Archiv der Kategorie: Gedanken darüberhinaus…

Kommuniziert wie Menschen – nicht wie PR-Berater

Liebe Leser,

in den letzten Monaten ging es in meinen Workshops immer wieder um die Frage, wie man denn nun in den sozialen Medien kommunizieren darf? Soll man Duzen oder Siezen? Soll man eher “locker” oder eher “seriös” schreiben? Diese Fragestellung scheint für viele Menschen relevant zu sein, und es gibt sogar spezielle Workshop-Angebote dafür. Ich selber biete keine Workshops für diesen Bereich an, denn ich glaube, dass man diese Workshops nicht braucht. In diesem Beitrag möchte ich kurz erläutern wieso ich dieser Meinung bin und was meiner Meinung wirklich wichtig bei der Kommunikation in den sozialen Medien ist.

In vielen Fällen entsteht der Wunsch nach solchen Workshops aus einer Unsicherheit gegenüber dem vermeintlich neuen Medium. Ein Workshop soll helfen, diese Unsicherheit los zu werden. Ein Dozent wird ja wohl wissen, wie man im Netz spricht und wie nicht. Das Problem ist aber, dass ein Dozent vielleicht Tipps geben kann, wenn es aber daraus resultierend zu einer Situation kommt, in der man jegliche Authentizität vergisst, wird man es schwer haben, erfolgreich zu sein. Authentisch kommunizieren ist natürlich nicht einfach. Das Problem ist weniger, dass Menschen nicht wissen, wie sie authentisch sind. Es geht vielmehr um die Adaption dieser Authentizität in die digitale Welt. Aus der schon besagten Unsicherheit verkrampft man und daraus resultierend ist man nicht mehr authentisch. Zudem sind sehr viele Mitarbeiter aus Unternehmen und Institutionen in der Situation, dass Sie gar nicht “frei” im Netz kommunizieren dürfen. Gefangen in PR-Guide-Lines und Festlegungen, die jede menschliche Kommunikation im keim ersticken, ist authentisches Kommunizieren kaum möglich. Deshalb versagt m.E. die Öffentlichkeitsarbeit in Unternehmen und Institutionen auch kontinuierlich, wenn es um Kommunikation im digitalen Raum geht.

Aber natürlich gibt es ein paar Dinge die man beachten sollte oder kann, wenn man Wert auf Authentizität liegt. Ein wichtiger Punkt ist: Kommunizieren Sie im Netz so, wie Sie es auch in der analogen Welt erleben möchten! Ich möchte diesen Punkt an einem ganz einfachen Beispiel beschreiben: Sehr oft erlebe ich, dass ein Unternehmen oder eine Institution auf Kommentare nicht mehr antwortet, weil man glaubt, dass doch alles erledigt sei. So ist vielleicht eine Veranstaltung erfolgreich zu Ende gegangen und ein Besucher bedankt sich auf der Facebook-Seite des Unternehmens bzw. der Institution. Oder aber man bedankt sich für einen Post oder die Antwort auf eine Frage etc. Immer wieder wird die Diskussion von seiten des Unternehmens oder der Institution an dieser Stelle beendet – und das ist falsch. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mich nach einem Workshop an, und teilen mir mit, dass Sie meinen Workshop toll fanden und viel gelernt haben. Und nun antworte ich Ihnen nicht, sondern drehe mich einfach um und gehe ohne ein Wort. Wären Sie mit diesem Verhalten einverstanden? Wahrscheinlich nicht… Und deshalb würde ich mich ebenfalls bedanken und Sie vielleicht fragen, was Ihnen besonders gefallen hat oder was ich besser machen kann. Nun ist dies keine Kommunikations-Rocket-Science. Es ist schlichtweg normale menschliche Kommunikation. Das Internet und vor allem Social Media haben nichts mit IT oder Maschinen, sondern mit Menschen zu tun. Alles dreht sich um menschliche Kommunikation. Natürlich gibt es Fallstricke. Natürlich gibt es Trolls. Natürlich gibt es Menschen, die sich im Ton vergreifen, die beleidigen oder verletzen. Aber diese Menschen sind in der Regel online genauso negativ wie offline. Sie haben keine zweite Psyche entwickelt.

Wenn wir also nun online kommunizieren möchten, dann sollten wir vor verstehen, dass es um menschliche Kommunikation im menschlichen Web geht. Wenn diese Erkenntnis zur Basis der Onlineaktivitäten wird, ist schon sehr viel erreicht…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Digital-Analoge Widersprüche Teil 1 – Warum Bücher nicht besser als Games sind

Liebe Leser,
es gibt eine Vielzahl an Widersprüchen in der analog-digitalen Welt. Ich habe mir überlegt, dass ich mich mit einigen dieser Widersprüche in kleinen Blogbeiträgen beschäftigen möchte.

Der vielleicht bekannteste Widerspruch ist m.E. folgender: Wenn wir Menschen erleben, die jeden Tag in der Woche drei Stunden Computerspiele spielt oder im Internet surft, überlegen wir bereits, ob dieses Verhalten schädlich ist. Wenn die gleiche Person mit dem gleichen zeitlichen Aufwand Bücher liest, gehen wir davon aus, dass ihr eine goldene Zukunft bevorsteht. Und wer würde auf die Idee kommen, Mario Götze oder Julian Draxler zu therapieren, nur weil sie seit Ihrer Kindheit jeden Tag kontinuierlich Fussball spielen? Warum wird von Medienpädagogen immer „Präventionsarbeit“ verlangt? Einen Theater- oder Museumspädagogen würden wir nie auffordern, die Menschen dazu zu bringen, nicht zu viel ins Theater bzw. ins Museum zu gehen…

Gaming oder das Surfen im Internet ist nicht automatisch eine Zeitverschwendung, so wie lesen und musizieren nicht automatisch vorteilhaft sind. Digitale Medien sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als analoge Medien.

