meine Anschlusszüge nicht erreichen würde. Was tut man in diesem Fall? Man geht zum Service-Point und fragt nach Alternativen. Ich bekam eine neue Reiseverbindung ausgedruckt – es war die gleiche Verbindung nur eine Stunde später. Na toll, eine Stunde später in Braunschweig bei meinen Freunden ankommen. Und ich war schon sehr müde. Kurz bevor ich also in die S-Bahn genauer gesagt Strassenbahn stieg, hatte ich die logische Idee, einfach mal die App der Bahn aufzurufen. Das Ergebnis war faszinierend. Es gab eine Verbindung, die ich nutzen konnte und bei der ich nur 10 Minuten später in Braunschweig ankommen würde. D.h. die App der Bahn wusste es besser als die Mitarbeiter der Bahn. Ich habe mich also fleißig bei der App bedankt – leider ohne Reaktion:-)

Wenig später musste ich in Köln umsteigen. Hier wurden aber die Gleise geändert von denen man abfahren sollte. Ich fragte also einen anwesenden Mitarbeiter der sofort in seinem Smartphone nachschaute. Und was nutzte er? Richtig: die App der Bahn.

Warum schreibe ich das alles? Ich denke, dieses Beispiel zeigt, wieviel Potential bei der Nutzung moderner Technologien in Unternehmen und auch Institutionen verschenkt wird. Es macht mir nichts aus dass ich vielleicht manchmal „mehr weiß“ als ein Mitarbeiter der Bahn. Aber kann es sein, dass man es versäumt hat, die Nutzung der Technologien in ein Dienstleistungskonzept einzubetten? Ich wäre schon glücklich, wenn man mir neben der falschen Auskunft bereits am Service-Point empfohlen hätte auch die App zu fragen.

Die Bahn bietet eine App an, die ich sehr gerne und oft nutze. Aber was tut sie, um ihre Mitarbeiter Teil dieser Technologie bzw. dieser Kultur werden zu lassen? Traut die Bahn ihren Mitarbeitern die Nutzung dieser Technologien bzw. das Verständnis der dahinter stehenden Kultur nicht zu?

Ein Beispiel wie man es besser machen kann hat mir vor längerer Zeit ein Freund aus der Schweiz erzählt. Er war in der Schweiz unterwegs und auch sein Zug kam zu spät. Er twitterte die Verspätung und nutzte den hashtag #sbb für die Schweizer Staatsbahn. Wenige Minuten später wurde er via Twitter gefragt, in welchem Zug er denn sitzen würde. Nachdem er diese Information getwittert hatte wurde ihm wieder über Twitter erklärt, was schief gelaufen war und man bat um Entschuldigung. Die SBB scheint also Twitter zu scannen um sofort auf etwaige Probleme reagieren zu können. Auch wenn die Verspätung an sich nicht geändert werden konnte. Die Wahrnehmung beim Kunden war nun eine völlig andere.

Was kann man daraus lernen? Es reicht meiner Meinung nach nicht aus, einfach eine interessante App oder einen neuen Onlineservice anzubieten. Man sollte immer auch überlegen, wie man das neue Produkt in die tägliche Arbeit bzw. die Kultur des Unternehmens oder der Institution integrieren kann. Nehmen wir als Beispiel ein Museum. Wenn ein Museum eine spannende App oder eine interessante Facebookseite hat, sich aber ansonsten nicht weiter entwickelt, wird es wahrscheinlich keinen nachhaltigen Erfolg geben. Das neue Angebot verspricht etwas, was im Alltag nicht eingehalten werden kann. Was nützt mir ein tolle App, wenn ich im Museum mein Handy ausschalten soll und/oder es kein offenes und kostenloses WLAN gibt? Was nützt mir ein Twitteraccount, wenn ich auf Fragen und Nachrichten bei Twitter keine Antworten seitens des Museums bekomme?

Der Erfolg von Onlineaktivitäten hängt nicht nur vom Verständnis einer Technologie und dem Bereitstellen von Ressourcen ab. Es geht vielmehr um die Frage ob ich als Unternehmen oder Institution Teil dieser neuen Kultur werden will.

Euer Christoph