Was bedeutet das für Unternehmen und Institutionen? Es ist wichtig, dass wir unsere kulturelle Bewertung von Medien und den damit verbundenen Handlungen hinterfragen. Wir müssen Plattformen bzw. ein Umfeld schaffen, in dem alle Medienformen inkl. der damit verbundenen Formen des Denkens und Arbeitens miteinander koexistieren können.
Beste Grüße

Christoph Deeg

Was wir von der Diskussion um den „Gaucho Dance“ lernen können…

Liebe Leser,

ich sitze gerade in Österreich an einem wunderschönen Bergsee. Einmal im Jahr komme ich mit einer spannenden Gruppe von Menschen aus dem Kultur- und Kreativbereich an diesen Ort um zu Lesen, zu Arbeiten, Projekte zu planen und vor allem um zu diskutieren. Diejenigen von Euch, die mich schon besser kennen, wissen sicherlich, dass mir vor allem letzteres sehr großen Spass macht. Durch Diskussion, durch das Abgleichen von Ideen und Meinungen lerne ich mehr, als ich beim Lesen von 1000 Büchern lernen könnte. Das alles funktioniert aus zwei Gründen so gut:

1. Es ist eine interdisziplinäre Gruppe, die jedoch gemeinsame „Basisthemen“ hat.
2. Auch wenn wir hart und heftig diskutieren, ist dies nie persönlich gemeint. Es entsteht eine Art „Spielraum“ in dem wir Gedanken nicht nur austauschen sondern Ideen ausprobieren können.

Aber natürlich diskutiere ich nicht nur. Ich beantworte all die liegen gebliebenen Mails und plane neue Projekte. In Kürze kommt mein Buch zu „Gaming in Bibliotheken“ auf den Markt. Zusammen mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung plane ich eine Konferenz zu „Gaming und Kulturvermittlung bzw. Kulturelle Bildung“, zu der wir internationale Gäste begrüßen dürfen. Es gibt viele neuen Workshops vorzubereiten. Schließlich baue ich gerade den Bereich „Social Media Risk“ aus. Hier berate ich große Unternehmen und Konzerne zur Fragestellung, welche Herausforderungen die digitale Welt und hier vor allem das Thema Social Media für die Bereiche Interne Revision und Risikomanagement bringt. Und doch haben wir diese Schreib- und Diskussionsklausur anders angefangen als die letzten Jahre: Wir haben zuerst gemeinsam auf einem sehr alten Fernseher das WM-Finale gesehen! Und jep – wir sind Weltmeister! Man kann es gar nicht oft genug sagen – deshalb sage ich es gleich nochmal: Wir sind Weltmeister! Ich bin ein großer Fussballfan und ich kann nicht genug davon kriegen.

Während wir also hier in der Natur sitzen und arbeiten, feiern die Menschen in Berlin die Nationalmannschaft. Und nach allem was ich gesehen habe war es eine große und beeindruckende Party. Es war Fußball wie es sein soll. Es war eine spannende WM. Es gab große Siege und große Dramen. Es gab Freude und Leid und ich werde die WM vermissen. Umso enttäuschter war und bin ich, wenn ich sehe, wenn nun von einigen Medien und Communitys die Feierlichkeiten kritisiert und dem Ganzen eine Form von Nationalismus angedichtet werden soll. Plötzlich ist der „Gaucho-Dance“ rassistisch, plötzlich soll man sich nicht mehr am Brandenburger Tor versammeln, weil dies doch alles historisch belastet wäre etc.

Ich habe mich über diese Aussagen und Kommentare sehr geärgert. Ich habe aber im gleichen Moment festgestellt, dass wir davon aus Sicht von Unternehmen und Institutionen sehr viel lernen können:
Wir reden beim Fußball von einem Spiel. Dieses Spiel ist aber nicht nur das, was wir 90 Minuten (oder 120 Minuten oder noch länger) auf dem Fußballplatz sehen. Das Spiel ist viel größer. Die Zuschauer bzw. die Fans sind ebenso Teil des Spiels. Das bedeutet, der Konkurrenzkampf findet auch zwischen den Fans statt. Die Beschäftigung mit dem Spiel ist Teil des Spiels. Die Identifikation mit dem Spiel ist ein wesentliches Element des Ganzen. Und es ist eine virtuelle Welt. Wir sind alle Bundestrainer. Natürlich wusste ich vor jedem Spiel, dass Jogi Löw mit seiner Aufstellung völlig falsch liegt – nur um nach jedem Spiel festzustellen, dass ich natürlich keine Ahnung habe Wir können nicht auf dem Platz stehen aber doch sind wir Teil des Spiels. Es ist eine virtuelle Welt oder auch eine „Als ob Situation“. Was wir also erleben ist nichts anderes als die soziale Funktion des Spiels. Computerspielen war immer eine soziale Aktivität. Die ersten Konsolen waren technisch gar nicht in der Lage, eine Spielsituation zu erzeugen, bei der ich gegen die Maschine spiele. Ich brauchte immer einen anderen Mitspieler – wie in den analogen Jahrhunderten davor auch. Wenn sich nun viele Menschen daran stören, dass man sich u.a. über die besiegten Gegner lustig macht, verkennt man, dass es sich hier immer noch um das Spiel handelt. Ich habe selber vor und nach jedem Fußballspiel intensiv über die Nationalmannschaften gelästert, die gegen uns verloren hatten. Und dies tat ich gegenüber meinen Bekannten und Freunden, die aus diesen Ländern kamen. Dies alles war möglich, weil es für alle Teil des Spieles war. Und natürlich hat man von Seiten meiner Bekannten und Freunde auch vorher und nachher über die deutsche Mannschaft gelästert.

Und natürlich ist diese Freude, dieses Feiern übertrieben. Es wird überhöht. Und auch dies ist Teil des Spiels. Gerade Computerspiele sind voll von Superhelden, von Zauberern. Man agiert in völlig übertriebenen Phantasiewelten. Man beherrscht den Tod, Zauberei, Naturgesetze. Die Welten sind bunt, wild, spannend etc. Genau dies ist die Faszination des Spiels: es ist eine Möglichkeit eine andere Figur zu sein, eine andere Rolle einzunehmen, sich auszuprobieren und Welten zu erschaffen, die weitaus größer und spanender zu sein scheinen, als das was wir in der „realen“ Welt wahrnehmen. Wer also nun möchte, dass es sowas wie den Gaucho-Dance nicht gibt, möchte dem Spiel seine Freiheit nehmen und es in ein Gerüst pressen, in dem es seine Magie verliert. Dabei ist die Übertreibung in allen Bereichen unserer Gesellschaft und vor allem in der Kunst zu finden.

Aber woher kommt diese Angst? Warum reagieren Menschen aggressiv auf Menschen, die in einem Spiel Spaß haben? Eine gerade in Deutschland sehr verbreitete Angst ist die der Transferleistung in andere Lebensbereiche. Vereinfacht ausgedrückt geht es um die Angst, dass solche Feiern dazu führen, dass Menschen nun zu Nationalisten werden oder vielleicht sogar wieder in der Breite der Bevölkerung Großmachtsphantasien entstehen. Hier wird völlig vergessen, dass es diese Transferleistung so nicht gibt. Ein Spieler weiß sehr wohl, dass er sich in einem Spiel befindet. Natürlich kann das Spiel eine Verbindung zu „realen“ Welt bekommen, wenn man sich z.B. außerhalb des Spiels mit Fragen zum Spiel beschäftigt. Aber so wie auch niemand nach dem Spielen von Ego-Shootern auf die Idee kommt, andere Menschen in der Realität zu töten, wird auch niemand Nationalist, wenn er im Rahmen eines Spiels den Gegner verhöhnt. Damit man mich nicht falsch versteht: Natürlich gibt es Fälle, bei denen Gaming einen positiven oder negativen Einfluss auf Menschen haben. Und ein großer Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit dem positiven Einfluss durch Gaming. Aber dies geschieht nie durch das Spiel alleine, sondern das Spiel ist eingebettet in ein Umfeld, in dem es dann zu einer Transferleistung in die reale Welt kommen kann.

Meiner Meinung nach gibt es aber noch ein weiteres Phänomen zu beobachten: Viele Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, wenn Menschen bei einer Sache Spaß haben. Spaß wirkt verdächtig. Übertreibung ebenso. Ich rede jetzt nicht von den sog. Spaßbremsen, aber Emotionalität scheint gerade bei uns ein Problem zu sein. Ich war neulich für eine Woche auf dem Bibliothekartag in Bremen aktiv. Ich habe mir einige Vorträge angesehen und viele Inhalte waren wirklich sehr spannend. Aber sie waren auch emotionslos. Und dann sah ich den Vortrag einer US-amerikanischen Kollegin, die ihren Vortrag mit dem Sätzen begann: “Ich liebe meinen Job. Ich mache wirklich großartige Dinge. Und ich darf Euch heute davon erzählen…“ Wow! Das ist großartig! Jemand liebt was er tut! Wollen wir nicht genau das von unseren Mitarbeitern und Kollegen hören? Ich weiß, Emotionen sind nicht gut zu formalisieren. Sie sind nicht gut zu kontrollieren – aber sie sind das was uns Menschen ausmacht. Emotionen sind etwas Gutes – aber in unseren Breitengraden wirken sie anscheinend eher verdächtig. Sollte es uns nicht nachdenklich stimmen, wenn alle Statistiken sagen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland keinen Spaß bei Ihrer Arbeit hat – und sehr viele sogar mit dem Job bzw. dem Unternehmen abgeschlossen haben? Wollen wir nicht Mitarbeiter haben, die Spaß an ihrem Job haben, die sich damit identifizieren und für ihre Aufgabe brennen?

Wenn wir uns die Diskussion der letzten Tage ansehen – und ein bisschen die Wut über die Herde der Nörgler unterdrücken – dann können wir feststellen, dass die Kritiker, das Konzept des Spiels nicht verstanden haben. Sie argumentieren aus einer – in Teilen berechtigten – Angst heraus. Und verhalten sich damit wie die Eltern, die Ihren Kindern Computerspiele verbieten wollen, ohne zu verstehen, worum es dabei überhaupt geht. Die Diskussion ist aber ebenso ein Spiegel für unsere Gesellschaft inkl. der Arbeitswelt. Denn die Muster der Kontrolle und der Unfreiheit können wir in sehr vielen Unternehmen und Institutionen wiederfinden. Es ist diese Unfähigkeit, „Spielräume“ zuzulassen, die Innovation und Kreativität in Unternehmen und Institutionen verhindert.
Es bleibt zu hoffen, dass wir in Zukunft etwas entspannter mit solchen Events umgehen und den Menschen mehr Raum für neue Entwicklungen geben.

Beste Grüße

Christoph Deeg

Brief an die digitalen Analphabeten

Liebe digitale Analphabeten,

hier schreibt kein Jugendlicher, kein jugendlicher Erwachsener, kein Kind. Ich bin aufgewachsen mit Telefonen, die eine Wählscheibe hatten. Mein erstes Handy kaufte ich glaube ich mit 20 Jahren. Meine Kindheit war analog – wenn wir mal diese heißen kleinen Gaming-Konsolen etc. herausrechnen. Ich bin kein Digital Native. Ich gehöre nicht zu der Generation, die Ihr gerne als solche bezeichnet, die aber von Euch in Eurer naiv-konservativ-analogen Welt gefangen gehalten wird, in der gerade mal 15% der Schüler den Computer täglich im Unterricht nutzen dürfen.

Ihr digitalen Analphabeten versteckt Euch hinter pseudo-moralischen Ideen. Ihr behauptet, Ihr wollt die Gesellschaft schützen. Ihr verdammt den Fortschritt als unmenschlich. Ihr wollt diskutieren und in Euren Holzmedien über “den Menschen” reden. Ihr redet von der Freiheit der Menschen und davon, dass Ihr diese Freiheit verteidigen wollt. Ihr schreibt Bücher wie „Payback“ und seid doch alles andere als Zurückzahlende oder Freiheitskämpfer. Voller Inkompetenz baut Ihr darauf, dass niemand das Gefängnis erkennt, in welches Ihr ganze Generationen einsperren wollt.

Ja, es hat sich etwas verändert. Ihr wolltet das nicht. Im Gegenteil, es war doch alles gut so wie es ist. Ihr hattet Eure Möglichkeiten und Euren Einfluss. Ihr hattet das goldene Kalb der Deutungshoheit. Es war alles so gut und so einfach. Und nun soll dies alles nicht mehr relevant sein? Ihr erlebt eine Welt, in der so etwas wie „Deutungshoheit“ eine Pointe in einem Witz geworden ist. Nein, Ihr habt die Deutungshoheit nicht an die digitale Welt verloren. Die digitale Welt zeigt Euch nur, dass es nie eine Deutungshoheit gab. Das mag wehtun – gewöhnt Euch daran.

Ich kann Euch verstehen. Ihr müsst alles verdammen, was nach Fortschritt aussieht. Ihr müsst alles tun, damit Eure Vision der digitalen Apokalypse nicht real wird, auch wenn es Euch nach meinem Gefühl weniger um „die Menschen“ oder „die Gesellschaft“ sondern vielmehr um Euch und Eure Macht geht.

Ihr habt lange gewartet. Zu lange gewartet. Längst sind Konzerne entstanden, die öffentliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich Ihr hättet übernehmen müssen. Aber Ihr wolltet lieber noch ein bisschen diskutieren. Das passt zu Euch: Viel reden – aber nichts entscheiden.

Und nun werden Euch Entscheidungen abgenommen. Nun beginnen die Menschen zu handeln. Eure Gesetze und Kolumnen waren eh nur für eine kleine Mini-Elite bestimmt, nun erreichen sie fast niemanden mehr. Ihr habt Euch verloren im Beobachten und Reden. Ihr, und nicht die Konsumenten habt die digitale Welt den kommerziellen Unternehmen überlassen. Und nun wollt Ihr eben diese Unternehmen für etwas bestrafen, was Ihr selber zu verantworten habt. Wo sind Eure Konzepte? Wo sind Eure Ideen? Wo sind Eure Visionen? Ist ein bisschen konservativ daher quasseln in Euren kleinen Holzmedien alles was Ihr könnt? Hattet Ihr nicht Zeit und Geld genug, um eigene Ideen und Modelle zu entwickeln?

Wo ist der Unternehmergeist in Deutschland geblieben? Macht es Euch nicht nervös, dass selbst die Kanzlerin mahnt, Ihr solltet euch mehr Mühe geben? Glaubt Ihr eine kleine Gruppe von Pseudo-Kultur-Propheten mit Ihren schwachen Feuilletons könnten Euch retten? Nein! Werdet endlich erwachsen. Wir brauchen keine digitale Präventionsgesellschaft. Wir brauchen keine Möchtegern-Kultur-Menschen, die im Digitalen nichts anderes als Gefahren sehen. Was Ihr nicht verstanden habt ist: diese digitale Welt wird von Menschen gestaltet. Und diese Menschen entwickeln eine neue Kultur, in der Ihr zu einem Auslaufmodell werdet. Nicht Google, Amazon und Facebook sind die Feinde sondern diejenigen, die die Menschen entmündigen, indem sie ihnen sagen, dass man diese digital-analoge Welt nicht gestalten könne.

Wir brauchen keine Verwalter – wir brauen Gestalter. Die digitale Welt ist vor allem eine unglaubliche Chance. Gewiss, sie ist auch voller Risiken. Aber das größte Risiko sind diejenigen, die aus ihrer pseudokulturellen Oase beobachten und richten. Hört auf zu diskutieren und beginnt zu gestalten. Wir brauchen keine Talk-Shows und Interviews. Wir brauchen Menschen, die diese Gesellschaft gestalten wollen.

Ruht Euch nicht auf Eurem vermeintlichen Alter aus. Sätze wie „ich bin bald in Rente und will mich damit nicht mehr beschäftigen“ sind die Aussagen asozialer Konservativer. Es ist egal wie alt man ist – man muss einfach nur bereit sein, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Nein, Ihr müsst keine digitalen Nerds werden. Niemand zwingt Euch einen Account bei Facebook und Co. zu eröffnen. Aber gebt denen den Raum und die Möglichkeiten, die sich auf den Weg in die digital-analoge Welt machen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir haben vor Euch ja auch keine Angst.

Also: wacht auf! Nutzt die Potentiale der Veränderung! Lasst uns die digitalen Angebote nutzen und gestalten. Und wenn Ihr das nicht wollt, dann schweigt…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Herzlichen Glückwunsch Facebook – nachträglich

Liebe Leser,

die meisten von Euch haben es sicherlich mitbekommen: Facebook ist 10 Jahre alt geworden. Das ist kaum zu glauben oder? Es sind gerade mal 10 Jahre und in dieser kurzen Zeitspanne hat Facebook bzw. das Social Web unser Leben nachhaltig verändert. Ich gebe zu, dass ich am Anfang gar kein Facebook-Nutzer war. Ich bewegte mich auf Myspace. Dort konnte ich mich mit anderen Menschen aus aller Welt vernetzen und zudem ein paar meiner Musik-Tracks veröffentlichen. Zur damaligen Zeit hatten sehr viele Bands ein Profil auf Myspace und es gab viele tolle Community-Angebote. So gab es kleine internationale Gruppen, die die Tracks von Menschen wie mir rezensierten und einmal habe ich es sogar in deren TOP 5 der Woche geschafft.

Nun gut, es war auch die Zeit, in der sich mein Leben veränderte. Vom Nutzer dieser Tools wurde ich in sehr kleinen Schritten zum Berater in diesem Bereich. Es war ein spannender Weg und es ist immer wieder beeindruckend für mich, dass ich einen Beruf habe, der erst durch Facebook und Co. entstanden ist. Facebook ist immerhin so berühmt geworden, dass nahezu alle Medien über den Geburtstag berichten. Leider ist diese Berichterstattung in vielen Teilen oberflächlich. Da heißt es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen würden dort Essensbilder teilen und massenhaft „Gefällt mir“ drücken. Man redet von Zeitverschwendung, von Aktienkursen und Werbung und Datenschutz. Und natürlich darf die alte Diskussion über das Thema „Freunde“ nicht fehlen. Es ist ärgerlich, aber man kann es verstehen. Die klassischen Medien haben sich in der Breite bis heute nicht mit der digitalen Welt anfreunden können. Ihnen fehlt jedes Verständnis für die Plattformen und – und das ist noch enttäuschender – für das was die Menschen dort tun. Und das Wort „Zeitverschwendung“ ist gerade aus dem Mund der klassischen Medien absurd…

Aber genau das ist es, was wirklich interessant an diesem Geburtstag ist: Nicht Facebook hat Geburtstag, sondern wir – die Menschen, die seit 10 Jahren Inhalte auf Facebook teilen, kommentieren und liken. Facebook ist nicht mehr und nicht weniger als eine geniale Plattform, die es den Menschen ermöglicht und sie animiert, miteinander zu kommunizieren. Und das ist etwas, von dem die meisten herkömmlichen Medien wenig bis gar keine Ahnung haben. Wir sollten nicht Facebook feiern sondern uns…

Aber Facebook steht auch für die Frage, inwieweit Unternehmen und Institutionen mit der Lebensrealität eines großen Teils unserer Bevölkerung überhaupt noch kompatibel sind? Wir dürfen nicht vergessen, dass der freie Zugang zum Internet weder in Unternehmen noch in öffentlichen Institutionen selbstverständlich ist. Und selbst wenn man dann auf Facebook oder vergleichbaren Plattformen aktiv ist, heißt das noch lange nicht, dass man die Kultur des Social Web, die neuen Denk- und Arbeitsweisen verstanden und verinnerlicht hat. Viele Unternehmen und Institutionen müssen feststellen, dass sie nicht kompatibel zu den Menschen und Ihrer Kommunikationskultur sind.

Leider wird Facebook viel zu oft als PR-Tool missverstanden. Man möchte doch so gern die Menschen dort erreichen wo sie angeblich sind. Daraus resultiert, dass man PR-Agenturen mit Facebook-Kampagnen beauftragt, bei denen es dann sehr oft weniger um nachhaltiges und umfassendes Community-Building als vielmehr um mehr Fans, mehr Kommentare und mehr Geld für den Chef der PR-Agentur geht. Das alles ist verständlich aber es hilft nicht weiter. Es geht nicht darum, einen Kontakt herzustellen, sondern darum eine Beziehung zu Menschen aufzubauen. Es geht nicht um Fans, Likes und Kommentare sondern um Interaktion, Offenheit, Teilen, Kooperation, Kreativität und um Spass. Niemand möchte mit einer Institution reden – wir wollen mit Menschen reden.

Ich finde Facebook nachwievor großartig. Und der so oft angestimmte Abgesang auf Facebook, weil doch „die jungen Menschen“ nun vermehrt Messenger wie WhatsApp nutzen ist ein bisschen putzig. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn Facebook eine Plattform von Erwachsenen wird? Wie gesagt, Facebook wird von den Menschen gestaltet. Und das bedeutet, dass sich die Plattform ändern kann. Vielleicht werden aber auch nur einige Unternehmen und Institutionen inkl. ihrer PR-Berater nervös, weil sie nicht wissen, wie man auf den stetigen Wandel in der digitalen Welt reagieren soll. Wenn sich Dinge ändern und man flexibel auf die Menschen reagieren muss.

In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre Facebook. Mögen die Unternehmen und Institutionen irgendwann die Menschen und ihre Lebensrealität verstehen und damit umgehen können…

Beste Grüße

Christoph Deeg

Digitale Welten, Katzenvideos und das Recht einfach mal abzuhängen

Liebe Leser,

wir leben in verrückten Zeiten.  Die digitale Welt entwickelt sich und wenn wir uns selber und unser Umfeld beobachten,  erleben wir wie wenig digital unsere Gesellschaft bis heute geworden ist. Damit meine ich nicht nur die erschreckend schlechte Digitale Infrastruktur oder die Unfähigkeit eine Gesamtstrategie für die Digitalisierung unserer Gesellschaft zu entwickeln und zu realisieren. Mir geht es in diesem Beitrag um neue Denk- und Arbeitsweisen bzw. um eine neue Kultur. Zwei Dinge fallen mir immer wieder auf.

Da ist zum Einen die Arroganz und Ignoranz vieler Experten und Netzaktivisten. Immer wieder hat man das Gefühl es gäbe hier eine kleine Elite, die losgelöst vom Rest der Welt die digitale Deutungshoheit für sich beansprucht. Als vor ein paar Tagen unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet bzw. die digitale Welt als “Neuland” bezeichnete war die Aufregung groß. Es brach ein regelrechter Shitstorm aus. Man tat so, als wäre diese Aussage ein Beleg für die Inkompetenz von Politikern im allgemeinen und von Frau Merkel im Speziellen. Nun bin ich weder ein Fan unserer Bundeskanzlerin noch bestreite ich, das die bundesdeutsche Politik große Schwierigkeiten hat, das Thema “Digitale Gesellschaft” zu verstehen oder gar zu gestalten.  Ich kann aber nicht umhin festzustellen, das die Definition “Neuland” für einen Großteil der Bevölkerung immer noch gilt. Ok, wenn wir definieren, dass jeder der bei Facebook ist auch alles über die digitale Welt weiß, dann ist es in der Tat kein Neuland mehr. Wenn ich aber sehe wie wenig viele Menschen in meinen Workshops über digitale Medien wissen,  wenn ich sehe wie gering das Verständnis vieler Unternehmen und Institutionen bezüglich der digitalen Welt ist, wenn ich erlebe, dass wir bis heute keine Vision für eine digital-analoge Gesellschaft haben, wenn ich sehe, wie viele tolle kreative Menschen für ihre Institution oder ihr Unternehmen etwas in der digitalen Welt bewegen möchten und doch an den Strukturen und Denkweisen in der analogen Welt scheitern, dann würde ich sagen es ist wirklich und noch immer Neuland.

Da ist zum Anderen eine etwas problematische Sichtweise gegenüber Lebensrealitäten. Ein oft gehörtes Argument gegen die digitale Welt ist die Zeitverschwendung. Die Idee dahinter ist die, dass viele Menschen anscheinend im Netz nur sinnlose Inhalte austauschen.  Katzenvideos, Chats,  Communitys etc. dies alles ist so herrlich ineffizient. Hinter dieser Kritik steckt eine extreme Fokussierung auf bzw. der Wunsch nach effizienten Arbeitsabläufen. Gleichzeitig wünscht man sich sehr oft, mehr Zeit zu haben. Viele Menschen haben das Gefühl, sie wären dauergestresst. Sie wünschen sich mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Raum um Mensch zu sein. Manchmal steht dann die digitale Welt für den Stress und den Druck. Ich kann das alles gut verstehen aber ich sehe hier ein Paradoxon. Die Generation der Eltern deren Kinder heute zur Schule oder zur Uni gehen, ist die, die zugelassen hat, dass die Lern- und Arbeitswelt Ihrer Kinder einem Effizienz-Wahn unterliegt.  Die Kids sollen immer schneller lernen.  Schule und Studium gleichen einem Marathon. Man soll lernen und nicht reifen. Man soll effizient sein und keine Fehler machen. Effizienz ist alles. Was aber ist so schlimm daran wenn mal ein bisschen abhängt?  Was ist so schlimm daran,  wenn man mit seinen Freunden via Chat kommuniziert? Was ist so schlimm daran,  das man sich Katzenvideos ansieht?  Sind denn Volksmusik, Quiz-Shows etc. besser als Katzenvideos?  Reicht es nicht, dass man das Lernen und Arbeiten von Kindern,  Jugendlichen und jungen Erwachsenen kontrolliert und in ein starres Korsett presst? Muss jetzt auch noch das Freizeitverhalten der jungen Generation verändert und reglementiert werden?  Und ist diese Elterngeneration wirklich so erfolgreich? Ist es nicht die Burn-Out-Generation, die Generation in der beinahe jede zweite Ehe scheitert, die Generation, der Geld und Konsum wichtiger ist als der Schutz unserer Umwelt? Und diese Generation möchte ihren Kindern vorschreiben, wie sie moderne Kommunikation- und Medientechnologien nutzen sollen – obwohl diese Elterngeneration in der Breite diese Technologien noch nicht einmal versteht?

So gesehen können wir meiner Meinung nach nur hoffen, dass unsere Kinder weiterhin Katzenvideos teilen und Spiele spielen, dass sie sich das Recht rausnehmen Zeit online zu verschwenden.  Dass sie chatten und posten was das Zeug hält. Und unserer Generation bleibt zu wünschen, von unseren Kindern zu lernen.  Nicht nur wie man Facebook bedient, sondern auch wie man Spass damit hat.

Beste Grüße Christoph Deeg

Update: ich habe diesen Beitrag auf meinem Smartphone geschrieben. Daraus resultieren ein paar kleine Fehler. Ich habe die Fehler nachträglich behoben….

Datenschutz – Missverständnisse im Un-Internet

Liebe Leser,

sie haben es getan. Sie haben es sogar öfter getan. Wahrscheinlich tun sie es immer noch: Geheimdienste wie die NSA lesen unsere Onlinekommunikation. Der mediale Aufschrei war groß. Mit Prism schien sich die größte aller Horrorvisionen zu bestätigen. Für diejenigen, die schon immer der Meinung waren, dass aus den USA alles böse kommt – man kann diese Idee je nach Tagesform wunderbar auch auf China und Russland anwenden – war dies Wasser auf ihre Mühlen. Wenn man weiß wer der Böse ist, hat der Tag Struktur:-) Diejenigen, die die digitale Welt für den Dämon halten, der die Erde versklaven wird konnten sich nun ebenfalls bestätigt fühlen. Datenschützer hatten sowieso einen guten Tag, denn wann bekommt man schonmal so eine Steilvorlage? Dann gibt es natürlich auch die Obama-Enttäuschten. Für Sie ist die Enttäuschung kaum auszuhalten. Sie glaubten, Obama wäre eine Art Weltpräsident, der alles wieder gut macht. “Yes we can” – das war nicht nur ein Wahlspruch sondern eine globale Vision. Nun erlebt diese Gruppe, dass Obama einfach nun ein weiterer US-Präsident ist und dass er vor allem ein US-Präsident ist.

Damit man mich nicht falsch versteht: Datenschutz ist wichtig und das Verhalten der Geheimdienste ist unerträglich. Ich sympathisiere auch nicht ansatzweise mit deren Herangehensweise. Trotzdem möchte ich hier ein paar allgemeine Gedanken zur Diskussion stellen. Sie sollen das Verhalten der Geheimdienste nicht relativieren aber vielleicht unser Verhalten erklären. Denn auch wenn das Thema in den Medien breit diskutiert wurde, gibt es immer noch einiges zu sagen.

Sicherheit und Datenschutz
Meiner Meinung nach ist die Diskussion um den Datenschutz und das Verhalten der Sicherheitsbehörden vor allem ein Spiegelbild unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation. Glaubt man den Panikexperten zum Thema Datenschutz, stehen wir kurz vor dem absoluten Überwachungsstaat. Und in der Tat hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Die Nachrichtendienste rüsten auf. Sie wollen alles wissen. Und gleichzeitig soll niemand wissen, dass sie alles wissen. Unsere Behörden sowie die Politik halten sich mit Kommentaren zurück. Schließlich ist davon auszugehen, dass auch diese Institutionen aktiv am Datensammeln sind. Und was haben wir denn von den Sicherheitsbehörden erwartet? Sie sind die ultimativen Hofhunde. Ihre Aufgabe ist es “uns zu beschützen”. Sie sollen Daten sammeln und auswerten und sie sollen dafür sorgen dass die bösen Jungs nicht bei uns sondern gar nicht oder zumindest nicht bei uns böse Dinge tun. Nun kann aber Jeder ein böser Mensch sein, also müssen – nach der Logik der Nachrichtendienste – auch alle Menschen überwacht werden. Ob sie dies erfolgreich tun oder nicht wissen wir nicht. Das ist und bleibt geheim. Die Frage die wir uns stellen müssen ist letztlich die, ob es sicherer ist, dass die Behörden uns oder wir die Behörden überwachen.

Wen interessiert Datenschutz überhaupt?
Ob diese Frage wirklich in der gesamten Gesellschaft diskutiert wird bleibt abzuwarten. Im Moment bin ich da skeptisch. Die Prism-Affäre war zwar ein großes Thema in den Medien aber der Aufschrei in der Bevölkerung war eher gering. Es gab keine Massendemonstrationen und auch keine Massenaustritte aus Plattformen wie Facebook und Co. Die meisten Menschen gehen sicherlich davon aus, dass das Problem für Sie keine Bedeutung hat. Schließlich sind sie keine Terroristen. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, muss auch keine Angst haben. Würde die DFL entscheiden, dass die Fussbal-Bundesliga nicht mehr im Free-TV zu sehen wäre, der gesamtgesellschaftliche Aufschrei wäre sicherlich um einiges größer. Ich behaupte, den meisten Menschen ist dies Thema egal bzw. sehen die keinen direkten Bezug zu ihrer Lebensrealität. Und auch ich habe mir keine so großen Sorgen gemacht. Ich bastel in meiner Freizeit keine Bomben, gehöre keiner extremistischen Organisation an und ich bin auch nicht Mitglied in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen “Terroradmins”. Zudem habe ich in den letzten Jahren immer wieder in den Bereichen Gaming und Social-Media mit der US-Botschaft zusammengearbeitet. Mir war klar, dass ich irgendwann “durchleuchtet” worden bin – und offensichtlich bin ich harmlos:-) Das Problem ist aber nicht die Frage ob ich oder irgendjemand anders ein Terrorist ist. Staaten definieren ihre eigenen Interessen und Sie agieren gegen die Personen, die diesen Interessen widersprechen. Wir können aber nicht wissen, ob irgendetwas was wir heute tun oder posten in der Zukunft gegen das Interesse eines Landes oder Unternehmens verstößt. Wir wissen auch nicht, an wen diese Daten weitergegeben werden bzw. wer darauf Zugriff hat. Wie aber gehen wir damit um?

Daten sammeln und Daten konsumieren
Datensammeln ist ein Volkssport. Daten werden überall gesammelt und in vielen Fällen ist dieses Datensammeln gut und hilfreich. Das Problem lag nie bei den Daten sondern immer nur beim damit verbundenen Umgang. Unternehmen sammeln Daten um bessere Geschäfte zu machen. Und der Erfolg der meist gelesenen Tageszeitung in Deutschland – mit sehr großen Buchstaben – basiert auf dem Sammeln von persönlichen Daten von Personen, die dagegen nichts tun können. In diesem Fall dürfen sogar die Daten veröffentlicht und in teils extreme Sinnzusammenhänge gebracht werden. Welchen Datenschutz genießen diese Menschen? Versteht mich nicht falsch: die Pressefreiheit ist für unsere Gesellschaft von größter Bedeutung. Und sie sollte auch nicht infrage gestellt werden. Aber mit welchem Recht wird eine Person für öffentlich interessant erklärt, damit man dann ihre intimsten Geheimnisse an die Boulevard-Oberfläche zerrt?

Warum Obama kein Social-Media-Best-Practise-Beispiel ist
Im Onlinemarketing ist das Sammeln und Auswerten von Daten eine Kernaufgabe. Es ist fast schon paradox, dass gerade die Social-Media-Strategien von Barack Obama als Vorbild für viele Social-Media-Manager dienen. Und hier liegt m.E. auch das Kernproblem: In vielen Fällen wird Social-Media bzw. die digitale Welt nur als weiterer Vertriebskanal gesehen. Im Bereich Social-Media war Barack Obama der Superstar. Er nutzte Twitter, Facebook und Co. und er war damit erfolgreich. Aber letztlich haben er bzw. sein Team nur Social-Media-Werkzeuge genutzt. Eine wirklich Interaktion mit den Menschen oder gar ein Verständnis für die damit verbundenen Möglichkeiten vor allem für die analoge Welt ist offensichtlich nicht vorhanden. Das ist schade – aber es zeigt auch, wie weit wir noch von einer echten Digital-Analogen Kultur entfernt sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass paradoxerweise gerade das US-State-Department in vielen Ländern Social-Media nutzt um Demokratie und Menschenrechte zu fördern. Wie passt das zusammen?

Die USA – das etwas andere Land
Für mich persönlich ist noch ein weiterer Aspekt interessant: Die aktuelle Situation der USA. Auf der einen Seite ist dort diese unglaubliche Innovationskraft. Gerade in der digitalen Welt ist dies sehr gut zu beobachten. Die wirklich relevanten Unternehmen kommen zumeist aus den USA. Facebook, Google, Twitter, Apple etc. stehen für den Aufstieg der digitalen Welt. Europäische bzw. Deutsche Unternehmen und Institutionen können bis heute nichts vergleichbares entwickeln. Dieser Zustand wird auch in den nächsten Jahren anhalten. Wir mögen in der Lage sein, Autos zu bauen und Fussball zu spielen. In der digitalen Welt bleiben wir weit hinter den USA und in Zukunft Asien zurück. Aber die USA sind kein globales Innovationslabor. Die USA schwächeln. Für immer mehr US-Amerikaner ist der “American Dream” zu einer Satire-Show verkommen. Städte wie Detroit sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Niedergang ist sichtbar – und er ist schockierend. Offensichtlich ist es Gesellschaften bis heute nicht möglich, die Kultur und Innovationskraft des Internets auf andere Gesellschaftsbereiche zu übertragen. Institutionen, Unternehmen, Behörden, Politikern etc. geht es zumeist um die Kontrolle der digitalen Medien bzw. deren Nutzung für ihre eigenen Interessen. Es geht zumeist um Kommunizieren aber nicht um einen Dialog.

Die Lösung kann nur von den Menschen kommen
Letztlich werden keine neuen Gesetze, keine Datenschützer und keine Talkshows irgendetwas ändern können. Wir werden auch nicht verhindern können, dass Sicherheitsbehörden weiterhin Daten sammeln und auswerten. Das einzige was wir tun können ist, die digitale Welt aktiv zu gestalten. Die aktuelle Diskussion darf nicht dazu führen, dass Unternehmen und Institutionen noch zaghafter mit dem Internet umgehen. Gerade der Kultur- und Bildungssektor hat hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Wir brauchen Digitale Gestalter. Und wir brauchen Internetbewohner, die sich die Mühe machen, die Internetbesucher mitzunehmen. Nicht der Gesetzgeber sondern der Bürger ist gefragt. Wir müssen uns überlegen, wie wir eine Digital-Analoge Gesellschaft gestalten können.

Beste Grüße

Christoph Deeg